Die Medienrhetorik ist ein Teilbereich der wissenschaftlichen Disziplin der Sprechwissenschaft. In einer weiter gefassten Definition lässt sie sich als ein Sektor der Rhetorischen Kommunikation beschreiben. Gegenstand der Medienrhetorik ist die Analyse, Kritik und Didaktisierung von Prozessen und Produktionsformen der mündlichen, technisch vermittelten Kommunikation in den modernen Massenmedien (v. a. Film, Radio und Fernsehen). Die Kommunikation innerhalb dieser medialen Ausdrucksformen ist als rhetorisch zu bezeichnen, da sie intentional auf eine bestimmte Wirkung ausgerichtet ist und auf einer rhetorischen techné, d. h. vorgefertigten Mustern, fußt.

Daneben ist die Medienrhetorik von folgenden Rahmenbedingungen definiert. Eine Antagonie von Nähe und Distanz ist dadurch gegeben, dass die Moderatoren im Radio durch ihre Sprechweise sowie im Fernsehen zusätzlich durch die Kameraführung und Geräuscheinwirkung unmittelbar präsent wirken, obwohl das Publikum nicht in der Redesituation anwesend ist und auch nur selten (durch bspw. Anrufe im Studio) mit den Akteuren in Kontakt treten kann. Gesprochen wird im Moderationskontext in Radio und Fernsehen meist nur auf der Basis einer schriftlich vorgefertigten Textvorlage, hierbei spricht man von einer neuen Form der Mündlichkeit, der sogenannten sekundären Oralität. Zusätzlich durchläuft die Erstellung eines medienvermittelten Textes in einer Mehrautorenschaft verschiedene Produktionsstadien in mehreren Redaktionsabteilungen. Durch die technische Vermittlung entsteht ein anonymes, heterogenes und disperses Publikum. Neben der sekundären Oralität wird auch eine sekundäre Intimität erzeugt, es entsteht eine Spannung zwischen der unbegrenzten Öffentlichkeit des Medienangebots und der Suggestion des Privaten durch die scheinbar kontaktoffene, persönliche Kommunikation der Medienvertreter. Radio und Fernsehen fungieren zunehmend als Nebenbei-Medien, die Aufmerksamkeit der Rezipienten richtet sich nicht ausschließlich auf das Geschehen in den Medien, sondern sie sind mit anderen Tätigkeiten beschäftigt.

Ein Ziel der Medienrhetorik ist die Analyse der Interaktion von Kommunikatoren (z. B. Redakteure, Moderatoren), Kommunikationspartnern (z. B. Pressesprecher, Politiker) und Rezipienten (z. B. Radiohörer, Fernsehzuschauer). Kritische Medienrhetorik zielt darüber hinaus darauf, informationspolitische Absichten und ideologische Implikationen der Berichterstattungen aufzudecken und die diese Prozesse und Produkte in übergreifende Zusammenhänge der öffentlichen Kommunikation einzuordnen.

Als Unterricht in der Aus- und Weiterbildung kann die Medienrhetorik in unterschiedlichen Zielgruppen vermittelt werden. Für die Medienvertreter (z. B. Redakteure, Interviewer, Sprecher) dient sie der Vermittlung von Regeln und Potenzialen für die Gestaltung und Optimierung von medientypischen Gattungen, um einen verständlichen, attraktiven Sprach- und Sprechstil zu entwickeln. Für deren professionelle Kommunikationspartner wird eine Bewältigung von Interviews, Presseerklärungen, Debatten und Statements angestrebt, um das Nachfragen, Korrigieren, Recherchieren sowie Abgrenzen eigener und fremder Rede zu erlernen. Medienrhetorische Ausbildungsziele im Studium sind der Erwerb von analytischer und didaktischer Kompetenz sowie das Aneignen einer Eigenkompetenz im Verfassen und Präsentieren medienbezogener Inhalte.

Radiorhetorik Die Forschung und Lehre der Radiorhetorik basiert auf Konzepten und Methoden der Nachbardisziplinen Kommunikationsforschung, Medienwissenschaft, Publizistik und Sprachwissenschaft. Untersuchungen innerhalb dieser Disziplin beziehen sich auf die Beschreibung und Analyse der rhetorischen Kommunikationsbedingungen und Wirkungsmöglichkeiten des Massenmediums Hörfunk. Dabei geht es um die Wirksamkeit sprecherischer, sprachlicher und klanglicher Einheiten sowie deren Zusammenwirken im Programmgeschehen.

Ein Bezug zur Rhetorik wird hergestellt durch:

die Mündlichkeit des Mediums Radio in Beziehung zur Sprachlichkeit, zur Schriftlichkeit und zum Hörverstehen die Verknüpfung von Öffentlichkeit und Privatheit in den modernen Medien die Gleichzeitigkeit von Performanz und Rezeption als real- und virtuell-dialogischer Diskurs innerhalb des Mediums und zwischen Medium und Hörern

Folgende Forderungen bzw. Zielsetzungen spielen in der sprechwissenschaftlichen Radioforschung sowie in der Aus- und Weiterbildung von Radioschaffenden eine wichtige Rolle:

Anwendung des sogenannten Mikrophonierens (rundfunkbezogene Sprechtechnik) sowie der Standardaussprache als verständliche Ausdrucksweise Anwendung eines genrespezifisch angemessenen und hörerbezogenen Sprechstils Anwendung frei formulierten Sprechens

Hörverständlichkeit im Radio Der deutsche Hörfunk ist überwiegend schriftbasiert. Die Schriftorientiertheit sowie der alltagsferne Sprachgebrauch von gesprochenen Radiotexten wird jedoch zunehmend kritisiert. Die radiorhetorische Forschung beschäftigt sich daher damit, wie Texte im Funk hörverständlich und situationsangemessen gesprochen werden können.

Idealvorstellungen der sinnvermittelnden Realisierung von Radiotexten sind:

die sinnvermittelnde sprecherische Gliederung zur Verdeutlichung der inhaltlichen Struktur (Setzung kurzer bzw. prägnanter Sprecheinheiten, um die Zuhörfähigkeit aufrechtzuerhalten) die sinnvermittelnde Akzentuierung (Passende Akzentsetzung, um den Sinnkern jeder einzelnen Sprecheinheit zu verdeutlichen) ein hörverständliches Sprechtempo (Angemessene Sprechgeschwindigkeit verbunden mit deutlicher Artikulation) ein rollenbezogen-natürlicher Sprechstil und eine konkrete Ansprechhaltung (Vermeidung von sprecherischen Manierismen, die vom Inhalt des Gesagten ablenken)

Angesichts der besonderen Produktions- und Rezeptionsbedingungen des Radios sind neben der Genauigkeit und Relevanz der Inhalte besonders eine hörverständliche Sprache und eine zum Zuhören einladende Sprechweise erstrebenswert. Empfohlen sind daher Anschaulichkeit, Präzision, Kürze, Prägnanz sowie in bestimmten Fällen auch Redundanz der präsentierten Inhalte.

Das Behalten und Verstehen von Sendungen wird von zahlreichen Faktoren beeinflusst, nicht allein von formalen und inhaltlichen Eigenschaften (z. B. Themen- und Wortwahl oder Satzlänge und -komplexität), sondern auch von der Rezeptionssituation und den Rezipienteneigenschaften (z. B. Aufmerksamkeit, Vorwissen, Einstellungen, Gefühle, Motivation, Hörfähigkeit und Abrufstrategien). Untersuchungen zum Einfluss prosodischer Merkmale auf das Behalten oder Verstehen von gesprochenen Texten ergaben, dass Texte, die ihrem Sinngehalt entsprechend gesprochen werden, besser verstanden und daher leichter vom Hörer auf ihre Relevanz geprüft werden können. Daraus folgt auch eine bessere Behaltensleistung.

In einem aktuellen, interdisziplinären Forschungsprojekt von Sprechwissenschaftlern und Radioredakteuren (u. a. Ines Bose und Dietz Schwiesau) wird die Hörverständlichkeit von Radionachrichten untersucht. Erforscht wird, inwieweit redaktionelle, sprachliche und sprecherische Faktoren bei der Nachrichtenproduktion sowie -rezeption in Beziehung stehen. Dabei wird insbesondere die Wirkung von Sprach- und Sprechstil auf die Behaltensleistung von Nachrichtenhörern untersucht. Als Quelle und Materialbasis dient die sogenannte Nachrichtenarche der ARD. Es handelt sich um die erste systematisch geordnete Ansammlung von Texten aus deutschen Radionachrichten. Das Pilotprojekt wurde im Jahre 2003 ins Leben gerufen. Seitdem archivieren mehrere Radiosender des öffentlich-rechtlichen Rundfunks einmal im Jahr eine ihrer Nachrichtensendungen. Dabei zeichnet jeder Sender die 13-Uhr-Nachrichten vom 11. November des jeweiligen Jahres auf. Die dabei entstandene Korpus-Datenbank soll der Öffentlichkeit u. a. zu Forschungszwecken zur Verfügung gestellt werden. Als Forschungsziele stehen das Prüfen und Erweitern der theoretischen Konzepte der Sprechwissenschaft mithilfe von Datenbasen im Vordergrund. Daneben soll die Nachrichtensprache und das Nachrichtensprechen anhand empirisch geprüfter Sprechstandards analysiert und optimiert werden.

Stimme und Sprechstil im Radio (Quelle: )

Der erste Eindruck beim Radiohörer ist oft entscheidend darüber, ob ein Radiosender weiter gehört oder umgeschaltet wird. Meist werden innerhalb weniger Minuten verschiedene Eindrücke über das Profil und Zielpublikum des Radiosenders preisgegeben.

Das klangliche Gesamtbild eines Senders ist wesentlich dafür verantwortlich. Dabei spielen verschiedene Faktoren eine Rolle u. a.

Themenwahl und journalistische Aufmachung sprachliche und stimmlich-sprecherische Gestaltung Musikfarbe und Verpackungselemente (z. B. Jingles und Teaser) mikrostrukturelle klangliche Gestaltung (z. B. technische Überformungen der Stimmen, Rhythmus, Anzahl und Relation der Sendeelemente)

Anmutung des Radios Unter der Anmutung eines Senders wird der erste spontane und unreflektierte Eindruck eines Radioformats durch einen Hörer verstanden. Die Anmutung wird nicht nur von den Eigenschaften des Senders bestimmt, sondern auch von der Erwartung und Stimmung der jeweiligen Hörer. Je nach Formatvorgabe versuchen Radioschaffende die Anmutung so zu gestalten, dass sie die Bereitschaft der Hörer erhöht, sich mit dem konkreten Sender weiterhin auseinanderzusetzen. Ziel interdisziplinärer Forschungen zur Radio-Ästhetik und Radio-Identität ist die Entwicklung eines Analyseinstruments, mit dem wesentliche Qualitätsmerkmale der Anmutung von Radiosendern beschrieben und bewertet werden können. Diese Qualitätsmerkmale sind interessant für:

Radioforscher (Bereitstellung intersubjektiv nachvollziehbarer Kriterien für den Vergleich unterschiedlicher Radiokonzepte) Radiomacher (Gestaltung, Bewertung und Veränderung des eigenen Programms) Radionutzer (Erwerb kritischer Medienkompetenz)

Sprechstil in Radiomoderationen Im Radio ist durch den Hörer nur die Stimme des Moderators wahrnehmbar. Sie erscheint als reines akustisches Phänomen, getrennt von der Gestik, Mimik und Körperhaltung. Dennoch bilden sich Hörer durch Assoziations- und Erinnerungsverknüpfungen in kurzer Zeit einen Gesamteindruck über die Persönlichkeit des Moderators, in welchem die erwartete Herkunft sowie das Alter und Aussehen inkludiert ist.

Durch zumeist implizit festgelegte Tradierungsmuster ist der Sprechausdruck von Radiomoderatoren gesellschaftlich festgelegt. Als Produkt rhetorischer Techniken (techné) durch z. B. Diskussionen in Radiokonferenzen ist der Sprechstil im Radio in sogenannten Stylebooks festgehalten. In Forschungsprojekten zur Radio-Ästhetik und -Identität ist die Erstellung eines Methodeninventars abgezielt, mit welchem die Stimme der Radiopraxis beschrieben und bewertet werden kann.

Radiomoderation Als wichtiger Indikator für die Akzeptanz eines Radioprogramms durch die Hörer wird das Moderieren angesehen. Der Moderator dient als Vermittler zwischen Programm und Hörern in einer informierenden und unterhaltenden Rolle. Dabei wird die Darstellung einer individuellen Moderationspersönlichkeit angestrebt. Durch einen informellen, möglichst realitätsnahen Präsentationsstil kann Hörernähe erreicht werden. Bisher wurden nur vereinzelt Untersuchungen zu dem Sprechstil von Radiomoderatoren durchgeführt. Aufgrund des massenmedialen Überangebots im Bereich der Radiosender wird die Etablierung einer unverwechselbaren Senderidentität angestrebt. Da der Moderator als Sprachrohr und Vertreter des Senders fungiert, soll die sogenannte Channel Identity (das Senderprofil) durch den Moderator widergespiegelt und nach außen getragen werden. In Stylebooks werden Formatvorlagen für die Inhaltsbasis, Anordnung, Länge und Stilistik der Moderationen festgehalten, die auf eine bestimmte Zielgruppe von Radiohörern zugeschnitten sind.

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