Bei der Klinischen Sprechwissenschaft, auch Therapeutischen Kommunikation, geht es um die Behandlung gestörter mündlicher Kommunikation im Bereich von Sprach-, Sprech- und Stimmstörungen des Sprechers oder Hörstörungen des Perzipienten. Als Teilbereich der Sprechwissenschaft bezieht sie sich auf das kommunikative Grundverständnis, mit welchem innerhalb der Sprecherziehung auf Therapien geblickt wird.

Als Berufsgruppen repräsentieren v. a. Klinische Sprechwissenschaftler (Sprechwissenschaftler mit klinischer Postgraduierung) sowie Logopäden, die eine Prüfung in Sprechwissenschaft und Sprecherziehung abgelegt haben, dieses ganzheitliche Vorgehen. Die Grenzen zwischen sprecherzieherischem und logopädischem Handeln sind fließend.

Geschichte und Entwicklung (Quelle: Sievert, Voigt-Zimmermann 2011)

Entstehung der Sprachtherapie Die Klinische Sprechwissenschaft sieht sich in einer Traditionslinie mit der Therapie von Sprach- und Stimmstörungen. Die Wurzeln der Diagnostik und Therapie von Stimmstörungen reichen bis in die Antike zurück. Bereits Hippokrates von Kos beschrieb im 5. Jahrhundert v. Chr. die Therapie der Laryngitis, einer Entzündung der Stimmlippen (als Cynanche betitelt) und nahm fälschlicherweise die Lunge als Phonationsorgan an. Im 4. Jahrhundert v. Chr. beschäftigte sich Aristoteles mit der Stimmheilkunde, v. a. mit altersbedingten Stimmveränderungen. Er beschrieb den Stimmwechsel bei Jugendlichen sowie Stimmstörungen, die durch unterschiedliche Krankheiten bzw. Umwelteinflüsse ausgelöst wurden, z. B. als Folgeerscheinungen von Hörproblemen oder Kastrationen. In den Schulen der griechischen und römischen Rhetoriker wurde die Vermittlung einer physiologischen Atmung, Stimme und Artikulation im Interesse der pronuntiatio (Verwirklichung einer Rede durch den Vortrag) fokussiert. Unter diesem Begriff ist auch das Wissen um die stimmliche Gestaltung der Rede zu verstehen, das in der phonaskia gelehrt wurde, einem Unterrichtsfach, welches sich zwischen den sprechwissenschaftlichen Teilbereichen Stimmbildung und Stimmtherapie einordnen lässt.

Als weitere wichtige Wegbereiter der Entwicklung einer Sprachtherapie in der Antike lassen sich Quintilian mit seinen Hinweisen zum Stimmgebrauch in der institutio oratoria sowie Plutarch und Galenos nennen. Letzterer schuf grundlegende medizinische Schriften, welche z. T. der Stimmstörungsdiagnose und diätetischen Stimmtherapie gewidmet waren, die noch bis ins Mittelalter als maßgebend galten. Im Bereich der Behandlung von Stimmstörungen lag ein Hauptaugenmerk auf der prophylaktischen Stimmpflege, es wurden Grundregeln zu einer gesunden Lebensführung beschrieben. Bei bereits bestehenden Störungen empfahl man Bäder und Luftkuren.

Im 17. Jahrhundert wurde der Begriff der Artikulationstherapie geprägt, v. a. im Rahmen der Taubstummenbildung. Juan Pablo Bonet stellte 1620 eine Lautsprachmethode für den Sprechunterricht von Taubstummen auf. 1771 wurde die erste Taubstummenschule gegründet. Eine Kehlkopfspiegelung führte erstmals der spanische Sänger und Gesangspädagoge Manuel García junior 1854 mithilfe eines Zahnarzt- und eines Handspiegels an sich selbst durch. Dies leitete die Begründung der Laryngologie ein, durch welche der Stimmtherapie gänzlich neue Perspektiven eröffnet wurden. Unter Verwendung eines Augenspiegels führten die österreichischen Ärzte Ludwig Türck und Johann Nepomuk Czermak die Untersuchungen des Kehlkopfs fort.

Hermann Gutzmann sen. gilt als Begründer der modernen Stimm- und Sprachheilkunde. Er war 1906 in Berlin der weltweit erste Lehrstuhlinhaber der medizinischen Disziplin der Phoniatrie. Das phoniatrische Fach war in der anfänglichen Phase durch zwei konkurrierende Schulen gekennzeichnet, welche in Berlin und in Wien ihren Ursprung und Hauptsitz hatten. Im Dienste der Berliner Schule, die aus der inneren Medizin bzw. der Chirurgie hervorgegangen war, arbeiteten die sogenannten „Organisten“. Ihre Vorgehensweise war physiologisch-somatisch orientiert und zeigte sich in der Beschäftigung mit organischen oder funktionellen Störungen sowie deren Therapie. Vertreter waren neben Gutzmann sen. u. a. Adolf Kußmaul, Rudolf Schilling, Max Nadoleczny und Miloslav Seeman. Die Anhänger der Wiener Schule thematisierten dem entgegensetzend eher die Psyche als prägendes Element des Stimmklangs und der pathologischen Stimmveränderung. Sie folgten psychologischen und tiefenpsychologischen Therapieansätzen. Als Hauptvertreter der „Psychologisten“ lassen sich Emil Fröschels, Hugo Liepmann und Leopold Stein aufzählen.

Entwicklung der Klinischen Sprechwissenschaft zu einer universitären Disziplin 1905 wurde an der Friedrichs-Universität Halle durch den Vertreter Ewald Geißler ein Vortragskunst-Lektorat eingerichtet. Neben der Vermittlung sprechästhetischer Fähigkeiten spielten später auch Atemübung, Stimmtechnik, Artikulationsschulung, Stimmhygiene und Stimmstörungsprophylaxe eine Rolle in der Ausbildung. Somit fanden stimm- und sprachtherapeutische Gegenstände erstmals Einzug in die sprechwissenschaftliche Lehre und Forschung.

Der Nachfolger Geißlers, Richard Wittsack konnte der einseitigen Herangehensweise der Berliner und Wiener Schulen entgehen, indem er, bevor er 1919 seine Lehrtätigkeit in Halle begann, in phoniatrischen Einrichtungen in beiden Städten hospitierte. Die Lehre der damaligen Sprechkunde bzw. heutigen Sprechwissenschaft an der Universität Halle orientierte sich ab diesem Zeitpunkt konsequent an dem, was benennbar und beschreibbar ist, an der Anatomie und Physiologie der Sprech- und Hörorgane. Nach Wittsack trat Hans Krech in das Amt des Lektors für Vortragskunst. Er prägte einen weiteren Grundsatz, indem er formulierte, dass das Störungssymptom nicht nur am Kehlkopf zu beseitigen sei, sondern immer auch die psychisch-soziale Situation des Menschen betrachtet und in den Therapieprozess involviert werden sollte. Er plädierte somit dafür, nicht ausschließlich das Symptom anzugreifen, sondern den Menschen selbst zu erfassen. Das hier beschriebene (jedoch noch nicht so benannte) Prinzip der Ganzheitlichkeit in der Therapie von Kommunikationsstörungen ist im heutigen sprachtherapeutischen Handeln noch immer wiederzufinden.

Krech intensivierte zudem die Beschäftigung mit dem Arbeitsgegenstand der Stimm- und Sprachstörungen, indem er zahlreiche Publikationen innerhalb dieses Feldes veröffentlichte. Wegweisende Bekanntheit, auch über die Sprechwissenschaft hinaus, erlangten u. a. seine Arbeiten zur kombiniert-psychologischen Übungstherapie unter den Titeln Zur kombiniert-psychologischen Behandlung psychogener Stimmstörungen (1954) und Zur postoperativen Beeinflussung der Rhinolalia aperta orga-nica durch eine kombiniert-psychologische Übungstherapie (1960). Auch Krechs phonetisches Werk kann als prägend und stützend für die klinisch-sprechwissenschaftliche Lehre und Forschung angesehen werden.

Im Jahre 1960 fand der erste Phoniatrie-Kurs für Hals-Nasen-Ohrenärzte nach dem Zweiten Weltkrieg in Halle statt, welcher von Krech sowie den Ärzten Harry Jakobi und Eva-Maria Pfau organisiert wurde. Dieser Kurs setzte den Anstoß für eine langjährige, bis heute anhaltende Kooperation der Sprechwissenschaftler mit Vertretern anderer auf Stimm- und Sprechstörungen spezialisierten Berufsgruppen, z. B. Phoniater, Neurologen, Psychologen, Pädiater, Hals-Nasen-Ohrenärzte (Tumor-Chirurgen), Rehabilitationspädagogen und Ingenieure (bei akustischen Forschungen).

Als eine Nachfolgerin Krechs sei Jutta Suttner genannt, die das klinische Teilgebiet der Sprechwissenschaft jahrzehntelang als Hochschullehrerin vertrat. Sie forschte bspw. zur Sprechtherapie bei Lippen-Kiefer-Gaumenspalten und schrieb u. a. über Postoperative Sprecherziehung bei Gaumenspaltenträgern und ihre Ergebnisse (1971) sowie über Sprechwissenschaftliche Untersuchungen zur Bewertung und Wirkung von Stimme und Artikulation (1982). Es gelang ihr zudem, die Lehre sämtlicher Störungsbilder des Feldes der Sprach-, Sprech- und Stimmstörungen abzudecken und es den Studenten praxisnah-strukturiert zu vermitteln.

Das Feld der sprecherischen Stimmstörungsbilder und -therapiekonzepte hat sich in den letzten 20 Jahren stark erweitert und diversifiziert. Heute bilden auch Schluckstörungen, gehörlose oder taube Patienten, die Stimme von Transsexuellen, das Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom sowie auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen Beispiele für therapierbare Felder. Spezielle Störungsbilder aus dem Bereich der Sprach-, Sprech- und Schluckstörungen sowie des Cochlea Implants (darunter Arbeiten zu den Problemen und Störungen der kindlichen Sprachentwicklung) sowie spezielle Störungsbilder aus dem Bereich der Stimmstörungen (darunter Arbeiten zur Pädagogenstimme und deren Wirkung) stellen weitere grundlegende Themenschwerpunkte dar.

Aktuelle Tendenzen der universitären Lehre und Forschung Im Rahmen der sprechwissenschaftlichen Lehre der Sprach-, Sprech-, Stimm- und Schluckstörungen vollzogen sich in den 2000er-Jahren große Veränderungen. Die Modularisierung der Studiengänge an den europäischen Universitäten (durch den Bologna-Prozess) führte u. a. an der Universität Halle zur Auflösung des bis dahin anerkannten Diplomstudiengangs „Sprechwissenschaft“ und zur Einführung des eingeteilten Studienformates in Bachelor- und Master-of-Arts. Die Aufstellung des Lehrplans erfolgte gemäß der Anforderungen der Krankenkassen an die Ausbildung der Berufsgruppen, die zur Abgabe von Stimm-, Sprech- und Sprachtherapie als Heilmittelerbringer nach §124 des Fünften Sozialgesetzbuches (SGB V) zugelassen werden. Dies beinhaltete, dass für die Qualifikation zur Therapie eines bestimmten Störungsbildes eine definierte Zahl von Credit Points (Leistungspunkten) innerhalb des Studiums erreicht werden muss, die mit einer bestimmten Zahl an studentischen Arbeitsstunden verbunden ist.

Inhaltlich sind die Qualifikationsvoraussetzungen in theoretisch-praktische Anforderungen und störungsspezifische Kompetenzen aufgeteilt. Die theoretisch-praktischen Anforderungen gliedern sich in sprachtherapeutische Grundlagen (Medizin, Sprachwissenschaften, Pädagogik, Heil- und Sonderpädagogik, Sprachbehindertenpädagogik, Soziologie der Behinderten, Psychologie sowie freie Lehrinhalte) und Handlungskompetenzen (wissenschaftliche Arbeits- und Forschungsmethoden, Qualitätssicherung, Beratung, therapeutisches Verhalten sowie freie Lehrinhalte). Innerhalb der störungsbezogenen Kompetenzen sind Komplexe von Störungsbildern erfasst (z. B. entwicklungsbedingte oder erworben sprachsystematische Redefluss-, Sprech-, Stimm- und Schluckstörungen). Zusätzlich müssen eine Abschlussarbeit sowie Praktika unter bestimmten Bedingungen absolviert werden.