mini|Blick auf das Messegelände (Grafik, 1986) mini|Stapelplatz mit Fellballen (1905) mini|Tataren auf der Messe (1891) mini|Erinnerungsfoto mit Pelzen an Nischni Nowgorod, Hochradfahrer Pawel Jakowlewitsch Pjasetski und unbekannter Mann (1870–1880er Jahre) mini| Fellhändler aus dem Kaukasus, Chiwa, Buchara und Taschkent zur Messe (1914) mini|Karakul-Händler mit Fellballen (vor 1911)

Die 1817 als Nachfolger der Messe in Makarjew entstandene Pelzmesse in Nischni Nowgorod, im Pelzhandel als Rauchwarenmesse in Nischni Nowgorod bezeichnet, war Teil des „Großen Jahrmarkts von Nischni Nowgorod“, des zeitweiligen Hauptmarktes zwischen Asien und Europa. Nach alter russischer Zeitrechnung (13 Tage später als der Gregorianische Kalender) wurde die Messe jeweils von Mitte Juli bis Ende August oder Anfang September abgehalten.

Allgemein Der wesentlichste Ausfuhrartikel Russlands waren zu der Zeit vor allem Pelzfelle. Der Berliner Pelzhändler Emil Brass (1856–1938) bezeichnete die Nischni-Nowgorod-Messe als „die berühmteste Messe der Welt“. Hauptsitze des russischen Rauchwarenhandels waren und blieben jedoch Moskau und St. Petersburg.Emil Brass: Aus dem Reiche der Pelze. 1. Auflage, Verlag der „Neuen Pelzwaren-Zeitung und Kürschner-Zeitung“, Berlin 1911, S. 214. Von den mehreren Tausend russischen Jahrmärkten dienten etwa 400 als Zulieferer für die beiden großen Pelzmärkte in Nischni Nowgorod und dem Pelzhandel auf der Irbit-Messe.

Die Stückzahlen, in denen die Felle abgegeben wurden, waren zumeist sehr hoch, das Sortieren in mantel- und jackengerechte Kürschnersortimente erfolgte erst beim Großhandelskunden. Der Londoner Rauchwarenhändler Cripps meinte daher, vielleicht nicht ganz uneigennützig, „wer in Einzelhandelsmengen kaufen will, kauft diese besser näher daheim“.

Am 16. März 1930 erging der Befehl zur Liquidierung der Nischni Nowgorod-Messe als „sozialfeindliches Phänomen“. Als 1921 das bis dahin geltende Binnenhandelsverbot aufgehoben wurde und die Messe wiedereröffnet wurde, waren die Marktgebäude verfallen und anstelle der Kaufleute erschienen staatliche und genossenschaftliche Institutionen. Aus dem Inland waren nur asiatische Kaufleute zugelassen, wie Perser, Afghanen, Mongolen oder Chinesen.Max Malbin: Der internationale Rauchwarenhandel vor und nach dem Weltkriege unter besonderer Berücksichtigung Leipzigs. Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der Philosophischen Fakultät der Universität Leipzig, 1927, S. 29. Das ehemalige Messegelände beherbergt heute das größte Kongress- und Ausstellungszentrum in der Wolgaregion und ist einer der wichtigsten Veranstaltungsorte in Nischni Nowgorod.ИСТОРИЯ НИЖЕГОРОДСКОЙ ЯРМАРКИ. (russisch). Abgerufen am 15. Januar 2023

Von 1932 bis 1990 hieß die Stadt Gorki, nach dem russischen Schriftsteller Maxim Gorki. Die heutige Millionenstadt Nischni Nowgorod liegt rund 400 km östlich von Moskau. Mitte des 19. Jahrhunderts hatte sie sich als die Handelsstadt des russischen Reiches etabliert. Um 1900 dauerte die Fahrt mit dem Schnellzug von Moskau nach Nischni Nowgorod ungefähr 20 Stunden.Paul Larisch, Josef Schmidt: Das Kürschner-Handwerk - Eine gewerbliche Monographie. II. Teil: Herkunft und Handel der Felle. Paris , S. 24.

Die Stadt Nowgorod, ohne den Zusatz Nischni (neu), heute besser unterscheidbar Weliki Nowgorod genannt, befindet sich knapp 1000 Kilometer westlich. Sie war ehemals der Hauptschwerpunkt des russischen Pelzhandels.

Geschichte Der Ort Makarjew brannte 1816 während eines schweren Sturmes völlig aus, die dort errichteten Kaufhöfe wurden total zerstört. Nachdem die Messe drei Jahrhunderte lang hier in voller Blüte gestanden hatte, wurde sie jetzt in den aufstrebenden, 250 Kilometer entfernten Ort Nischni Nowgorod verlegt. In Makarjew war man mut- und entschlusslos gewesen und der Wiederaufbau wäre letztlich gegenüber dem schnell entschlossenen Rivalen mit noch besseren Verkehrsanbindungen zu spät gekommen. Über die Nischni-Messe hieß es deshalb auch, es sei die Messe mit der „gestohlenen Vergangenheit“. Gegenüber der Stadt entstand auf einer von der Wolga und der Oka gebildeten Landzunge eine auf Pfählen errichtete extra Messestadt mit mehreren hundert Kaufhöfen, über 6000 Messebuden, 300 Lagerhäusern, Hotels, Theater usw., welche die meiste Zeit des Jahres leer standen. Die Nischni-Messe dauerte etwa drei Monate, mit ihrem Höhepunkt im August.

Die legendäre Nischni Nowgoroder Messe ging aus dem Jahrmarkt von Makarjew hervor. Sie war einer der bedeutendsten Handelsmärkte des vorrevolutionären Russlands, der Pelzhändler Emil Brass nannte sie sogar „die berühmteste Messe der Welt“.Emil Brass: Aus dem Reiche der Pelze. 1. Auflage, Verlag der „Neuen Pelzwaren-Zeitung und Kürschner-Zeitung“, Berlin 1911, S. 214. Das Messegebäude von A. A. Betankur aus dem 19. Jahrhundert ist ein prächtiges Bauwerk mit einer Stahl-Glas-Decken-Konstruktion. Auf dem Messegelände befindet sich außerdem die Verklärungskathedrale von Auguste de Montferrand, der auch die Isaakskathedrale in Sankt Petersburg schuf. Der Großhandel verteilte sich auf 21 lange, nummerierte Reihen oder Linien meist gleichförmiger Architektur, in denen sich die Niederlagen (Lawkas) befanden. In der Reihe Kitalsky Rhad mit ihren Pagoden hatten, neben den großen Banken, Karakul-, Zobel- und Fehhändler ihre Niederlassungen. Auch altbekannte Seiden- und Teekaufleute waren hier vertreten. Die Händler mit den gelockten Karakulfellen aus Buchara und Chiwa befanden sich auf dem Wostotshny-Bazar (Ostbasar).

Bearbeitete Häute wurden in Nischni Nowgorod in zwei Märkten nebeneinander gehandelt, einer für Halbfabrikate und Leder, der andere für Fertigware, wie grobe Lederwaren, Lederhandschuhe, Schurzfelle, Ledersäcke und Schafspelze. Der Lederhandel befand sich völlig in den Händen von Moskauer Großhändlern, die ihre Waren auch direkt in den Bearbeitungsbezirken und von anderen europäischen Märkten bezogen. Das Geschäft mit Schafspelzen und verwandten Artikeln war enger mit dem Jahrmarkt verbunden als der Lederhandel. Handschuhe, Schurzfelle und Instrumententaschen aus Leder waren nach dem Ersten Weltkrieg (1914 bis 1918) durchweg noch von gröbster Qualität. Hinzu kamen Pferdegeschirre, Kumte, und Riemen. Grundlage des Geschäfts waren die niedrigen Lohnkosten im Winter und der billige Wassertransport.

Der englische Rauchwarenhändler George R. Cripps schrieb noch 1902: „Selbstverständlich sind alle Felle unzugerichtet, infolgedessen ist es schwierig, einen korrekten Preis zu ermitteln“. Ganz so war wohl nicht. Fritz Pabst schrieb 1902, dass die Russischen Händler zur Nischny-Messe mit ihren zur Leipziger Ostermesse erstandenen Waren erschienen, „soweit sie dieselben nicht zugerichtet eingethan, inzwischen in Leipzig haben zurichten lassen“. Einfach zu bearbeitende Felle, wie die von Eichhörnchen, Hasen, Fuchs, Katzen, Kaninchen, und Ziegen, wurden auch in den dem Jahrmarkt benachbarten Bezirken zugerichtet und gefärbt. Neben diesen, aus allen Teilen Russlands angelieferten Fellen, gab es die zweite Gruppe mit Hermelin, Zobel, Nerz, Biber, Otter und Iltis, sowie eine dritte mit ausländischen Fellen wie Känguru, Opossum und anderen.

Die größte Zahl der ausländischen Einkäufer kam aus Leipzig, als zweitgrößte Käufergruppe wurden 1902 die Franzosen genannt. Cripps stellte zu seiner Überraschung fest, dass er sogar einen kanadischen Kunden traf, der Fuchs- und Karakulfelle kaufte. Dabei war die Reise nach Nischni Nowgorod anfangs auch für einen westeuropäischen Kaufmann äußerst beschwerlich und zeitraubend, mit der Post fuhr man nach Moskau und von dort entweder mit dem rüttelnden, pferdegezogenen Telegas oder auf dem bequemeren Wasserweg, zuerst noch auf schwerfälligen Segelbooten, den Lotkas. Später, als die Bahn bis nach Moskau reichte und auf der Wolga Dampfer verkehrten, nahm der Besuch nichtrussischer Einkäufer zu, auch Kaufleute aus New York und London besuchten die Messe. Allerdings ging mit den besseren Verkehrsmitteln auch eine Dezentralisierung des Pelzhandels einher und die Bedeutung der Nischni Nowgoroder Messe nahm ab. Sie behielt jedoch, insbesondere für die Rauchwarenbranche, weiter eine hervorragende Bedeutung.

Für ausländische Einkäufer war der Rauchwarenhandel, das Geschäft mit Pelzfellen, am bedeutendsten. Es bestanden enge Verbindungen zu den beiden europäischen, weltweit agierenden Pelzhandelszentren, dem Brühl in Leipzig und Garlick Hill in London. Russische Rauchwarenhändler kamen, neben anderen Orten, vor allem aus Moskau, St. Petersburg, Szklów und Wilna. Nach einer Aussage des Jahres 1925 gelangten Felle von 22 bis 26 verschiedenen Pelztieren auf den Markt. Eine Auflistung aus dem Jahr 1930 nennt 45 Pelztiere, deren Felle in Russland gehandelt wurden, dazu Fohlenfelle und drei Farbvarianten des Karakulschafes.H. v. Schwanebach: Aus der Sowjetrussischen Rauchwarenwirtschaft. In: Der Rauchwarenmarkt, Nr. 124–125, 18. Oktober 1930, Berlin.

Die einmal bedeutendste europäische Pelzkonfektionsfirma in Europa, Revillon Frères in Paris, hatte entscheidenden Anteil an der Einführung der modernen Pelzmode. Das Unternehmen besaß seit 1911 mit der autonomen Gesellschaft „Revillon Bratia“ eine Niederlassung im sibirischen Krasnoyarsk. In Omsk, Irbis und Nischni Nowgorod unterhielt sie Zweigstellen zum Felleinkauf. Als sie 1920, nach der Revolution, nach Abwicklung des letzten Russlandgeschäfts alles aufgeben musste, verlor sie auch das Gebäude in Krasnoyarsk.Marcel Sexé: Two Centuries of Fur-Trading 1723–1923. Romance of the Revillon Family. Paris, 1923, S. 101 (Foto der Niederlassung in Krasnoyarsk).Johanna Kroll: Ein Vierteljahrtausend im Dienste des Pelzes. Revillon Paris. 1723 - 1973. Manuskript 1974, S. 13–14. Vermerk: „An [Die] Pelzwirtschaft 1. September 1974“. Primärquellen: 1) Marcel Sexe: Histoire d'une Famille et d'une Industrie Pendent Deux Siecles - 1723 - 1923. Plon (Hrsg.), 1923. (französisch). 2) Revillon - 1723 - 1973. (englisch). Leipziger Handelshäuser waren nicht nur auf den Märkten von Nischni Nowgorod und Irbit regelmäßig vertreten. Sie hatten über ganz Russland ein Netz von Agenten eingerichtet, so dass die Felle zum großen Teil gar nicht auf die Messen kam und direkt nach Deutschland exportiert wurde. Die Gewinne waren dabei sehr erheblich. Kostete ein Zobelfell vor Ort etwa 10 bis 12 Rubel, so waren es in Nischni Nowgorod 50 Rubel und in Leipzig 100 Rubel. Hasenfelle wurden in Nischni Nowgorod bei den wjatkaischen und schujaischen Pelzverarbeitern als Halbfabrikate für 6 bis 10 Kopeken gekauft, in Leipzig wurden sie zu Konfektion verarbeitet, um dann als Rückimport in Russland für 2 bis 3 Rubel verkauft zu werden. 1914 hieß es: „In London und Leipzig sind immer hübsche Grisfuchssortinmente zu haben, die aber meist für Nischny aus dem Markte genommen werden, von wo sie polnische und ungarische Kürschner erhalten“.H. Werner: Die Kürschnerkunst. Verlag Bernh. Friedr. Voigt, Leipzig 1914, S. 80. Eine wichtige Rolle in Nischni Nowgorod spielten durchaus auch ausländische Pelze und fertige Pelze aller Art, als Exportartikel hatte russische Konfektion keine Bedeutung.