Als Muchannath (, pl. ) wurden in vor- und frühislamischer Zeit biologisch männliche Personen bezeichnet, die auch männlich sozialisiert waren, aber ein weibliches Auftreten hatten. Der Begriff geht auf die arabische Wurzel ḫ-n-ṯ zurück, die Hermaphroditen bezeichnet und auf soziale wie physische Merkmale beider Geschlechter verweist.Nielson: “Gender and the Politics of Music in the Early Islamic Courts”. 2012, S. 245. Er ist jedoch nicht mit einem modernen Verständnis von Transsexualität gleichzusetzen. Der Begriff zeigt, wie die muslimische Gesellschaft und deren Rechtsgelehrte versuchten, Menschen, die nicht in das binäre Geschlechtssystem passen, begrifflich einzuordnen.
Muchannathūn waren während der Umayyaden-Ära meist in Musik und Unterhaltung tätig. Dabei handelte es sich um einen Bereich, der in vorislamischer Zeit exklusiv den Frauen zugesprochen wurde.Rowson: “The Effeminates of Early Medina”. 1991, S. 671. Zu ihrer Existenz lassen sich einige Stellen in Hadithen und in Anekdoten finden. Im Koran selbst findet sich keine direkte Erwähnung. Muchannathūn bewegten sich zwischen den etablierten Geschlechterrollen und trugen dazu bei, bestimmte vorislamische Einstellungen und Formen des sozialen Verhaltens zu bewahren, indem sie die rigidere islamische Geschlechtertrennung umgingen.Wright: Music and verse. 1983, S. 446. Später wurde der Begriff jedoch oft mit passiver Homosexualität assoziiert.Rowson: “The Effeminates of Early Medina”. 1991, S. 676, 693.
Etymologie und Definitionen Laut den arabischen Lexikographen bedeutet das arabische Verb ḫanaṯa in seiner ersten Form, die Öffnung eines Wasserschlauchs zum Trinken zurückzuklappen. Abū ʿUbaid al-Qāsim ibn Sallām (gest. 853) interpretierte diese Bedeutung als Hinweis auf Eigenschaften wie Zärtlichkeit, Trägheit und Geschmeidigkeit.Rowson: “The Effeminates of Early Medina”. 1991, S. 672.
Der Begriff Muchannath wird im Englischen allgemein als effeminate, also „effeminiert“, wiedergegeben.Rowson: “The Effeminates of Early Medina”. 1991, S. 673.Hirsch: Construction of other genders by means of personal appearance in medieval Islam. 2023, S. 391. Nicht alle Muchannathūn waren aber intersexuelle Personen oder Männer mit gleichgeschlechtlichen Präferenzen waren.Nielson: “The Feminine Voice in the Early Islamicate Courts (661–1000)”. 2022, S. 23–24. Lisa Nielson meint, dass der Begriff ursprünglich einen Hermaphroditen bezeichnet habe, „nicht unbedingt im physischen Sinne, sondern eher im Sinne des griechischen Verständnisses einer Person, die physische und soziale Merkmale beider Geschlechter aufweist“. Spätere Lexikografen wie Murtadā az-Zabīdī (gest. 1790) definieren den Muchannath als einen Mann, der einer Frau in der Trägheit seiner Glieder oder der Sanftheit seiner Stimme ähnelt oder sie in diesen Dingen nachahmt.
Die Kommentare von Ibn Hadschar al-ʿAsqalānī (gest. 1449) und Badr ad-Dīn al-ʿAinī (gest. 1451) zum Sahīh al-Buchārī beschreiben Muchannathūn als Männer, die sich öffentlich nach weiblicher Art herausputzten, zumindest hinsichtlich der Verwendung von Henna, und teilweise auch in Bezug auf Kleidung und Schmuck. ʿAbd al-Malik ibn Habīb (gest. 853) definierte en Muchannath als einen effeminierten Mann, selbst wenn ihm keine unmoralischen Handlungen nachgewiesen werden. Die Ableitung des Begriffs basiert dabei auf der Vorstellung von „Trägheit im Gang“ und anderen Verhaltensweisen.Rowson: “The Effeminates of Early Medina”. 1991, S. 675.
Spätere Kommentatoren wie al-Kirmānī (gest. 1384) erweiterten diese Definition und beschrieben Muchannathūn als Männer, die Frauen in ihrer Sprache und ihren Handlungen imitieren. Dabei unterschieden sie zwischen angeborener und affektierter Effeminiertheit unterschieden. Al-ʿAinī beschreibt Muchannathūn als Männer, die Frauen in ihrer Kleidung, ihrem Schmuck und ihrem Verhalten nachahmen, z. B. in ihrer Körperhaltung oder in der femininen Art des Sprechens und Gehens. Sowohl er als auch Ibn Hadschar wiederholten al-Kirmānī´s Unterscheidung zwischen unfreiwilliger und freiwilliger Effeminiertheit. Hier besteht ein Unterschied zu den arabischen Lexikographen, die beim Muchannath nicht zwischen unfreiwilligem und freiwilligem Verhalten unterscheiden und den Begriff nicht mit Transvestitismus in Zusammenhang bringen.
Gendertheoretische Einordnung Muslimische Koranexegeten der formativen Zeit und ihr Publikum, lebten in Kontexten, in denen die gängigen Annahmen über das Geschlecht deutlich von denen abwichen, die heute oft als selbstverständlich gelten.Geissinger: Gender and Muslim constructions of exegetical authority: a rereading of the classical genre of Qur'ān commentary. 2015, S. 33.
In der frühmittelalterlichen islamischen Welt wurden Geschlecht und Sexualität auf komplexe Weise verstanden, wobei Geschlechterrollen zwar mit biologischen Geschlechtsmerkmalen verbunden waren, sich jedoch auch nach anderen Aspekten – wie Alter, Beruf, Kleidung, Gestik und Haartracht – richteten. Die sexuelle Orientierung oder Präferenz hing weniger davon ab, mit wem jemand Geschlechtsverkehr hatte, sondern vielmehr von der Rolle, die eine Person dabei einnahm. Männer, die in der sexuellen Interaktion eine dominante Rolle spielten, wurden im normativen Spektrum der Männlichkeit verortet. Umgekehrt galten Männer, die sich lieber penetrieren ließen als weiblich. Berufe wie der des Musikers oder Performers wurden ebenfalls in einem feminisierenden Kontext betrachtet, da solche Tätigkeiten als weiblich konnotiert waren. Auf diese Weise formten sowohl berufliche als auch sexuelle Verhaltensweisen die Wahrnehmung von Geschlecht und Männlichkeit in dieser Zeit.Nielson: “The Feminine Voice in the Early Islamicate Courts (661–1000)”. 2022, S. 23.
Aisha Greissinger konstatierte 2015, dass der Begriff Muchannath keine direkte Entsprechung im zeitgenössischen nordamerikanischen oder britischen Englisch habe, da in der angloamerikanischen Kultur das Geschlecht in der Regel generell binär betrachtet werde, d. h. Individuen werden entweder als männlich oder weiblich gesehen. Diese binäre Vorstellung lasse wenig Raum für diejenigen, die sich nicht strikt als männlich oder weiblich identifizieren. Obwohl der Begriff Muchannath manchmal als Effeminierter oder Transvestit übersetzt wird, bedeute dies nicht, dass es die Zugehörigkeit zu einer Gruppe kennzeichne, die als weder männlich noch weiblich anerkannt war und der eine anerkannte soziale Rolle zukam. Darüber hinaus spiegelten solche Begriffe, selbst jüngst in Nordamerika geprägte subkulturelle Ausdrücke wie Genderqueer, dass unsere kulturellen und historischen Perspektiven häufig davon ausgehen, dass Geschlecht selbstverständlich und notwendigerweise binär ist.Geissinger: Gender and Muslim constructions of exegetical authority: a rereading of the classical genre of Qur'ān commentary. 2015, S. 34.
Wie die iranische Historikerin Afsaneh Najmabadi zeigte, wird der Begriff Muchannath auch in persischen Texten über Ethik und Sitten verwendet, und zwar für erwachsene Männer, die andere erwachsene Männer anziehen wollten, indem sie sich als jugendlich und bartlos präsentierten.Afsaneh Najmabadi: Women with mustaches and men without beards gender and sexual anxieties of Iranian modernity. University of California Press, Berkeley 2005. S. 16. Darüber hinaus zeigt Samar Habibs Analyse von Ar-Rāghib al-Isfahānīs Darstellung von Muchannathūn, dass der Begriff verschiedene sexuelle und geschlechtliche Identitäten umfasste. Dabei kann es sich um eben die der effeminierten Männer handeln oder Personen mit unterschiedlichen Orientierungen innerhalb des Spektrums sexueller und geschlechtlicher Ausdrücke. Muchannathūn verwendeten untereinander wohl auch weibliche Pronomen, wenn sie miteinander sprachen. Rowson führt einen Beleg dafür aus vor-abbasidischer Zeit auf und gibt an, dass die später nicht unüblich gewesen sei.Rowson: “The Effeminates of Early Medina”. 1991, S. 689.
Muchannathūn in Musik und Unterhaltungskunst Bis zum späten 7. Jahrhundert war es freien arabischen Männern gesellschaftlich untersagt, den Beruf des Musikers auszuüben, da dieser als unmännlich und schändlich galt. Das bedeutete jedoch nicht, dass Männer nicht sangen oder auftraten; sie taten dies meist unter bestimmten Bedingungen, wie bei Feiern oder in Gesellschaft anderer Männer. Dieses Verbot hatte bereits eine lange Geschichte, deren genaue Ursprünge unklar sind, aber vermutlich auf eine Kombination von Faktoren zurückzuführen war, darunter der historischen Assoziationen von Musik mit Sklavinnen, kulturellen Normen der vorislamischen nomadischen Araber und die Existenz von Personen, die nicht den traditionellen Geschlechterrollen entsprachen.Nielson: “Gender and the Politics of Music in the Early Islamic Courts”. 2012, S. 244.
Trotz der sozialen Einschränkungen verdienten einige Männer ihren Lebensunterhalt als Musiker und Entertainer. Diese Männer wurden als Muchannathūn bezeichnet, eine abwertende Bezeichnung, die sich sowohl aus ihrer Berufswahl als auch aus ihrem Verhalten ergab, das Merkmale beider Geschlechter aufwies. Die Muchannathūn standen am Rande der Gesellschaft, hatten somit aber auch die Möglichkeiten, bestimmte Funktionen – hier als Musikschaffende – auszuüben, die anderen Mitgliedern der etablierten Gesellschaft nicht gestattet waren. Es bot ihnen soziale Mobilität sowie materielle Entlohnung, auch wenn es ihnen an sozialem Ansehen mangelte.Wright: Music and verse. 1983, S. 446. Studien über die erste, klassische Periode der arabischen Musik haben gezeigt, dass die Quellen regelmäßig viele männliche Musiker, darunter einige der prominentesten, als Muchannathūn bezeichnen.
Während des 7. Jahrhunderts kam es mit der Errichtung des islamischen Staates und des Umayyaden-Kalifats zu einem tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel, welcher Spannungen zwischen den frommen Anhängern des Islams und einer Elite, die nach Unterhaltung und Luxus strebte, hervorrief. Unter der Herrschaft von ʿUmar ibn al-Chattāb blühte auch die traditionelle arabische Dichtung auf und brachte eigenständige Liebesgedichte hervor. Infolgedessen kam es zu einem Übergang von einer weiblich- zu einer männlich-dominierten Welt der Musik, wobei eben die Muchannathūn eine zentrale Rolle in diesem Übergang spielten. Da davon ausgegangen wurde, dass sie sich nicht zu Frauen sexuell hingezogen fühlten, konnten sie wahrscheinlich als Entertainer bei Hochzeiten und möglicherweise auch als Heiratsvermittler auftreten.Nielson: “Gender and the Politics of Music in the Early Islamic Courts”. 2012, S. 246.
Ab dem 8. Jahrhundert wurden immer mehr Männer zu Hof als Musiker akzeptiert – wahrscheinlich weil die ersten bekannten Musiker aus den umliegenden Kulturen kamen.Nielson: “Gender and the Politics of Music in the Early Islamic Courts”. 2012, S. 251. Durch die große Ausdehnung des islamischen Reiches gegen Ende des 8. Jahrhunderts in alle möglichen Richtungen und Kulturen (Nordafrika, Persien, Anatolien, und Teilen Europas) spielte die Bedeutung von einem prestigeträchtigen Hof eine immer größere Rolle, sodass bestimmte Bräuche zu Hofe aus benachbarten Staaten übernommen wurden. Singende Mädchen arbeiteten an den Höfen der Umayyaden, und für eine gewisse Zeit erlebten die Muchannathūn eine Blütezeit im Hedschas, der ein angesehenes Zentrum der Musik blieb. Durch die zunehmende Abhängigkeit des Hofs von singenden Mädchen und männlichen Musikern sowie die wachsende Nachfrage nach unterschiedlichen Arten von Unterhaltung nahm die Bedeutung der Musik bei den Muchannathūn ab, und ihre Darbietungen konzentrierten sich mehr auf Schauspiel oder Possen. Einige Muchannathūn waren für ihre freche Dichtung, ihren übermäßigen Alkoholkonsum und ihr allgemein schlechtes Benehmen bekannt. Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, genossen sie die Gunst von hochrangigen Beamten, der Aristokratie und wohlhabenden Frauen.