Vierzon (1939–1944) ist für die Historikerin Catherine Poncelet, die sich eingehend mit dem Schicksal der Stadt Vierzon im Zweiten Weltkrieg befasst hat, eine historische Epoche, die durch zwei Besonderheiten gekennzeichnet: die innerfranzösische Demarkationslinie und den starken kommunistischen Widerstand, der zu erheblichen Repressionen geführt habe. Das von ihr in diesem Zusammenhang erwähnte Internierungslager Sourioux, in dem vor allem deutsche Juden aus der Region, Kommunisten und spanische Bürgerkriegsflüchtlinge gefangengehalten wurdenVierzon sous l’occupation racontée à l’Université populaire, Le Berry Républicaine, 22. November 2014, könnte dabei unschwer als dritte Besonderheit Erwähnung finden, denn es war zu seiner Zeit nicht primär Teil der gegen Kommunisten gerichteten Repressionen, sondern Teil der Repressionen, die sich nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs gegen alle Menschen richtete, die aus nationaler französischer Sicht als feindliche Ausländer stigmatisiert wurden. Das waren vor allem die Emigranten aus dem nationalsozialistischen Herrschaftsbereich.
Internierungslager Sourioux Trotz bestehender gesetzlicher Grundlagen waren in Frankreich lebende deutsche Emigranten bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs nicht verfolgt und auch nicht interniert worden. Das änderte sich mit Frankreichs Kriegseintritt am 3. September 1939, der am 5. September die Aufforderung an alle männlichen deutschen Staatsangehörigen zwischen 17 und 50 Jahren folgte, sich unverzüglich an Sammelpunkten einzufinden.
Für die in Paris lebenden Emigranten war das Stade de Colombes einer der zentralen Sammelpunkte, von denen aus dann um die Mitte des Monats September herum die Verlegung der Internierten in Lager in ländlicheren Regionen erfolgte. Im Zuge dieser Entwicklung trafen am Nachmittag des 16. Septembers 1939 600 Männern am Bahnhof von Vierzon ein. 400 von ihnen marschierten in das hiesige Lager Camp Sourioux, 200 wurden nach Avord verbracht.Ville de Vierzon: Le camp Sourioux
Der Name des Lagers leitete sich von Louis Sourioux ab, einem Holzhändler und Besitzers eines Industriegeländes im Stadtteil Forges. Der hatte 1932 eine alte Ziegelei erworben und darin ein Sägewerk errichtet. 1937 musste er dieses schließen und die Gebäude verkaufen. In der Folge mieteten sich darin zwei Firmen ein, von denen eine ein Lagerhaus betrieb. Dieser Teil wurde am 1. September 1939 vom französischen Staat beschlagnahmt, um darin das Internierungslager einzurichten.
Das Camp de Sourioux, das größte der etwa sieben Lager im Département CherFrance Archives – Portail National des Archives: Etranger (1) , internement administratif (2) sur le territoire du Cher, war als Arbeitslager für Prestataires (Dienstleister) geplant, die zum Teil auch für die British Expeditionary Force arbeiten mussten. Politisch standen wohl die meisten Inhaftierten den Kommunisten nahe, und bald nach der Inhaftierung der Deutschen wurden auch französischen und spanische Kommunisten in das Lager gebracht. Personen, die als besonders gefährlich erachtet wurden, wurden in das Internierungslager Le Vernet verlegt.
Über die Ausstattung des Lagers und das Lagerleben ist wenig bekannt, außer dass die im September angekommenen Männer mit Stroh zum Schlafen Vorlieb nehmen mussten. Auch Kochutensilien und Schüsseln standen ihnen zur Verfügung. Es blieb bis zum 17. Juni 1940, dem Tag, an dem Pétain die Deutschen um einen Waffenstillstand bat, in seiner bisherigen Funktion in Betrieb.
Das deutet darauf hin, dass unter dem Vichy-Regime und während der deutschen Besatzung aus dem Internierungslager für unerwünschte Ausländer ein Frontstalag geworden war. Ein Beleg dafür ließ sich jedoch nicht finden, wenngleich Vierzon zu Beginn der Besatzungszeit auch für die Kolonialsoldaten ein wichtiger Ort zum illegalen Überqueren der Demarkationslinie zwischen der besetzten und der freien Zone war.Jean-Claude Bonnin: Les passagers clandestins dans le Cher
Bekannte Internierte
Auf der Webseite der Stadt Vierzon wird davon ausgegangen, dass die im September 1939 nach Vierzon gekommenen 400 Deutschen über ein relativ einheitliches Profil verfügten. die 80 Karteikarten im Departementsarchiv würden zeigen, dass es sich durchweg um deutsche Juden gehandelt habe. Das trifft auch auf die meisten in dem Artikel erwähnten Personen zu. Hermann Bassfreund wird im Polizeibericht als deutscher Staatsbürger bezeichnet und als „Vertreter einer großen Berliner Buchhandlung, Handelsreisender, der häufig die deutsche Grenze überquert“. Luis Carmona, Spanier, Heizungsinstallateur und „aktiver kommunistischer Aktivist“ Klaus GysiLes communistes allemands passés par le camp Sourioux, Le Berry Républicaine, 24. November 2014 Wilhelm Kirschey Joseph Kuntz, Porzellanhersteller und ein „sehr verdächtiger militanter Kommunist“ Ludovic Printz, gebürtiger Saarländer und ehemaliger Angehöriger der internationalen Brigaden John Rewald
Vierzon zwischen Teilung und Befreiung Anfang Mai 1940 richtete ein starkes Hochwasser große Schäden in Vierzon an.Für eine Fotodokumentation des Hochwassers vom Mai 1940 siehe: Un repère de la crue de 1940 à Vierzon. Nahezu zeitgleich startete am 10. Mai 1940 der der deutsche Angriff in Richtung Frankreich, in dessen Folge zunächst Flüchtlingsströme die Stadt durchquerten und schließlich die sich zurückziehenden französischen Truppen. Schätzungen gehen davon aus, dass nach dem 10. Mai die damals 25.000 Einwohner zählende Stadt in den folgenden anderthalb Monaten von 120.000 flüchtenden Menschen durchquert wurden. Alleine 6.000 Sonderzüge passierten den Bahnhof.20 juin 1940 : Vierzon retient son souffle avec l'arrivée de l'armée allemande, Le Berry Républicaine, 20. Juni 2020
Vierzon wurde erstmals am 5. Juni 1940 von deutschen Flugzeugen bombardiert. Weitere Luftangriffe folgten am 7., 15. und 17. Juni; die beiden letzteren forderten 70 Todesopfer. Während Pétain am 17. Juni die französischen Truppen auffordert, den Kampf einzustellen, widersetzt sich das Militär in Vierzon der auch von der Präfektur wiederholten Aufforderung. Es kommt zu Brückensprengungen und einem Artillerieduell, bevor sich am 18. Juni die französischen Soldaten doch noch aus der Stadt zurückziehen.Ville de Vierzon: 20 juin 1940 : bruit de bottes en ville
Am Abend des 19. Juni trifft eine erste deutsche Vorhut in Vierzon ein. Die eigentliche Besetzung folgt dann eine Tag später, das Rathaus wird besetzt, die Hakenkreuzfahne gehisst und führende Kommunalpolitiker als Geiseln verhaftet. Ihnen wird die Erschießung angedroht, falls Bewohner von Vierzon weiterhin Waffen tragen sollten.
Die unmittelbar gravierendste Folge für die Stadt und ihre Bewohner war deren Zweiteilung durch die entlang der Cher verlaufenden Demarkationslinie.Vergleiche hierzu das Kartenmaterial bei Jean-Claude Bonnin: Les passagers clandestins dans le Cher, und die umfangreiche Fotosammlung auf der Webseite Dans les archives de la seconde guerre mondiale à Vierzon. Die Pont du Cher () war mit einem entsprechenden Ausweis zunächst der einzige legale Übergang zwischen dem besetzten nördlichen Hauptteil der Stadt (Stadtzentrum) und der südlichen freien Zone. Später wurde auch die zerstörte Eisenbahnbrücke wieder aufgebaut.Maison des Provinces: L’occupation de Vierzon
Trotz dieser schwierigen Situation organisierten in Vierzon Widerstandskämpfer und Mitglied der Forces françaises de l’intérieur (FFI) heimliche Grenzübertritte für Flüchtlinge, darunter viele Juden. Einer der bekanntesten dieser Menschenschmuggler war der spätere Arzt Charles Cliquet, der auch heimliche Grenzübertritte für Mitglieder der britischen Rettungsorganisation für abgeschossene Piloten, dem Pat O’Leary, organisierte. 1943 wurde er denunziert, gefoltert und in das Konzentrationslager Buchenwald verschleppt, wo es ihm zu überleben gelang. Andere dieser Flüchtlingshelfer wurden ebenfalls deportiert oder bezahlten ihren Einsatz mit dem eigenen Leben. Raymond Toupet wurde am 6. Februar 1942Nach dem Maison des Provinces in der Nacht vom 7. auf den 8. Februar 1942. bei einer geheimen Überfahrt mitten im Cher von einer deutschen Patrouille getötet. Nach Schätzungen von Historikern soll er 2.000 Menschen in seinem Boot geschmuggelt haben.Le Maitron – Dictionaire Biographique Fussillés Guillotinés Exécutés Massacrés 1940 – 1944: TOUPET Raymond Constant Duval (1878–1943) verhalf ebenfalls zahlreichen Flüchtlingen aus Kriegsgefangenenlagern, alliierten Piloten sowie Agenten der britischen oder gaullistischen Streitkräfte mit gefälschten Papieren zur Flucht. Duval wurde am 9. Oktober 1941 verhaftet und später wegen Spionage, gaullistischer Propaganda und Herstellung falscher Papiere angeklagt und nach Deutschland deportiert. Er starb am 29. März 1943 im Düsseldorfer Gefängnis.Jean-Claude Bonnin: Constant DUVAL auf der Webseite von Musée de la Résistance 1940-1945 en ligne Nach Constant Duval sind in Vierzon ein Stadion und ein Weg benannt.Vincent Michel: Savez-vous d’où vient le nom du lieu où vous vivez ?, Le Berry Républicaine, 2. Januar 2017 Juliette Mersey war Krankenschwester und enge Mitarbeiterin von Constant Duval bei der illegalen Fluchthilfe. Sie wurde 1943 verhaftet, nach Deutschland deportiert und starb dort im Alter von 58 Jahren.Für eine ausführliche Darstellung ihrer Person und ihres Wirkens siehe: Ville de Vierzon: Marie Juliette Mersey in den Archives de Vendredi