Hiba Kamal Abu Nada (, im englischen Sprachraum auch Heba Abu Nada; geb. 24. Juni 1991; gest. 20. Oktober 2023 in Chan Yunis) war eine palästinensische Schriftstellerin. Für ihren Roman (englische Übersetzung: Oxygen is not for the dead, deutsch: Sauerstoff ist nicht für die Toten) erhielt sie 2017 einen Literaturpreis. Sie wurde durch einen Luftangriff der israelischen Luftwaffe auf ihr Haus getötet. In ihrem Gedicht A Star (dt. Ein Stern) entwarf sie die Vision einer universellen Zuflucht für die Menschen in Palästina. Ihre letzten Texte und Gedichte wurden nach ihrem Tod weltweit zu Symbolen des intellektuellen Protests. Im Mai 2025 unterzeichneten die Literaturnobelpreisträgern Orhan Pamuk, Patrick Modiano, Annie Ernaux und Jean-Marie Gustave Le Clézio, sowie hunderte weitere Intellektuelle ein Manifest, in dem sie angesichts der Gewalt im Gazastreifen einen sofortigen Waffenstillstand forderten und das Vorgehen verurteilten.
Leben Abu Nada wurde am 24. Juni 1991 in Mekka, Saudi-Arabien, als ältestes Kind einer Familie palästinensischer Flüchtlinge geboren, die durch die Entvölkerung des Dorfes Bayt Jirja durch israelische Streitkräfte während der Nakba vertrieben wurden. Sie absolvierte einen Bachelor-Abschluss in Biochemie von der Islamischen Universität Gaza und einen Master-Abschluss in klinischer Ernährung von der al-Azhar-Universität Gaza.
Als Schriftstellerin in Gaza behandelte sie Themen wie Gerechtigkeit, den Arabischen Frühling und die Realitäten palästinensischen Lebens unter der israelischen Besatzung. Sie schrieb lyrische Theaterstücke über Palästina, war Mitautorin der Gedichtbände Abjadiet Alqied Al-Akheer, Gaza Poet und Al-Asef Al-Ma’koul und gewann diverse lokale Preise. Ihr Roman (deutsch Sauerstoff ist nicht für die Toten) gewann 2017 den zweiten Platz beim 20. jährlichen Sharjah Award for Arab Creativity in Schardscha, Vereinigten Arabischen Emirate. Das Buch zeichnet die Proteste im Jahr 2011 in der arabischen Welt nach und wurde 2021 von Dar Diwan neu veröffentlicht.
Sie arbeitete ehrenamtlich bei der Online-Enzyklopädie Wikipedia mit; ab 2021 engagierte sie sich für das Fernbildungsprogramms WikiWrites, in dem sie die Enzyklopädie-Artikel sprachlich korrigierte, bevor diese von Schülern veröffentlicht wurden.
Nach Ausbruch des Kriegs in Israel und Gaza 2023 schrieb sie Gedichte über die Situation im Gazastreifen und veröffentlichte Einzeiler in Social-Media-Posts. Dadurch erlangte sie laut Financial Times internationale Aufmerksamkeit.
Am Abend des 20. Oktober 2023 wurde die 32-jährige Abu Nada mit ihrem Sohn in Chan Yunis im südlichen Gazastreifen durch die Bombardierung der israelischen Luftwaffe ihres Hauses getötet. „Die Nacht in der Stadt ist dunkel, abgesehen vom Leuchten der Raketen“ – war das letzte Gedicht, das sie in den sozialen Medien veröffentlichte, nur Stunden vor ihrem Tod.
Vor dem Krieg verfügte Gaza über eine „riesige Kunstszene“, so Mitri Raheb, lutherischer Pfarrer und Gründer der Dar-al-Kalima-Universität in Bethlehem, die auf Kunst und Kultur spezialisiert ist und einen Standort im Gazastreifen unterhielt – zu den vielen Künstlern, die während Bombardierungen getötet wurden, gehören neben Hiba Abu Nada, die Malerin Heba Zagout (1984–2023), der Wandmaler Mohammed Sami Qariqa (1999–2023) und der Dichter Refaat Alareer (1979–2023).
Rezeption Über ihren Tod berichteten neben der Financial Times Zeitungen wie Haaretz, der Observer und die Washington Post; sie zitierten dabei insbesondere ein Gedicht, das Abu Nada zwölf Tage vor ihrem Tod in ihrem letzten Tweet auf der Plattform X veröffentlicht hatte. Weitere Gedichte von ihr erschienen in englischer Übersetzung in dem Literaturmagazin Words Without Borders, im Rahmen einer Serie über palästinensische Literatur. Bei einer Veranstaltung von „Writers Against the War on Gaza“ im Januar 2024 in New York zum Gedenken an im Gaza-Krieg getötete Autoren und Journalisten wurde ihr Gedicht I Grant You Refuge verlesen.
Im Sommer 2024 benannten Studenten und Studentinnen an der Freien Universität Berlin ein Protestcamp nach Abu Nada. Im September 2024 präsentierte Ghayath Almadhoun Gedichte von Abu Nada beim Internationalen Literaturfestival in Berlin im Rahmen seines auf palästinensische Lyriker fokussierten Abends „In the Presence of Absence“.
Im Mai 2025 unterzeichneten über 300 anglophone Autoren, darunter Zadie Smith, Jeanette Winterson, Ian McEwan, Russell T Davies, Hanif Kureishi, Frank Cottrell-Boyce, Irvine Welsh und George Monbiot, sowie 300 frankophone Autoren, darunter Leïla Slimani, J.M.G. Le Clézio, Annie Ernaux, Virginie Despentes, Mohamed Mbougar Sarr und Patrick Modiano offene Briefe, die sich den Erkenntnissen zahlreicher internationaler Juristen und Menschenrechtsorganisationen anschlossen – und mit Abu Nadas Gedicht „Ein Stern sagte gestern“ begannen. Die offenen Briefe verurteilten das israelische Vorgehen im Gazastreifen als Völkermord und forderten eine sofortige Waffenruhe sowie die uneingeschränkte Verteilung von Lebensmitteln und medizinischer Hilfe. In ihrem Gedicht hatte Abu Nada sich für die Bewohner von Gaza einen kosmischen Schutzraum vorgestellt, der das Gegenteil der existenziellen Gefahr war, der sie ausgesetzt waren – einen universellen Schutzraum, in dem sie nicht länger, wie seit Jahrzehnten, von der Menschheit ausgeschlossen wären. Da das Manifest die Handlungen in Gaza explizit als „Genozid“ deklarierte, löste es in Frankreich und Westeuropa scharfe Kontroversen aus. Es gab Vorwürfe der politischen Einseitigkeit. In der Folge kam es in der französischen Medienlandschaft zu Spannungen: öffentlich-rechtliche Sender zogen Sendebeiträge oder Kulturformate zurück, in denen Kulturschaffende sich das Manifest oder den Genozid-Begriff öffentlich zu eigen machten.
Werke (Auswahl) al-Uksidschīn laysa li-l-mawtā (الأكسجين ليس للموتى). Dāʾirat aṯ-Ṯaqāfa, Schardscha 2017, ISBN 978-9948-23-314-5; Dar Diwan 2021, ISBN 978-9921-758-03-0.
In deutscher Übersetzung
In englischer Übersetzung
Lyrikanthologien Poems for Palestine: Recent poems by nine Palestinian poets & actions you can take to stop genocide now. Publishers for Palestine, 2024. Alan Morrison, Atef Alshaer (Hrsg.): Out of Gaza: New Palestinian Poetry. Smokestack Books, 2024. ISBN 978-1-73947-345-7.Jim Aitken: ‘Poetry is the Last Stand of the Soul’: Out of Gaza, New Palestinian Poetry, Culture Matters, 3. April 2024
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