Tell el-Fārʿa () ist eine wichtige archäologische Fundstätte in Palästina. Zumeist wird sie identifiziert mit der biblischen Stadt Tirza, die nach biblischer Darstellung zunächst eine kanaanäische Stadt und dann eine der ersten Königsstädte des Alten Israel war.
In wissenschaftlichen Veröffentlichungen wird die Stätte meist genauer „Tell el-Fārʿa (Nord)“ genannt, um sie von der gleichnamigen philistäischen Fundstätte Tell al-Fārʿa (Süd) zu unterscheiden.
Identisch mit Tirza?
Geschichte der Identifikation
Als man 19. Jhd. in der historischen Geographie damit begann, intensiver nach der Lage biblischer Stätten zu forschen, wurde zunächst nicht Tell el-Fārʿa mit Tirza identifiziert, sondern wegen des ähnlichen Namens das heutige Dorf Taluza (r > l ist ein häufiger Lautwandel in semitischen Sprachen).Edward Robinson (1856): Later Biblical Researches in Palestine, and in the Adjacent Regions. A Journal of Travels in the Year 1852. Boston 1856, S. 302 f.Honoré V. Guérin (1868): Description géographique, historique et archéologique de la Palestine, accompagnée de cartes détaillées. Seconde partie. – Samarie. Tome premier. Paris 1868, S. 366.Henry B. Tristram (1875): Bible Places; or, The Topography of the Holy Land. London 1875, S. 193. Tell el-Fārʿa hielt man stattdessen zumeist für Ofra (, vgl. mit Fārʿa).
Die Ruinen bei Taluza wurden noch nicht ausgegraben. Dort gefundene Keramik (u. a. aus der Eisenzeit II, aber nicht aus der SpätbronzezeitAdam Zertal (2004): The Manasseh Hill Country Survey. Volume 1: The Shechem Syncline. Leiden / Boston 2004, S. 517.) legt aber zumindest nahe, dass der Ort während der frühen Königszeit besiedelt, zuvor aber keine kanaanäische Stadt gewesen war, was nicht gut zur biblischen Darstellung der Geschichte von Tirza passt.
Der Vorschlag, Tell el-Fārʿa mit Tirza zu identifizieren, wurde das erste Mal 1931 durch William F. Albright gemacht.William F. Albright (1931): The Site of Tirzah and the Topography of Western Manasseh. In: Journal of the Palestine Oriental Society (JPOS). Band 11, 1931, S. 241–251. Tell el-Fārʿas Ausgräber, Roland de Vaux, hatte zunächst Zweifel, weil ihm die Ergebnisse seiner Grabungen nicht zu den biblischen Erzählungen zu passen schienen.Roland de Vaux (1951): La troisième campagne de fouilles a Tell el-Farʿah, près Naplouse. In: Revue Biblique (RB). Band 58, Nr. 3, 1951, S. 393–430, hier S. 430. Nachdem 1956 aber auch er Albright zugestimmt hatte,Roland de Vaux (1956): The Excavations at Tell El-Far'ah and the Site of Ancient Tirzah. In: Palestine Exploration Quarterly (PEQ). Band 88, Nr. 2, 1956, S. 125–140, hier S. 135. setzte sich die Identifikation in der Wissenschaft durch.
Indizien für die Ortsidentität
mini|alternativtext=Eine Ortskarte. Zu sehen sind die mutmaßliche Lage von Tirza und die einiger anderer Orte. Erkennbar ist, dass zwischen Hefer, Abel-Mehola und Tappuach etwa 600 Quadratkilometer liegen, in denen dann Tirza theoretisch liegen könnte – eine sehr große Fläche, mit der sich Tirza nicht sehr gut verorten lässt.|Tirza und weitere im Artikel genannte Orte
Die Indizien für eine Identifikation mit Tirza sind nicht sehr stark:
Das erste Indiz ist die biblische Erzählung von den Töchtern Zelofhads in : Unter diesen fünf Töchtern heißen vier Tirza, Noa, Hogla und Machla (die fünfte heißt Milka). Nicht nur „Tirza“ ist darunter auch ein Ortsname: In den Samaria-Ostraca sind auch „Noa“ und „Hogla“ als Namen von Orten oder Regionen belegt, während „Machla“ sehr ähnliche Konsonanten hat wie der Ort (Abel-)Mehola (vgl. mit ). Auch ihr Vorfahre Hefer trägt den Namen einer Stadt, die nördlich von Samaria im Dothan-Tal liegt (Tell el-Muhaffar). Num 27 scheint also wie viele Familiengeschichten im Pentateuch mindestens auch eine Ätiologie zu sein, die erklären soll, warum die Orte oder Regionen Tirza, Noa, Hogla und Machla (sowie wahrscheinlich auch Milka) zu einer bestimmten Zeit politisch zu Hefer gehörten – was wahrscheinlich macht, dass alle in der Nähe von Hefer lagen.
Ein zweites Indiz ist der Vers , der nach einer der überlieferten Textvarianten lautet: „Damals besiegte König Menahem von Tirza aus die Stadt Tappuach (…)“. Danach scheint Tirza in der Nähe von Tappuach (Tell Abu Zarad) zu liegen.
Die einigermaßen sicher identifizierbaren unter den eben genannten Orten sind auf der Karte markiert; man kann aus diesen beiden Bibelstellen aber nur ableiten, dass sich Tirza wahrscheinlich irgendwo in der noch recht großen Region zwischen Hefer, Abel-Mehola und Tappuach befunden haben dürfte. Nimmt man die Bibel als Tatsachen-Bericht und sucht daher nach Orten, die bereits in der Spätbronzezeit besiedelt waren und die in der frühen Königszeit eine Königsstadt gewesen sein könnten, ist Tell el-Fārʿa ein geeigneterer Kandidat als viele andere Orte in dieser Region. Sehr gut ist er aber auch nach diesen Kriterien nicht geeignet; mehrere Charakteristika Tell el-Fārʿas widersprechen dem biblischen Zeugnis (s. u.).
Ausgrabungen und Ergebnisse
Umstände und Charakter der Ausgrabung
Tell el-Fārʿa hat eine sehr lange Siedlungsgeschichte; die ersten Funde stammen aus dem siebten Jahrtausend v. Chr.Michaël Jasmin (2013): Tell el-Farˀah (N) [sic]. In: Daniel M. Master (Hrsg.): The Oxford Encyclopedia of the Bible and Archaeology. Oxford 2013, S. 394. Ausgegraben wurde der Ort allerdings von 1946 bis 1960 – just, bevor sich auch in der Archäologie Palästinas die Analyse der Stratigraphie als archäologische Methode durchsetzte und die biblische Archäologie zunehmend verwissenschaftlicht wurde. Der Ausgrabungsleiter Roland de Vaux legte seinen Fokus daher erstens sehr stark auf die Bronze- und Eisenzeit als der Zeitspanne, in der die biblischen Erzählungen spielen, grub zweitens den Ort auf eine Weise aus und interpretierte seine Funde auf eine Weise, die heutigen wissenschaftlichen Ansprüchen nicht mehr genügen, und verstarb drittens noch vor Veröffentlichung eines Abschlussberichts, den danach andere Archäologen auf Basis seiner Aufzeichnungen besorgen mussten.
Das führt dazu, dass die Ergebnisse der Ausgrabungen nicht sehr sicher sind: Im Falle der Bronzezeit kam schon der Verfasser des Abschlussberichts, Joël Mallet, bei der Interpretation von de Vaux’ Fotos und Aufzeichnungen zu sehr anderen Ergebnissen als dieser;Joël Mallet (1987): Tell el-Fârʿah II: Le Bronze Moyen. Stratigraphie des vestiges du Bronze moyen II (1re moitié du 11e millénaire av. J.C.) dans les chantiers principaux II nord et IV. Texte es Planches. Paris 1987. William G. Dever hat diese Interpretationen dann noch einmal revidiert.William G. Dever (1989): Tell el-Fârʿah II, 1; 2. In: Paléorient. Band 15, Nr. 2, 1989, S. 154–158. Die noch besser dokumentierten Funde aus der Eisenzeit sind noch umstrittener. Unter anderem deshalb wird der Ort aktuell noch einmal von Neuem ausgegraben.tellelfara.com. (abgerufen am 16. Januar 2024). Bisher wurde jedoch noch wenig von diesen neuen Ausgrabungen veröffentlicht.
Bronzezeit
Nach einer langen und noch unerklärten Besiedlungslücke von gut 600 Jahren in der frühen BronzezeitJohn C. H. Laughlin (2006): Farʿah, Tell el- (North) – Biblical Tirzah? Is there a Wall of „Separation“? In: Ders.: Fifty Major Cities of the Bible. From Dan to Beersheba. London / New York 2006, S. 116–119, hier S. 117 f. wurde der Ort im 19. Jahrhundert v. Chr. als unbefestigtes Dorf neu errichtet und bestand als solches bis Ende des 18. Jahrhunderts fort.
Ab ~1700 v. Chr. wuchs dieses Dorf dann jedoch auf Stadtgröße an, wurde mit einer massiven Stadtmauer gesichert und mit einem Stadttor ausgestattet. Dieses Tor ist mit am besten dokumentiert, da hier ab dieser Zeit vielleicht auch eine Kultstätte nachzuweisen ist: Im Tor scheint eine Mazzebe aufgestellt worden zu sein, davor ein steinernes Becken für Libationen, bei denen als Opfer für die in der Mazzebe präsent gedachte Gottheit wahrscheinlich bei Betreten und Verlassen der Stadt Wasser ausgegossen wurde.
Schon aus der Zeit vor 1700 stammt außerdem eine unterirdische Kammer. De Vaux hat sie wegen dort gefundener Ferkel-Knochen und einer Favissa als den unterirdischen Teil eines Tempels gedeutet, da auch in Alalach in der heutigen Türkei in einer solchen Kammer unter einem Tempel Ferkelknochen gefunden wurden. Jill KatzJill Katz (2013): The Archaeology of Cult in Middle Bronze Age Canaan. The Sacred Area at Tel Haror, Israel. Piscataway 2013, S. 139 f. hält De Vaux’ Interpretation für einigermaßen überzeugend, obwohl dafür angenommen werden muss, dass der über dieser Kammer vermutete Tempel spurlos verschwunden und archäologisch nicht mehr nachweisbar ist, und obwohl auch die nur wenige Tonscherben enthaltende „Favissa“ kaum diesen Namen verdient. Mervyn D. Fowler dagegen hat sowohl gegen den religiösen Charakter der unterirdischen Kammer als auch des Stadttors argumentiert; im letzteren Falle mit dem Hinweis darauf, dass die Mazzebe andernorts gefunden wurde und man nur wegen eines Podests ihren ursprünglichen Standort im Tor vermutet.Mervyn D. Fowler (1981): Cultic Continuity at Tirzah? A Re-Examination of the Archaeological Evidence. In: Palestine Exploration Quarterly (PEQ). Band 113, Nr. 1, 1981, S. 27–31. Spätere Archäologen schlossen sich jedoch in beiden Fällen der Interpretation von de Vaux an, nicht der von Fowler.
De Vaux geht weiterhin davon aus, dass spärliche Funde darauf hindeuten, dass die mittelbronzezeitliche Stadt auch noch in der Spätbronzezeit (16.–13. Jhd.) bewohnt war, und datiert die nächste Siedlungsphase („Phase VIIa“), die für ihn lückenlos an die spätbronzezeitliche Phase anschließt, in den Anfang der frühen Eisenzeit (12. Jhd.). Israel Finkelstein jedoch hat eingewandt, dass tatsächlich fast nur die Funde in Tell el-Fārʿas Gräbern in die Spätbronzezeit und kein einziger Fund sicher in die Früheisenzeit datiert werden kann, so dass Tell el-Fārʿa nach Anfang der Spätbronzezeit (16. Jhd.) wieder für mehrere Jahrhunderte verlassen gewesen zu sein scheint.Israel Finkelstein (2013): The Forgotten Kingdom. The Archaeology and History of Northern Israel. Atlanta 2013, S. 69 f. Jüngere Archäologen haben ihm darin zugestimmt (aber siehe im nächsten Abschnitt). Sollte Tell el-Fārʿa also in der Tat Tirza sein, ist mindestens die biblische Auskunft in , Tirza sei am Übergang von Spätbronze- zu Früheisenzeit durch die Israeliten von Kanaanäern erobert worden, unrichtig.
Tell el-Fārʿa gehört damit gemeinsam mit den geschichtlich sehr wichtigen Orten Jerusalem, Dotan und Gibeon zu einer Ortsgruppe, die in der mittleren Bronzezeit und frühen Eisenzeit besiedelt waren, in der Spätbronzezeit aber nicht, und in denen dennoch auch zu dieser Zeit die Gräber der Ortschaft weiterhin in Gebrauch waren. Diese merkwürdige Siedlungsgeschichte wird von Historikern noch nicht gut verstanden.
Besonders bemerkenswert ist unter den Gräbern ein sog. „Doppel-Pithos-Begräbnis“, das bei anderen Fundorten als Indiz für die Präsenz von Seevölkern oder Hethitern interpretiert wird (s. Religion der Philister).
Eisenzeit
Zahl und Datierung der einzelnen Siedlungsphasen
De Vaux interpretierte seine Ausgrabungsergebnisse so, dass sich in der Eisenzeit fünf aufeinanderfolgende Siedlungsphasen („Straten“) unterscheiden ließen. Seit den späten 90ern hat es sich stattdessen durchgesetzt, diese zu den nur vier Phasen VIIa, VIIb, VIIcd und VIIe zusammenzunehmen.Z. B. Ze'ev Herzog, Lily Singer-Avitz (2006): Sub-dividing the Iron Age IIA in Northern Israel: A Suggested Solution to the Chronological Debate. In: Tel Aviv. Band 33, S. 163–195, hier S. 175.