mini|Vietnam Ende 1757: Das Herrschafts- und Einflussgebiet der Trịnh-Fürsten (Đàng Ngoài bzw. Tonkin) in rot, das Territorium der Nguyễn-Fürsten (Đàng Trong bzw. Cochinchina) in blauviolett. Die Nguyễn-Fürsten (vietn. Chúa Nguyễn, chữ Nôm: , engl. Nguyễn lords), auch Nguyễn-Clan oder Nguyễn-Phúc-Familie, waren ein vietnamesisches Herrschergeschlecht, das von Mitte des 16. bis Ende des 18. Jahrhunderts den südlichen Teil Vietnams regierte.
Der Norden des Landes wurde während dieser Zeit von den verfeindeten Trịnh-Fürsten beherrscht. Sowohl die Trịnh- als auch die Nguyễn-Familienoberhäupter erkannten die machtlosen Kaiser der Lê-Dynastie als rechtmäßige Herrscher an und verwendeten für sich selbst den Titel Chúa („Herr“).
Das von den Nguyễn-Fürsten beherrschte Staatswesen wurde als Đàng Trong, Nam Hà, Quảng Nam/Quinam oder Cochinchina bezeichnet. Es war mit seinem Haupthafen Hội An eine florierende maritime Handelsmacht am Südchinesischen Meer. Das hochgerüstete Nguyễn-Militär wehrte mehrere Invasionsversuche der zahlenmäßig deutlich überlegenen Trịnh-Streitkräfte ab und eroberte im Süden Champa und den damaligen Osten Kambodschas (Saigon und das Mekongdelta). Ein wesentlicher Teil der vietnamesischen Südexpansion fand somit unter der Herrschaft der Nguyễn-Fürsten statt.
Im Jahr 1777 wurden die Nguyễn von den Tây-Sơn-Rebellen vernichtet. Ein überlebendes Familienmitglied, Nguyễn Phúc Ánh, besiegte jedoch die Rebellen und begründete 1802 die Nguyễn-Kaiserdynastie.
Herkunft Der Nguyễn-Clan stammte ursprünglich – wie auch die Lê und die Trịnh – aus der nördlichen Provinz Thanh Hóa. Die Nguyễn-Herkunftssage führte die Abstammung der Familie auf den Stammvater Nguyễn Bặc zurück, einen Staatsmann der Đinh-Dynastie im 10. Jahrhundert.
Der historisch fassbare Begründer der Familie ist Nguyễn Công Duẩn, Anfang des 15. Jahrhunderts Verwalter des Landguts Gia Miêu im Bezirk Tống Sơn (heute Gemeinde Hà Long im Bezirk Hà Trung) in der Provinz Thanh Hóa. Dieser unterstützte Lê Lợi im Unabhängigkeitskampf gegen Ming-China, weshalb sein Clan während der Lê-Dynastie (ab 1428) zu den führenden Familien des Reiches zählte. Sein ältester Sohn Nguyễn Đức Trung gehörte zu den Militärführern, die Lê Thánh Tông 1460 auf den Thron brachten und amtierte später als Provinz-Befehlshaber von Thanh Hóa. Nguyễn Đức Trungs Tochter Nguyễn Thị Hằng (Trường Lạc) trat in den kaiserlichen Palast ein und wurde nach Geburt des Kronprinzen die Hauptfrau Kaiser Lê Thánh Tôngs. Nach dem Tod ihres Mannes erlangte sie als Kaiserinwitwe großen Einfluss während der Regierungszeiten ihres Sohnes Lê Hiến Tông (1497–1504) sowie ihres Enkels Lê Túc Tông (1504). Über zweihundert Träger des Familiennamens Nguyễn wurden in diesen Jahren Hofbeamte.Cooke: Regionalism and the Nature of Nguyen Rule in Seventeenth-Century Dang Trong (Cochinchina), S. 127–129.
Ein zweiter Enkel, Lê Uy Mục, wurde 1505 neuer Kaiser und ließ seine Großmutter (die ihn wegen seiner bäuerlichen Abstammung mütterlicherseits abgelehnt hatte) wenig später ermorden. Kaiser Lê Uy Mụcs tyrannische Herrschaft endete schließlich 1509, als er von einer Thanh-Hóa-Rebellenarmee unter der Führung des Nguyễn Văn Lang (eines jüngeren Cousins der Kaiserinwitwe) gestürzt und getötet wurde. Neuer Kaiser von Gnaden der Thanh-Hóa-Aristokratie wurde Lê Tương Dực, dessen glücklose Regierungszeit von der Trần-Cao-Rebellion geprägt war. Nach dem Tod des Nguyễn Văn Lang 1513 kam es zum Konflikt zwischen seinem Sohn Nguyễn Hoằng Dụ und seinem einstigen Gefolgsmann Trịnh Duy Sản aus der Trịnh-Familie, dem dritten großen Clan Thanh Hóas. Trịnh Duy Sản tötete 1516 den Lê-Kaiser, womit das Land endgültig in einem chaotischen Thronfolgekrieg versank. Als neue Partei trat die Mạc-Familie auf, die im Gegensatz zu den anderen nicht aus Thanh Hóa, sondern aus dem Delta des Roten Flusses stammte. Mạc Đăng Dung brachte 1522 zunächst seinen eigenen Lê-Kandidaten auf den Kaiserthron, ließ diesen dann aber 1527 – nach Sicherung seiner Macht – beseitigen, um selbst erster Kaiser der Mạc-Dynastie zu werden.
Das neue Oberhaupt des Nguyễn-Clans, Nguyễn Kim, floh 1529 vor den Mạc ins Exil nach Laos. Nguyễn Kim wurde häufig als Sohn des Nguyễn Hoằng Dụ bezeichnet, war aber vermutlich dessen Großcousin.Cooke: Regionalism and the Nature of Nguyen Rule in Seventeenth-Century Dang Trong (Cochinchina), S. 127–132. Im Jahr 1533 proklamierte er einen Lê-Prinzen, Lê Duy Ninh, der spätere Kaiser Lê Trang Tông, zum Gegenkaiser, was als Beginn des Lê-Mạc-Krieges gilt. Bis 1543 hatte er die Provinz Thanh Hóa zurückerobert, fiel aber zwei Jahre später dem Attentat eines vermeintlichen Mạc-Überläufers namens Dương Chấp Nhất zum Opfer.
Nach Nguyễn Kims Tod übernahm sein wichtigster General und Schwiegersohn Trịnh Kiểm die Führung der Lê-Allianz. Trịnh Kiểm beanspruchte eine Abstammung aus dem aristokratischen Trịnh-Clan, war aber in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen. Bald nach seiner Machtübernahme ließ er Nguyễn Kims ältesten leiblichen Sohn, Nguyễn Uông, als potentiellen Rivalen töten. Dessen jüngerer Bruder Nguyễn Hoàng galt als geistig zurückgeblieben und stellte daher aus Sicht Trịnh Kiểms keine Gefahr dar. Nach Vermittlung durch Nguyễn Thị Ngọc Bảo, Nguyễn Hoàngs Schwester und Trịnh Kiểms Ehefrau, erhielt Nguyễn Hoàng dann im Jahr 1558 die Statthalterschaft über die Gebiete an der damaligen Südgrenze des vietnamesischen Reiches zugesprochen und siedelte sich mit seinen Gefolgsleuten dort an. Daraus entwickelte sich mit der Zeit ein eigenständiger Herrschaftsverband.Taylor: A History of the Vietnamese, S. 242–249.
Beginnend mit seinem Sohn Nguyễn Phúc Nguyên (reg. 1613–1635) verwendeten sämtliche Familienmitglieder den Doppelnamen Nguyễn Phúc (alternativ Nguyễn Phước geschrieben, chữ Hán: 阮福), um sich von anderen Nguyễn-Familien abzugrenzen.Taylor: A History of the Vietnamese, S. 267.
Von den 1560er-Jahren bis in die 1590er-Jahre kämpften die Trịnh und Nguyễn gemeinsam gegen die Mạc. Die Trịnh konnten die Mạc zurückdrängen, kontrollierten ab 1593 nahezu den gesamten Norden einschließlich der Hauptstadt und des Lê-Kaiserhofs und forderten in der folgenden Zeit die Unterwerfung der Nguyễn. Deren Weigerung, Steuern zu zahlen, führte schließlich 1627 zum Ausbruch des Trịnh-Nguyễn-Krieges. Obwohl den Trịnh zahlenmäßig eine drei- bis vierfache Übermacht an Soldaten zur Verfügung stand, scheiterten ihre Feldzüge in den Süden wiederholt an den Verteidigungsstellungen der Nguyễn. Nach 45 Kriegsjahren mit sechs erfolglosen Trịnh-Angriffen und einer ebenfalls erfolglosen Nguyễn-Gegenoffensive kam es 1672 zu einem informellen Waffenstillstand. Im Anschluss entwickelten sich die Staatswesen der Trịnh und Nguyễn für ein Jahrhundert lang unabhängig voneinander.Taylor: A History of the Vietnamese, S. 249–318.
Das Staatswesen der Nguyễn mini|Vietnam im 18. Jahrhundert (Ausschnitt aus einer französisch-niederländischen Karte von 1760). Der Nguyễn-Staat („Cochinchine“) in grün.
Das Kerngebiet des Nguyễn-Herrschaftsgebietes war das heutige Zentralvietnam. Nguyễn Hoàng regierte ab 1558 die Provinz Thuận Hóa (heute Quảng Bình, Quảng Trị und Thừa Thiên Huế). Ende 1569 kam die daran angrenzende Provinz Quảng Nam hinzu. Die weiter südlich gelegenen Territorien Quảng Ngãi, Bình Định und Phú Yên galten als wildes Grenzland und wurden erst von den Nguyễn administrativ organisiert. Die noch südlicheren Gebiete waren zu dieser Zeit noch nicht vietnamesisch besiedelt, sondern gehörten zu Champa und Kambodscha. Die Residenz der Nguyễn-Fürsten befand sich anfangs im Raum Quảng Trị, später dann in Phú Xuân (Huế). Die wichtigste Stadt war hingegen das Handelszentrum Hội An (von den Europäern Faifo genannt) in der Provinz Quảng Nam.Taylor: A History of the Vietnamese, S. 248, 266–270.
Das südliche Staatswesen hatte keinen offiziellen Namen, da es weiterhin als Teil des gesamtvietnamesischen Reiches (Đại Việt) angesehen wurde. Im Sprachgebrauch wurde es als Đàng Trong (Nôm: , „Innerer Kreis“/„Innere Region“) oder als Nam Hà (Hán: 南河, „Südlich des Flusses“, bezogen auf den Grenzfluss Gianh) bezeichnet. Im Ausland wurde das Nguyễn-Territorium nach der wirtschaftlich bedeutendsten Provinz häufig Quảng-Nam-Staat (Quảng Nam Quốc, 廣南國) genannt, von den Europäern zu Quinam abgewandelt. Alternativ wurde die Bezeichnung Cochinchina verwendet. Der Nguyễn-Fürst wurde als König von Quinam oder als König von Cochinchina tituliert.Taylor: A History of the Vietnamese, S. 272–273.Pieter C. Emmer, Jos J.L. Gommans: The Dutch Overseas Empire, 1600–1800, Cambridge University Press, Cambridge 2020, S. 384.
Da sich die Nguyễn-Fürsten zumindest bis 1672 quasi dauerhaft im Krieg befanden – zunächst mit den Mạc, später mit den Trịnh sowie zeitweise im Süden mit den Cham und Kambodschanern – war ihr Staatswesen in hohem Maße militärisch geprägt. Charakteristisch für das Nguyễn-Militär waren eine starke Marine (bestehend aus Ruderschiffen für den küstennahen Einsatz), eine fortschrittliche Artillerietruppe (ausgerüstet sowohl mit portugiesischen Bocarro-Kanonen als auch eigenen Anfertigungen), der Bau umfangreicher Festungsanlagen zur Abwehr der Trịnh (die Wälle von Đồng Hới) sowie der Einsatz von Kriegselefanten.
Das Rückgrat des Militärs – und der Nguyễn-Herrschaft im Allgemeinen – stellten die Nachfahren der Kriegerclans aus Thanh Hóa dar, die mit Nguyễn Hoàng im 16. Jahrhundert in den Süden gezogen waren. Die Nachkommen von Familien, die bereits vor den Nguyễn im Süden gelebt hatten, galten hingegen bestenfalls als Untertanen zweiter Klasse. Noch schlechter war die Situation ethnischer Minderheiten, die zunehmend von vietnamesischen Siedlern und Militärkolonisten verdrängt oder versklavt wurden. Aus diesem Grund wird der Nguyễn-Staat gelegentlich als kolonialistisch bezeichnet. Erst Anfang des 18. Jahrhunderts, als das Thanh-Hóa-Erbe der Nguyễn an Bedeutung verloren hatte, entstand eine eigenständige südliche Identität.Cooke: Regionalism and the Nature of Nguyen Rule in Seventeenth-Century Dang Trong (Cochinchina), S. 142–161. Zur Sklaverei siehe Tana Li: An Alternative Vietnam?, S. 118–119.
Die Administration des Nguyễn-Staatwesens war zunächst ebenfalls rein militärisch und stützte sich auf Garnisonen als Verwaltungszentren. Im Jahr 1614 wurden als Regierungsapparat „drei Büros“ (tam ty, 三司) eingerichtet: Das Büro der Garde befasste sich mit der militärischen Verwaltung der Nguyễn-Hauptstadt, deren Umland sowie einigen strategisch wichtigen Orten. Das Büro der Garnisonen kümmerte sich um die in den Provinzen stationierten Truppen, besonders um deren Ausbildung und Versorgung. Das Büro der Kommissare war für die nicht-militärische Rechtsprechung zuständig. Hinzu kam eine vierte Organisation, das Büro des Inneren Hofes, das für die Finanzen (einschließlich Handel) und die persönlichen Angelegenheiten der Nguyễn-Herrscher verantwortlich war. Ab 1615 wurde das Land in Präfekturen und Bezirke eingeteilt, was die Erstellung von Bewohnerregistern und das direkte Eintreiben der Steuern ermöglichte. Dieses relativ einfache und geradlinige Verwaltungssystem blieb grundsätzlich bis ins 18. Jahrhundert bestehen. Es nahm jedoch die Bedeutung von Zivilbeamten zu, da ab Mitte des 17. Jahrhunderts auch im Süden regelmäßig Gelehrtenprüfungen durchgeführt wurden. Diese Prüfungen waren praxisorientierter und weniger akademisch als die des Nordens. Im Rahmen der Unabhängigkeitsbestrebungen wurde in den 1740er-Jahren die gesamte Nguyễn-Administration umgebaut und stark vergrößert, um Phú Xuân (Huế) auf das gleiche Niveau wie Đông Kinh (Hanoi) zu bringen. Insbesondere wurden die klassischen Sechs Ministerien als Kernelement eines sinisierten Staatswesens eingerichtet.Taylor: A History of the Vietnamese, S. 268–271, 299, 326–327, 331–332.