mini|Die Sängersklavin Anis al-Dschalis auf dem Sklavenmarkt von Basra, Otto Pilny, 1916.
Die Sklavin Anis al-Dschalis, auch Die Sklavin Anis al-Dschalis und Nur al-Din Ibn Chakan, ist eine orientalische Liebesgeschichte aus der Sammlung der Geschichten aus Tausendundeine Nacht. In der Arabian Nights Encyclopedia wird sie als ANE 35Ulrich Marzolph, Richard van Leeuwen und Hassan Wassouf: The Arabian Nights Encyclopedia, ABC-Clio, Santa Barbara 2004, S. 316f. gelistet (→ Tausendundeine Nacht – Liste der Geschichten).
Die Geschichte erzählt von der Liebe zwischen der umsichtigen Sängersklavin Anis al-Dschalis (), die in Basra auf dem Sklavenmarkt verkauft wird, und Nur al-Din Ali Ibn Chakan, dem gutherzigen, aber fahrlässigen Sohn des Wesirs von Basra.Enno Littmann: Die Erzählungen aus den tausendundein Nächten, Insel Verlag, Frankfurt 1968, Band 1, S. 406–460.Claudia Ott: Tausendundeine Nacht, C.H. Beck, München 2006, S. 495–551.Gustav Weil: Tausend und eine Nacht - Arabische Erzählungen, Karl Müller Verlag, Erlangen 1984 (Erstausgabe 1839), Band 1, S. 255–289.Max Habicht: Tausend und eine Nacht – Arabische Erzählungen, F.W. Hendel Verlag, Leipzig 1926 (Breslauer Edition und Tunesische Handschrift), Band 4, S. 94–171.
Das Märchen spielt im Irak zur Zeit des Abbasiden-Kalifates während der Regentschaft von Hārūn al-Raschīd (reg. 786 bis 809). Der Name Anis al-Dschalis wurde in weiteren Kontexten verwendet, darunter in einem Roman von Nagib Mahfuz.
Handlung mini|Die Sklavin Anis al-Dschalis wird präsentiert; Henry Justice Ford, 1898.
Kauf einer Sklavin (201. bis 203. Nacht) In Basra herrscht der gute, rechtschaffene und die Armen und Obdachlosen liebende König bzw. Sultan Muhammad Ibn Suleiman al-Zainabi, der zwei Wesire hat: den gütigen al-Fadl Ibn Chakan und den bösartigen al-Muin Ibn Sawi. Eines Tages befiehlt der Sultan seinem Wesir al-Fadl Ibn Chakan, auf den Sklavenmarkt zu gehen und dort das schönste Mädchen für seinen Harem zu kaufen. Pflichtbewusst begibt sich al-Fadl zum Sklavenmarkt, wo ein Makler für ihn die Sklavin Anis al-Dschalis ausfindig macht. Die junge Frau wird nackt dem Wesir präsentiert, der von ihrer makellosen körperlichen Schönheit sofort angetan ist. Zudem ist sie sehr gebildet: Sie beherrscht Kalligrafie, Rhetorik, arabische Philologie, Koranauslegung, Medizin, Grammatik und islamische Rechtswissenschaft und kann sämtliche Musikinstrumente spielen. Al-Fadl Ibn Chakan erwirbt die junge Sklavin schließlich für insgesamt zehntausend Dinare und bringt sie – auf Anraten des Sklavenhändlers – zunächst in sein eigenes Haus. Dort soll sie zwei Wochen verweilen, um sich von den Strapazen ihrer Reise zu erholen und ihr natürliches Äußeres wiederzuerlangen, ehe sie dem Sultan überbracht wird. Dort schärft al-Fadl dem Sklavenmädchen ein, er habe sie für den Sultan gekauft. Sie solle sich in seinem Haus unbedingt von seinem Sohn Nur al-Din fernhalten, da dieser „ein wahrer Satan“ sei und schon jedem Mädchen im Viertel die Ehre genommen habe. Einige Zeit vergeht, bis Anis al-Dschalis eines Tages im hauseigenen Hamam ein Bad nimmt.
Eine romantische Begegnung (204. bis 206. Nacht) mini|Nur al-Din dringt in Anis al-Dschalis Kammer ein; Henry Justice Ford, 1898.
Als Anis al-Dschalis sich nach dem Bad in ihre Kammer begibt, hört sie erstmals die Stimme des Wesir-Sohnes Nur al-Din. Neugierig geht sie zur Kammertür und erhascht einen Blick auf Nur al-Din, dessen schöne Gestalt ihr sogleich einen Seufzer entlockt. Im selben Moment wendet sich Nur al-Din zufällig um und erblickt die schöne junge Frau. Beide sind auf den ersten Blick ineinander verliebt. Nur al-Din, der betrunken ist, betritt Anis al-Dschalis Kammer und fragt sie, ob sie die Sklavin sei, die sein Vater für ihn gekauft habe. Anis bejaht wahrheitswidrig, woraufhin beide sich sofort der Liebe hingeben, bei der Anis al-Dschalis ihre Jungfernschaft verliert. Die entsetzten Dienersklavinnen informieren die Hausherrin, Nur al-Dins Mutter, dass ihr Sohn zu Anis in die Kammer gegangen sei und sie geküsst habe. Die Mutter sucht Anis auf, die auf die Frage, ob Nur al-Din „die gewisse Sache“ mit ihr getrieben habe, antwortet: „Nur dreimal, nicht öfter!“ Die Mutter ist fassungslos, vor allem weil ihr Gatte al-Fadl soeben nach Hause zurückkehrt. Sie lässt ihn schwören, dass er ihr in allem, was sie sagt, gehorchen werde, was al-Fadl ihr zusichert. Daraufhin erzählt sie ihm den Vorfall. Al-Fadl sackt verzweifelt in sich zusammen. Seine Gattin bietet ihm an, den Schaden wieder gut zu machen, indem sie ihm den Kaufpreis aus ihrem Vermögen erstattet. Doch al-Fadls größte Sorge ist, dass sein Rivale, der Wesir al-Muin Ibn Sawi, von der Angelegenheit erfährt und beim Sultan intrigiert, um seinem Rivalen Besitz und Leben zu nehmen. Seine Frau beruhigt ihn. Nur al-Din jedoch wagt aus Angst nicht, seinem Vater unter die Augen zu treten. Es vergeht ein ganzer Monat. Schließlich schlägt Nur al-Dins Mutter ihrem Gatten vor, sich mit dem Sohn wieder zu versöhnen und ihm die Sklavin Anis al-Dschalis zu schenken, den Kaufpreis erstattet sie ihm. Al-Fadl lässt seinen Sohn einen heiligen Eid schwören, dass er Anis al-Dschalis nicht verkaufen und außer ihr keine andere Frau heiraten werde, was Nur al-Din ihm zusichert. Daraufhin lebt er mit ihr ein glückliches Jahr zusammen, während Gott den Sultan die Angelegenheit mit dem Sklavenmädchen vergessen lässt. Al-Fadl erkrankt jedoch schwer und stirbt schließlich. Nur al-Din versinkt in tiefer Trauer, genauso wie die politische Elite und Bevölkerung von Basra.
Verhängnisvolle Fehler (207. bis 212. Nacht) mini|Anis al-Dschalis und Nur al-Din fliehen aus Basra. Zeichnung von F. Groß, 1838 Nur al-Din ertränkt seine Trauer in Wein, Geschenken und unzähligen Festen mit seinen Freunden und Zechkumpanen, wobei er die Warnungen seines Verwalters und auch Anis al-Dschalis ignoriert. Er lebt so lange verschwenderisch, bis er bankrott ist. Augenblicklich verlassen ihn seine Zechkumpane. Als Nur al-Din sich bei seinen Freunden Geld leihen will, lassen sie ihn im Stich. Nun ist er gezwungen, seinen Hausrat zu verkaufen. Doch auch das reicht nicht aus, um seine Schulden zu bezahlen. Anis al-Dschalis, treu zum Geliebten stehend, schlägt ihm vor, sie auf dem Sklavenmarkt zu verkaufen. Gebrochenen Herzens stimmt Nur al-Din schließlich zu und bringt sie zur Versteigerung auf den Sklavenmarkt. Zufällig kommt al-Muin Ibn Sawi vorbei und sieht, dass der Sohn seines verstorbenen Rivalen seine Sklavin verkaufen will. Al-Muin lässt sich Anis al-Dschalis zeigen, die ihm sehr gefällt. Er bietet daraufhin dem Händler viertausend Dinar als Erstgebot. Kein anderer Käufer hat jetzt den Mut, den Wesir zu überbieten. Der Sklavenhändler warnt Nur al-Din vor al-Muin, auch davor, dass dieser ihm das Geld nicht tatsächlich übergeben, sondern nur einen Scheck ausstellen, diesen aber nie einlösen werde. Der Händler schlägt ihm vor, zu einer List zu greifen und so zu tun, als habe Nur al-Din seine Sklavin in Wirklichkeit gar nicht verkaufen wollen, sondern sie nur auf den Markt gebracht, um ihr eine drohende Lektion wegen Ungehorsams zu erteilen. Nur al-Din befolgt den Rat. Doch al-Muin Ibn Sawi will nicht auf Anis al-Dschalis verzichten und will Nur al-Din mit seinem Pferd niedertrampeln. Doch Nur al-Din wehrt sich. Er verprügelt den Wesir und verlässt mit Anis al-Dschalis den Markt. Der geprügelte Wesir beklagt sich bei Sultan Muhammad Ibn Suleiman al-Zainabi und erzählt ihm die Geschichte, einschließlich der Herkunft von Anis al-Dschalis und dass der verstorbene Wesir al-Fadl sie dem Sultan vorenthalten hat. Wutentbrannt schickt der Sultan Soldaten aus, um Nur al-Din und Anis al-Dschalis festzunehmen. Durch Hilfe eines Kämmerers, eines ehemaligen Mameluken, werden die beiden gewarnt und können rechtzeitig aus Basra fliehen, bevor die Soldaten des Sultans ihr Haus erreichen, es plündern und dem Erdboden gleichmachen können.
Im Lustgarten von Bagdad (213. bis 222. Nacht) mini|Die Sklavin Anis al-Dschalis, ihr Herr Nur al-Din und Scheich Ibrahim; Henry Justice Ford, 1898.
Am Euphrat angekommen, besteigen Nur al-Din und Anis al-Dschalis ein Schiff, das den Fluss hinauf nach Bagdad segelt. Dort wandern sie durch die Stadt, wo sie zu einem verschlossenen Garten gelangen, den man den Lustgarten nennt. Dort lassen sie sich nieder und schlafen auf einer Bank ein. Im Park steht ein Gartenschloss, der Palast der Statuen. Verwaltet wird der Park von einem alten Gärtner namens Scheich Ibrahim, der sich regelmäßig über unbefugte Besucher ärgert. Als er den Park verlässt, um in der Stadt Besorgungen zu machen, findet er beide auf der Parkbank schlafend vor. Zunächst will er an den beiden ein Exempel statuieren, besinnt sich jedoch und will wissen, was sie in den Garten verschlagen hat. Er ist bezaubert von dem schönen Liebespaar und lädt sie schließlich in den Garten ein, wobei er sich wahrheitswidrig als Besitzer ausgibt. Nur al-Din gibt Ibrahim zwei Dirham, wovon dieser Speisen kauft, damit sie zusammen essen können; wobei sie das Schloss betreten, um dort zu speisen. Nur al-Din bittet Scheich Ibrahim um Wein, woraufhin der empörte gläubige Muslim entgegnet, dass er dreimal die Pilgerfahrt vollzogen hat und an so etwas wie Wein nicht einmal denke. Durch einen Rechtskniff bringt Nur al-Din ihn schließlich doch dazu, Wein zu kaufen und zu ihnen zu bringen. Anis al-Dschalis erlaubt sich einen Spaß und bringt Ibrahim schließlich dazu, sich nicht nur zu dem Trinkgelage dazuzugesellen, sondern schließlich auch selbst sich exzessiv zu betrinken. Um mehr Licht zu haben, zünden Nur al-Din und Anis al-Dschalis sämtliche Kerzen und Öllampen im Schloss an. Von seinem Palast sieht der Kalif Hārūn al-Raschīd das nun hellerleuchtete Schloss der Statuen in der Entfernung. Neugierig will der Kalif herausfinden, was dort vorgeht, und begibt sich mit seinem Wesir Dschafar und dem Eunuchen Masrur verkleidet durch die Stadt zum Lustgarten und dem Schloss, wo sie versteckt die Feiernden vorfinden. Anis al-Dschalis beginnt auf der Laute zu spielen und zu singen. Ihr Gesang und Musikspiel besänftigt den Kalifen, woraufhin dieser sich als Fischer verkleidet und Fisch zum Schloss bringt. Als Dank bezahlt Nur al-Din den Kalifen mit etwas Geld, doch dieser will Anis al-Dschalis singen hören, was sie tut. Der Kalif ist hingerissen und Nur al-Din – berauscht von Wein und in alte Muster zurückfallend – schenkt ihm spontan seine Sklavin Anis al-Dschalis. Anis al-Dschalis singt weitere Verse, die von ihrem Leid und ihrer Liebe zu Nur al-Din künden. Der Kalif bittet ihn, die Geschichte zu erzählen.
Ein Brief und seine Folgen (223. bis 229. Nacht)