Foto von Edie Sedgwick um 1965/66 Fotograf: Nat Finkelstein Link zum Foto (Bitte Urheberrechte beachten) mini|klasse=skin-invert-image|Unterschrift Sedgwicks Edith Minturn „Edie“ Sedgwick Post (* 20. April 1943 als Edith Minturn Sedgwick in Santa Barbara, Kalifornien; † 16. November 1971 ebenda) war ein amerikanisches Fotomodell, Schauspielerin und für kurze Zeit ein Star der New Yorker High Society. Mitte der 1960er Jahre arbeitete sie als trendsetzendes Mannequin für die amerikanische Vogue. Sie war ungefähr ein Jahr lang Muse und Begleiterin von Andy Warhol. Er erkor sie zur „Queen“ seiner Factory, protegierte sie in einer Art symbiotischer Beziehung und verhalf ihr durch seine Experimentalfilme zu Achtungserfolgen, die sie zu einer Ikone der Pop- und Subkultur machten.

Sedgwicks rasantem Aufstieg zum gefeierten „It-Girl“ der glamourösen New Yorker Partygesellschaft und deren Halbwelt folgte ein langsamer, mutmaßlich von psychischer Krankheit und Drogenmissbrauch markierter Abstieg durch die Kliniken in einen frühen Tod.

Leben Familie Edith Minturn Sedgwick stammte aus einem traditionsreichen, wohlhabenden und psychotisch vorbelasteten Elternhaus mit acht Kindern. Sie war das siebte Kind des Ranchbesitzers und Bildhauers Francis „Fuzzy“ Minturn Sedgwick (1904–1967) und dessen Ehefrau Alice Delano De Forest (1908–1988). Ihre Geschwister waren Alice (* 1931), Robert Minturn II. (1933–1965), Pamela (1935–2008), Francis Minturn Jr. (1937–1964), Jonathan de Forest Minturn (* 1939), Katherine (* 1941) und Susanna (* 1945).Jean Stein: Edie: American Girl. Grove Press, 1982, Addenda

mini|Das Santa Ynez Valley in Kalifornien Die Sedgwicks prägten die Geschichte von Massachusetts seit der Besiedlung der Bay Colony und gelten als etablierte Familiendynastie mit eindrucksvollem Stammbaum. Namhafte Vorfahren waren der Senator Theodore Sedgwick und dessen Tochter, die Schriftstellerin Catharine Maria Sedgwick. Edies Großvater Ellery Sedgwick war von 1909 bis 1938 Herausgeber des Atlantic Monthly. Die Schauspielerin Kyra Sedgwick ist eine Cousine von Edie Sedgwick.

Edie Sedgwicks Familie lebte auf einer 3000-Morgen-Rinderfarm, der „Laguna-Ranch“ im Santa Ynez Valley, einem Weinanbaugebiet etwa 100 Kilometer von Santa Barbara entfernt. In den 1950er Jahren wurde Erdöl auf der Ranch gefunden, was den Reichtum der ohnehin bereits wohlhabenden Familie noch steigerte.Jean Stein: Edie: American Girl. S. 75. Die Sedgwicks residierten dort quasi in ihrer eigenen Welt. Die Eltern machten zudem privat bei jeder Gelegenheit ihren Einfluss geltend, und so wuchsen die Kinder größtenteils ohne wirklichen Kontakt zur Außenwelt auf und wurden von Kindermädchen aufgezogen.

Kindheit und Jugend Edie Sedgwick kam im Cottage Hospital in Santa Barbara zur Welt. Sie wurde nach der Lieblingstante ihres Vaters, Edith Minturn Stokes (1867–1937), benannt und bekam bereits als Kind den Kosenamen „Edie“. Das kleine Mädchen entwickelte schnell ein Talent, jede Person „um den Finger wickeln zu können“, wie sich ihre Geschwister erinnerten.Stein: Edie: American Girl. S. 63 ff.

Mit 13 Jahren wurde Edie auf die Katherine Branson School nach San Francisco geschickt. Während dieser Zeit entwickelte das pubertierende Mädchen eine Magersucht mit bulimischen Phasen. „Sie stopfte alles in sich rein, und dann übergab sie sich“, so die Schwester Susanna. Edie wurde kurzerhand von der Schule genommen und kam auf das exklusive Mädcheninternat St. Timothy’s, wo sie sich dem Basketballteam anschloss. Nach einiger Zeit rebellierte sie jedoch gegen die Lehrer, bekam Wutanfälle und wurde wieder von der Schule genommen. Mittlerweile ratlos, was sie mit ihrer „kranken“ Tochter anfangen sollten, reisten die Eltern mit ihr Anfang der 1960er Jahre nach Österreich, weil „Europa immer eine gute Lösung sei.“ Doch gleich nach der Ankunft kam es zu einer großen Auseinandersetzung, und Edie weigerte sich, „zu funktionieren“. Die Sedgwicks brachen die Reise umgehend ab. Zurück in den USA, wurde Edie im Herbst 1962 auf Anweisung ihres Vaters in die psychiatrische Klinik Silver Hill in Connecticut eingewiesen.Stein: Edie: American Girl. S. 104–110.

In Silver Hill wurde Edies Magersucht akut. Als sie nur noch knapp 45 Kilogramm wog, wurde sie vom relativ freizügigen Silver Hill in die geschlossene psychiatrische Klinik Bloomingdale Hospital in New York verlegt. Gegen Ende ihres Klinikaufenthalts wurde Edie schwanger, bekam jedoch aufgrund ihrer psychischen Vorgeschichte die Indikation zu einem Schwangerschaftsabbruch. Die Vaterschaft blieb ungeklärt.Stein: Edie: American Girl. S. 115–117.

Inwieweit Edie Sedgwicks Disposition für psychische Störungen erblich bedingt war, ist nicht eindeutig bewiesen. Ihr Vater Francis Sedgwick litt unter Asthma-Anfällen und nervösen Symptomen. Vor seiner Heirat mit Alice Delano De Forest hatte er drei Nervenzusammenbrüche und befand sich zeitweise wegen einer manisch-depressiven Psychose in Behandlung.Stein: Edie: American Girl. S. 49–50.

Cambridge, Suizid des Bruders Nachdem sie fast zwei Jahre in Kliniken verbracht hatte, ging die mittlerweile 20-jährige Sedgwick im Herbst 1963 nach Cambridge, wo bereits ihre Brüder an der Harvard University studiert hatten, um Kunstunterricht zu nehmen. Sie belegte Privatkurse bei ihrer Cousine, der Bildhauerin Lilian Saarinen, der Ehefrau von Eero Saarinen,, nbm.org, abgerufen am 1. Februar 2013. und vertrieb sich die Zeit auf dem Campus mit Cocktailpartys.Stein: Edie: American Girl. S. 119 ff. Dabei lernte sie den Harvard-Absolventen Chuck Wein kennen, der sich später als ihr Mentor und Manager ausgab. Wein war ein Anhänger des Psychologen Timothy Leary und experimentierte wie dieser mit LSD.Chuck Wein (1940–2008) arbeitete in späteren Jahren unter anderem als Nachtclub-Manager und befasste sich mit Okkultismus. Für den Jimi-Hendrix-Konzertfilm Rainbow Bridge von 1972 zeichnete er als Regisseur verantwortlich. Wein starb am 18. März 2008 an Herzversagen; vgl.: Chuck Wein Biografie in der Internet Movie Database (Abgerufen am 17. Dezember 2008); vgl. auch Stein: Edie: American Girl. S. 126, 450.

Im März des folgenden Jahres erhängte sich Sedgwicks Bruder Francis Minturn, genannt „Minty“, am Vorabend seines 26. Geburtstages in Silver Hill an einer Badezimmertür. Minty Sedgwick hatte seit seinem 15. Lebensjahr an Alkoholproblemen gelitten und war im Oktober 1963 in die Psychiatrie eingeliefert worden, weil er im Central Park vor einer Statue Reden an ein nicht vorhandenes Publikum gehalten hatte. Sedgwick war erschüttert und gab die Schuld ihrem Vater, der die homosexuellen Neigungen des Sohnes als „psychische Neurosen“ verurteilte und offensichtlich für dessen Aufenthalte in verschiedenen Nervenkliniken verantwortlich zeichnete.Stein: Edie: American Girl. S. 135–139.

New York mini|Die Upper East Side Edie Sedgwick verließ Cambridge bereits nach einem Jahr, um mit Chuck Wein nach Manhattan zu ziehen. Dort ließen sie sich zunächst im Appartement von Sedgwicks Großmutter mütterlicherseits in der Park Avenue an der Upper East Side nieder. Wein entwickelte derweil eine genaue Strategie, wie er Edie (und sich selbst) erfolgreich in die bessere Gesellschaft von New York einführen würde.Stein: Edie: American Girl. S. 176. In kurzer Zeit avancierte Edie zum ausgelassenen Partygirl, das auf keiner Tanzfläche der angesagtesten Diskotheken New Yorks fehlte. Laut Zeitzeugen bestach sie durch geistreichen Witz, faszinierte mit rauchiger Stimme und ausdrucksstarker Mimik und schien auf dem besten Wege, eine vielversprechende Nachwuchsschauspielerin zu werden. Ihre Attraktivität unterstrich sie zudem noch durch ihr äußerst spendables Wesen. „Sie genoss es, wenn sie verschwenderisch sein konnte, und zahlte meistens alle Rechnungen. Für die meisten ihrer Bekannten galt sie als unkompliziert und sympathisch, doch es gab auch eine dunkle Seite in ihrer Persönlichkeit, die erst Jahre später zutage treten sollte“, so der Warhol-Biograf David Bourdon.David Bourdon: Warhol. DuMont, Köln 1989, S. 202 f.

Modell-Karriere Mit ihrem individuellen Stil prägte die Societygröße bald die New Yorker Modeszene der 1960er Jahre. Zeitweilig arbeitete sie als Fotomodell für die aufstrebende Modedesignerin Betsey Johnson. 1964 wurde Edie von Diana Vreeland, der damaligen Chefredakteurin der Vogue, als Titelmodell engagiert. Vreeland: „Sie hatte so einen kleinen Tanzschritt in ihrem Gang. Sie war so glücklich mit der Welt. Sie war charmant. Sie suggerierte Frühling und Frische. Wie Alice im Wunderland […] Sie war hinter dem Leben her, und manchmal kam das Leben gar nicht schnell genug.“Stein: Edie: American Girl. S. 301. Sedgwicks Markenzeichen waren große braune Rehaugen, knabenhafte Figur, raffinierte Kurzhaarfrisuren, schwarze Ballettstrumpfhosen, gestreifte T-Shirts und kurze Pelzmäntel, garniert mit überdimensionalen Ohrgehängen. Überdies kultivierte sie das „kleine Schwarze“.

Andy Warhol und die „Factory“ Anfang Januar 1965 starb Sedgwicks ältester Bruder Robert „Bobby“ mit 31 Jahren bei einem Motorradunfall. Im selben Monat begegneten sich Edie Sedgwick und Andy Warhol zum ersten Mal. Der Filmproduzent Lester Persky hatte sie Warhol im Januar des Jahres als weiblichen Star für dessen „Factory“ vorgeschlagen. „Andy war zu dieser Zeit auf der Suche nach einem weiblichen Star, den er zu seinem Alter Ego formen konnte“, schrieb der Autor und Zeitzeuge Victor Bockris in seiner Warhol-Biografie und ergänzte: „Warhol war spontan von der jungen Schönheit fasziniert und sagte: ‚Ich sah sofort, dass sie mehr Probleme hatte als irgendjemand, den ich sonst kannte.‘“ Ab März 1965 waren Sedgwick und ihr Begleiter Chuck Wein ständige Besucher der Factory.Victor Bockris: Andy Warhol. Claasen Verlag, Düsseldorf 1989, S. 220 f.

Der Frühling 1965 war der Aufstieg der Edie Sedgwick: Warhol protegierte sie, schmückte sich mit ihr als Begleiterin und förderte ihren Werdegang. Er leistete seinen Teil dazu, dass sie für den begehrten Titel „Mädchen des Jahres 1965“ nominiert wurde, und brachte sie in seinen Undergroundfilmen groß heraus. Edies erster Auftritt in einem Warhol-Film war vermutlich Vinyl, eine grobe Persiflage auf Anthony Burgess’ Roman A Clockwork Orange mit Warhols rechter Hand Gerard Malanga in der Hauptrolle. Edie wurde dabei kurzerhand dekorativ auf einem großen Schrankkoffer platziert, wo sie schweigend saß und Zigaretten rauchte. Malanga meinte, sie sei „die Personifizierung des armen, kleinen, reichen Mädchens“, und tatsächlich lautete so auch der Titel des darauf folgenden Warhol-Films, in dem Edie erstmals die Hauptrolle spielte: Poor Little Rich Girl. Der Film kam völlig ohne Skript aus, weil Warhol meinte, jemand wie Edie bräuchte kein Skript, sie solle einfach nur darstellen, wie sie innerhalb von sechs Monaten ihr gesamtes Erbe verschleudert.Bockris: Andy Warhol. S. 221–223.