mini|Buchrücken Wir haben es nicht gut gemacht., 2022 Unter dem Titel „Wir haben es nicht gut gemacht.“ Der Briefwechsel. wurde am 21. November 2022 der Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Max Frisch von den Verlagen Piper und Suhrkamp gemeinsam herausgebracht.
Geschichte Der Titel der Ausgabe ist ein Zitat aus einem Brief von Frisch an Bachmann vom Juli 1963.Hans Höller, Renate Langer, Thomas Strässle, Barbara Wiedemann (Hrsg.): Ingeborg Bachmann, Max Frisch. „Wir haben es nicht gut gemacht.“ Der Briefwechsel. Piper Verlag, München/Berlin/Zürich und Suhrkamp Verlag, Berlin, 2022, S. 480, Brief 248; „Wir haben es nicht gut gemacht. Verzeih, dass ich Dich einbeziehe: auch Du, Ingeborg, hast es nicht gutgemacht.“
Herausgeber sind der österreichische Germanist Hans Höller, die Literaturwissenschaftlerin Renate Langer, der Schweizer Literaturwissenschaftler Thomas Strässle und die deutsche Literaturwissenschaftlerin Barbara Wiedemann, die auch die Koordination übernahm. Im Januar 2024 befand sich das Buch in der dritten Auflage.
Aufbau Briefe Die Texte der 297 Briefe von Bachmann, Frisch sowie Verwandten, Freunden und Bekannten wurden zwischen dem 9. Juni 1958 und dem 20. April 1973 geschrieben, also in einem Zeitraum von fast fünfzehn Jahren. Zwei weitere abgedruckte Dokumente sind nicht sicher einzuordnen.Hans Höller, Renate Langer, Thomas Strässle, Barbara Wiedemann (Hrsg.): Ingeborg Bachmann, Max Frisch. „Wir haben es nicht gut gemacht.“ Der Briefwechsel. Piper Verlag, München/Berlin/Zürich und Suhrkamp Verlag, Berlin, 2022, S. 579/580. Die Briefe erstrecken sich über fast 600 Seiten. Die meisten stammen aus der Zeit zwischen 1958 und 1963, von 1966 bis 1971 ist kein schriftlicher Austausch der beiden bekannt. Der große Umfang des Briefwechsels ist unter anderem damit zu erklären, dass Bachmann und Frisch nur vergleichsweise wenig Zeit kontinuierlich zusammen lebten, nämlich zwischen November 1959 und Oktober 1960 und April 1961 und März 1962.Hans Höller, Renate Langer, Thomas Strässle, Barbara Wiedemann (Hrsg.): Ingeborg Bachmann, Max Frisch. „Wir haben es nicht gut gemacht.“ Der Briefwechsel. Piper Verlag, München/Berlin/Zürich und Suhrkamp Verlag, Berlin, 2022, S. 641.
Zwei Drittel der Briefe sind von Bachmann, größtenteils aus dem Nachlass von Frisch an der ETH-Bibliothek in Zürich. Dort befindet sich auch ein großer Teil der Briefe von Frisch, die dort als Durchschläge oder Abschriften erhalten sind. Briefe von Frisch fehlen vor allem in Zeiten, in denen er keine Schreibmaschine zur Verfügung hatte und mit der Hand schrieb. Dies war oft in Krisenzeiten der Fall, etwa wenn er im Krankenhaus oder auf Reisen war oder umzog.Hans Höller, Renate Langer, Thomas Strässle, Barbara Wiedemann (Hrsg.): Ingeborg Bachmann, Max Frisch. „Wir haben es nicht gut gemacht.“ Der Briefwechsel. Piper Verlag, München/Berlin/Zürich und Suhrkamp Verlag, Berlin, 2022, S. 591. Nur verhältnismäßig wenige Briefe stammen aus Bachmanns Nachlass im Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien.Hans Höller, Renate Langer, Thomas Strässle, Barbara Wiedemann (Hrsg.): Ingeborg Bachmann, Max Frisch. „Wir haben es nicht gut gemacht.“ Der Briefwechsel. Piper Verlag, München/Berlin/Zürich und Suhrkamp Verlag, Berlin, 2022, S. 588. Dabei hob Bachmann ihre erhaltenen Briefe nicht etwa generell nachlässig auf, sondern das Ungleichgewicht steht im Zusammenhang mit dem Ende der Beziehung zu Frisch: Sie verlangte in einer psychisch angeschlagenen Lebenssituation am 26. März 1964 ihre Briefe von Frisch zurück – was dieser verweigerte – und kündigte an, sie werde nichts aufbewahren.Hans Höller, Renate Langer, Thomas Strässle, Barbara Wiedemann (Hrsg.): Ingeborg Bachmann, Max Frisch. „Wir haben es nicht gut gemacht.“ Der Briefwechsel. Piper Verlag, München/Berlin/Zürich und Suhrkamp Verlag, Berlin, 2022, S. 531, Brief 274.
Biografische Korrekturen Ende der Beziehung Bis zum Erscheinen des Briefwechsels herrschte die Meinung vor, Frisch habe sich nach dem Kennenlernen von Marianne Oehlers im Sommer 1962 gänzlich unerwartet von Bachmann getrennt und damit bei ihr eine psychische Krise verursacht, die sie mit Narkotika in den Griff zu bekommen versuchte. Die folgende Abhängigkeit habe zu Bachmanns Tod geführt.Hans Höller, Renate Langer, Thomas Strässle, Barbara Wiedemann (Hrsg.): Ingeborg Bachmann, Max Frisch. „Wir haben es nicht gut gemacht.“ Der Briefwechsel. Piper Verlag, München/Berlin/Zürich und Suhrkamp Verlag, Berlin, 2022, S. 598.
Durch den Briefwechsel wird aber klar: Bachmann und Frisch hatten im sogenannten Venedig-Vertrag eine offene Beziehung vereinbart, in der intime Kontakte zu Dritten nur dann dem Gegenüber mitgeteilt werden sollten, wenn sie wesentlich für einen selbst seien. Solch eine Situation trat im Frühjahr 1962 durch Bachmanns Liebe zu Paolo Chiarini ein; beide werteten dies als wesentlich für ihrer beider Verhältnis. Frisch gestand, dass er darauf nicht gefasst gewesen war.Hans Höller, Renate Langer, Thomas Strässle, Barbara Wiedemann (Hrsg.): Ingeborg Bachmann, Max Frisch. „Wir haben es nicht gut gemacht.“ Der Briefwechsel. Piper Verlag, München/Berlin/Zürich und Suhrkamp Verlag, Berlin, 2022, S. 252, Brief 143. Bachmann sah die Beziehung zu Chiarini und zu Frisch als gleichwertig an. Frisch bat um eine Entscheidung. Es wurden liebevolle Briefe gewechselt, in der zweiten Augusthälfte machten Bachmann und Frisch gemeinsam Urlaub im Gebirge.Hans Höller, Renate Langer, Thomas Strässle, Barbara Wiedemann (Hrsg.): Ingeborg Bachmann, Max Frisch: „Wir haben es nicht gut gemacht.“ Der Briefwechsel. Piper Verlag, München/Berlin/Zürich und Suhrkamp Verlag, Berlin, 2022, S. 290, Ansichtskarte 162 an Lina Frisch Erst im September begann Frischs Liebesbeziehung zu Marianne Oehlers. In der ersten Oktoberhälfte erfuhr Bachmann davon und förderte die Beziehung der beiden in ihren Briefen,Hans Höller, Renate Langer, Thomas Strässle, Barbara Wiedemann (Hrsg.): Ingeborg Bachmann, Max Frisch. „Wir haben es nicht gut gemacht.“ Der Briefwechsel. Piper Verlag, München/Berlin/Zürich und Suhrkamp Verlag, Berlin, 2022, S. 300, Brief 168; „[…]sei glücklich mit ihr[…]“ doch über eine gemeinsame Zukunft des neuen Paares war nichts entschieden.Hans Höller, Renate Langer, Thomas Strässle, Barbara Wiedemann (Hrsg.): Ingeborg Bachmann, Max Frisch. „Wir haben es nicht gut gemacht.“ Der Briefwechsel. Piper Verlag, München/Berlin/Zürich und Suhrkamp Verlag, Berlin, 2022, S. 299, Brief 168. In einer psychischen Krise sprach Bachmann in der Neujahrsnacht 1962/1963 in einem Brief von Trennung und davon, dass sie Frisch freigebe. Sie verlangte, dass alle Regelungen der Trennung von ihr allein bestimmt werden sollten.Hans Höller, Renate Langer, Thomas Strässle, Barbara Wiedemann (Hrsg.): Ingeborg Bachmann, Max Frisch. „Wir haben es nicht gut gemacht.“ Der Briefwechsel. Piper Verlag, München/Berlin/Zürich und Suhrkamp Verlag, Berlin, 2022, S. 351, Brief 197. Doch erst im gemeinsamen Gespräch der beiden im März 1963 fällt tatsächlich die gemeinsame Entscheidung, sich zu trennen.Hans Höller, Renate Langer, Thomas Strässle, Barbara Wiedemann (Hrsg.): Ingeborg Bachmann, Max Frisch. „Wir haben es nicht gut gemacht.“ Der Briefwechsel. Piper Verlag, München/Berlin/Zürich und Suhrkamp Verlag, Berlin, 2022, S. 423, Brief 232. Danach konkretisierte Bachmann die materiellen Details der Trennung.
Weitere biografische Details Bachmanns Operation von Ende Januar 1963 war lange Zeit mit einer Abtreibung in Verbindung gebracht worden. Der Briefwechsel zeigt, dass Bachmann im August 1962 erstmals Beschwerden im Unterleib hatte. Ende Januar 1963 ließ Bachmann ihre Gebärmutter entfernen. Der Zusammenhang mit einer Abtreibung beziehungsweise Kindstötung in Malina und Das Buch Franza wurde also erst durch Bachmanns literarische Verarbeitung des Ereignisses hergestellt.Hans Höller, Renate Langer, Thomas Strässle, Barbara Wiedemann (Hrsg.): Ingeborg Bachmann, Max Frisch. „Wir haben es nicht gut gemacht.“ Der Briefwechsel. Piper Verlag, München/Berlin/Zürich und Suhrkamp Verlag, Berlin, 2022, S. 600.
Bachmanns hoher Medikamentenkonsum war im Zusammenhang mit der Trennung von Frisch gesehen worden. Die Briefe zeigen einen deutlich früheren Beginn: Spätestens 1959 war die Einnahme von Schmerz-, Beruhigungs- und Aufputschmitteln so auffällig, dass Freunde sich Sorgen um Bachmann machten. Der Briefwechsel belegt die zentrale Rolle des befreundeten Schweizer Arztehepaares Heidi und Fred Auer an der Schaltstelle zu Stoffen, die wegen nachlassender Wirkung ständig nach einer Steigerung der Dosis verlangten.Hans Höller, Renate Langer, Thomas Strässle, Barbara Wiedemann (Hrsg.): Ingeborg Bachmann, Max Frisch. „Wir haben es nicht gut gemacht.“ Der Briefwechsel. Piper Verlag, München/Berlin/Zürich und Suhrkamp Verlag, Berlin, 2022, S. 628. Bereits im November 1960 spricht Bachmann von „Gewöhnung“.Hans Höller, Renate Langer, Thomas Strässle, Barbara Wiedemann (Hrsg.): Ingeborg Bachmann, Max Frisch. „Wir haben es nicht gut gemacht.“ Der Briefwechsel. Piper Verlag, München/Berlin/Zürich und Suhrkamp Verlag, Berlin, 2022, S. 194, Brief 110.
Bislang wurde das Verhältnis von Bachmann und Hans Magnus Enzensberger in der Literatur nicht erwähnt.Hans Höller, Renate Langer, Thomas Strässle, Barbara Wiedemann (Hrsg.): Ingeborg Bachmann, Max Frisch. „Wir haben es nicht gut gemacht.“ Der Briefwechsel. Piper Verlag, München/Berlin/Zürich und Suhrkamp Verlag, Berlin, 2022, S. 601. Es begann im Frühsommer 1959 auf einer gemeinsamen Fahrt der beiden nach Rom und dauerte bis in den Sommer 1960.Hans Höller, Renate Langer, Thomas Strässle, Barbara Wiedemann (Hrsg.): Ingeborg Bachmann, Max Frisch. „Wir haben es nicht gut gemacht.“ Der Briefwechsel. Piper Verlag, München/Berlin/Zürich und Suhrkamp Verlag, Berlin, 2022, S. 688, Kommentar zu Telegramm 61 vom 9. Juni 1959 Die Liebesbeziehung zwischen Bachmann und dem italienischen Germanisten Paolo Chiarini im Frühjahr 1962, wegen der die Trennung von Bachmann und Frisch im Raum stand,Hans Höller, Renate Langer, Thomas Strässle, Barbara Wiedemann (Hrsg.): Ingeborg Bachmann, Max Frisch. „Wir haben es nicht gut gemacht.“ Der Briefwechsel. Piper Verlag, München/Berlin/Zürich und Suhrkamp Verlag, Berlin, 2022, Brief 143, S. 251–259. fehlt ebenfalls in bisherigen Darstellungen.
Austausch über literarische Werke Umfang und Tiefe des Austauschs von Bachmann und Frisch über die Texte, an denen sie gerade arbeiteten, können erst jetzt erfasst werden. Bereits in den Anfängen der Beziehung war das Schreiben ein wichtiges Thema der Briefe: Bei Andorra (1958) gab Bachmann Ratschläge zum Titel.Hans Höller, Renate Langer, Thomas Strässle, Barbara Wiedemann (Hrsg.): Ingeborg Bachmann, Max Frisch. „Wir haben es nicht gut gemacht.“ Der Briefwechsel. Piper Verlag, München/Berlin/Zürich und Suhrkamp Verlag, Berlin, 2022, S. 24–25, Brief 11. Hinweise von Frisch zu Der gute Gott von Manhattan (1958) und seine detaillierten Anregungen zur Erzählung Ein Wildermuth aus dem Band Das dreißigste Jahr (1961) fanden Eingang in die Texte.Hans Höller, Renate Langer, Thomas Strässle, Barbara Wiedemann (Hrsg.): Ingeborg Bachmann, Max Frisch. „Wir haben es nicht gut gemacht.“ Der Briefwechsel. Piper Verlag, München/Berlin/Zürich und Suhrkamp Verlag, Berlin, 2022, S. 24, Brief 11.Hans Höller, Renate Langer, Thomas Strässle, Barbara Wiedemann (Hrsg.): Ingeborg Bachmann, Max Frisch. „Wir haben es nicht gut gemacht.“ Der Briefwechsel. Piper Verlag, München/Berlin/Zürich und Suhrkamp Verlag, Berlin, 2022, S. 534, Brief 209–214.
Neubewertung von Frischs Roman „Mein Name sei Gantenbein“ (1964)