mini|Mündung der Reuss in die Aare Der Auenschutzpark Aargau ist ein dezentrales Netz von Naturschutzgebieten im Schweizer Kanton Aargau, das aufgrund eines 1994 in die Verfassung des Kantons Aargau eingefügten Textabschnitts entstand. Das Schutzgebietssystem umfasst 27 Auen an mehreren Flüssen im Kanton, dessen Territorium auch nach vielen grossen Gewässerkorrektionen noch besonders umfangreiche Naturlandschaften und Biotope in den Flusstälern aufweist. Das Mündungsgebiet von Reuss und Limmat in die Aare, das auch als Wasserschloss der Schweiz bezeichnet wird, und die Landschaft an der Mündung der Aare in den Rhein sind zentrale Elemente des Auenschutzparks. mini|Mündung der Aare in den Rhein Netz von Schutzgebieten Einige Teilflächen des kantonalen Auenschutzparks waren bereits früher als Naturschutzgebiete ausgewiesen worden. Mehrere waren ganz oder mit ausgewählten Abschnitten auch schon im 1992 für das Gebiet der Schweiz erlassenen Bundesinventar der Auengebiete von nationaler Bedeutung verzeichnet. Verschiedene Auen liegen zudem innerhalb von Landschaftsschutzgebieten des Bundesinventars der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung, das seit 1977 in Kraft ist. mini|Titel einer Informationstafel beim Schutzgebiet Foort, Eggenwil Die Feuchtgebiete der Auenlandschaften sind Relikte bedeutender Lebensräume mit Auwäldern, Riedflächen, Stillgewässern und Sümpfen, in denen viele bedrohte Tier- und Pflanzenarten vorkommen. Deshalb sind zahlreiche Gebiete des Auenschutzparks Aargau zusätzlich durch die nationalen Inventare der Flachmoore und Amphibienlaichplätze geschützt. Das Aaretal bei Klingnau und die Umgebung des Flachsees bei Hermetschwil an der Reuss zählen sogar zu den Wasser- und Zugvogelreservaten mit internationaler Bedeutung. Während das Schutzgebiet bei Klingnau auch zu den Schweizer Ramsargebieten gehört,Wasser- und Zugvogelreservate Bundesamt für Umwelt, aufgerufen am 12. Januar 2024. ist die Reussebene bei Merenschwand eine wertvolle Smaragd-Landschaft gemäss dem Übereinkommen über die Erhaltung der europäischen wildlebenden Pflanzen und Tiere und ihrer natürlichen Lebensräume (Berner Konvention).

Die Auwälder mancher Gemeinden sind als kantonale Naturwaldreservate geschützt. Viele Parzellen der Auenlandschaften befinden sich im Besitz der Schweizer Naturschutzorganisation Pro Natura, die zusammen mit dem Kanton die Landschaftspflege organisiert, um die Biodiversität zu fördern. Einzelne Abschnitte des Auenschutzparks an Aare und Rhein liegen gleichzeitig im Perimeter des Juraparks Aargau.

In einigen grenzüberschreitenden Flussgebieten sind die Aargauer Naturreservate mit solchen in den Nachbarterritorien verbunden. So hängt beispielsweise die Aargauer Fläche «Oberschachen-Rüssspitz» mit Naturreservaten in den Kantonen Zug und Zürich zusammen; und bei Koblenz berührt die Aargauer Aue «Rietheim–Koblenz» mitten im Rhein das Schutzgebiet «Kadelburger Lauffen-Wutachmündung» im deutschen Bundesland Baden-Württemberg.Schutzgebiet «Kadelburger Lauffen-Wutachmündung» auf baden-wuerttemberg.de, abgerufen am 11. Januar 2024.

Geschichte mini|Stromschnelle in der Aare bei Lauffohr Viele Abschnitte der ausgedehnten Auenlandschaften, die seit dem Eiszeitalter im Kanton Aargau am Hochrhein und entlang einiger bedeutender Flüsse des Schweizer Mittellands entstanden, wurden seit dem 19. Jahrhundert durch Gewässerkorrektion, den Bau von Wasserkraftwerken und Verkehrswegen, die Ausbeutung von Kiesgruben und Flurmeliorationen beeinträchtigt oder zerstört. Naturwissenschaftler wie Rudolf Siegrist, der auch als Regierungsrat des Kantons Aargau amtete, machten auf die ökologische Bedeutung der Auen aufmerksam.Rudolf Siegrist: Die Auenwälder der Aare: mit besonderer Berücksichtigung ihres genetischen Zusammenhanges mit anderen flussbegleitenden Pflanzengesellschaften. Aarau 1913. Noch in den 1950er Jahren waren mit dem Bau des Kraftwerks Wildegg-Brugg schwere Eingriffe in die Naturlandschaft an der Aare bei Schinznach und Villnachern verbunden.Marcel Züger: Der Umiker Schachen – im Jahr 40 danach. Zustand und Zukunft eines Auengebietes. In: Brugger Neujahrsblätter. Band 105, 1995, S. 165–187; Band 106, 1996, S. 85–110. Für zahlreiche weitere Bauwerke wie etwa regionale Kläranlagen oder auch grosse Komplexe wie das Kernkraftwerk Beznau wurden gewässernahe Standorte in den Auwäldern ausgewählt. Bis in die 1980er Jahre gingen fast 90 Prozent der ehemaligen Auen im Kanton Aargau als Naturlandschaften verloren. Die übrig gebliebenen Waldflächen an den Flüssen haben auch eine Funktion für Wildtierkorridore durch die Kulturlandschaft.

Während des ganzen 20. Jahrhunderts bildeten Pläne für den Ausbau der Gewässer am Hochrhein und am Jurasüdfuss zu einer internationalen Wasserstrasse ein politisches Geschäft. Beim Bau der zahlreichen Staustufen des geplanten Transhelvetischen Kanals wären viele Auengebiete zerstört worden; in der Schachenebene bei Brugg sollte ein Hafen für die Frachtschifffahrt mit Anbindung an das Verkehrsnetz zu Land entstehen. Das seit den 1960er Jahren unter anderem von der Arbeitsgemeinschaft zum Schutz der Aare (ASA) bekämpfte Projekt gilt seit dem Beginn des 21. Jahrhunderts als erledigt.

Das vom Grossen Rat 1966 erlassene Reussuferschutzdekret bezeichnete die Landschaft an der Reuss von Bremgarten bis zur Mündung in die Aare als Schutzgebiet, in dem keine Kraftwerke oder Bauten der Schifffahrt errichtet werden dürfen. Als der Kanton Aargau in den 1960er Jahren den vom AEW geplanten Ersatz des alten Kraftwerks Zufikon oberhalb von Bremgarten mit einem Bauprogramm für den Hochwasserschutz und die Entwässerung der Reussebene verband, gehörte der Naturschutz erstmals im Kanton zu den wichtigen Projektzielen. Das nach jahrelangen Vorarbeiten in der kantonalen Volksabstimmung vom 14. Dezember 1969 angenommene Reusstalgesetz schützte auch die Auen in der Reussebene oberhalb von Bremgarten.Max Werder (u. a.): Kanton Aargau. Sanierung der Reusstalebene. Ein Partnerschaftswerk. Aarau 1982. 1989 setzte der Grosse Rat das Wasserschlossdekret in Kraft, das den Flussraum von Brugg bis Stilli unter Schutz stellte.

1991 legten acht aargauische Natur- und Umweltschutzorganisationen den Kantonsbehörden die sogenannte Aueninitiative vor, die in der kantonalen Volksabstimmung von 1993 mit einem Ja-Stimmenanteil von 67,7 Prozent angenommen wurde.Dem Trägerkomitee der Aueninitiative gehörten folgende Organisationen an: Verband der Aargauischen Natur- und Vogelschutzvereine, Aargauischer Bund für Naturschutz, Aargauer Heimatschutz, Sektion Aargau der Ärzte für Umweltschutz, Kantonalverband Aargau der Naturfreunde Schweiz, Aargauische Vereinigung für Sonnenenergie, Sektion Aargau des VCS, Sektion Aargau des WWF. Dadurch fügte der Souverän den folgenden Textabschnitt neu in die Verfassung des Kantons Aargau ein:Verfassung des Kantons Aargau 1980 (aktuelle Fassung) «Der Kanton Aargau schafft innert zwanzig Jahren nach Inkrafttreten dieser Verfassungsbestimmung zum Schutze des bedrohten Lebensraumes der Flussauen und zur Erhaltung der landschaftlich und biologisch einzigartigen, national bedeutsamen Reste der ehemaligen Auengebiete einen Auen-Schutzpark. Dieser setzt sich, ausgehend vom Wassertor der Schweiz, aus Teilflächen längs der Flüsse Aare und Reuss und ihrer Zuflüsse zusammen. Er weist eine Gesamtfläche von mindestens einem Prozent der Kantonsfläche auf.»

Seit 1994 verbesserte der Kanton aufgrund dieses Verfassungsauftrags den Schutz der ausgewählten Projektzonen. Gemäss dem 1998 vom Grossen Rat genehmigten Sachprogramm Auenschutzpark Aargau wurden in vielen Flussabschnitten Gewässerläufe renaturiert und teils neu geschaffen, alte Hochwasserschutzdämme entfernt und Amphibienlaichgebiete angelegt und in den früher forstwirtschaftlich genutzten Auwäldern naturnahe Lebensräume hergestellt. Weil die Auen auch eine Funktion als Erholungsgebiete haben, entstanden neue Fusswege durch die Schutzgebiete, während deren Nutzung sonst eingeschränkt ist. An den Kosten des mehrere Jahrzehnte dauernden Programms beteiligten sich auch der Bund, einige Gemeinden, Naturschutzorganisationen und Kraftwerksbetreiber.Renaturierung als bauliches Grossprojekt. auf ag.ch, abgerufen am 11. Januar 2024. Der kantonale Richtplan von 2011 weist 1611 Hektar als Flächen des Auenschutzparks aus, also etwas mehr als 1 Prozent der Kantonsfläche von 1403 km².

Als Wirkungskontrolle für den Auenschutzpark finden periodisch Erhebungen über die Bestände verschiedener Tierarten in den Auengebieten statt.

Liste der Parkgebiete

Bild Name Gewässer Lage CDDA-Sitecode Bemerkungen Naturschutzgebiet Meieried Rhein Mellikon— Flussufer beim Kraftwerk ReckingenAuenschutzpark Meieried auf skk.ch, abgerufen am 2. Februar 2024. 100px Rietheim-Koblenz Rhein Koblenz, Rietheim AG148581 Mit Koblenzer Laufen und Schutzgebiet Rheinaue Rietheim(BLN-Objekt Nr. 1103) 100px Naturschutzgebiet Full Rhein Flussufer bei Full— 100px Rossgarten Rhein Bei Schwaderloch 148584 100px Naturschutzgebiet Etzgen Rhein Flussufer bei Etzgen— Naturschutzgebiet Rheinsulz Rhein, Sulzerbach Flussufer zwischen Rheinsulz und Laufenburg— Haumättli Rhein Möhlin148587 Ufergebiet bei Rapperthäusern 100px Ruppoldingen Aare Rothrist555597192 Ufer am Aufstau des Kraftwerks Ruppoldingen 100px Aarau-Wildegg Aare, Rohrer Giessen, Rupperswiler Giessen Aarau, Rupperswil, Auenstein, Möriken-Wildegg555597185 Mit Zurlindeninsel, Rohrer Schachen und Auenschutzpark RupperswilAuenschutzpark Rupperswil auf raonline.ch, abgerufen am 2. Februar 2024. 100px Wildegg-Brugg Aare Brugg, Schinznach, Möriken-Wildegg, Villnachern, Holderbank Mit Schutzgebiet Umiker Schachen-Stierenhölzli 100px Naturschutzgebiet Wasserschloss Brugg-Stilli Aare, Reuss, Limmat Brugg, Gebenstorf, Windisch148590 Mit Schutzgebieten Limmatspitz, Auschachen(BLN-Objekt Nr. 1019) 100px Bachauen Villigen Aare, Reinerbach Ufergebiet bei Villigen— 100px Unteres Aaretal Aare, Klingnauer Stausee, Leuggernbach, Binnenkanal Böttstein, Klingnau, Leuggern, Döttingen, Koblenz68238 Schutzobjekt Aarelandschaft bei Klingnau (BLN-Objekt Nr. 1109) mit Schutzgebieten Gippinger Grien, Giriz, Auenreste Klingnauer StauseeRudolf Siegrist: Die Aare bei Klingnau. Eine topographisch-naturwissenschaftliche Studie. Zürich 1962 100px Grossmatt Reuss Dietwil— 100px Reussegg Reuss Nördlich von Sins555692338 Mit Pro Natura-Schutzgebiet «Aue Rüssegg» 100px Rüssspitz-Oberschachen Reuss, Reusskanal Mühlau, Merenschwand148607 Mit Flachmoor Hagnauer Schachen 100px Rickenbach-Stille Reuss Reuss Rottenschwil, Merenschwand148606 100px Rottenschwiler Moos/Flachsee Reuss, Flachsee Rottenschwil, Unterlunkhofen Mit Wasser- und Zugvogelreservat von internationaler und nationaler Bedeutung «Reuss: Bremgarten – Zufikon bis Brücke von Rottenschwil (AG)» 100px Hegnau-Gnadenthal Reuss Fischbach-Göslikon, Künten, Stetten, Bremgarten, Eggenwil, Niederwil Mit Schutzgebiet Tote Reuss-Alte Reuss 100px Reussinsel Risi Reuss Mellingen, Stetten148599 Mit Amphibienlaichgebiet «Äbereich» 100px Rüsshalden/Schönert Reuss Mellingen, Wohlenschwil148598 100px Rüsshalden-Schwingrüti Reuss Windisch, Mülligen, Birmenstorf— 100px Neuhard Limmat Spreitenbach— Ufergebiet an der Limmat 100px Chlosterschür Limmat Wettingen— Ufergebiet an der Limmat 100px Bünzaue Möriken Bünz Möriken-Wildegg347638 100px Aabachau Aabach Seengen— 100px Bleieau Wyna, Pfendelbach Gränichen—

Siehe auch Auengebiete von nationaler Bedeutung im Kanton Aargau

Literatur 20 Jahre Auenschutzpark Aargau. Sondernummer 43 der Reihe Umwelt Aargau. Hrsg.: Departement Bau, Verkehr und Umwelt des Kantons Aargau. Aarau 2015. Rudolf Siegrist: Die Auenwälder der Aare mit besonderer Berücksichtigung ihres genetischen Zusammenhanges mit anderen flussbegleitenden Pflanzengesellschaften. Aarau 1913. Heiner Keller: Das Wasserschloss der Schweiz – Lebensraum für seltene Amphibien. In: Brugger Neujahrsblätter, Band 93, 1983, S. 117–128. (DOI-Link)