mini|hochkant=1.25|Villa Adlon am Potsdamer Lehnitzsee (2013) Das Treffen von Rechtsextremisten in Potsdam war eine Zusammenkunft in der Villa Adlon am Lehnitzsee in Potsdam, die am 25. November 2023 stattfand und Mitte Januar 2024 durch einen Bericht des Medienunternehmens Correctiv publik wurde. Auf der Veranstaltung stellte der Rechtsextremist Martin Sellner als „Masterplan zur Remigration“ bezeichnete Überlegungen vor. Unter anderem sollen laut Sellner drei Gruppen Deutschland verlassen: Asylbewerber, Ausländer mit Bleiberecht und „nicht assimilierte“ (deutsche) Staatsbürger; letztere sollten durch „maßgeschneiderte Gesetze“ und „hohen Anpassungsdruck“ zur Auswanderung bewegt werden. Anwesend waren Mitglieder der AfD, CDU, ÖVP, des Vereins Werteunion, der Identitären Bewegung und weitere Personen, die über die Umsetzung diskutierten.
Sowohl die inhaltlichen Enthüllungen als auch die Vernetzung zwischen AfD und anderen Rechtsextremen führten zu einer breiten Welle der Empörung und des Entsetzens bei zahlreichen Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Kultur. Der Bericht über das Treffen war Auslöser für massive Proteste gegen Rechtsextremismus in ganz Deutschland, an denen sich am Wochenende des 20. und 21. Januar 2024 bundesweit etwa eine Million Menschen beteiligten. In der Folge kam es zu einer Debatte um ein mögliches Verbot der AfD, zu Parteiordnungsverfahren in der CDU und zu presserechtlichen Verfahren über persönliche Details und Formulierungen gegen Drittmedien und Correctiv. Die Rechercheergebnisse sind davon nicht betroffen.
Treffen in Potsdam Eingeladen zum Treffen am 25. November hatten Gernot Mörig und Hans-Christian Limmer, letzterer nahm jedoch am Treffen nicht teil. Mörig war früher Bundesführer des Bundes Heimattreuer Jugend und danach bei dessen rechtsextremer Abspaltung Heimattreue Deutsche Jugend aktiv. Limmer war Berater beim Unternehmen Roland Berger und wurde durch die Übernahme des Unternehmens BackWerk im Jahr 2002 sowie durch Investments in die Systemgastronomie bei Hans im Glück und Pottsalat bekannt. In der Einladung wurden ein „Masterplan“ und der Redner Martin Sellner angekündigt, außerdem wurde den Teilnehmern eine Mindestspende von 5000 Euro empfohlen. Das Treffen sollte geheim bleiben, wurde aber vom Redaktionsnetzwerk Correctiv aufgedeckt und am 10. Januar 2024 veröffentlicht. Correctiv lag das Einladungsschreiben vor. Anhand von Quellen sowie von Filmaufnahmen im Hotel wurde der Inhalt des Treffens später von Correctiv rekonstruiert.
Teilnehmer Zu den mehr als 20 Anwesenden gehörten: Martin Sellner, ehemaliger Sprecher der Identitären Bewegung Österreich Mario Müller, Mitglied der Identitären Bewegung und wissenschaftlicher Mitarbeiter des AfD-Bundestagsabgeordneten Jan Wenzel Schmidt Roland Hartwig, ehemaliger AfD-Bundestagsabgeordneter, zum Zeitpunkt des Treffens persönlicher Referent der AfD-Vorsitzenden Alice Weidel Gerrit Huy, AfD-Bundestagsabgeordnete Ulrich Siegmund, Vorsitzender der AfD-Fraktion im Landtag Sachsen-Anhalt Patrick Harr, Geschäftsführer der AfD-Fraktion im Landtag Sachsen-Anhalt Tim Krause, Pressesprecher der AfD-Fraktion im Landtag BrandenburgBrandenburger AfD-Fraktion steht hinter Inhalten des rechten Geheimtreffens. In: rbb24.de. 17. Januar 2024, abgerufen am 17. Januar 2024. und stellvertretender Vorsitzender des AfD-Kreisverbandes Potsdam-Mittelmark Ulrich Vosgerau, Mitglied der CDU und des Kuratoriums der AfD-nahen Desiderius-Erasmus-Stiftung Hans-Ulrich Kopp, Unternehmer und Verleger (Lepanto Verlag) Alexander von Bismarck, ehemaliger Ortsbürgermeister der Stendaler Ortschaft Insel Simone Baum, CDU-Mitglied, stellvertretende Bundesvorsitzende des damaligen Vereins Werteunion und Vorsitzende von dessen Landesverband Nordrhein-Westfalen, Mitarbeiterin im Amt für Umwelt und Verbraucherschutz der Stadt KölnAndreas Arnold, Maria Gambino: Stadt Köln entlässt Mitarbeiterin Simone Baum fristlos. Kölner Stadt-Anzeiger, 31. Januar 2024, abgerufen am 31. Januar 2024.Florian Gontek: Teilnahme an Potsdamer Treffen kein Grund für Kündigung. Spiegel – Job & Karriere, 3. Juli 2024, abgerufen am 7. August 2024. Michaela Schneider, Mitglied des damaligen Vereins Werteunion und stellvertretende Vorsitzende von dessen Landesverband Nordrhein-Westfalen, Mitglied der Mittelstands- und Wirtschaftsunion (bis 12. Januar 2024) Silke Schröder, zum Zeitpunkt des Treffens Vorstandsmitglied des Vereins Deutsche Sprache, Kolumnistin im Deutschland-Kurier, Tätigkeit für den Sender AUF1Dominik Lenze: Saskia Ludwig will die Pandemie aufarbeiten. tagesspiegel.de, 15. November 2023. Henning Pless, Heilpraktiker und Esoteriker aus Kiel Erik Ahrens,Christian Fuchs, Martín Steinhagen, Fritz Zimmermann: Weiterer Rechtsextremist bei Potsdamer Treffen. Zeit Online, 12. April 2024, abgerufen am 13. April 2024. damaliger Influencer und Aktivist, der als Kopf der TikTok-Offensive der AfD galt und die Social-Media-Strategie der AfD mit aufgebaut hatte Gernot Mörig seine Ehefrau Astrid Mörig ihr Sohn Arne Friedrich Mörig, ehemaliger persönlicher Referent von Peter Kurth (ehemals CDU) die Hotelbetreiber der Villa Adlon: Wilhelm Wilderink, Mitglied der CDUCDU Potsdam fordert Besitzer des Landhauses Adlon zum Parteiaustritt auf. In: rbb24, 29. Januar 2024.Ulrich Wangemann: CDU stellt Villa-Adlon-Besitzer Ultimatum zum Parteiaustritt. In: Märkische Allgemeine (maz-online.de), 1. Februar 2024. Mathilda Martina Huss Christoph Hofer, ein IT-UnternehmerBraune IT und rechte Influencer. In: netzpolitik.org, vom 20. Januar 2024, abgerufen am 26. Januar 2024 ein Arzt aus Kärnten (Neurochirurg in Klagenfurt, Belegarzt an der Privatklinik Villach) seine Ehefrau (Ersatzgemeinderätin der ÖVP)Auch Österreicher bei rechtem Geheimtreffen in Deutschland. In: Der Standard, 11. Januar 2024.Rauswurf wegen Rechtsextremen. In: Dossier, 21. Januar 2024.
„Masterplan“ In Sellners Beitrag und in der Diskussion ging es um einen sogenannten „Masterplan zur Remigration“. Laut Sellner sollen drei Gruppen Deutschland verlassen: Asylbewerber, Ausländer mit Bleiberecht und „nicht assimilierte“ (deutsche) Staatsbürger. Ulrich Siegmund zufolge sollten ausländische Restaurants aus dem Straßenbild verschwinden, es solle für „dieses Klientel“ unattraktiv werden, in Sachsen-Anhalt zu leben. Sellner sprach in diesem Zusammenhang auch von „ethnischen Wahlen“. Seiner Sicht nach wählen Menschen mit Migrationshintergrund vor allem „migrationsfreundliche“ Parteien. Correctiv merkt dazu an, dass dadurch Wahlen an sich delegitimiert würden und laut Statistischem Bundesamt 20,2 Millionen Menschen in Deutschland eine „Einwanderungsgeschichte“ haben, welche Sellner zu „Fremden im eigenen Land“ erkläre. Innerhalb der Teilnehmerrunde habe es keine Kritik am Plan gegeben, eher Zweifel, ob er umsetzbar sei, insbesondere im Hinblick auf Personen, welche die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen. Sellner führte dazu aus, man müsse über „maßgeschneiderte Gesetze“ auf die Menschen einen „hohen Anpassungsdruck“ ausüben, um sie zur Auswanderung zu bewegen. Zum Plan gehörten nicht „nur Abschiebungen, sondern auch Hilfe vor Ort, Leitkultur und Assimilationsdruck“.Christian Rath: Rechtsstreits zum Rechtsextremen-Treffen. taz.de, 10. Januar 2025. Der Plan sei ein Jahrzehnteprojekt. Sellner dachte auch an einen „Musterstaat“ oder eine „Musterstadt“Michael Kubitza: Rechtes Geheimtreffen: Wofür steht der Begriff „Remigration?“ In: BR24, 11. Januar 2024. in Nordafrika, wohin man bis zu zwei Millionen Menschen „hinbewegen“ könne und die Flüchtlingshelfer ihnen folgen könnten. Der Nachrichtenagentur dpa teilte er mit, der Plan sehe eine Sonderwirtschaftszone in Nordafrika vor, die man pachten wolle.
Die genannte Größenordnung (Millionen Menschen) erklärt, warum manche Medien in der Berichterstattung für den Masterplan den Begriff „Deportationsplan“ verwenden: Die Größenordnung legt nahe, dass auch Personen mit Aufenthaltsrecht gegen ihren Willen außer Landes gebracht werden sollen.
mini|hochkant|Die AfD Thüringen forderte im Wahlkampf zur Landtagswahl 2024 eine sofortige „Remigration“ Correctiv zufolge wurde auch darüber gesprochen, das Bundesverfassungsgericht zu diskreditieren, demokratische Wahlen in Zweifel zu ziehen und die öffentlich-rechtlichen Medien zu bekämpfen. Zudem wurde über die Beeinflussung junger Menschen in den sozialen Medien mittels Inhalten, die als „normale politische Thesen“ wahrgenommen werden sollten, beraten. Um die „Remigration“ zu realisieren, solle man vorpolitische Macht aufbauen, habe es in der Runde geheißen. Geld solle in Influencer-Projekte, Propaganda und Aktionen investiert werden, um das „Meinungsklima“ zu ändern.
Der Plan einer „Remigration durch Vertreibung“ ist nicht neu. Björn Höcke forderte in seinem 2018 erschienenen Buch Nie zweimal in denselben Fluss eine Säuberung Deutschlands von „kulturfremden“ Menschen: „Neben dem Schutz unserer nationalen und europäischen Außengrenzen wird ein groß angelegtes Remigrationsprojekt notwendig sein.“Björn Höcke: Nie zweimal in denselben Fluss, 2018, zitiert nach Hajo Funke: Höcke will den Bürgerkrieg. Zeit Online, 24. Oktober 2019, abgerufen am 3. Februar 2024. Auf einem AfD-Stammtisch im Dezember 2023 ergänzte er, man werde „auch ohne Probleme mit 20, 30 Prozent weniger Menschen in Deutschland leben können“. Der AfD-Spitzenkandidat für die Europawahl 2024 Maximilian Krah schrieb, das seien „in Deutschland prognostisch über 25 Millionen Menschen […], davon deutlich über 15 Millionen deutsche Staatsangehörige“. Neu am Treffen in Potsdam war, dass dieses Thema als Masterplan gemeinsam mit Vertretern anderer Parteien diskutiert wurde.
Erik Ahrens, der eigenen Angaben zufolge aus der rechtsextremen Szene ausgestiegen ist, versicherte 2025 eidesstattlich bei einem Notar zur Vorlage vor Gericht, dass Sellner bei dem Treffen in Potsdam ein Remigrationskonzept vorgestellt habe, an dessen Ausarbeitung Ahrens beteiligt war, und dass dieses auf „ethnische Säuberungen bzw. Vertreibungen“ hinauslaufe, „freiwillig oder unfreiwillig“.Marcus Bensmann, Jean Peters: Teilnehmer an Potsdam-Treffen versichert: „Remigration“ von Staatsbürgern wurde geplant. In: Correctiv, 10. September 2025 (inkl. PDF). Diese Remigration solle – so Ahrens – nicht lediglich ausländische Staatsbürger, sondern auch Deutsche ausländischer Herkunft betreffen; auf dem Treffen sei das entsprechend auch so besprochen worden.
„Düsseldorfer Forum“