mini|300px|Tagung des Freiwirtschaftsbundes 1922 in BerlinUhlemayr: 3. Reihe, erste Person links Benedikt Uhlemayr (* 31. März 1871 in Untergassenportal.dnb.de: Benedikt Uhlemayr; abgerufen am 12. Januar 2024; † 14. Mai 1942 in ErlangenWerner Onken, Günter Bartsch: Natürliche Wirtschaftsordnung unter dem Hakenkreuz. Anpassung und Widerstand. Fachverlag für Sozialökonomie: Lütjenburg, 1997. S. 34) war ein Nürnberger Pädagoge, Anhänger und Autor der Freiwirtschaftsbewegung Silvio Gesells. Er stand als Gymnasiallehrer und als „Freiwirt“„Freiwirt“ ist eine Selbstbezeichnung der Anhänger der Freiwirtschaftsbewegung; siehe zum Beispiel Miriam Bunjes, evangelisch.de: Der Traum von einer zinsfreien Welt (5. November 2011); abgerufen am 21. Juli 2024. im scharfen Gegensatz zur nationalsozialistischen Bewegung, deren Opfer er 1942 letztendlich auch wurde.
Leben Benedikt Uhlemayr studierte nach der Reifeprüfung am Königlichen humanistischen Gymnasium in Kempten Romanische sowie Englische Philologie an den Universitäten in München und Genf. Seine Lehrer in München waren unter anderem Hermann Breymann (1842–1910), Moriz Carrière (1817–1895), Gottfried Hartmann (1850–1925) und Franz Muncker (1855–1926).Benedikt Uhlemayr: Der Einfluss Lafontaine's auf die englische Fabeldichtung des 18. Jahrhunderts. Verlag Sebald: Nürnberg, 1900. S. 90, Vita (PDF-online) Nach seinem Studium war er 1894 zunächst Lehramtskandidat in Freisinggoogle.de: Adressbuch der k. bayr. Stadt Freising. 1895. S. 25. und kurze Zeit später „geprüfter Lehramtskandidat“ auf der Stelle eines „Assistenten für neuere Sprachen“ an der Realschule in Wasserburg am Inn.Königliches Staatsministerium des Innern für Kirchen- und Schulangelegenheiten (Hrsg.): Ministerialblatt für Kirchen- und Schulangelegenheiten im Königreiche Bayern. Akademische Buchdruckerei von F. Straub: München, 1895. S. S. 248
Um 1900 promovierte er an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg; in seiner Dissertation befasste er sich mit dem Einfluss Lafontaine's auf die englische Fabeldichtung des 18. Jahrhunderts.Benedikt Uhlemayr: Der Einfluss Lafontaine's auf die englische Fabeldichtung des 18. Jahrhunderts. Verlag Sebald: Nürnberg, 1900. (PDF-online)
Im April 1902 erfolgte die Aufnahme Uhlemayrs, damals noch „k[öniglicher] Reallehrer“ in den Pegnesischen Blumenorden, eine 1644 gegründete Nürnberger Sprachgesellschaft. Er verließ den Orden im Februar 1911; inzwischen war er zum „städt[ischen] Oberstudiendirektor“ avanciert.blumenorden.de: Stammliste (siehe Nr. 986); abgerufen am 6. Februar 2024.
mini|hochkant|links|Werbeanzeige für Uhlemayrs „Privat-Gymnasialkurse für Mädchen“ (1911) mini|hochkant|Deckblatt der Aktensammlung Einrichtung von Gymnasialkursen für Mädchen (von Dr. Ulbrich, nun Dr. B. Uhlemayr) Ab 1907 war Uhlemayr Direktor der Nürnberger Höheren Mädchenschule Findelgasse. Neben dieser Ausbildungsstätte existierte seit 1903 ein zunächst privater Gymnasialkurs für Mädchen, der ein Jahr später in einen vierjährigen Realgymnasialkurs für Mädchen umgewandelt und ab 1905 mit staatlicher Genehmigung der Höheren Mädchenschule angeschlossen wurde. Initiator dieses Bildungsangebotes für Mädchen war der Nürnberger Schulinspektor Ullrich. Von Beginn an unterstützte Uhlemayr das Bemühen, auch Mädchen einen Zugang zum Studium zu ermöglichen; 1907 übernahm er die Leitung der von Ullrich begründeten Arbeit.Otto Barthel: Die Schulen in Nürnberg. 1905 - 1960.Nürnberg, 1964. S. 324–325.
Im Jahr 1909 beherbergte Uhlemayr für einige Monate den französischen Maler und Bildhauer Henri Gaudier-Brzeska, der als einer der Mitbegründer des Vortizismus gilt. Er half ihm beim Erlernen der deutschen Sprache und blieb mit ihm auch über die gemeinsame Zeit in Nürnberg durch einen intensiven Briefwechsel verbunden.leicastergalleries.com: https://www.leicestergalleries.com/browse-artwork-detail/MTQ5MjE= Henri Gaudier-Brzeska, Vorticism France. 1891–1915]; abgerufen am 7. Februar 2024. Auch gibt es künstlerische Dokumente für seinen Aufenthalt beim Nürnberger Schuldirektor.centrepompidou.fr: Portrait de femme ; Portrait d'homme (le docteur Uhlemayr?); abgerufen am 7. Februar 2024.centrepompidou.fr: Deux portraits de Winnie Uhlemay(e)r; Quatre portraits, dont deux de Winnie Uhlemay(e)r; abgerufen am 7. Februar 2024.
Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten wurde Uhlemayr 1933 „aus dem Dienst entfernt“.nuernberg.de: Auf dem Weg zu Gleichberechtigung und Demokratie (PDF-online, Tafel 2); abgerufen am 6. Februar 2024. Über den letzten Tag seines Schuldienstes heißt es in der Biografie Margot Astrucks, einer jüdische Schülerin des Nürnberger Mädchengymnasiums: „Bereits wenige Monate späterGemeint ist: wenige Monate nach der NS-Machtergreifung. sah sie [M. Astruck] mit eigenen Augen, dass die Hasstiraden der Nazis keine leeren Drohungen waren. Streicher ließ es sich nicht nehmen, den beliebten Direktor der Mädchenschule Frauentorgraben-Findelgasse, Dr. Uhlemayr, vor den Augen der Schülerinnen auf dem Schulhof zu verhaften. Uhlemayr kam nie mehr zurück, sein Nachfolger war Dr. Anton Lämmermeyr, nach Frau Astruck ein Riesennazi (…)“.Susanne Rieger, Gerhard Jochem: „Es geht immer up and down“. Margot Astruck zum 90. Geburtstag (PDF-online, S. 4); abgerufen am 6. Februar 2024. Der Grund dafür war, dass Uhlemayr sich als Schuldirektor geweigert hatte, bei offiziellen Anlässen am Gebäude des Mädchengymnasiums die Hakenkreuzfahne zu hissen.
Pädagoge Benedikt Uhlemayr gilt neben dem Schulinspektor Ullrich als eine der „treibende(n) Kräfte“, was die gymnasiale Beschulung von Mädchen im Nürnberger Raum und damit die „Entwicklung hin zur Gleichberechtigung“ angeht.nuernberg.de: Auf dem Weg zu Gleichberechtigung und Demokratie (PDF-Dokument, S. 2); abgerufen am 17. Januar 2024. Neben diesem Engagement setzte sich Uhlemayr durch Veröffentlichungen sowie durch Referate bei Lehrerkonferenzen für eine Reform des neusprachlichen Unterrichts ein. Dieser – so Uhlemayr – hätte sich nach seiner Einführung an Mittelschulen „ganz der formalistischen Schablone des altsprachlichen“ angepasst.Benedikt Uhlemayr: Der neusprachliche Unterricht an Mittelschulen in seiner Beziehung zum Schulzweck. In: Beilage zur Allgemeinen Zeitung (Hrsg. Oskar Bulle), Nr. 74. München, 30. März 1904. S. 1; SP I Anlässlich der V. Hauptversammlung des Bayerischen Neuphilologenverbandes (1908) stellte er in diesem Zusammenhang folgende These zur Diskussion: „Der Zweck des neusprachlichen Unterrichts ist nur zu erreichen durch eine Methode, die das Sprachmaterial zuerst durch das Ohr aufnehmen und verarbeiten und erst dann Lese- und Schreibübungen eintreten lässt. Dadurch wird das Ohr zu intensiver Arbeit gezwungen und der Schüler dazu gebracht, ganze Sätze zu erfassen. Das unmittelbare Verstehen der geschriebenen Sprache ist die unmittelbare Folgeerscheinung. (…)“Bayerischer Gymnasiallehrerverein (Hrsg.): Bayerische Blätter für das Gymnasial-Schulwesen (44. Band). Lindauersche Buchhandlung: München, 1908. S. 316 (online)
Freiwirt mini|hochkant|Vorschlagsliste des FWB zur Reichstagswahl Dezember 1924 (Ausschnitt) Wann und durch wen Benedikt Uhlemayr zur Freiwirtschaftsbewegung stieß, ist bislang unbekannt. Die vorliegenden Quellen lassen vermuten, dass er in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, vielleicht auch erst nach der Münchner Räterepublik, in der Silvio Gesell das Amt des Finanzministers innehatte, mit dessen Geld- und Bodenreformideen in Berührung kam. Belegt ist, dass er 1922 an der Tagung des Freiwirtschaftsbundes FFF (FWB) in Berlin teilnahm (siehe Bild).
Zwischen Silvio Gesell und Uhlemayr entwickelte sich ein enges Verhältnis. Davon zeugt ein umfangreicher Briefwechsel aus den 1920er Jahren. Ein Teil dieses schriftlichen Austauschs wurde von Werner Onken veröffentlicht.Siehe dazu Werner Onken: Briefe (= Band 18: Silvio Gesell. Gesammelte Werke). Verlag für soziale Ökonomie: Kiel, 2009, ISBN 3-87998-428-X. S. 5; 289; 299; 372; 373; 374; 383 Auch gehörte Uhlemayr neben Bertha Heimberg zu einem Kreis von Freiwirten, denen Gesell kurz vor seinem Tod den Auftrag erteilt hatte, seine Lehren vor Verfälschungen zu bewahren.Werner Onken: Silvio Gesell und die Natürliche Wirtschaftsordnung. Eine Einführung in Leben und Werk. Verlag für soziale Ökonomie: Lütjenburg, 1999, ISBN 3-87998-439-5. S. 145f.
Freiwirtschaftsbund mini|hochkant|Einladung des FWB zu einem Vortrag Uhlemayrs in Stuttgart 1932 Der FWB, für den Uhlemayr bei den Reichstagswahlen Mai 1924 und Dezember 1924 kandidierte, war im Mai 1921 in Kassel als Zusammenschluss der verschiedenen freiwirtschaftlichen Gruppierungen gegründet worden. Sein erstes Grundsatzprogramm war kurz und lautete: „Der Freiwirtschaftsbund sucht das gesamte schaffende Volk zu vereinigen, zum gemeinsamen Kampfe gegen die Ausbeutung in jeder Form. Der Bund erstrebt zu diesem Zwecke die Durchführung seiner wirtschaftlichen Forderungen, und zwar: (1) Überführung des Bodenzinses in Allgemeinbesitz (Freiland); (2) Umwandlung des Geldes in [ein] reines Tauschmittel (Freigeld); (3) Festigung der Kaufkraft des Geldes (Festwährung).“Günter Bartsch: Die NWO-Bewegung Silvio Gesells. Geschichtlicher Grundriß 1891–1992/93 (=Band 1 in der Reihe Studien zur Natürlichen Wirtschaftsordnung). Gauke Fachverlag für Sozialökonomie: Lütjenburg 1994. S. 39. Im Januar 1924 fand in Berlin eine Tagung des FWB statt, bei der unter anderem beschlossen wurde, an der Reichstagswahl im Mai desselben Jahres teilzunehmen. Der FWB sollte dabei aber nicht zu einer politischen Partei umgewandelt werden.
Um die Flügelkämpfe, die im Vorfeld dieses Beschlusses entstanden waren, einigermaßen zu befrieden, wählte man eine Programmkommission, zu der neben Silvio Gesell, Hans Timm und Hans-Joachim Tuercke auch Benedikt Uhlemayr gehörte. In einem Programmentwurf, den die Kommission den Tagungsteilnehmern vorlegte, heißt es unter anderem: „Die kapitalistische Wirtschaft schafft Herrschende und Beherrschte. Die Furcht der Herrschenden vor Angriffen auf ihre Vormachtstellung, die nicht auf persönlichen, überragenden Eigenschaften gegründet ist, führt zum Ausbau des Staates als einer Organisation zur Sicherung der Grundlagen der kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung. Dieser Sicherung dienen nicht nur die Einrichtungen, die unmittelbare Gewaltanwendungen ermöglichen, wie Militär, Polizei, Gerichte, Gefängnisse usw., sondern weit mehr die Einrichtungen zur Beherrschung des Geistes, durch die sich der Staat im Namen der Kultur und der Volkswohlfahrt in alle, auch die persönlichen Angelegenheiten, einmischt. Der Kampf gegen den Kapitalismus muß darum von Anfang an auch gegen diese Beherrschungsmittel gerichtet sein, weil es sonst mit ihrer Hilfe immer wieder gelingt, die arbeitende Masse zu entzweien und von ihrem Ziele abzubringen.“Stiftung für Reform der Geld- und Bodenordnung, Werner Onken: Silvio Gesell. Gesammelte Werke (=Band 15: 1924–1925). Gaucke GmbH / Verlag für Sozialökonomie: Kiel, 1994, ISBN 3-87998-425-5. S. 15.
Nach dem für den FWB niederschmetternden Ergebnis der Reichstagswahl im Mai 1924 begannen innerhalb der freiwirtschaftlichen Bewegung neue Flügelkämpfe. Die revolutionär ausgerichteten Kräfte sammelten sich um Hans Timm und seinen Fisiokratischen Kampfbund (FKB), die anderen – unter ihnen Benedikt Uhlemayr – verblieben im FWB, der von den Fisiokraten als „verwaschene Organisation bürgerlicher Reformer hingestellt wurde.“Günter Bartsch: Die NWO-Bewegung Silvio Gesells. Geschichtlicher Grundriß 1891–1992/93 (= Band 1 in der Reihe Studien zur Natürlichen Wirtschaftsordnung). Gauke Fachverlag für Sozialökonomie: Lütjenburg 1994. S. 50 f.