Die Jaffé-Reaktion (auch Jaffé-Probe, Jaffésche KreatininprobeGünter Thiele, Heinz Walter (Hrsg.): Reallexikon der Medizin und ihrer Grenzgebiete. Verlag Urban & Schwarzenberg, Loseblattsammlung, München / Berlin / Wien 1971, 4. Ordner (Hyperm–Mel), ISBN 3-541-84004-8, S. J 6. oder Jaffé-Methode) ist ein laborchemisches Verfahren zum Nachweis von Kreatinin in Blutserum, Blutplasma und Urin. Diese Nachweismethode wurde 1886 erstmals von Max Jaffé beschrieben. Dabei wird einer alkalischen Probe Pikrinsäure zugesetzt, welche mit Kreatinin (nur bei Temperaturen zwischen 10 und 25 °C) einen orangeroten („orangeroth bis blutroth“,J. Munk: Stichwort Kreatinin. In: Real-Encyclopädie der gesammten Heilkunde, Verlag Urban & Schwarzenberg, 3. Auflage, Band 11, Wien / Leipzig 1887, S. 359. gelb- bis dunkelroten,Roche Lexikon Medizin, 5. Auflage. Urban & Fischer, München / Jena 2003, ISBN 3-437-15156-8, S. 956. stark rotenMaxim Zetkin, Herbert Schaldach: Wörterbuch der Medizin. Verlag Volk und Gesundheit, 6. Auflage, Berlin 1974, S. 369. oder rubinrotenWillibald Pschyrembel: Klinisches Wörterbuch, 255. Auflage. Verlag Walter de Gruyter, Berlin / Boston / New York 1986, ISBN 3-11-007916-X, S. 815.) Farbumschlag erzeugt. Dieser Farbumschlag wird durch das Zusammenspiel von mehreren verschiedenfarbigen chemischen Verbindungen erzeugt. Mit einem Photometer kann daraus die Kreatinin-Konzentration bestimmt werden.Max Jaffé: Über den Niederschlag, welchen Pikrinsäure in normalem Harn erzeugt und über eine neue Reaktion des Kreatinins. In: Zeitschrift für Physiologische Chemie, 10. Jahrgang, 1886, S. 391–400. DOI:10.1515/bchm1.1886.10.5.391. Das Blut muss vorher enteiweißt (deproteinisiert) werden. Dann ist die Intensität der Färbung proportional zur Kreatininkonzentration.Willibald Pschyrembel: Klinisches Wörterbuch, 258. Auflage. Verlag Walter de Gruyter, Berlin / New York 1998, ISBN 3-11-014824-2, S. 785.
Mittlerweile sind auch die modifizierten Jafféschen Methoden obsolet. Gegenwärtig werden die Kreatinin-Pikrat-Komplexe photometrisch bestimmt und kinetisch gemessen. Zunehmend erfolgt der Nachweis von Kreatinin in Serum und Urin jedoch spektroskopischBertin Dufaux, Michael Zimmer, Angelika Vogel, Dieter Münstermann: Labor Krone – Laboratoriumsuntersuchungen. 7. Auflage, Bad Salzuflen / Herford 2010, S. 295–297. oder enzymatisch.Mark Dominik Alscher: Referenz Nephrologie. Georg Thieme Verlag, Stuttgart 2019, ISBN 978-3-13-240001-6, S. 50 und 100. doi:10.1055/b-0039-171076. Bei Autoanalyzern sind enzymatische Bestimmungsmethoden (und Trennungen über einen Dialysator) üblich. Durch die Anwendung der Hochleistungsflüssigkeitschromatographie können die Probleme der Jaffé-Reaktion umgangen werden.Klaus-Hinrich Neumann: Nierenfunktionsdiagnostik. In: Karl-Martin Koch: Klinische Nephrologie. 1. Auflage, Verlag Urban & Fischer, München / Jena 2000, ISBN 3-437-21730-5, S. 114. Ein anderes Verfahren ist die Isotopen-Dilutions-Massenspektrometrie (isotope dilution mass spectrometry, ID-MS) als ein standardisierter Enzym-Assay.Susan Vickery, Paul E. Stevens, R. Neil Dalton, Frederick van Lente, Edmund J. Lamb: Does the ID-MS traceable MDRD equation work and is it suitable for use with compensated Jaffe and enzymatic creatinine assays? In: Nephrology Dialysis Transplantation, 21. Jahrgang, veröffentlicht am 23. Mai 2006, September 2006, S. 2439–2445. doi:10.1093/ndt/gfl249.Laurence Piéroni, Pierre Delanaye, Anne Boutten, Anne-Sophie Bargnoux, Eric Rozet, Vincent Delatour, Marie-Christine Carlier, Anne-Marie Hanser, Etienne Cavalier, Marc Froissart, Jean-Paul Cristol: A multicentric evaluation of IDMS-traceable creatinine enzymatic assays. In: Clinica Chimica Acta. 20. November 2011, 412 (23-24), S. 2070–2075. doi:10.1016/j.cca.2011.07.012. Epub 2011 Jul 22. 1989 galt ein enzymatischer Ultravioletttest als neuere Methode zur Bestimmung des Serumkreatinins.
Außerdem wird die Bestimmung von Kreatinin im Serum häufiger durch die Bestimmung von Cystatin C im Serum ersetzt, weil Cystatin C bei einer Oligurie zwar auch tubulär rückresorbiert wird, aber noch in den Tubuli vollständig zerstört wird und deswegen geeigneter zur Berechnung der glomerulären Filtrationsrate (GFR) ist.
Einschränkungen Eine Reihe von anderen Substanzen reagiert ebenfalls auf Pikrinsäure mit Farbreaktionen, so dass bei dem Vorhandensein dieser „Pseudokreatinine“ (Synonym Nicht-Kreatinin-Chromogene) die Kreatinin-Konzentration überschätzt wird. Zu den Pseudokreatininen gehören einige Proteine, Glukose, Ketokörper, Ascorbinsäure (Vitamin C), Streptomycin, Cephalosporine,Pseudokreatinine. In: Axel M. Gressner, Torsten Arndt: Lexikon der Medizinischen Laboratoriumsdiagnostik, Springer-Verlag, Berlin / Heidelberg 2019, ISBN 978-3-662-48986-4, S. 2002. doi:10.1007/978-3-662-48986-4. Cotrimoxazol, Azetylsalizylsäure (Aspirin), α-Methyldopa, Adrenalin und Homogentisinsäure.Ulrich Thomae: Niereninsuffizienz. Hoechst Aktiengesellschaft, München 1989, S. 24. Solche anderen Chromogene im Blut machen jedoch selten mehr als 20 Prozent aus.Erwin Deutsch, G. Geyer: Laboratoriumsdiagnostik. 1. Auflage, Verlag August Steinkopf, Berlin 1969, S. 532. Um den Jaffé-Wert zu korrigieren, werden vom Messwert diese non creatinine chromogens (NCrChr) subtrahiert.Elke S. Schäffner: Labordiagnostik. In: Mark Dominik Alscher: Referenz Nephrologie. Georg Thieme Verlag, Stuttgart 2019, ISBN 978-3-13-240001-6, S. 50. doi:10.1055/b-0039-171076.
Zusätzlich kann jedoch auch ein Ikterus wegen der Gelbfärbung (durch Bilirubin, siehe Hyperbilirubinämie) die Messergebnisse verfälschen.Silke Merz: Kreatininerhöhung. In: Mark Dominik Alscher: Referenz Nephrologie. Georg Thieme Verlag, Stuttgart 2019, ISBN 978-3-13-240001-6, S. 100. Darauf ist besonders nach Lebertransplantationen zu achten. Bei einer Niereninsuffizienz kann der Anteil des Pseudokreatinins auf bis zu 50 Prozent ansteigen.Ulrich Thomae: Niereninsuffizienz. Hoechst Aktiengesellschaft, München 1989, S. 24.
Fetales Hämoglobin kann sogar zu negativen Messergebnissen bei der Jaffé-Methode führen, weil es alkaliresistent ist und deswegen nur sehr langsam seine Farbe in Richtung braun verändert. Deswegen soll bei Ungeborenen und Säuglingen die enzymatische Bestimmung von Kreatinin im Serum bevorzugt werden. Deswegen wurde in der älteren Fachliteratur eine „weite Streuung der Serumkreatininwerte in den ersten fünf Lebenstagen von 0,22 bis 2,45 mg/dl und danach ein Abfall auf Werte unter 0,8 mg/dl“ angegeben.H. Feldmann, J. P. Guignard, Archives of Disease in Childhood, 57. Jahrgang, Band 123 (1982).Friedrich Carl Sitzmann: Normalwerte. Hans Marseille Verlag, 2. Auflage, München 1986, ISBN 3-88616-019-X, S. 142.
Geschichte Das Prinzip war schon vor Max Jaffés Arbeit bekannt. In seiner Erstveröffentlichung schrieb er 1886: „In K. B. Hofmann's Lehrbuch der Zoochemie heisst es [auf] Seite 402: «Fügt man gesättigte Pikrinsäurelösung zu Menschenharn, so bleibt derselbe anfänglich klar, dann setzt sich (nach 3–4 Stunden) ein massiger, gelbgefärbter, aus Harnsäurekrystallen und feinen Nadeln bestehender Bodensatz ab».“ Gemeint war Karl Berthold Hofmanns Lehrbuch der Zoochemie (1. Auflage Wien 1871, 2. Auflage Wien 1878).
Im Jahre 1887, also ein Jahr nach Jaffés Erstbeschreibung, galt seine Methode nur als qualitatives Nachweisverfahren, im Gegensatz zur quantitativen Bestimmungsmethode von Kreatinin nach Carl Neubauer aus dem Jahre 1883.Carl Neubauer: Anleitung zur qualitativen und quantitativen Analyse des Harns. Kreidel & Niedner, Wiesbaden 1854 (Archive); Carl Neubauer mit Julius Vogel: Anleitung zur qualitativen und quantitativen Analyse des Harns. 2. Auflage, Kreidel & Niedner, Wiesbaden 1856. Archive. Justus von Liebig gab schon 1847 Methoden zur Bestimmung und zur Reindarstellung von Kreatinin an.J. Munk: Stichwort Kreatinin. In: Real-Encyclopädie der gesammten Heilkunde, Verlag Urban & Schwarzenberg, 2. Auflage, Band 11, Wien / Leipzig 1887, S. 357–361, mit 15 Literaturangaben.Justus von Liebig: Annalen der Chemie, LXII. Jahrgang, S. 298 und 324.
Eine umfassende historische Darstellung seines Lebens und seiner Methode stammt von Joris R. Delanghe und Marijn M. Speeckaert. Hier wird behauptet, der Accent aigu in seinem Namen beruhe auf einem Schreibfehler. Seine Erstveröffentlichung erschien 1886 ohne Akzent, schon im Folgejahr 1887 setzte die Real-Encyclopädie der gesammten Heilkunde ein diakritisches Zeichen.
Die Jaffé-Methode gilt als ältestes Nachweisverfahren in der klinischen ChemieJoris R. Delanghe, Marijn M. Speeckaert: Creatinine determination according to Jaffe—what does it stand for? In: Nephrology Dialysis Transplantation NDT Plus (2011), 4. Jahrgang, S. 83–86. doi:10.1093/ndtplus/sfq211. Anmerkung: In der Arbeit wird Inulin mit Insulin verwechselt. und damit auch in der medizinischen Chemie. Weil sowohl seine Indikanprobe wie auch seine Kreatininprobe in das Fachgebiet der Nierenheilkunde fallen, ist Max Jaffé Mitbegründer der nephrologischen Funktionsdiagnostik, wenn man von der Uroskopie absieht.
Ausführlich wurde die kolorimetrische Kreatininbestimmung im Urin mit einer Pikrinsäurelösung 1931 von Otto Klein und Wilhelm Nonnenbruch beschrieben, allerdings ohne die Urheberschaft von Max Jaffé zu erwähnen. Damals wurde behauptet, dass bei einer Gicht und bei kardialen Stauungsnieren im Urin fälschlich zu große Kreatininwerte gemessen werden.Otto Klein, Wilhelm Nonnenbruch: Funktionsprüfung der Niere mittels Belastungsproben. In: Emil Abderhalden (Hrsg.): Handbuch der biologischen Arbeitsmethoden, Abteilung V, Methoden zum Studium der Funktion der einzelnen Organe des tierischen Organismus, Teil 9, Heft 4, Methodik der Belastungsproben als Funktionsprüfung. Verlag Urban & Schwarzenberg, Berlin / Wien 1931, Lieferung 348, S. 550–557.
Hauptsächlich wegen der Jaffé-positiven Chromogene im Serum (im Sinne von Störgrößen) wurden im 20. Jahrhundert Modifikationen in der Vorgehensweise vorgeschlagen. Erwähnt seien hier die Methode von Hans Popper, Mandel und MayerHans Popper, E. Mandel, H. Mayer: Biochemische Zeitschrift, 1937, 291, S. 354. sowie die Vorschriften von Bonsnes und Taussky.François Reubi: Nierenkrankheiten. 1. Auflage, Verlag Hans Huber, Bern / Stuttgart 1960, S. 89. Zur Verbesserung der Spezifität wurde auch die Verwendung des Lloydschen Reagens (Bleicherde, Fullererde) empfohlen, das nur Kreatinin absorbiert.Günter Thiele: Handlexikon der Medizin. 2. Band (F–K), Urban & Schwarzenberg, München / Wien / Baltimore ohne Jahr, S. 1235.Michael Peake, Malcolm Whiting: Measurement of Serum Creatinine – Current Status and Future Goals. In: The Clinical Biochemist Reviews. 2006 Nov; 27(4): 173–184. , PMID 17581641.
Die ursprüngliche Jaffé-Reaktion hat heute nur noch medizinhistorische Bedeutung. Heute werden moderne Anpassungen verwendet; der Name Creatinin (Jaffe) ist jedoch geblieben.
Weitere Beschreibungen dieser laborchemischen Reaktion stammen von Hans Kress von KressensteinHans Freiherr von Kress: Müller-Seifert: Taschenbuch der Medizinisch-Klinischen Diagnostik, 67. Auflage, Verlag von J. F. Bergmann, München 1959, S. 242 f. und 337 f. und von Franz Volhard.Franz Volhard: Die doppelseitigen hämatogenen Nierenerkrankungen. In: Gustav von Bergmann, Rudolf Staehelin (Hrsg.): Handbuch der inneren Medizin. 2. Auflage, 6. Band, 1. Teil, Verlag von Julius Springer, Berlin/Heidelberg 1931, ISBN 978-3-662-42701-9, S. 105. Damals erfolgte die kolorimetrische Bestimmung von Kreatinin im Urin nach Otto Folin und im Serum nach dem Verfahren von Hans Lieb und Michael Karl Zacherl.Lothar Hallmann: Klinische Chemie und Mikroskopie. 6. Auflage, Georg Thieme Verlag, Leipzig 1952, S. 518 f. Eine Weiterentwicklung zur mechanisierten Creatininbestimmung im Serum arbeitete ohne Enteiweißung mit besonderen Pufferlösungen. Zur Kreatininbestimmung im Urin wurde als Reagenz eine zehnprozentige Thymollösung verwendet.E. Merck: Klinisches Labor. 12. Auflage, Darmstadt 1974, S. 125–127 und 433 f.