mini|Opicinus de Canistris: Anthropomorphe Mittelmeerkarte, 1335–1352, Biblioteca Apostolica Vatican, Vat. Lat. 6435fol 79v

Opicinus de Canistris (alter Notname: Anonymous Ticinensis; * 24. Dezember 1296 in Lomello bei Pavia; † um 1353 in Avignon) war Kleriker, Historiker, Buchmaler, Kartograph und Schulmeister. Er wirkte hauptsächlich als Skriptor (Schreiber/Sekretär) im Büro der Apostolischen Pönitentiarie am Heiligen Stuhl in Avignon.

Besondere Beachtung finden seit ihrer Entdeckung im 20. Jahrhundert zwei eigenhändige Manuskripte, die Opicinus nach einer schweren Erkrankung anfertigte, durch die seine Hand teilweise gelähmt blieb, die ihm aber, wie er berichtet, mystische Erleuchtung bescherte. Ungewöhnlich ist, dass in diesen Manuskripten – in einer Epoche, aus der nur wenige Autobiographien überliefert sind – gleich zwei eigene Lebensbeschreibungen von Opicinus erhalten sind. Zudem überrascht die einzigartige Rätselhaftigkeit der Texte, Bilder sowie der kartographischen und kosmologischen Diagramme dieser beiden Manuskripte. Opicinus suchte in ihnen Verbindungen zwischen Vision, Vernunft und Spiritualität, um Werkzeuge für die spirituelle Erkenntnis zu liefern und das „innere Auge“ der Vernunft zu schulen.

Entdeckung 1927 wurde Opicinus als Verfasser des Liber de laudibus civitatis Ticinensis (lateinisch Buch vom Lob der Stadt Pavia) von 1329 identifiziert, der von Lodovicus Antonius Muratorius 1727 mit dem Notnamen Anonimo Ticinese versehen worden war. Breite Aufmerksamkeit genießt Opicinus aber vor allem wegen der beiden Autobiographien, die nach jahrhundertelanger Vernachlässigung 1913 und kurz vor 1938 wiederentdeckt wurden und seither sowohl als Beispiele psychopathologischer Kunst gewürdigt wie auch in Ideen-, Religions-, Medizin-, Kultur-, Literatur-, Kartographie- und Kunstgeschichte interdisziplinär erforscht werden.Siehe die angefügte Literaturliste.

Biographie Ungewöhnlich ausführlich geben neben den üblichen historischen Quellen insbesondere die beiden von ihm verfassten Autobiographien (Vatikanische Apostolische Bibliothek, Vaticanus latinus 6435 und Palatinus latinus 1993) Auskunft über das Leben des Opicinus, so dass sich sein Lebenslauf detailreich zeichnen lässt.

Oberitalien (1296–1329) mini|Opicinus de Canistris: Die Kathedrale von Pavia, 1335–1350, Pergament, Biblioteca Apostolica Vatican, Pal. Lat. 1993

Opicinus wurde am 24. Dezember 1296 in Lomello, einer Stadt nahe Pavia, in eine aus Pavia stammende und dort hoch angesehene bürgerliche oder dem niederen Adel angehörende Familie von Kaufleuten und Notaren hineingeboren, deren Mitglieder als Parteigänger der Guelfen in den nicht endenden Auseinandersetzungen mit den Ghibellinen immer wieder gezwungen waren, Pavia zu verlassen und in Biella, Bassignana oder Lomello Zuflucht zu suchen. Pavia aber sah Opicinus zeitlebens als seine Heimatstadt an und erinnerte sich auch später im Exil immer mit großer Hingabe und Zuneigung an diese Stadt. Nach eigener Darstellung wurde Opicinus am 1. Juni 1297 getauft. Aus seiner Kindheit berichtet er unter anderem lebhaft von einem Unfall, dem Besuch eines Puppentheaters, dem Anblick einer Gruppe französischer Pilger, die 1300 von der Reise nach Rom zurückkehrten. Im Alter von sechs Jahren schickte man ihn zur Schule, die er, wie er berichtet, nur mit großer Mühe bewältigte. Im Alter von 10 Jahren wurde Opicinus für eine kirchliche Laufbahn bestimmt. Hierzu studierte er die Artes liberales (die sieben freien Künste), Theologie und Kirchenrecht und erwarb eine eklektische enzyklopädische Bildung. Besonders Grammatik, Logik und Musik langweilten ihn, während er gerne zeichnete. Später interessierten ihn Sprachen, er las französische und italienische Werke und übersetzte aus dem Lateinischen ins Volgare. Auch medizinische Vorlesungen weckten sein Interesse. Wegen der fortschreitenden Verarmung seiner Familie musste er das Studium aber immer wieder unterbrechen, um durch verschiedene Tätigkeiten – etwa als Gehilfe eines Zöllners, als Nachtwächter und als Hauslehrer – den Lebensunterhalt zu verdienen und seine Familie zu unterstützen.

Die Einnahme Pavias durch die Ghibellinen unter Führung Matteo Viscontis am 8. Oktober 1315 zwang die Familienmitglieder des Opicinus als Anhänger der Guelfen zwischen 1316 und 1318 ins Exil nach Genua, wo Opicinus zunächst wieder als Hauslehrer arbeite, dann die Buchmalerei erlernte und als Buchmaler seinen Lebensunterhalt verdiente. Hierdurch konnte er insbesondere viele theologische Bücher mit ihren alten Illustrationen eingehend studieren.

1317 starben kurz nacheinander ein Bruder und der Vater des Opicinus. 1318 konnten er mit der Familie nach Pavia zurückkehren, wo er weiterhin als Buchmaler arbeitete. Am 2. und 3. März 1319 empfing er in Bologna die niederen Weihen. Es folgten das Subdiakonat und Diakonat. Obwohl er seine Priesterweihe noch nicht empfangen hatte, erhielt er am 8. Oktober 1318 am Dom zu Pavia als clericus simplex (einfacher Geistlicher) eine Stelle als Kaplan. Mit finanzieller Unterstützung der Domherren begann er mit dem Studium des Kirchenrechts, was ihm allerdings wenig zusagte. Daneben verfasste er 1319 seine erste religiöse Abhandlung, ein Liber metricus de parabolis Christi (lateinisch Metrisches Buch über die Gleichnisse Christi) und einen Tractatus de decalogo mandatorum (lateinisch Abhandlung über die Zehn Gebote), die beide nicht erhalten sind. Am 27. Februar 1320 wurde Opicinus in Parma zum Priester geweiht. Am 30. März 1320 feierte er seine erste Messe. Im Oktober 1323 erhielt er die kleine Pfarrei Santa Maria Capella in Pavia als kaum auskömmliche Kirchenpfründe. Neben seiner konfliktreichen Arbeit als Pfarrer verfasste er einige theologische Abhandlungen gegen Bezahlung, von denen er nur den Titel des 1324 fertiggestellten Libellus dominice passionis secundum concordantiam quattuor evangelistarum nennt, der ebenfalls nicht erhalten ist.

Über die Zeit zwischen 1325 und 1328 enthält die Autobiographie des Opicinus kaum Hinweise. Andere Quelle aberDie Quelle, ein Urteil der Rota vom 24. Januar 1337, findet sich in den Decisiones Rotae romanae; vgl. Guy Roux und Muriel Laharie: Art et Folie au Moyen Âge. Aventures et Énigmes d’Opicinus de Canistris (1296 – vers 1351 ?). Le Léopard d’Or, Paris 1997, S. 49. zeigen, dass Opicinus durch den neuen Bischof von Pavia, Giovanni Fulgosi, im Rahmen umfassenderer Bemühungen zur Reorganisation des örtlichen Klerus vor der Römischen Rota wegen eines Verstoßes gegen das Verbot der Simonie verklagt wurde und Anfang 1328 exkommuniziert wurde. So vage Opicinus hierzu in seinen Autobiographien blieb, so deutlich beschrieb er die tiefgehende Wirkung: „Ich wurde aus dem Buch der Christen gelöscht […] und ich wurde in das Buch der heidnischen Geschöpfe eingeschrieben, das das Buch der Hölle und des Todes ist.“

Opicinus musste erneut aus Pavia fliehen, zog im Juli 1328 ins nahe gelegene Piemont nach Tortona und Alessandria, bevor er im Sommer 1329 in Valenza Zuflucht fand. In der persönlich prekären Situation erkrankte er und lebte zeitweise in Armut bei Spiritualen. Während eines Aufenthalts in Valenza verfasste Opicinus weitere theologische Abhandlungen Libellus de paupertate Christi (lateinisch Büchlein über die Armut Christi); Libellus metricus de virtutibus Christi (lateinisch Metrisches Büchlein über die Tugenden Christi); Lamentationes virginis Marie (lateinisch Wehklagen der Jungfrau Maria), die nicht überliefert sind.

Avignon (1329 – um 1353) mini|Opicinus de Canistris: Diagramm mit der Kreuzigung Christi, 1335–1350, Pergament, Biblioteca Apostolica Vaticana, Pal. Lat. 1993 mini|Opicinus de Canistris: Diagramm mit Zodiac-Symbolen, 1335–1350 In der Hoffnung auf eine auskömmliche Kirchenpfründe reiste Opicinus im Frühjahr 1329 wie so viele Kleriker nach Avignon zum damaligen Sitz des Heiligen Stuhles, wo er im April eintraf. Einen Monat lang konnte er sich dort mit einem Buchillustrationsauftrag finanzieren, dann musste er betteln und sich von der Pignotte, der päpstlichen Armenfürsorge, betreuen lassen. In der Erwartung einer besseren Anerkennung am päpstlichen Hof begann er in dieser Zeit die Arbeit an seinem Tractatus de preeminentia spiritualis imperii [lateinisch Über die Vorherrschaft des spirituellen Reiches], der die Oberhoheit des Papsttums über das Reich gegen Marsilius von Padua verteidigte, der damals ein enger Berater des gewählten Kaisers Ludwig IV. war, dessen Unterstützer, die Ghibellinen, 1327 erneut die Kontrolle über Pavia übernommen hatten. Noch während Opicinus an dieser Abhandlung arbeitete, wurde er am 3. Juni 1329 zum Kanoniker an der Kirche von San Ivenzio in Pavia ernannt und kehrte kurz nach Valenza zurück, um die Arbeit an dieser Schrift abzuschließen. Ende September 1329 ging er dann endgültig nach Avignon. Am 10. Oktober 1329 gewährte ihm Papst Johannes XXII. eine Audienz, erteilte Opicinus die Erlaubnis, ihm das Traktat zu widmen, und stellte ein Kanonikat in der Kathedrale von Pavia in Aussicht.

Um 1330 litt Opicinus an immer stärkeren geistlichen Qualen. Monatelang suchte er im Bußsakrament Absolution von seinen Sünden, blieb aber auch danach von Gewissenskonflikten und schrecklichen Visionen und Träumen verfolgt. Am 19. September 1330 vollendete Opicinus einen Libellus de descriptione Papie (Büchlein mit einer Beschreibung Pavias), der ihn unter dem Titel Liber de laudibus civitatis Ticinensis (Buch vom Lobpreis der Stadt Pavia) bekannt machte. Nicht erhalten sind aus dieser Zeil die Schriften Tractatus dominice orationis (Abhandlung über das Vaterunser) und Breve confessionale de peccatis meis (Kurzer Beichtkatalog meiner Sünden). Im Herbst 1330 konnte der Jurist Jean de Cabassole als Protektor des Opicinus dessen Tractatus de preeminentia spiritualis imperii dem Papst als Liber de preeminentia spiritualis imperii vorlegen. Nach langer Armut erhielt Opicinus am 4. Dezember 1330 endlich eine Anstellung als Skriptor an der Apostolischen Pönitentiarie.

Im Dezember 1331 aber griff man die 1328 vom Bischof von Pavia gegen Opicinus wegen Simonie geführte Klage am päpstlichen Hof in Avignon wieder auf und begann einen neuen Prozess. Trotz aller Bitten wurde Opicinus nicht vom Papst empfangen. Erst nach sechs langen Jahren erklärte die Rota Opicinus am 24. Januar 1337 für unschuldig und gewährte ihm Schadenersatz. Unter dem Druck der bis dahin drohenden Verurteilung wegen Simonie verschlechterte sich der Gesundheitszustand des Opicinus dramatisch. Geschwächt von der Fastenzeit 1334, erkrankte er in der Osterwoche 1334 schwer (s. u.). Nach einigen Wochen erholte er sich zwar wieder, es blieben aber Sprachstörungen, Gedächtnisverlust und eine Lähmung der rechten Hand zurück.Muriel Laharie: Le journal singulier d’Opicinus de Canistris (1337 – circa. 1341). 2 Bände. Bibliotheca Apostolica Vaticana, Rom, Vatikan 2008 (französisch), S. 304–307. Am 15. August 1334 erlebte er dann eine Erscheinung der Jungfrau Maria. Die Ereignisse dieses Jahres fasste Opicinus so auf, dass er „im Jahr des Herrn 1334 geboren“ wurde.Muriel Laharie: Le journal singulier d’Opicinus de Canistris (1337 – circa. 1341). 2 Bände. Bibliotheca Apostolica Vaticana, Rom, Vatikan 2008 (französisch), S. 523.

Seine Arbeit als Skriptor nahm Opicinus in reduziertem Umfang wieder auf. Ab 1336 bis zu seinem Tod arbeitete er für den privaten Gebrauch an zwei Manuskripten, einem aus Pergament und einem aus Papier.Muriel Laharie: Le journal singulier d’Opicinus de Canistris (1337 – circa. 1341). 2 Bände. Bibliotheca Apostolica Vaticana, Rom, Vatikan 2008 (französisch), S. xvii. Noch 1348 stand Opicinus im Dienst von Papst Clemens VI. und blieb bis zu seinem Tod 1351 oder 1352 in der päpstlichen Kanzlei.

Krankheit und Visionen