Die Muslimbrüder im Jemen () sind der jemenitische Zweig der Muslimbruderschaft (MB).
Geschichte: Von der Gründung bis in die frühen 1990er Jahre Erste Verbindungen der Muslimbruderschaft zum Jemen Die erste Verbindung zwischen der Muslimbruderschaft und dem Jemen entstand 1929, als Hasan al-Bannā, der Gründer der Muslimbruderschaft, anlässlich des Gedenkens an die Hidschra eine Vorlesung bei einer Feier der Gemeinschaft der muslimischen Jugend in Kairo hielt. Unter den Anwesenden befand sich Muhammad Zubāra al-Hasan, der Emir des Palastes al-Saʿīd in Sanaa. Nach der Vorlesung führte Zubāra ein langes Gespräch mit al-Bannā über Ägypten, den Jemen sowie die Verbreitung von „Atheismus und Libertinismus“. Beide waren sich einig über die Notwendigkeit, diesen Entwicklungen entgegenzuwirken. Nach diesem Gespräch besuchte Muhammad Zubāra die Stadt Ismailia und verbrachte dort drei Tage mit Hasan al-Bannā. Während seines Aufenthalts besichtigte er die Einrichtungen der Muslimbruderschaft, darunter die Schule der „Mütter der Gläubigen“, das islamische Hirā'-Institut und die Pfadfindergruppe. Beeindruckt von al-Bannās Arbeit, schlug Zubāra ihm vor, in den Jemen zu kommen und dort als Lehrer zu arbeiten. Um dies zu ermöglichen, führte Zubāra Gespräche mit Imam Yahyā und seinem reformorientierten Sohn Saif al-Islām Muhammad (gest. 1932), um sie von der Idee zu überzeugen. Im Anschluss daran entwickelte sich ein Schriftwechsel zwischen Hasan al-Bannā und Saif al-Islām Muhammad. Politische Hindernisse in Ägypten verhinderten jedoch, dass al-Bannā in den Jemen reisen konnte. Die Freundschaft zwischen Zubāra und al-Bannā blieb jedoch bestehen und war geprägt von einem kontinuierlichen Austausch.Ḥasan al-Bannā: Muḏakkirāt ad-daʿwa wa-dāʿiya. Markaz al-iʿlām al-ʿArabī, Gizeh 2011. S. 145. Digitalisat
Ein wichtiger Kanal der Verbindung zwischen der Muslimbruderschaft und dem Jemen waren die jemenitischen Studierenden, die nach Kairo kamen, um an der al-Azhar-Universität zu studieren. 1937 begann die Beziehung von al-Bannā zur jemenitischen Opposition, als Ahmad Muhammad an-Nuʿmān den Jemen in Richtung Kairo verließ, gefolgt von dem Dichter Muhammad Mahmūd az-Zubairī. Dort trafen sie auf andere jemenitische Studierende. Der entscheidende Wendepunkt in der Beziehung zwischen der Muslimbruderschaft und den Jemeniten ergab sich durch die Bekanntschaft von an-Nuʿman und az-Zubairī mit al-Bannā sowie ihre regelmäßigen Besuche im Hauptquartier der Bruderschaft. Hasan al-Bannā zeigte besonderes Interesse an beiden, insbesondere nachdem az-Zubairī der Bruderschaft beigetreten war und mit anderen unter deren Banner tätig wurde.Furaiḥ: Daur al-Iḫwān al-Muslimīn fī ḥarakat al-muʿāraḍa al-Yamanīya 1929–1947 (al-ǧuzʾ al-auwal). Juli 2021, S. 150–151.
mini|Muhammad Mahmūd az-Zubairī In Ägypten gründeten die jemenitischen Studierende gemeinsam mit anderen arabischen Kommilitonen die „Gemeinschaft der arabischen Studierenden“. Zudem schlossen sie sich der von den Muslimbrüdern gegründeten „Gesellschaft für das Gebieten des Rechten und Verbieten des Verwerflichen“ (Ǧamʿīyat al-amr bi-l-maʿrūf wa-n-nahy ʿan al-munkar) an. Am 28. September 1940 gründete az-Zubairī gemeinsam mit anderen die erste organisierte Oppositionsbewegung gegen die Herrschaft von Imam Yahyā unter dem Namen „Schwadron der jemenitischen Jugend“ (Katībat aš-šabāb al-Yamanī).Furaiḥ: Daur al-Iḫwān al-Muslimīn fī ḥarakat al-muʿāraḍa al-Yamanīya 1929–1947 (al-ǧuzʾ al-auwal). Juli 2021, S. 151.
Im Februar 1941 kehrte an-Nuʿmān in den Jemen zurück, gefolgt von az-Zubairī im Juli desselben Jahres. Auf Empfehlung von al-Bannā änderte az-Zubairī den Namen der „Brigade der jemenitischen Jugend“ in „Jugend für das Gebieten des Rechten und Verbieten des Verwerflichen“. Al-Bannā half zudem, das Programm der Gruppe zu überarbeiten, das dem der Muslimbruderschaft nachempfunden war. Az-Zubairī brachte Kopien des Programms mit in den Jemen und bemühte sich, Zellen der neu gegründeten Gemeinschaft im ganzen Land zu verbreiten. Nachdem er das Programm veröffentlicht und dessen Ziele erläutert hatte, ließ Imam Yahyā ihn und seine Mitstreiter inhaftieren. Das Programm wurde einer Gelehrtenkommission zur Prüfung vorgelegt, die behauptete, einige Passagen seien mit der islamischen Scharia nicht vereinbar. Trotz dieser Rückschläge versuchten az-Zubairī und an-Nuʿmān, Kronprinz Ahmad, den Gouverneur von Taʿizz, für ihre Sache zu gewinnen. Ihre Bemühungen scheiterten jedoch Anfang 1943, und die Oppositionsbewegung blieb unterdrückt.Furaiḥ: Daur al-Iḫwān al-Muslimīn fī ḥarakat al-muʿāraḍa al-Yamanīya 1929–1947 (al-ǧuzʾ al-auwal). Juli 2021, S. 153–154.
Die Entsendung von al-Fudail al-Wartilānī und der „Heilige Nationale Pakt“ Hasan al-Bannā und der algerische Aktivist al-Fudail al-Wartilānī trafen sich mit Muhammad al-Badr, dem Enkel von Imam Yahya, und entwickelten die Idee, dass al-Wartilānī in den Jemen reisen sollte, um dort ein Handelsunternehmen zu gründen. Muhammad al-Badr erklärte sich bereit, al-Wartilānīs Eintritt in den Jemen zu erleichtern. Außerdem wurde vereinbart, dass al-Badr sich um die Anforderung einer Abordnung von Lehrern aus Ägypten kümmern würde, während die Muslimbrüder im ägyptischen Bildungsministerium dafür sorgen würden, dass diese Abordnung aus Lehrern aus ihren Reihen zusammengesetzt sein würde.Furaiḥ: Daur al-Iḫwān al-Muslimīn fī ḥarakat al-muʿāraḍa al-Yamanīya 1929–1947 (al-ǧuzʾ al-auwal). Juli 2021, S. 156–157. Al-Wartilānī kam als Gesandter von al-Bannā nach Sanaa, um ein neues Handelsunternehmen zu gründen, das den Kauf und Export von Autos und Maschinen in den Jemen organisiert, und fungierte dabei als Vertreter von Muhammad Sālim, dem Inhaber eines Autobusunternehmens, der mit Hasan al-Bannā befreundet war. Begleitet wurde er von dem Muslimbruderschaft angehörenden Archäologen Ahmed Fakhry. Dies geschah, nachdem al-Badr seinen Vater Ahmad ibn Yahyā davon überzeugen konnte, dass al-Wartilānī über großes Wissen und religiöse Integrität verfüge. Imam Yahyā hatte zuvor Aktivitäten der Muslimbruderschaft im Jemen abgelehnt, doch überzeugte ihn al-Badr, dass al-Wartilanī ein Mann von Wissen und Redekunst sei.Furaiḥ: Daur al-Iḫwān al-Muslimīn fī ḥarakat al-muʿāraḍa al-Yamanīya (al-ǧuzʾ al-auwal). Juli 2021, S. 157.
Imam Yahyā erteilte daraufhin al-Wartilānī die Genehmigung zur Gründung der „Jemenitischen Gesellschaft für Handel, Industrie, Landwirtschaft und Transport“ und erließ ein entsprechendes Regierungsdekret. Zudem genehmigte er die Satzung der Gesellschaft und gewährte ihr ein vorläufiges Monopol von drei Jahren für den Handel mit Gas und Zucker. Diese Gesellschaft fungierte jedoch als Deckmantel für die Aktivitäten der Muslimbruderschaft. In der Gründungsphase, während al-Wartilānī mit jemenitischen Kaufleuten in Kontakt trat und sich in ihren Kreisen bewegte, nutzte er seine geschäftlichen Tätigkeiten, um Verbindungen zu Gelehrten, Ministern, Politikern und Intellektuellen aufzubauen. Diese Kontakte dienten ihm, um politische Angelegenheiten zu diskutieren und seine Ziele zu verfolgen. Mit al-Wartilānīs Ankunft im Jemen trat die jemenitische Oppositionsbewegung in eine neue Phase ein, da er gezielt darauf hinarbeitete, von innen heraus eine Revolution gegen Imam Yahyā in Gang zu setzen. Die politische Mission, die unter dem Deckmantel geschäftlicher Aktivitäten operierte, zielte darauf ab, die Herrschaft Imam Yahyās zu destabilisieren und letztlich zu stürzen. Al-Wartilānī schaffte es, ein Bündnis zwischen verschiedenen Gruppen der jemenitischen Opposition gegen Imam Yahyā zu schmieden und ließ sie am 14. September 1947 den „Heiligen Nationalen Pakt“ (al-Mīṯāq al-waṭanī al-muqaddas)Zum Lesen des Textes „Der heiligen Nationalpakt“ (auf Arabisch) siehe das Buch: ʾAḥmad Muḥammad al-Šāmī: Riyāḥ at-Taġyīr fī-l-Yaman. 1. Auflage, Ǧidda: al-Maṭbaʿa al-ʿArabiyya, 1984, S. 282-287.; Ebenso existierte eine überarbeitete Fassung des Textes „Der Heiligen Nationalpakt“ sowie seines Anhangs, die in ʾAḥmad Muḥammad al-Šāmīs Buch „Riyāḥ at-Taġyīr fī-l-Yaman“ erwähnt wurde. Siehe: ʾAḥmad Muḥammad al-Šāmī: Wathāʾiq Tārīḫiyya ʿan Ṯawrat ad-Dustūr: Naṣṣ al-Mīṯāq al-Waṭanī. In: Maǧallat al-Masār, Nr. 52, 30. April 2017, S. 145–157. unterzeichnen.aš-Šāmī: Riyāḥ at-Taġyīr fī-l-Yaman. 1984, S. 194.; siehe auch: A. Z. al-Abdin: The Free Yemeni Movement (1940-48) and Its Ideas on Reform. Middle Eastern Studies, vol. 15, no. 1, 1979, S. 43. Nach intensiven Beratungen einigten sie sich Ende Oktober 1947 auf die zentralen Ziele der geplanten Revolution: die Ermordung von Imam Yahyā und die Ernennung des islamischen Rechtsgelehrten ʿAbdallāh ibn Ahmad al-Wazīr zum neuen Imam. Dieser sollte eine verfassungs- und konsultationsorientierte Herrschaft etablieren, die den politischen Systemen moderner Staaten entspricht. Zudem einigten sie sich auf die Ausarbeitung eines Nationalpakts, die Einrichtung eines Konsultativrates, die Bildung einer nationalen Regierung sowie die Beauftragung von Dschamīl Dschamāl, der an den Versammlungen der Freiheitskämpfer beteiligt war, mit der Etablierung einer militärischen Organisation innerhalb der Armee unter seiner Führung. Darüber hinaus wurde ihm die Aufgabe übertragen, geheime Zellen in der Hauptstadt zu etablieren, um die revolutionären Bestrebungen strategisch zu koordinieren und zu fördern.Furaiḥ: Daur al-Iḫwān al-Muslimīn fī ḥarakat al-muʿāraḍa al-Yamanīya 1929–1947 (al-ǧuzʾ al-auwal). Juli 2021, S. 158–159.
Die konstitutionelle Revolution (1948) und ihr Scheitern Am 17. Februar 1948 führte ʿAbdallāh ibn Ahmad al-Wazīr einen bewaffneten Putsch gegen Imam Yahyā Hamīd ad-Dīn an, der während der Erhebung getötet wurde. Dadurch wurde die Herrschaft der Dynastie Hamīd ad-Dīn beendet, und ʿAbdallāh al-Wazīr übernahm die Macht als konstitutioneller Imam. Der Putsch scheiterte jedoch, weil Ahmad, der Sohn von Imam Yahyā, eine Gegenrevolution mit Unterstützung seiner Stammesanhänger organisierte. Dadurch gelang es ihm, die Revolution niederzuschlagen und die Aufständischen hinrichten zu lassen. Das Scheitern der Revolution war auf die Distanz der revolutionären Führung zur breiten Bevölkerung zurückzuführen, insbesondere angesichts der starken Bindung des Imams zu den Stämmen, die ihn als amīr al-muʾminīn, also als „Befehlshaber der Gläubigen“, was ein kalifaler Titel ist, anerkannten.Furaiḥ: Daur al-Iḫwān al-Muslimīn fī ḥarakat al-muʿāraḍa al-Yamanīya ʿām 1948 (al-ǧuzʾ aṯ-ṯānī). Maǧallat Wamīḍ al-fikr li-l-buḥūṯ, September 2021, S. 165–68. Darüber hinaus war die Stärke der Stammeskräfte, die dem Aufruf von Ahmad ibn Yahyā Hamīd ad-Dīn folgten, unvergleichlich größer als die begrenzten Mittel der Putschisten. Ahmad ibn Yahyā sandte damals Hasan al-Bannā folgendes Telegramm: