Ghungru (, ), englische Umschrift ghungroo, auch ghunghroo, ghunghuru, ghungar, ghungur, ghughrā, ghungura, Tamil salangai (Schellen), silambu (Fußringe), Kannada gejje, Telugu gejja, gejjai, Malayalam chilanka, aankukal und weitere, ist eine mit Schellen besetzte Schnur oder ein Band, das in Südasien bei Tänzen meist an den Knöcheln (als Fußkettchen), gelegentlich an anderen Körperteilen getragen wird. Die Schellen sind üblicherweise auf eine Schnur geflochten, die um Knöchel oder Arme geschlungen wird. Ein zweiter Typ von ghungru sind mit Rasselkörpern gefüllte Metallreifen, die ebenfalls an Armen und Beinen getragen werden. Alle Varianten gehören zu den Gefäßrasseln und dienen dazu, die Tanzbewegungen bei Volkstänzen und klassischen indischen Tänzen durch ein rhythmisches Geräusch zu akzentuieren. Von professionellen Tänzerinnen und Tänzern werden die Fußschellen religiös verehrt und das erste Anlegen der Fußschellen gehört in Indien zur Initiationszeremonie bei der professionellen Tanzausbildung. mini|Zwei Fußschellen ghungru mit jeweils 30 auf einer Baumwollkordel festgebundenen Schellen

Herkunft mini|Felsrelief des tanzenden Shiva als Weltenschöpfer Nataraja im Kailasa-Tempel von Ellora, 8. Jahrhundert. Mit Fußschellen an den Knöcheln tritt er mit dem rechten Fuß auf den zwergenhaften Dämon Apasmara. Der indische Tanz und seine kulturelle Bedeutung basieren auf einer bis in die altindische Zeit zurückreichenden Tradition. Sanskrit natya umfasst die Tanzkunst, die Schauspielkunst, Musik und das gesamte Umfeld des Theaterwesens. Diese Festlegung trifft die vom halbmythischen Gelehrten Bharata Muni verfasste Abhandlung Natyashastra, die in das 2. Jahrhundert v. Chr. bis 2. Jahrhundert n. Chr. datiert wird. Darin sind genaue Anweisungen zur Vorbereitung und Durchführung von Tanzdarbietungen bis hin zu Tanzschritten enthalten.

Der Tanz hat nach altindischer Vorstellung einen göttlichen Ursprung. Aus dem kosmischen Tanz (tandava) des Gottes Shiva in seiner Erscheinungsform als Nataraja („König des Tanzes“) entstand nach indischer Kosmogonie die Welt. Shiva bewegt sich mit wilden Schritten, während er in einer Hand die damaru dreht, eine kleine Klappertrommel, die ein prasselndes Geräusch erzeugt. Neben den von Shivas Füßen ausgehenden Vibrationen und dem Rhythmus beinhalten auch die Schwingungen der Melodie (nada, „Klang, Laut, Ton“) eine schöpferische Kraft. Das Wesen des Tanzes ist sein emotionaler Gehalt (rasa), der nicht ohne die genaue Beachtung der festgelegten Körperbewegungen zum Ausdruck kommen kann. So ist der tandava ein besonders wilder und leidenschaftlicher Tanz, der dem Wesen Shivas entsprechend Schöpfung und zugleich Zerstörung symbolisiert.

Aus der Indus-Kultur sind um 2000 v. Chr. entstandene Bronzestatuetten von Tänzerinnen und Tänzern erhalten, ebenso kugelförmige Gefäßrasseln aus gebranntem Ton.Subhi Anwar Rashid: Musikgeschichte in Bildern. Band 2: Musik des Altertums. Lieferung 2: Mesopotamien. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1984, S. 100 Zahlreiche Tonrasseln mit Tonkügelchen im Innern aus Mohenjo-Daro und Harappa verweisen auf ihre damals große Verbreitung. Bei einigen Exemplaren ist die Schale durchlöchert, damit sie lauter erklangen. Kugelförmige Rasseln aus Chanhu Daro haben typischerweise einen Durchmesser von 4 Zentimetern (bei Durchmessern zwischen etwa 2 und 6 Zentimetern), einige waren mit roten Linien bemalt.Ernest Mackay: Chanhu-daro excavation, 1935–36. (American Oriental Series, Band 20) American Oriental Society, New Haven 1943, S. 167 Abgesehen von diesen Kinderrasseln aus Ton waren in der Hand gehaltene Rasseln in altindischer Zeit selten. Darstellungen von Rasselgürteln finden sich ab der Zeit der Shunga-Dynastie (2./1. Jahrhundert v. Chr.), aus der Zeit des Gupta-Reichs (3. bis 6. Jahrhundert) und aus späteren Epochen.

Auf einem Relief an einem Pfeiler der Stupa-Umzäunung (vedika) von Amaravati aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. sind in einer seltenen Darstellung drei Yakshas abgebildet, von denen der mittlere in jeder Hand zwei Gefäßrasseln an langen Stielen hochhält. Eine weitere Rassel dieses Typs aus dem 1./2. Jahrhundert n. Chr. ist auf einem Pfeilerrelief eines Jain-Stupas von Mathura zu erkennen. Eine Frau übergibt eine kugelförmige Rassel von etwa 5 Zentimetern Durchmesser mit einem Handgriff an ein Kind, das die Hand danach ausstreckt.Walter Kaufmann, 1981, S. 94, 132 Eine im Original teilweise erhaltene Tonrassel aus Saunkh im Distrikt Mathura, die in das 1. Jahrhundert n. Chr. datiert wird, besitzt auf beiden Seiten Reliefs – auf einer Seite mit geometrischen Mustern, auf der anderen mit plastisch hervortretenden Figuren, die Akrobaten darstellen – und hat einen Durchmesser von gut 10 Zentimetern.Rattle. Sonkh, Mathura, Uttar Pradesh (India). UCLA Library, University of California (Rückseite mit geometrischen Verzierungen der oben abgebildeten Rassel)

mini|Tongefäßrassel aus Saunkh, Mathura, 1. Jahrhundert n. Chr. Die Relieffiguren sind Akrobaten, die Rasselbänder um Hals und Handgelenke tragen. Häufiger erscheinen ab dem 2. Jahrhundert v. Chr. auf Steinreliefs an buddhistischen Stupas Musikerinnen zusammen mit Tänzerinnen in voller Bewegung. Bei den Tänzerinnen bilden Fußkettchen mit Schellen das charakteristische Merkmal. Aus etlichen Quellen geht hervor, dass in altindischer Zeit Könige und andere bedeutende Persönlichkeiten zu ihrer Unterhaltung von musizierenden und tanzenden Frauen umgeben waren, auch die von ihnen gespielten Musikinstrumente werden erwähnt, darunter vina (Bogenharfe, später Langhalslaute), venu (Flöte), nakula (Stabzither wie die jantar), vallaki (Bogenharfe wie die yazh) und panava (Sanduhrtrommel). Im Epos Ramayana wird geschildert, wie in allen Räumen des Palastes die Instrumentalmusik der Frauen, ihr Gesang und das Klirren ihrer Rasseln zu hören waren. Die Unterhaltung der höfischen Gesellschaft dauerte auf diese Weise bis zum Morgengrauen, als die Kurtisanen an Ort und Stelle eingeschlafen waren. Eine solche Szene mit über ihren Musikinstrumenten eingeschlafenen Frauen ist auf einem Relief aus Nagarjunakonda (heute im Nagarjuna-Sagar-Stausee) aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. dargestellt. Das Mahabharata erzählt ebenfalls von den schönen Frauen des Königs, die mit ihren edlen Gewändern, ihrem kostbaren Schmuck aus goldenen Armreifen und um den Hals gehängten Girlanden sangen und tanzten.Walter Kaufmann, 1981, S. 112

Körperschmuck hat in Indien eine bis in die altindische Zeit zurückreichende Tradition und ist ein wesentlicher Bestandteil der indischen Kultur. Auf allen figürlichen Reliefs aus Nagarjunakonda tragen die Tänzerinnen Fußkettchen, manche nur ein Kettchen an den Knöcheln, andere haben zwei oder drei Kettchen und zusätzlich Perlenschnüre umgebunden. Die einfachste Form klingender Schellen waren den Darstellungen zufolge Metallröhren, die ringförmig um den Knöchel herumgebogen und mit Rasselkörpern gefüllt waren (Fußringe). Die Frauen trugen einen oder manchmal zwei solcher Ringe um jeden Knöchel. Eine Frau auf einem Relief aus Nagarjunakonda hat drei offenbar schwere Ketten, die unterschiedlich geformt sind, an jedem Knöchel umgebunden. Die untere erinnert an ein gedrehntes Seil, die mittlere an einen geflochtenen Haarzopf und die obere könnte aus Metallringen, die auf eine Schnur gereiht sind, bestanden haben. Andere Frauen werden mit einem Ring am Knöchel dargestellt, an welchem ringsum kleine bewegliche Metallösen oder andere ovale Gegenstände angebracht sind (Stabrasseln). Dieser Typus ähnelt den heutigen Fußrasseln mit einer Reihe von Schellen (Gefäßrasseln, Sanskrit und Hindi kinkini).A. V. Naik: Studies in Nāgārjunakoņdā Sculptures. In: Bulletin of the Deccan College Post-Graduate and Research Institute, Band 2, Nr. 1/2, November 1940, S. 50–118, hier S. 90f

Einen besonders schön gestalteten Fußschmuck zieren die Knöchel einer weiblichen Skulptur aus Mathura, von der nur die untere Hälfte erhalten ist.S. K. Saraswati: A Survey of Indian Sculpture. Firma K. L. Mukhopadhyay, Kalkutta 1957 Abb. 113 Die von links nach rechts schreitend auf einem Sockel positionierte Figur, die als Göttin Gauri (ein Beiname der Parvati) interpretiert wird, trägt außerdem eine Halskette, die bis zu den Oberschenkeln herabhängt und ein häufiges Schmuckmotiv in der indischen Kunst darstellt.Mihir Mohan Mukhopadhyay: A Fragmentary Sculpture of a Female From Mathura. In: Proceedings of the Indian History Congress Band 28, 1966, S. 23f Ein Relief in der Höhle Nr. 1 (Ranigumpha) von Udayagiri und Khandagiri im ostindischen Bundesstaat Odisha stellt eine Tanzszene dar, bei der die Tänzerin in einer eleganten Körperposition (mudra), mit großen Augen und einem verzückten Lächeln, behängt mit Halsschmuck, Armreifen und Fußkettchen die Bedeutung der musikalischen Komposition zum Ausdruck bringt. Begleitet wird sie von vier Musikerinnen, die Flöte, Bogenharfe und zwei Trommeln spielen. In der zu jener Zeit (im 1. Jahrhundert v. Chr.) verfassten Hathigumpha-Inschrift werden die Darbietungen – Gesang, Instrumentalmusik, Tanz und akrobatische Vorführungen – bei Festen in der Hauptstadt des Königs Kharavela beschrieben.D. B. Mishra: Performing Arts in Orissan Archaeology and Epigraphy. In: Proceedings of the Indian History Congress, Band 66, 2005–2006, S. 1454–1461

Im Abhinaya Darpana („Gebärdenspiegel“) des Theaterexperten Nandikeshvara aus der Mitte des 1. Jahrtausends v. Chr. heißt es zum Rasselschmuck:Walter Kaufmann, 1981, S. 30, zitiert nach: Alain Daniélou: Bharata Nātyam. Der klassische Tanz Indiens. Veröffentlichung des Internationalen Instituts für vergleichende Musikstudien und Dokumentation, Berlin 1970, S. 15 Welche ästhetische Bedeutung den Fußschellen der Tänzerinnen zukommt, geht aus dem Sanskrit-Drama Mricchakatika („Das Tonwägelchen“) hervor, das dem Dramatiker und König Shudraka zugeschrieben wird, der zu Beginn des 1. Jahrtausends (2./3. Jahrhundert?) gelebt haben soll. Darin wird die schöne Kurtisane Vasantasena wegen ihres betörenden Dufts und des angenehmen Klingelns ihres Rasselschmucks gerühmt.Walter Kaufmann, 1981, S. 30f

In Südindien gilt das Silappadigaram (Tamil, „Die Erzählung einer Fußschelle“) als das erste der „fünf großen tamilischen Epen“, die nach der Sangam-Literatur um die Mitte des 1. Jahrtausends entstanden. Es wird dem Mönch und Dichter Ilango Adigal zugeschrieben. Erzählt wird die Liebesgeschichte eines jungen Ehepaares. Der Mann lernt die schöne und gebildete Kurtisane Madhavi kennen, in die er sich verliebt und seine Frau verlässt. Die tragischen Ereignisse werden durch ein mit Juwelen besetztes Fußkettchen ausgelöst, von dem der König fälschlich glaubt, der Mann habe es ihm gestohlen, worauf er ihn deswegen töten lässt. Jahrhunderte später werden aus den Kurtisanen die Tempeldienerinnen (Devadasi), die mit edlem Schmuck behängt sind und über magische Fähigkeiten verfügen sollen.Saskia Kersenboom: India. Music and Dance: Southern Area. In: Alison Arnold (Hrsg.): The Garland Encyclopedia of World Music. Band 5: South Asia. The Indian Subcontinent. Garland, New York 2000, S. 518

Die höfische Musikkultur im Mogulreich behielt mit typischen Instrumenten wie dem Kesseltrommelpaar nagārā und der Langtrompete nafir die arabisch-persische Tradition bei, integrierte aber zugleich in ihre Aufführungspraxis die Begleitinstrumente indischer Tänze, darunter ghungru, jalra (Zimbelpaar), mridangam (Doppelkonustrommel), vina (Langhalslaute), bansuri (Bambusflöte), awaj (kleine Sanduhrtrommel) und tanpura (Langhalslaute). Sie finden sich zahlreich in den höfischen Szenen der Mogulmalerei.S. P. Verma: Material Culture as Discerned from Mughal Paintings. In: Proceedings of the Indian History Congress, Band 37, 1976, S. 563–569, hier S. 566

Wortumfeld mini|Schwere, mit Rasselkörpern gefüllte Fußringe, Malayalam chilambu, an den Füßen eines Teyyam-Tänzers in Kerala