Das Realgymnasium ist ein Schulgebäude in Eilenburg. Das 1906 fertiggestellte Bauwerk war das erste Werk Otto Lemkes in Eilenburg und vereint Gestaltungselemente des Jugendstils und der Reformarchitektur. Bis 2013 war das Gebäude die Heimstatt des Martin-Rinckart-Gymnasiums und seiner Vorgänger. Heute befinden sich dort unter anderem der Sitz der Volkshochschule Nordsachsen, eine Außenstelle des Medienpädagogischen Zentrums (MPZ) Nordsachsen und die Außenstelle einer Förderschule. Aufgrund seiner bau- und ortsgeschichtlichen Bedeutung und seines Stadtbild prägenden Charakters ist das Realgymnasium ein eingetragenes Kulturdenkmal in der Denkmalliste des Landesamtes für Denkmalpflege Sachsen.
Lage
mini|Das Realgymnasium im städtebaulichen Kontext am Südring (Ansichtskarte um 1910) Das Realgymnasium mit der Anschrift Dr.-Külz-Ring 9 liegt im Eilenburger Stadtteil Mitte im Karree der Straßen Dr.-Külz-Ring, Röberstraße, Wilhelm-Raabe-Straße und Gustav-Raute-Straße. Das Grundstück liegt südöstlich der Altstadt unmittelbar vor der ehemaligen Stadtmauer, die 1820 niedergerissen wurde. Der heutige Dr.-Külz-Ring markiert den Verlauf eines Abschnitts der Stadtbefestigung. Teil dieser Befestigung war ein Damm, der die Altstadt vor dem Hochwasser der Mulde schützen sollte, weswegen die Straße ursprünglich den Namen Dammstraße trug. Durch den Bau eines neuen Deiches im Verlauf der heutigen Friedrich-Ebert-Straße um die Jahrhundertwende konnte das Gelände als Bauland der Muldenaue abgetrotzt werden. Der Name der Straße wechselte noch mehrfach in Südpromenade (1906), Südring (1933), Hermann-Göring-Ring (nach 1933) und Südring (1945), bis 1950 die heutige Bezeichnung vergeben wurde.Eilenburger Geschichts- und Museumsverein (Hrsg.): Eilenburger Straßennamen-Lexikon, Verlag für die Heimat, Gräfenhainichen 2016, Seiten 71/72
Das Gymnasiumsgebäude ist eingebettet in eine kleine Parkanlage, die zwischen 1898 und 1906 angelegt wurde.Eilenburger Geschichts- und Museumsverein (Hrsg.): Eilenburger Straßennamen-Lexikon, Verlag für die Heimat, Gräfenhainichen 2016, Seiten 28/29 Hier befinden sich als geschützte Naturdenkmale ein Tulpenbaum, zwei Blutbuchen und ein Findling sowie als Kulturdenkmal das von Victor Seifert geschaffene Franz-Abt-Denkmal (1913). Das Umfeld der Schule ist hauptsächlich von Wohn- und Infrastrukturbauten geprägt. Südlich befindet sich eine aufgelockerte Bebauung aus mehreren Villen, unter anderem die Villen des ehemaligen Offizierskasinos und der Reichsbank. Südöstlich und östlich befinden sich weitere denkmalgeschützte Mietvillen, etwa das Röberstift, sowie eine kompaktere Mietshaussiedlung aus den 1920er-Jahren. Repräsentative Wohnbauten schließen sich auf dem nördlich gegenüberliegenden Baufeld an. Ebenfalls nördlich liegt das heutige Polizeirevier, dessen Gebäude bis zur Eröffnung des Realgymnasiums als Höhere Schule genutzt wurde. Nordwestlich und westlich beginnt die Altstadt mit einer heterogenen Bebauung bestehend aus Resten der alten Bebauung, DDR-Wohnblöcken der 1960er-Jahre und Wohnhäusern der Nachwendezeit. Westlich im Verlauf des Dr.-Külz-Rings liegen Wohnbauten der Gründerzeit sowie Wohnblöcke aus der DDR-Zeit, etwa an den früheren Standorten der Stadtschule und des Kornhauses.
Geschichte
mini|Das Realgymnasium unmittelbar nach seiner Eröffnung (1906) sowie das Vorgängergebäude (kleines Bild) Um das Jahr 1900 stieß das bestehende Realprogymnasium an seine Kapazitätsgrenzen. Gleichzeitig strebten die Stadtväter danach, die Schule zu einem vollwertigen Realgymnasium mit Oberstufe zu entwickeln. Die am 24. Januar 1904 ausgesprochene Genehmigung des preußischen Ministeriums der geistlichen, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten war allerdings an die Bedingung geknüpft, einen Neubau zu errichten. Damit wurde der ursprüngliche Plan, das Bestandsgebäude zu erweitern, verworfen. Die eigens eingesetzte Baudeputation wählte als Bauplatz für den Neubau ein städtisches Grundstück südöstlich der Altstadt an der in Entstehung begriffenen Südpromenade. Der Entwurf für das Schulhaus stammte von Stadtbaurat Otto Lemke, der auch für die Bauausführung verantwortlich zeichnete. Für Lemke, der am 1. März 1904 seinen Dienst in Eilenburg antrat, war es das erste Projekt in der Stadt. Die Baukosten wurden mit 250.000 Mark veranschlagt.
mini|links|Grundriss vom Erdgeschoss (1906) Der gewählte Bauplatz im ehemaligen Überschwemmungsgebiet erwies sich aufgrund des schlechten Baugrundes und wegen Grundwasserandrangs als schwierig. Zunächst wurde das Gelände mit Kies aus der Mulde erhöht.Jahres-Bericht des Städtischen Realgymnasiums in Entwicklung zu Eilenburg, Ostern 1907, Seite 5 Die Gründung erfolgte in fünf Metern Tiefe mit Zementbeton und darüber Kalkzementbeton. Darauf lagen die Grundmauern aus Bruchsteinmauerwerk. Nachdem sich 1905 ein gewisser Verzug in der Bauausführung eingestellt hatte, wurden die Bauarbeiten beschleunigt. Ostern 1906 konnte das Schulgebäude termingerecht und unter Einhaltung des Budgets seiner Bestimmung übergeben werden. Bei der zweitägigen Eröffnungsfeier war neben weiteren Ehrengästen Graf Richard zu Eulenburg als Vertreter des Eilenburger Adelsgeschlechts derer zu Eulenburg geladen. Nach seiner Festansprache übergab Bürgermeister Alfred Belian das Schulhaus an Direktor Paul Redlich, der vom Magistrat einstimmig gewählt worden war.Verein der Freunde und Förderer des Martin-Rinckart-Gymnasiums e. V. (Hrsg.): Vom Realprogymnasium zum Martin-Rinckart-Gymnasium, Druck & Werbung Mosig, Wölpern , Seiten 8–10 Zur Eröffnung erreichten das Gymnasium zahlreiche Schenkungen, unter anderem ein lebensgroßes Ölgemälde Friedrich Ludwig Jahns für die Turnhalle und ein Bild Kaiser Wilhelms II. für das Rektorenzimmer. Nach der Fertigstellung besuchten Baukommissionen aus anderen Städten, so aus Erfurt und aus Hirschberg den Schulhausbau.Jahresbericht des Städtischen Realgymnasiums zu Eilenburg, Ostern 1910, Seite 15
Im Sommer 1909 tagte die Provinzial-Versammlung des Gustav-Adolf-Vereins im Realgymnasium. Im Schuljahr 1910/11 erfolgte der Anschluss an das Telefonnetz und an das städtische Elektrizitätswerk.Jahresbericht des Städtischen Realgymnasiums zu Eilenburg, Ostern 1911, Seite 17 In den Jahren 1924 bis 1932 fand eine sukzessive innere Renovierung des gesamten Schulhauses statt.Berichte über die Schuljahre 1924 bis 1932
Zum Ende des Zweiten Weltkriegs waren im April 1945 Militär und Teile der Militärverwaltung im Gebäude untergebracht. Obwohl das Hissen weißer Flaggen mit der Todesstrafe bewehrt war, wurden für eine eventuelle Kapitulation solche Fahnen in der Schule genäht und im Glockenturm sowie im Rathaus deponiert. Sie kamen jedoch nicht zum Einsatz.Andreas Flegel, Hans Fröhlich, Rolf Schulze: Eilenburg April 1945. Geiger-Verlag, Horb am Neckar 1. Auflage 2004, ISBN 3-89570-988-3, Seite 26 Während der mehrtägigen schweren Artillerie-Angriffe erlitt das Realgymnasium im Gegensatz zur Altstadt nur geringen Schaden. Eine Granate traf die südwestliche Ecke der Aula, wobei ein Granatsplitter das Monumentalgemälde von Adolf Schlabitz beschädigte.Verein der Freunde und Förderer des Martin-Rinckart-Gymnasiums e. V. (Hrsg.): Vom Realprogymnasium zum Martin-Rinckart-Gymnasium, Druck & Werbung Mosig, Wölpern , Seite 24 Da das Eilenburger Rathaus völlig zerstört war, nutzte bis 1949 die Stadtverwaltung das Realgymnasium. Nach einer Renovierung bis 1951 bezog die nun Oberschule genannte Schulanstalt wieder das Gebäude.
1992 wurde die bestehende Kohleheizung gegen eine Ölheizung ausgetauscht. In den Jahren 1993 und 1994 erfolgte eine umfassende Sanierung des Schulhauses. Nachdem 2013 das Martin-Rinckart-Gymnasium aus dem Stammhaus ausgezogen war und im Schulhaus Hochhausstraße in Eilenburg-Ost zusammengeführt wurde, bezog die Volkshochschule Nordsachsen Teile des Hauses und verlagerte ihren Sitz dorthin. Seit 2020 ist die Grundstufe des Förderzentrums Schule am Bürgergarten im Gebäude beheimatet. Weitere Nutzer sind das Medienpädagogische Zentrum (MPZ) Nordsachsen, eine Suchtberatungsstelle, der Musikverein Eilenburg, der Rehasportverein, der Fanfarenzug Eilenburg, der Volkschor, das Laientheater und die Kreismusikschule.Ehemaliges Haus Rinckart wird rege genutzt. In: Amtsblatt Eilenburg, 12. Mai 2022, Seite 4 Seit 1996 ist die Aula des Gymnasiums Veranstaltungsort der klassischen Konzertreihe Stunde der Musik.
Baubeschreibung
Das Schulgebäude ist ein freistehendes mächtiges Bauwerk aus roten Klinkern, gestaltet unter reichhaltigem Einsatz von Kalkstein. Das auf einem abgewinkelten Grundriss errichtete Schulhaus besteht aus drei Gebäudeteilen. Der Südflügel mit Turnhalle und Aula und der lang gestreckte Nordostflügel, in dem die Klassenzimmer untergebracht sind, liegen in einem stumpfen Winkel zueinander. Sie werden verbunden durch einen keilartigen Mittelbau, der unter anderem das Treppenhaus, den Singe- und den Zeichensaal aufnimmt. Während der Mittelbau dreigeschossig ausgeführt ist, sind die beiden Seitenflügel zweigeschossig, wobei im Südflügel die beiden Stockwerke für Turnhalle und Aula in der Höhenausdehnung jeweils anderthalb Geschossen entsprechen. Der Nordostflügel gewinnt durch zwei parkseitig gelegene Risalite, die jeweils mit einem Zwerchhaus im Dach aufgehen, optisch an Höhe. Die Zwerchhäuser und der Südflügel weisen Schweifgiebel auf.
Portal
Der reich ausgestaltete Haupteingang befindet sich an der Nordwestseite im Mittelbau und wird über eine Freitreppe aus Granitstein erreicht. Das große Rundbogenportal mit seinem kräftigen Kalksteingewände wird flankiert von zwei reich gegliederten Säulen, auf deren Kapitellen jeweils eine Knabendarstellung ruht. Die Darstellungen zeigen jeweils einen Jungen im Profil, links in einem Buch lesend und rechts einen Schmetterling betrachtend. Darüber befindet sich ein Feston, das ausgehend vom Schlussstein des Rundbogens beidseits über den Köpfen der Knaben zum Ruhen kommt. Unter dem geschwungenen Portalgiebel befindet sich – eingerahmt in Jugendstilornamentik – das Eilenburger Stadtwappen. Damit weist der Eingang als Wappenportal auf die Stadt Eilenburg als Auftraggeber des Bauwerks hin. Begleitet wird das Wappen von drei Schnecken links und drei Bienen rechts als Allegorien für Genügsamkeit bzw. Fleiß. Die heute vorhandene Tür und das Oberlicht sind historisierend, entsprechen aber nicht dem originalen Vorbild.
Ein weiterer Zugang besteht vom Ende des Nordostflügels, dessen Treppenhaus durch einen Risalit betont wird. Der dritte und heute hauptsächlich genutzte Eingang führt durch eine Rundbogentür vom Schulhof in den Mittelbau. Er befindet sich auf Ebene des Kellergeschosses und wird durch einen runden Risalit hervorgehoben. Links davon liegt auf gleicher Ebene der rundbogige separate Zugang zur Turnhalle. Weitere kleine Nebenzugänge führen in das Kellergeschoss, unter anderem in die ehemalige Hausmeisterwerkstatt.
Fassade
Der Sockel des Schulgebäudes ist mit einer umlaufenden Kalkstein-Rustika abgesetzt, wobei die Gebäudeecken durch ein gröberes und stärker hervortretendes Bossenwerk betont werden. Für die Fassade kamen rote Klinker zur Anwendung. Die Giebel und die Straßenfassade des Südflügels weisen größere Putzflächen auf. Lisenen aus Klinkerstein sorgen an den Giebelseiten für eine vertikale Gliederung. Der Nordostflügel weist ein schmales Putzband zwischen den Fensterreihen von Erd- und Obergeschoss und ein breites bis in die obere Fensterreihe reichendes Putzband unterhalb der Traufe auf. Die Zwerchgiebel weisen Putzflächen mit einem aus Klinkern gestalteten Muster auf.