Abū Bakr Muhammad ibn Muslim Ibn Schihāb az-Zuhrī ( geb. zwischen 670 und 678, gest. 25. Juli 742) war ein Traditionarier, Qādī, und Fiqhgelehrter des Hedschas, der von der Zeit ʿAbd al-Maliks (reg. 685–705) bis zu Hischām ibn ʿAbd al-Malik (reg. 724–743) im Dienste der umaiyadischen Kalifen stand.aḏ-Ḏahabī: Tārīḫ al-Islām. 1988, Bd. VIII, S. 232f. Er war einer der Meisterschüler von ʿUrwa ibn az-ZubairBoekhoff-van der Voort: Between history and legend: the biography of the Prophet Muḥammad by Ibn Shihāb al-Zuhrī. 2012, S. 34. und gilt als einer der ersten systematischen Sammler und Überlieferer von Überlieferungen über Mohammed und die ersten Generationen der Muslime.Boekhoff-van der Voort: Between history and legend: the biography of the Prophet Muḥammad by Ibn Shihāb al-Zuhrī. 2012, S. 11.

Familiärer Hintergrund Ibn Schihāb az-Zuhrī gehörte zum quraischitischen Clan der Banū Zuhra, der mit Mohammed durch dessen Mutter Āmina bint Wahb verbunden war. Daher rührte auch seine Nisba az-Zuhrī. Sein Urgroßvater ʿAbdallāh ibn Schihāb hatte auf Seiten der mekkanischen Polytheisten an der Schlacht von Badr teilgenommen und bei der Schlacht von Uhud mit drei anderen Männern ein Pakt geschlossen, dass wer auch immer von ihnen Mohammed sehen würde, so lange gegen ihn kämpfen müsse, bis er ihn getötet habe oder selbst getötet würde. Sein Bruder, der gleichzeitig az-Zuhrīs Urgroßvater mütterlicherseits war, war einer der ersten Islam-Konvertiten. Sein Name war ursprünglich ʿAbd al-Dschān, doch änderte ihn Mohammed nach seiner Bekehrung in ʿAbdallāh ab. Zur Unterscheidung von seinem Bruder wurde er ʿAbdallāh al-Asghar genannt.Boekhoff-van der Voort: Between history and legend: the biography of the Prophet Muḥammad by Ibn Shihāb al-Zuhrī. 2012, S. 310. Ibn Schihābs Vater Muslim ibn ʿUbaidallāh stand während des Zweiten Bürgerkriegs auf der Seite des mekkanischen Kalifen ʿAbdallāh ibn az-Zubair.Ibn Qutaiba: al-Maʿārif. 1981, S. 472. Az-Zuhrī hatte einen älteren Bruder namens Abū Muhammad ʿAbdallāh ibn Muslim, der ebenfalls ein Überlieferer von Traditionen war, obwohl er nicht so berühmt wurde wie sein jüngerer Bruder.

Leben Geburtsjahr Das Geburtsjahr von az-Zuhrī ist umstritten. In den arabischen Quellen werden mehrere Jahre genannt: 50/670, 51/671, 56/675-676 und 58/677-678 (Angaben hier jeweils nach islamischer und christlicher Zeitrechnung).Boekhoff-van der Voort: Between history and legend: the biography of the Prophet Muḥammad by Ibn Shihāb al-Zuhrī. 2012, S. 311. Allerdings gibt es zwei Sachverhalte, die auf ein frühes Geburtsjahr hindeuten. Zum einen wird az-Zuhrī selbst mit der Aussage zitiert, dass er im Alter der Mannbarwerdung dem Kalifen Marwān ibn al-Hakam (reg. 684–685) seine Aufwartung machte.Ibn Ḥaǧar al-ʿAsqalānī: Tahḏīb at-tahḏīb. 1907, Bd. IX, S. 451. Demnach müsste er spätestens im Jahre 670 geboren sein.Boekhoff-van der Voort: Between history and legend: the biography of the Prophet Muḥammad by Ibn Shihāb al-Zuhrī. 2012, S. 312. Zum anderen besagt die vorherrschende Meinung, dass er im Jahre 124/742 im Alter von 72 Mondjahren starb.Elad: Medieval Jerusalem and Islamic Worship. 1994, S. 154f. Demnach müsste er im Jahre 52/672 geboren sein.

Studium Az-Zuhrī studierte in Medina bei mehreren renommierten Gelehrten, darunter ʿAbdallāh ibn Thaʿlaba (gest. 708), bei dem er die Genealogie seines eigenen Clans, der Banū Zuhra, kennenlernte. Als er Fiqh studieren wollte, verwies ihn ʿAbdallāh ibn Thaʿlaba an Saʿīd ibn al-Musaiyab (gest. 713).Horovitz: “The Earliest Biographies of the Prophet and Their Authors”. 1928, S. 43. Az-Zuhrī blieb bei Saʿīd sechs bis zehn Jahre.Boekhoff-van der Voort: Between history and legend: the biography of the Prophet Muḥammad by Ibn Shihāb al-Zuhrī. 2012, S. 319. Das Verhältnis zu Saʿīd ibn al-Musaiyab scheint besonders nahe gewesen zu sein. Maʿmar ibn Rāschid überliefert von az-Zuhrī den Ausspruch, dass sein Knie dasjenige von Saʿīd acht Jahre lang berührt habe.Ibn ʿAsākir: Taʾrīḫ madīnat Dimašq. 1997, Bd. LV, S. 315. Auf der Suche nach einem Hadith soll er einmal Saʿīd bei einer dreitägigen Reise begleitet haben.Ibn ʿAsākir: Taʾrīḫ madīnat Dimašq. 1997, Bd. LV, S. 314.

Drei weitere Gelehrte, bei denen az-Zuhrī lernte, waren ʿUrwa ibn az-Zubair (gest. 712), Abū Salama, der Sohn von ʿAbd ar-Rahmān ibn ʿAuf und ʿUbaidallāh ibn ʿAbdallāh ibn ʿUtba. Zusammen mit Saʿīd ibn al-Musaiyab nannte sie az-Zuhrī die vier „Wissensmeere“ (buḥūr) der Quraisch.Muḥammad ibn Saʿd: Kitāb aṭ-Ṭabaqāt al-kabīr. 1912, Bd. II/2, S. 131, Zeile 4–5. ʿUrwa war az-Zuhrīs wichtigster Übermittler von Berichten über Mohammed. Viele Überlieferungen, die die wichtigsten Ereignisse in dessen Leben beschreiben, haben den Isnād az-Zuhrī → ʿUrwa.Boekhoff-van der Voort: Between history and legend: the biography of the Prophet Muḥammad by Ibn Shihāb al-Zuhrī. 2012, S. 15. Das Verhältnis zu ʿUbaidallāh beschrieb az-Zuhrī selbst als ein Dienstverhältnis: Er pflegte für ihn Wasser zu schöpfen, und ʿUbaidallāhs Sklavin hielt ihn für einen Diener (ġulām) ihres Herrn.Ibn ʿAsākir: Taʾrīḫ madīnat Dimašq. 1997, Bd. LV, S. 316.

Nach einer Tradition, die adh-Dhahabī überliefert, beschränkte az-Zuhrī seine Befragungen nicht auf Gelehrte, sondern fragte jeden, der über Informationen oder Wissen verfügte und dem man vertrauen konnte. Er nahm an Versammlungen teil, ging in Häuser und fragte Einzelpersonen – Männer und Frauen, Alte und Junge.Duri: “az-Zuhrī: A Study on the Beginnings of History Writing in Islam”. 1957, S. 2.

Seine Beziehung zu ʿAbd al-Malik und der Jerusalem-Hadith Seine permanente Übersiedlung nach Damaskus erfolgte entweder in der Zeit, als ʿAbd al-Malik gegen Musʿab ibn az-Zubair auszog,So Abū Zurʿa ad-Dimašqī (gest. 894): Taʾrīḫ. Ed. al-Qūǧānī. Damaskus 1980. S. 583f. also um 691, oder während des Aufstands von Ibn al-Aschʿath,Ibn ʿAsākir: Taʾrīḫ madīnat Dimašq. 1997, Bd. LV, S. 305. also um 700. Nach einem langen Bericht, den Ibn ʿAsākir zitiert, war es Qabīsa ibn Dhuʾaib, der Siegelhüter ʿAbd al-Maliks, der az-Zuhrī bei Hofe einführte. Dazu bot sich eine Gelegenheit, als der Kalif einmal nach einem Rechtsentscheid hinsichtlich der Sklavin, die ihrem Herrn ein Kind geboren hat, fragte. Daraufhin brachte Qabīsa az-Zuhrī zum Kalifen, der ihn nach seiner Herkunft fragte, eine Bemerkung über die Teilnahme von az-Zuhrīs Vater am Aufstand des Gegenkalifen machte und ihm dann ein Gehalt zuwies.Ibn ʿAsākir: Taʾrīḫ madīnat Dimašq. 1997, Bd. LV, S. 300–302. Auch nach seiner Übersiedlung nach Damaskus besuchte az-Zuhrī regelmäßig den Hedschas. Der Kalif ließ ihm in Medina einen Hof kaufen.Lecker: “Biographical notes on Ibn Shihāb az-Zuhrī”. 1996, S. 51. Nach einem autobiographischen Bericht, den al-Maqrīzī anführt, entsandte ihn ʿAbd al-Malik auch einmal zu seinem Bruder ʿAbd al-ʿAzīz in Ägypten.al-Maqrīzī: al-Muqaffā al-kabīr. 1991, Bd. VII, S. 247.

Als ʿAbd al-Malik aus Sorge darüber, dass sein in Mekka herrschender Rivale ʿAbdallāh ibn Zubair die syrischen Mekka-Pilger zwingen könnte, ihm die Baiʿa zu leisten, die Wallfahrt nach Mekka verbot, versuchte er, Jerusalem als Ersatzheiligtum zu etablieren. Er ließ verbreiten, dass an der geweihten Stätte in Jerusalem der Tawāf mit derselben Gültigkeit geübt werden könne wie an der Kaaba. Nach al-Yaʿqūbī fiel az-Zuhrī dabei die Aufgabe zu, mit einem Hadith die Rechtfertigung für diese durch politische Motive veranlassten Reform des religiösen Lebens zu liefern.Goldziher: Muhammedanische Studien. 1890, Bd. II, S. 35f. Nach diesem Hadith gibt es drei Moscheen, zu welchen die Menschen wallfahrten sollen: die al-Harām-Moschee in Mekka, die Prophetenmoschee in Medina und die Moschee in Jerusalem. Die letztgenannte sollte für die syrischen Muslime an die Stelle der al-Harām-Moschee treten und der Felsen in Jerusalem, von dem Mohammed angeblich seine Himmelsreise angetreten hatte, ihnen als Ersatz für die Kaaba dienen.Al-Yaʿqūbī: Taʾrīḫ. Ed. Martijn Theodor Houtsma. Brill, Leiden, 1883. Bd. II, S. 311. Digitalisat

Was allerdings dagegen spricht, dass az-Zuhrī diesen Hadith aufgebracht hat, ist, dass er zu dieser Zeit noch sehr jung war (14–23 Jahre alt). Nach Josef Horovitz besteht kein Zweifel daran, dass er diesen Hadith aus dem Mund von Saʿīd ibn al-Musaiyab hatte, von dem bekannt ist, dass er in dem Streit zwischen ʿAbdallāh ibn Zubair und ʿAbd al-Malik mit Traumauslegungen zugunsten des letzteren intervenierte.Horovitz: “The Earliest Biographies of the Prophet and Their Authors”. 1928, S. 36. Az-Zuhrī, so vermutete er, könnte die von Saʿīd ibn al-Musaiyab gehörte Überlieferung aus Hoffnung auf eine Belohnung zu ʿAbd al-Malik nach Damaskus gebracht haben.Horovitz: “The Earliest Biographies of the Prophet and Their Authors”. 1928, S. 37. Sollte az-Zuhrī tatsächlich in den Jahren 690-691 nach Damaskus gereist und die Tradition von den drei Moscheen an ʿAbd al-Malik weitergegeben haben, wäre dies angesichts der Loyalität einiger anderer Mitglieder des Zuhra-Clans gegenüber ʿAbdallāh ibn Zubair eine bemerkenswerte Tat gewesen. Denn nicht nur az-Zuhrīs Vater unterstützte ʿAbdallāh ibn Zubairs Anspruch auf das Kalifat und gehörte zur Armee von Musʿab ibn az-Zubair, auch die letzten beiden Gouverneure von ʿAbdallāh ibn Zubair in Medina gehörten den Banū Zuhra an.Boekhoff-van der Voort: Between history and legend: the biography of the Prophet Muḥammad by Ibn Shihāb al-Zuhrī. 2012, S. 316.

Seine Beziehung zu den späteren umaiyadischen Kalifen Nach einer Überlieferung, die Ibn ʿAbd al-Barr zitiert und auf az-Zuhrī selbst zurückgeführt wird, beauftragte der Kalif ʿUmar ibn ʿAbd al-ʿAzīz (reg. 717–720) diesen, die Sunna-Bestimmungen zu sammeln. Az-Zuhrī habe sie daraufhin in Heften aufgeschrieben, woraufhin der Kalif in jedes Gebiet, das er beherrschte, davon ein Heft schickte. Yazid II. (reg. 720–724) ernannte az-Zuhrī zum Qādī. Eine Zeitlang war az-Zuhrī unter den Umaiyaden auch als Steuereintreiber tätig. Bei der Ausübung dieses Amtes soll er einmal unabsichtlich das Blut eines Mannes vergossen haben. Nach Sufyān ibn ʿUyaina geschah dies, als er einmal einen Mann auspeitschen ließ und dieser daraufhin starb.Lecker: “Biographical notes on Ibn Shihāb az-Zuhrī”. 1996, S. 38. Nach einem Bericht, den Muhammad ibn Saʿd anführt, war es ʿAlī ibn Husain, der die Last der Schuld für dieses Vergehen von seinem Gewissen nahm.Horovitz: “The Earliest Biographies of the Prophet and Their Authors.” 1928, S. 34f. Ein weiteres Amt, das az-Zuhrī während des Umaiyaden-Kalifats innehatte, war das des Oberhaupts der Polizei (šurṭa).Lecker: “Biographical notes on Ibn Shihāb az-Zuhrī”. 1996, S. 39f. Als Gegenleistung für seine Dienste bezahlten die umaiyadischen Kalifen seine Schulden und entlohnten ihn mit einem regelmäßigen Einkommen und einem großen Anwesen in Schaghb wa-Badā bei AilaLecker: “Biographical notes on Ibn Shihāb az-Zuhrī”. 1996, S. 50–53. an der Grenze zwischen der Provinz des Hedschas und der Provinz Palästina.Ibn Qutaiba: al-Maʿārif. 1981, S. 472.

Die knapp 20 Jahre des Kalifats von Hischām ibn ʿAbd al-Malik verbrachte az-Zuhrī fast vollständig in dessen Residenz ar-Rusāfa.al-Fasawī: Kitāb al-Maʿrifa wa-t-tārīḫ. 1975, Bd. I, S. 636. Hischām nahm az-Zuhrī im Jahre 725 mit auf den Haddsch und vertraute ihm die Erziehung seiner Söhne an. Er hatte sich bis zu seinem Tode ständig in ihrer Nähe aufzuhalten, sie in Fiqh und anderen Wissenschaften zu unterrichten und mit ihnen auf Haddsch zu gehen. Eine letzte Haddsch-Wallfahrt, die az-Zuhrī mit Hischāms Sohn Yazīd unternahm, ist für das Jahr 741 bezeugt.Lecker: “Biographical notes on Ibn Shihāb az-Zuhrī”. 1996, S. 33, Fußnote 47. Nach einem Bericht, der auf den Neffen az-Zuhrīs zurückgeht, diktierte az-Zuhrī auf Befehl Hischāms seine Hadithe den Sekretären des Kalifen zur Niederschrift.Lecker: “Biographical notes on Ibn Shihāb az-Zuhrī”. 1996, S. 26.