mini|Chirurginnen bei einer gefäßchirurgischen Operation, 2022 Frauen in der Chirurgie beschreibt das Wirken von chirurgisch tätigen Frauen als Heilkundige, Hebammen und Ärztinnen in Geschichte und Gegenwart. Obwohl Frauen viele Jahrhunderte lang gar nicht oder nur als Randerscheinung eines männlich dominierten Wirkungsfeldes wahrgenommen wurden und ihr Schaffen verboten oder eingeschränkt wurde, waren Frauen seit der Antike chirurgisch tätig. Im 4. Jahrhundert entwickelte Aspasia innovative chirurgische Techniken. Im Mittelalter wurde Frauen das Medizinstudium zumeist verwehrt, jedoch gab es Studienmöglichkeiten wie für die Frauen von Salerno.
Als Frauen im 19. Jahrhundert in Deutschland der Zugang zum Gymnasium ermöglicht wurde, sie somit durch den Abschluss und eine Gesetzesänderung die Möglichkeit zu studieren bekamen, nahmen die ersten Frauen ein Medizinstudium auf. Sie folgten damit anderen Frauen, denen dies in anderen Ländern zuvor schon ermöglicht worden war. Inzwischen stellen Frauen in vielen Ländern mehr als 50 Prozent der Studierenden der Medizinstudiengänge, sind jedoch im chirurgischen Bereich unterrepräsentiert und stellen auch nur einen kleinen Teil der Führungskräfte.
Geschichte Antike bis 18. Jahrhundert Weibliche Ärzte gab es bereits in der Antike. Darin werden eine Victoria und eine Leoparda genannt.Paul Diepgen: Frau und Frauenheilkunde in der Kultur des Mittelalters. Thieme, Stuttgart 1963, , S. 16–17. und im Mittelalter.Gundolf Keil: Die Frau als Ärztin und Patientin in der medizinischen Fachprosa des deutschen Mittelalters. In: Harry Kühnel, Franz Hundsnurscher (Hrsg.): Frau und spätmittelalterlicher Alltag. Internationaler Kongreß Krems an der Donau 2.–5. Oktober 1984 (= Sitzungsberichte der philologisch-historischen Klasse der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Band 47). Wien 1986 (= Veröffentlichungen des Instituts für mittelalterliche Realienkunde Österreichs. Band 9), S. 157–211.Kate Campbell Hurd-Mead: A History of Women in Medicine from the Earliest Times to the Beginning of the Nineteenth Century. Haddam Press, Haddam 1938.John F. Benton: Trotula, Women’s Problems, and the Professionalization of Medicine in the Middle Ages. In: Bulletin of the History of Medicine. Band 59, Nr. 1, (Frühjahr) 1985, S. 30–53. Online (PDF) Schon in der Antike waren Frauen auch chirurgisch tätig. Bekannt ist Aspasia, eine gynäkologisch tätige Ärztin des 4. Jahrhunderts,Gregory Tsoucalas, Markos Sgantzos: Aspasia and Cleopatra Metrodora, Two Majestic Female Physician–Surgeons in the Early Byzantine Era. In: Journal of Universal Surgery. Band 4, 2016, Nr. 3:55. deren innovative chirurgische Techniken ausführlich von Aetius von Amida dargestellt wurden, und der ihre Operationsmethodik von (schwangerschaftsbedingten) Hämorrhoiden übernahm. Er sah sie als Genie im Bereich der Medizin an.
Nicht nur anhand von Schriften kann auf das frühe Wirken von Chirurginnen geschlossen werden. Auch Grabbeigaben wie Armreife oder Gewandspangen, die zusätzlich zum chirurgischen Instrumentarium beigefügt wurden, zeugen von deren Schaffen während der Antike. So wurden in Köln 16 Arztgräber aus der Zeit des Römischen Reiches gefunden, darunter das einer Chirurgin, die wohl im 3. Jahrhundert praktizierte. Bei einer in Vindonissa verstorbenen Frau wurden zwei Skalpelle, zwei Spatelsonden, eine Pinzette sowie eine Salben- oder Medikamentenbüchse an Grabbeigaben entdeckt, die auf ihr Wirken als Ärztin und Chirurgin schließen lassen. Anhand von Schriften und anthropologisch untersuchten Gräbern, die medizinische Grabbeigaben aufwiesen, wird der Frauenanteil an der Ärzteschaft der Antike auf ungefähr fünf Prozent geschätzt.
Die um 620 in Arabien geborene Rufaida al-Aslamiya war die Tochter des Arztes Saʿd al-Aslami und gehörte dem Klan Bani Aslam des Stammes der Banu Chazradsch an. Sie wird als die erste professionelle Krankenschwester und erste weibliche Chirurgin des Islam angesehen.Kolleen Miller-Rosser, Ysanne Chapman, Karen Francis: Historical, Cultural, and Contemporary Influences on the Status of Women in Nursing in Saudi Arabia erschienen in OJIN: The Online Journal of Issues in Nursing:, Ausgabe 11, 2006 (englisch) abgerufen am 24. Mai 2024 Sie bildete andere Frauen zu Pflegerinnen aus, unter diesen auch zwei Frauen des islamischen Propheten Mohammed, wie Aischa bint Abi Bakr. Rufaida al-Aslamiya arbeitete während einiger Schlachten in Feldlazaretten und soll dort Verwundete operiert haben. Ihre Fähigkeiten waren derart geschätzt, dass für sie ein Kopfgeld in gleicher Höhe wie für einen Soldaten, der im Kampf kämpfte, ausgelobt war.
Die Medizin wurde im frühen europäischen Mittelalter fast nur von Mönchen praktiziert. Da jedoch kirchliche Mediziner den Umgang mit Blut ablehnten, wurde die Chirurgie als nicht zur Medizin gehörig betrachtet und in den Betätigungsbereich von Badern und Frauen gegeben. Die chirurgische Betätigung im Mittelalter war ein Lehrberuf, den Frauen und Männer ohne akademisches Studium ausüben konnten (siehe auch Handwerkschirurg). Im 15. bis ins 18. Jahrhundert gehörten zu den Tätigkeiten der Chirurgen und Wundärzte das Heilen von Wunden, Prellungen, Quetschungen, Schwellungen, Geschwülsten, HautkrankheitenShulamith Shahar: Die Frau im Mittelalter. 1981, S. 177. und Geschwüren sowie das Trepanieren, Schneiden, Kauterisation sowie die Amputation von Gliedmaßen. Gleichzeitig wurde die Tätigkeit durch die nur äußerliche Anwendung von Arzneimitteln definiert, wie etwa die Behandlung mit Pflastern oder Kataplasmen sowie die Behandlung von Geschlechtskrankheiten. Es gab große Überschneidungen mit der Arbeit des Arztes und Abgrenzungsstreitigkeiten untereinander, da die Grenzen der Behandlung fließend waren. Die chirurgische Tätigkeit kam zu einer bestimmten Zeit dem heutigen Begriff des Allgemeinmediziners am nächsten.A L Wyman: The surgeoness: the female practitioner of surgery 1400-1800. In: Medical History. Band 28, Nr. 1, Januar 1984, S. 22–41. doi:10.1017/s0025727300035298, S. 22–23. Medizinisch und chirurgisch kundige Frauen versorgten (auch ohne LizenzVern Leroy Bullough: The Development of Medicine as a Profession. New York 1966, S. 68–72.Charles H. Talbot: Medicine in Medieval England. London 1967, S. 118, 196 und 202.) Wunden, führten Operationen durch, behandelten Hautkrankheiten und entbanden mit Hebammen Schwangere per Kaiserschnitt,Britta-Juliane Kruse: „Die Arznei ist Goldes wert“. Mittelalterliche Frauenrezepte. De Gruyter, Berlin / New York 1999, ISBN 978-3-11-014703-2, S. 106. um wenigstens das Kind bis zur Taufe am Leben zu erhalten.Paul Diepgen: Geschichte der Medizin. Die historische Entwicklung der Heilkunde und des ärztlichen Lebens. I. Band: Von den Anfängen der Medizin bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts. Walter de Gruyter, Berlin 1949, , S. 229–230.
Frauen gehörten auch der frühen Organisation der Bader an, entweder durch eine Lehrlingsausbildung oder als Angehörige eines Familienmitglieds, das diese Tätigkeit ausübte. So übernahmen Töchter und Witwen von Apothekern und Badern häufig das ansonsten meist von Männern ausgeübte Gewerbe. Frauen gehörten auch Zünften von höher als Bader rangierenden Chirurgen an.Shulamith Shahar: Die Frau im Mittelalter. Übersetzt von Ruth Achlama. Athenäum, Königstein 1981, ISBN 3-7610-8100-6, S. 177.Charles H. Talbot: Medicine in Medieval England. London 1967, Kapitel VII, insbesondere S. 96. Eine Liste der Ärzte des mittelalterlichen England führte sieben Frauen auf, darunter Katherine „la surgiene“ im Jahr 1286, deren Vater und Bruder Chirurgen waren. In Irland wurde 1446 zur Förderung und Ausübung der chirurgischen Kunst die Gilde von St. Maria Magdalena in Dublin gegründet, der Frauen und Männer angehörten. Unter Heinrich VIII. mussten alle Ärzte mit Ausnahme der Absolventen von Oxford und Cambridge durch die Bischöfe lizenziert werden.
Nach einer ersten Gruppe von 72 Chirurgen, die 1514 vom Erzbischof von Canterbury zugelassen wurden, ignorierten die meisten praktizierenden Ärzte die Vorschriften. Von den 850 Lizenzen, die die Erzbischöfe von Canterbury zwischen 1580 und 1775 erteilten, wurden nur sieben für Frauen erteilt: im Jahr 1613 erhielten Anne Hubbard aus Norfolk und Eleanor Woodhouse aus Shoreditch die Zulassung zur Ausübung der Chirurgie, 1620 Catherine Greene, die Frau des Pfarrers von Royston in Hertfordshire für Medizin, die Frau eines Tuchmachers Alice Blower für Chirurgie, 1685 Jane Pernell aus Southwark für Chirurgie, 1687 Elizabeth Wheatland aus Winchester für Medizin und Chirurgie und 1696 Mary Rose of Portsmouth. Die meisten Frauen arbeiteten weiterhin ohne Lizenz und leisteten medizinische, chirurgische, Hebammen- und Krankenpflegedienste für die Gemeinschaft sowie „bone-setting“ (Knochen- und Gelenkeinrichtung, Reposition von Knochen), insbesondere für die Armen, die sich keinen Arzt leisten konnten.A L Wyman: The surgeoness: the female practitioner of surgery 1400-1800. In: Medical History. Band 28, Nr. 1, Januar 1984, S. 22–41. doi:10.1017/s0025727300035298, , S. 24–28.