Die Figur der schwäbischen Hausfrau erscheint seit der Neuzeit als der Inbegriff der Fähigkeit, ebenso souverän wie unaufgeregt das rechte Maß finden und halten zu können. Dies gilt einerseits hinsichtlich ihres Tätigwerdens „wider das schuldenfördernde Fressen und Sauffen“; darüber hinaus auch hinsichtlich aller anderen Aspekte, die nach den damaligen Moralvorstellungen zu einem züchtigen, fleißigen und ordentlichen Leben gerechnet wurden. Dergestalt wurde sie in vielen Ratgebern und Lexika als ein leuchtendes Vorbild für eine nach allen Seiten auskömmliche Lebensführung beschrieben.S. die Nachweise bei Wolfgang Wüst: Die „Schwäbische Hausfrau“ und die alte „gute“ Policey: Überlegungen zu Sparsamkeit, Sorgfalt und Sauberkeit in der Frühen Neuzeit. In: Zeitschrift für württembergische Landesgeschichte Bd. 76, 2017, S. 269–283. Zitate S. 273.
In jüngerer Zeit, besonders seitdem die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel im Hinblick auf die sich anbahnende Finanzkrise auf diese Figur rekurrierte, wird der Begriff vor allem als Metapher für eine an Sparsamkeit orientierte Haushaltsführung und damit oftmals verkürzt wahrgenommen.
Merkels Rekursion auf die schwäbische Hausfrau „Vor dem Hintergrund der bisweilen aberwitzig konstruierten Finanzprodukte und der auf Kredit finanzierten Wetten, die in Verbindung mit fallenden Immobilienpreisen in den USA die Krise ausgelöst hatten“, äußerte Angela Merkel auf dem Parteitag der CDU im Dezember 2008 in Stuttgart: „‚Dabei ist es eigentlich ganz einfach. Man hätte hier in Stuttgart, in Baden-Württemberg, einfach nur eine schwäbische Hausfrau fragen sollen. Sie hätte uns eine ebenso kurze wie richtige Lebensweisheit gesagt, die da lautet: Man kann nicht auf Dauer über seine Verhältnisse leben. Das ist der Kern der Krise‘“.Thomas Biebricher: Kapitalismus und Konservatismus: Oder, wie konservativ ist die schwäbische Hausfrau? In: Leviathan 2025 Bd. 53, Nr. 4, S. 382–405 PDF, S. 382. In der Folgezeit entzündete sich ein Diskurs über die Unterschiede zwischen Privathaushalten, Unternehmenshaushalten und Staatshaushalten.
Unterschiedliche Haushaltsführung Nach Michael Hüther gelten Staaten im Unterschied zu privaten Haushalten und Unternehmen als Institutionen mit Ewigkeitsgarantie. Der Existenz des Kapitalstocks wird an Kapitalmärkten eine extrem lange Dauer unterstellt, was sich an Renditen für Staatsanleihen mit langer Laufzeit ablesen lässt. Anfang August 2019 wurden beispielsweise Bundesanleihen mit einer dreißigjährigen Laufzeit zu negativen Zinsen durch den deutschen Staat ausgegeben. Anders als eine schwäbische Hausfrau hat ein Staat keine Lebensdauer und muss die durch ihn aufgenommenen Kredite nicht zwangsläufig tilgen. Schulden sind bei Staaten in Hinsicht auf unterschiedliche Faktoren, wozu unter anderem die gesamtwirtschaftliche Leistungsfähigkeit, das Zinsniveau und die bestehende Schuldenquote zählen, zu bewerten.
Rezeption Die Ökonomin Isabella M. Weber sieht die Idee der Tugendhaftigkeit des Sparens in Deutschland seit dem Kaiserreich kulturell tief verankert. Auch die Nazis hätten mit dem Slogan „kämpfen – arbeiten – sparen“ die Ideologie weiter vorangetrieben. Jedes Kind bekomme auch heute noch beigebracht, dass das Sparen tugendhaft sei. Problematisch sei es, wenn die Idee der individuellen Tugendhaftigkeit auf den Staat übertragen werde. Weber zufolge sei die Metapher der schwäbischen Hausfrau latent sexistisch, sie halte es für absurd im Jahr 2024 mit der „Hausfrauen-Metapher hausieren zu gehen, um [...] Kürzungen zu rechtfertigen“. Die Kürzungen im Bundeshaushalt würden zu Preissteigerungen führen. Weber verweist auch auf das durch John Maynard Keynes herausgearbeitete Sparparadoxon. Spare der Staat, führe dies zu einem wirtschaftlichen Einbruch, was im Ergebnis bedeute, dass die Privaten weniger anstatt mehr sparen können.
Der dänische Ökonom Jacob Funk Kirkegaard äußerte sich in einem Interview mit dem Spiegel zum Sprachbild der schwäbischen Hausfrau: Dieses zeuge von „ökonomischem Analphabetismus“. Eine Hausfrau altere und müsse Geld für die Rentenzeit zurücklegen. Staaten hingegen lebten ewig – deren Wirtschaft müsste jedoch fit für die Zukunft gemacht werden. Sich am Verschuldungsgrad von 60 Prozent nach den Maastricht-Kriterien bzw. den Verschuldungsregeln der deutschen Schuldenbremse zu orientieren helfe nicht dabei, dieses Ziel zu erreichen und könne eine Wirtschaftskrise verstärken. Die durch die Schuldenbremse verordnete Sparsamkeit sei eine „makroökonomische Verrücktheit“.
Gemäß einem Artikel im Wirtschaftsmagazin Surplus ist die Perspektive des Bilds der schwäbischen Hausfrau problematisch, da „staatliche Schulden gar nicht grundsätzlich zurückgezahlt, sondern refinanziert werden“. „[D]ie Behauptung dass neue Staatsschulden automatisch eine Belastung von zukünftigen Generationen darstellen, [mache daher] wenig Sinn.“
Literatur Wolfgang Wüst: Die „Schwäbische Hausfrau“ und die alte „gute“ Policey: Überlegungen zu Sparsamkeit, Sorgfalt und Sauberkeit in der Frühen Neuzeit. In: Zeitschrift für württembergische Landesgeschichte Bd. 76, 2017, S. 269–283.
Weblinks Schwäbische Hausfrau taugt nicht als Maßstab, Interview mit Peter Bofinger, 2012. Das Ende der schwäbischen Hausfrau, Dirk Ehnts & Skender Fani, 28. Juni 2019. Ende einer Karriere, Pepe Egger, der Freitag, 2020.
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