Der Alaska-Airlines-Flug 1282 (Flugnummer: AS1282) war ein planmäßiger Inlandsflug der Alaska Airlines vom internationalen Flughafen Portland in den Vereinigten Staaten zum internationalen Flughafen Ontario. An der Maschine des Typs Boeing 737 Max 9 kam es am späten Nachmittag des 5. Januar 2024 kurz nach dem Start zu einer Beschädigung der Druckkabine durch Verlust eines nicht korrekt im Rumpf installierten Bauteils. Die Maschine konnte sicher am Ausgangsflughafen landen.

Flugzeug mini|200px|Sitzplan; die 3 auf dem Schoß sitzende Kleinkinder sind durch einen Kreis und die 10 leeren Sitze durch hellere Farbe gekennzeichnet

Der Flug wurde von einer Boeing 737 Max 9 durchgeführt, registriert als N704AL mit der Seriennummer 67501. Seit dem Jungfernflug am 15. Oktober 2023, der Auslieferung am 31. Oktober 2023 und der Indienststellung am 11. November hatte die Boeing nur 510 Flugstunden und 154 Flüge absolviert. Zwischen dem 27. November und dem 7. Dezember 2023 befand sich das Flugzeug am Will Rogers World Airport in Oklahoma für die Aufrüstung des on-board Wi-Fi bei einem Wartungspartner von Alaska Airlines. Dabei wurde oberhalb der hinteren Notausstiegsverschlüsse eine externe Antenne am Rumpf installiert.

Der Flugzeugtyp Boeing 737 Max 9 muss ab 189 Sitzplätzen zusätzliche Notausstiege beidseitig eingebaut haben, um eine Evakuierung über die Hälfte der Notausstiege innerhalb der vorgeschriebenen Zeit von 90 Sekunden zu ermöglichen. Da die Unfallmaschine nur mit 178 Sitzen bestuhlt war, waren die Zusatz-Notausstiege verzichtbar und die Rumpföffnungen durch Notausstiegsverschlüsse mit Kabinenfenstern versiegelt.

Der Rumpf und der Notausstiegsverschluss für die 737 werden von Spirit AeroSystems in Wichita, Kansas hergestellt und mechanisch zusammengefügt, bevor sie per Zug zur Endmontage an das Boeing-Werk in Renton ausgeliefert werden. Bei der Endmontage wird durch Boeing der Notausstiegsverschluss normalerweise entfernt, um weitere Ausstattung einfacher in die Kabine laden zu können. Der Notausstiegsverschluss wird von außen in den Rumpf eingesetzt. Beim Verschließen wird der Verschluss zuerst in Richtung Längsachse des Rumpfes bewegt und dann nach unten abgesenkt. Beim Absenken schieben sich im oberen Bereich zwei Bolzen in Führungsschienen, die beiden Türgelenke im Bodenbereich spannen ihre Federn für eine einfachere Öffnung vor und es schieben sich je Seite sechs Halteplatten am Verschluss hinter zugehörige Haltepunkte im Türrahmen und übertragen so die aus dem Kabinenüberdruck resultierenden Kräfte auf den Rumpf. Um eine Öffnung zu verhindern, werden die Führungsschienen und die Türgelenke durch Schrauben gesichert.

Insassen An Bord von Flug AS 1282 befanden sich 177 Personen: zwei Piloten, vier Flugbegleiter und 171 Passagiere. Unter den zehn unbesetzten Sitzen (alle in der Economy Class) waren auch die beiden direkt rechts neben dem herausgerissenen Blinddeckel. Unter den Passagieren befanden sich drei Kleinkinder ohne eigenen Sitzplatz sowie vier unbegleitete Minderjährige.

Flugverlauf Gegen 17:07 Uhr lokaler Zeit hob die Maschine Richtung Nordwesten von Startbahn 28L des Flughafens Portland ab, um dann in einer Linkskurve Kurs auf Ontario zu nehmen. Während des Steigflugs, knapp sechs Minuten später, löste sich in einer Höhe von 4521 m und bei einer angezeigten Geschwindigkeit von 502 km/h an der linken Rumpfseite zwischen Tragfläche und dem Heckausgang der Notausstiegsverschluss und fiel aus dem Flugzeug. Teile des angrenzenden, nicht belegten Sitzes und kleinere Gegenstände wurden durch die entstandene Öffnung aus dem Flugzeug gerissen, darunter nach Angaben des National Transportation Safety Board (NTSB) auch zwei Mobiltelefone, von denen unbestätigten Angaben zufolge eines den Sturz unbeschädigt überstanden haben soll. Auch die Cockpittür wurde durch den Sog aufgerissen, wobei den Flugbegleitern nicht bekannt war, dass Cockpittüren neuerdings extra so gebaut werden, dass sie sich bei Druckverlust öffnen. Eine Flugbegleiterin wurde durch die sich öffnende Tür am Arm verletzt, da sie zu dem Zeitpunkt die vordere Toilette entsperrte.

Der Kabinendruck fiel abrupt von 0,97 bar (340 m) auf 0,62 bar (3830 m), daher fielen die Sauerstoffmasken aus der Kabinendecke. Sofort leiteten die Piloten den Sinkflug ein und landeten 13 Minuten später sicher wieder in Portland. Die Passagiere in der unmittelbaren Umgebung der Rumpföffnung konnten ohne zu große Beeinträchtigungen ihre Sitzpositionen bis zum Ende des Flugs behalten. Mehrere Passagiere wurden leicht verletzt.

Auswirkungen + Fluggesellschaften mit Boeing 737 Max 9 zum Zeitpunkt des Vorfalls Fluggesellschaft Sitzplätze Anzahl Betroffen Aeroméxico 184 (J19Y165) 19 Air Tanzania 181 (J16Y165) 1 Alaska Airlines 178 (J16W24Y138) 65 Copa Airlines 166 (J16W24Y126) älteste 8 174 (J12W24Y138) neueste 21 Corendon Dutch Airlines 219 (Y219) 2 flydubai 172 (J16Y156) 3 Icelandair 178 (J16Y162) 4 Lion Air 221 (Y221) 3 SCAT Airlines 213 (Y213) 5 Turkish Airlines 169 (J16Y153) 5 United Airlines 179 (J20Y159) 79 Gesamt 189 von 215

Amerikanischer Luftraum Die US-Luftfahrt­behörde Federal Aviation Administration (FAA) erteilte am 6. Januar 2024 ein Flugverbot für insgesamt 171 Maschinen des Typs Boeing 737 Max 9 (ausgenommen davon sind Flugzeuge gleichen Typs mit funktionalen Notausstiegen), die von US-Airlines oder auf US-Gebiet betrieben werden. Bedingung für eine Wiederaufnahme des Betriebs jeder Maschine ist eine erfolgreiche Überprüfung der betroffenen Maschinen, die je Maschine zwischen vier und acht Stunden dauern kann. Zunächst zwingt sie die Notfall-Lufttüchtigkeitsanweisung () #2024-02-51 der FAA aber in jedem Fall, am Boden zu bleiben.

Am 12. Januar kündigte die FAA an, die Produktion und Fertigung von Boeing überprüfen zu wollen. Zusätzlich wurde das bereits bestehende Flugverbot auf unbestimmte Zeit verlängert. Die FAA begründet ihr Vorgehen damit, dass in den vergangenen Jahren im Zusammenhang mit dem Flugzeugtyp 737 Max 9 einige produktionsbedingte Probleme festgestellt wurden und daher alle Sicherheitsrisiken neu bewertet werden müssen. Folgende Maßnahmen wurden dazu angekündigt: ein Audit der Boeing-737-Max-9-Fertigungslinie und der Zulieferer. Die Ergebnisse bestimmen, ob zusätzliche Audits erforderlich sein werden. verstärkte Überwachung von Ereignissen während des Betriebs der Boeing 737 Max 9 Bewertung der Sicherheitsrisiken durch Übertragung von Befugnissen und der Qualitätsüberwachung sowie die Prüfung der Möglichkeit zur Verlagerung an Dritte.

Nach Prüfung der von Boeing vorgeschlagenen Inspektions- und Wartungsanweisungen kam die FAA zu dem Schluss, dass vor ihrer Genehmigung zusätzliche Daten erforderlich seien. Dementsprechend verlangt die FAA Inspektionen der Notausstiegsverschlüsse an 40 Flugzeugen. Erst dann wird die FAA entscheiden, ob die Anweisungen den höchsten Sicherheitsstandards entsprechen und genehmigt werden können. Diesen Anweisungen müssen die Betreiber bei jedem Flugzeug folgen, bevor es wieder in Betrieb genommen werden kann.

Alaska Airlines (65) und United Airlines (78) sind die einzigen US-amerikanischen Fluggesellschaften mit Maschinen des betroffenen Flugzeugtyps in ihrer Flotte.

Boeing 737-900ER Für die 737 Max 9 wurde den Untersuchungen zufolge der Notausstiegsverschluss der Boeing 737-900ER übernommen. Einige Betreiber von 737-900ER haben bei zusätzlichen Inspektionen dieser Notausstiegsverschlüsse Auffälligkeiten an den Sicherungsbolzen feststellen können. Allen Betreibern wird empfohlen, eine Sichtprüfung der Befestigung durchzuführen, dass sich der Notausstiegsverschluss nicht verschoben hat und durch die beiden oberen und unteren Arretierbolzen gehalten wird. Nur 79 von 490 Maschinen dieses Typs haben Notausstiege installiert und sind damit nicht betroffen.

Alaska Airlines Die Fluggesellschaft entschied als Reaktion auf den Zwischenfall, ihre anderen 64 Flugzeuge gleichen Typs ohne weitere Überprüfung vorerst nicht einzusetzen. Am Mittag des 6. Januar 2024 wurden nach Angaben der Fluggesellschaft 18 Maschinen erfolgreich überprüft und nahmen ihren Dienst wieder auf, jedoch wurden diese Maschinen nach der Veröffentlichung der Lufttüchtigkeitsanweisung der FAA dazu gezwungen am Boden zu bleiben. Daraufhin mussten 160 Flüge annulliert werden, wovon ca. 23.000 Fluggäste betroffen waren. Auch an den Folgetagen wurden weitere Flüge gestrichen, im Durchschnitt betraf dies zwischen 110 und 150 Flüge pro Tag. Die Tochtergesellschaft Horizon Air übernahm mit ihren Flugzeugen vom Typ Embraer 175 einen Teil der ausgefallenen Flüge von Alaska Airlines.

Die Fluggesellschaft zählte drei Punkte auf, die erfüllt sein mussten, um mit der Inspektion betroffener Maschinen zu beginnen: eine abschließende Multi-Operator Message (MOM) von Boeing, die Inspektionsdetails für den betroffenen Flugzeugtyp beinhaltet und von der FAA genehmigt wurde, eine von der FAA veröffentlichte Alternate Methods of Compliance (AMOC) mit Einzelheiten für die Genehmigung der Inspektionsprozesse der Fluggesellschaften, um die Einhaltung der veröffentlichten Lufttüchtigkeitsanweisung sicherzustellen und detaillierte Inspektionsanweisungen und -prozesse, die von Alaska Airlines entwickelt wurden, damit das Wartungspersonal Inspektionen gemäß den Spezifikationen der FAA durchführen kann.

Am 12. Januar 2024 teilte die Fluggesellschaft mit, dass einige Maschinen, im Rahmen von Wartungsflügen (ohne Passagiere und Flugbegleiter), zu bestimmten Wartungsstützpunkten verlegt werden; diese Flüge wurden von der FAA genehmigt. Am Folgetag wurde mit Vorprüfungen an 20 ausgewählten Maschinen begonnen. Die daraus gewonnenen Daten wurden Boeing zwecks Weitergabe an die FAA zur Verfügung gestellt. Nachdem die FAA am 24. Januar 2024 den Inspektions- und Wartungsprozess genehmigt hatte, durften die betroffenen Max 9, nach einer bis zu 12 Stunden dauernden Wartung pro Maschine, wieder in Betrieb genommen werden.

Die Fluggesellschaft erwartet wegen des verhängten Flugverbots ihrer 737-Max-9-Flotte für das Jahr 2024 einen Gewinneinbruch von 150 Mio. USD.

United Airlines United Airlines zog nach und ließ ihre Maschinen des gleichen Typs überprüfen. Dabei wurden an mindestens fünf ihrer Maschinen Mängel in Form loser Schrauben festgestellt. Auch United Airlines musste viele Flüge annullieren.

Boeing CEO David Calhoun räumte bei seiner Ansprache vor der Belegschaft am 9. Januar 2024 Fehler seitens Boeing ein. Er versprach volle Transparenz bei der Aufklärung der Ursache. Am 15. Januar 2024 kündigte der CEO von Boeing Commercial Airplanes Stanley Deal folgende Sofortmaßnahmen an: Durchführung weiterer Qualitätsprüfungen während des gesamten Bauprozesses bei Boeing und Spirit AeroSystems. Zusätzliche Schulungen für Mitarbeiter in der Fertigung. Überwachung von Spirit AeroSystems durch Boeing beim Einbau des Notausstiegsverschlusses, bevor der Rumpf an Boeing ausgeliefert wird. Darüber hinaus werden zusätzlich 50 weitere Punkte geprüft. Boeing und Spirit AeroSystems gestatten den 737-Betreibern Zugang zu den Fabriken, um die Produktions- und Qualitätsverfahren überprüfen zu können. Externe werden hinzugezogen, um das Qualitätsmanagementsystem bei Boeing Commercial Airplanes zu prüfen und weitere Verbesserungen vorzuschlagen.

Am 25. Januar 2024 wurde die Produktionslinie der Baureihe 737 im Werk Renton angehalten, um die Mitarbeiter zum Thema Qualität zu sensibilisieren. Am 21. Februar 2024 wurde bekannt, dass Boeing den Leiter des 737-MAX-Programms und des Werks Renton, Ed Clark, mit sofortiger Wirkung entlassen hat.

Europäischer Luftraum Die Europäische Agentur für Flugsicherheit (EASA) hat die Notfall-Lufttüchtigkeitsanweisung der FAA übernommen. Allerdings betreibt keine Fluggesellschaft eines EASA-Mitgliedstaats eine 737 Max 9 in der Konfiguration der betroffenen Maschine. Daher können alle Maschinen – 2 bei Corendon Dutch Airlines, 4 bei Icelandair – regulär weiterbetrieben werden.

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