Becker & Maass (original bei Gründung Otto Becker & Maass, ab 1896 Otto Becker & Maass photogr. art. Atelier Heinr. Maass, publizistisch auch O. Becker und Maass und Becker & Maaß sowie ähnliche Schreibweisen) war ein Fotostudio in Berlin, das mit unterschiedlichen Fotografen und Inhabern vom 1. Januar 1890 bis dem Namen nach 18. August 1957 existierte. Es wurde nach der Wende zum 20. Jahrhundert vor allem durch die Fotografin und Eigentümerin Marie Boehm für ihre Porträts von Künstlern und Modefotografie bekannt, in den 1920er Jahren bis zu Boehms Emigration 1933 auch als Treffpunkt der gehobenen Kunst- und Kulturgesellschaft.
Vorgeschichte: Atelier Otto Becker mini|Zeitungsanzeige zur Eröffnung des Ateliers von Otto Becker 1885 mini|Leipziger Straße im Jahr 1902; etwas die Straße hinunter auf der linken Seite befand sich die Nr. 94 Otto Paul Becker (1850–1892) war 1881 als nicht bevollmächtigter Gesellschafter in die Chemikalien-Handlung von Johanna Sachs ein- und knapp zwei Jahre später wieder ausgetreten. Zu dieser Zeit war er als Berliner und Fotograf ausgewiesen.Berliner Börsen-Zeitung vom 11. April 1881, Seite 17.Berliner Tageblatt vom 2. Februar 1883, Seite 4.Nachtrag zum Berliner Adressbuch für 1881, 1. Teil, Seite 20. In den Berliner Adressbüchern der Vorjahre ist er nicht eingetragen. Für das Jahr 1884 ist im Berliner Adressbuch ein Fotograf O. Becker als Mitarbeiter des Ateliers Theodor Prümm in der Straße Unter den Linden aufgeführt. Möglicherweise handelt es sich um die hier behandelte Person.Berliner Adressbuch für 1884, 1. Teil, Seite 45. Anmerkung: Als gesichert, dass es sich hier um Otto Paul Becker handelt, kann dies ohne weitere Belege nicht gelten.
Im Februar 1885 kündigte Becker seine Ateliereröffnung in Berlins geschäftiger Leipziger Straße im Haus Nr. 94 an. Es lag zwischen Charlottenstraße und Markgrafenstraße.Berliner Tageblatt vom 15. Februar 1885, Seite 10. Im gleichen Gebäude befanden sich u. a. neben Wohnungen Zigarren-, Möbel- und Vorkosthandlung, in den Häusern gegenüber u. a. Musikalien-, Buch- und WeingroßhandlungBerliner Adressbuch für 1885, 2. Teil, Seite 229. Für das Jahr 1889 ist Becker als Mitglied des Photographischen Vereins zu Berlin nachgewiesen.Photographischer Verein zu Berlin. Mitgliederverzeichniss. In: Photographische Nachrichten, 1. Jg., Nr. 4, Berlin 1889, Seite 43. In den Folgejahren machte Becker mit den üblichen Anzeigen in den Tageszeitungen Berlins auf sein Atelier aufmerksam,Anzeige Atelier Otto Becker. In: Berliner Tageblatt vom 8. August 1885, Seite 7.Anzeige Atelier Otto Becker. In: Berliner Tageblatt vom 5. Dezember 1887, Seite 4. trat ansonsten jedoch in der sich rasant entwickelnden Fotografiekultur nicht weiter in Erscheinung. Überliefert sind gängige Porträtaufnahmen als Carte de Visite.
Die ersten Jahre des Ateliers unter Otto Becker und Heinrich Maass
Zum 1. Januar 1890 gründeten Otto Paul Becker als wiederum nicht bevollmächtigter Gesellschafter und Heinrich Maass, der sich als Berliner Maler und Fotograf angab, die offene Handelsgesellschaft Firma Otto Becker & Maass.Anzeiger zum Handelsregister des Königlichen Amtsgerichts I zu Berlin. In: Berliner Börsen-Zeitung Nr. 12/1890 vom 8. Januar 1890, Seite 10. Die gemeinsame Lokalität war Beckers vormals allein geführtes Atelier. Das Atelier konnte einen gewissen Bekanntheitsgrad in Berlin aufweisen. 1891 versuchten sich die Inhaber auch überregional zu etablieren. So boten sie z. B. in Witten „Vergrößerungen auch nach kleinsten und verblassten Bildern“ an.Anzeige als erstes Atelier für Vergrößerungen. In: Wittener Zeitung Jg. 40 vom 25. Dezember 1891, Seite 277.
Otto Becker starb mit 42 Jahren „nach langem, schweren Leiden“ am 2. Januar 1892.Todesanzeige Otto Becker. In: Berliner Tageblatt vom 5. Januar 1892, Seite 19. Anmerkung: Maass gab den Behörden den Austritt Beckers durch Ableben erst über ein Jahr später bekannt. In der Folge war Maass zunächst allein Inhaber, hatte sehr bald jedoch in rascher Folge wechselnde Gesellschafter, die jeweils Kaufmann als Beruf angaben.Berliner Börsenzeitung vom 23. September 1893, Seite 18.4. Beilage zum Reichs- und Staatsanzeiger Nr. 226 vom 25. September 1894, Seite 9.6. Beilage zum Reichs- und Staatsanzeiger Nr. 124 vom 25. Mai 1895, Seite 14. Er führte in dieser Zeit seine überregionalen Bestrebungen weiter, wobei der Anteil seiner Mitinhaber daran wie auch an der inhaltlichen Ausrichtung des Ateliers (Stand 2023) unklar ist.Lüdenscheider Zeitung vom 14. Dezember 1893, Seite 2.Anzeige zur Anwerbung von Stadtreisenden auf Provisionsbasis. In: Berliner Tageblatt vom 7. Januar 1894, Seite 16. Gleichzeitig setzte er verstärkt auf Kundengewinnung mittels damals technisch hochwertiger Vervielfältigungsverfahren und Druckangebote wie Zinkografie, Autotypie, Niederschläge und Kupferdruckerei. Im Berliner Adressbuch für 1895 ist zusätzlich Photochemische Anstalt vermerkt.Berliner Adressbuch für 1895, 1. Teil, Seite 62.
Im Januar 1896 mündeten die Beteiligungswechsel in eine Teilung der Gesellschaft, woraus zwei fast namensgleiche Firmen entstanden: Otto Becker & Maaß photographisch artistisches Atelier Heinrich Maaß mit dem alleinigen Inhaber Heinrich Maaß und Otto Becker & Maaß Graphische Kunstanstalt Carl Schütte mit dem Inhaber Kaufmann Carl Schütte.Handelsregistereintrag 27 570. In: 5. Beilage zum Reichs- und Staatsanzeiger Nr. 14 vom 17. Januar 1896, Seite 12. Für die Firma von Schütte sind (Stand 2023) keine fotografischen Aktivitäten bekannt. Seiner Ehefrau erteilte er 1898 Prokura.Berliner Tageblatt vom 9. Juli 1898, Seite 10. 1911 wurde die Firma laut Handelsregister in Carl Schütte umbenannt.Deutscher Reichsanzeiger und Preußischer Staatsanzeiger vom 22. Mai 1911, ohne Seiten.
Zum 1. November 1896 übernahm von Maass die Buchhalterin Marie Boehm vertraglich das Atelier, das sie laut einer späteren Jubiläumsschrift zuvor schon mehrere Jahre geleitet hatte.o. A.: Eine der bekanntesten Berliner Photographinnen. In: Sport im Bild, Heft 46/1921, Seite 1834. Anmerkung: Zu dieser Zeit lebte Maass, der hätte widersprechen können, noch und zudem in Berlin, sodass von einem recht hohen Wahrheitsgehalt ausgegangen werden kann.
Heinrich Maass trat danach produktiv und gesellschaftlich nur noch als Maler (in wechselnden Ausrichtungen) auf.
Aufschwung unter Marie Boehm mini|Anzeige in der Zeitschrift Die Radlerin (1898) mini|Zeitungsseite aus Die Woche von 1902. „Toilettenbedarf einer Dame“ meint zu jener Zeit den Bedarf an Kleidung, den eine Dame im Tageslauf hat.
Atelierzeit Leipziger Straße Den Firmennamen Otto Becker und Maaß photographisch artistisches Atelier Heinrich Maaß behielt Boehm bei und veröffentlichte weiterhin unter den bereits etablierten Kurzformen Otto Becker & Maass oder Becker & Maass. In der Kunstfotografie trat sie zu dieser Zeit meistens unter eigenem Namen auf. Bereits 1901 gab Boehm Unterricht in der Fotografie.Anzeige Fotografieunterricht. In: Berliner Tageblatt vom 14. Juli 1914, Seite 15.
Geschäftlich suchte sich Boehm nach Übernahme des Ateliers zunächst auch als Sportfotografin zu profilieren.Die Radlerin. Internationales Sportblatt der radfahrenden Damen. 1. Jg., Nr. 23 vom 10. August 1897, Seiten 421 und 422.Die Radlerin. Internationales Sportblatt der radfahrenden Damen. 2. Jg., Nr. 10 vom 25. Februar 1898, Seiten 192 und 197–201.Anzeige mit Spezialität Sportfotografie. In: Der Radler. Internationales Sportblatt der radfahrenden Herren vom 15. Dezember 1898, Seite 156. Doch ebenso gehörten Porträts, Außen- und ReiseaufnahmenAnna Plothow: Nach Amerika. Ein Besuch auf dem Auswandererbahnhof Ruhleben bei Spandau. (Dazu zwei Spezialaufnahmen von Otto Becker & Maass, Berlin.) In: Sonntagsbeilage zum Berliner Tageblatt vom 17. Juni 1900, Seiten 185 und 186.Victor Ottmann: Skandinavische Figuren. Hierzu 9 photographische Aufnahmen. In: Die Woche, Nr. 26/1903, Seite 1161–1166, hier Seite 1163. sowie Fotos dinglicher ArrangementsM. L. B.: Der Schmuck als Geschenk. In: Deutsche Goldschmiedezeitung. Jahresbuch ohne Heftangaben, Rühle-Diebener, Stuttgart-Degerloch 1904, Seite 153–155, hier Seite 155. bereits um die Jahrhundertwende zum Repertoire. Das Fachblatt Papierzeitung berichtete:
Boehm schaffte es, sich neben bereits auf die Belieferung von Tagespresse und Magazinen spezialisierten großen Fotoateliers wie Zander & Labisch auf dem Zeitungs- und Zeitschriftenmarkt zu etablieren. Dies fiel in eine Zeit starker Presse-Konkurrenz der Berliner Großverleger Leopold Ullstein, August Scherl und Rudolf Mosse (vor allem seit 1898 als sogenannter „Zeitungskrieg Ullstein-Scherl“)Peter de Mendelssohn: Aufstieg und Fall einer Zeitungsstadt. Wie Berlin zur Presse-Metropole wurde. Artikel vom 19. Mai 2017, Website der Zeitung Tagesspiegel, abgerufen am 24. Januar 2024.Björn Berghausen: August Scherl und „Die Woche“. Artikel vom 11. Februar 2015, Website Archivspiegel des Berlin-Brandenburgischen Wirtschaftsarchivs, abgerufen am 24. Januar 2024. und eines wachsenden Bilderbedarfs. Beispielhaft angeführt sei hier Die Woche aus dem Verlag August Scherls. Während Boehm im Jahrgang 1900 kaum mit Fotos (oder für diese nicht angezeigt) vertreten war, ist 1902/1903 Becker & Maass jenseits etlicher Einzelaufnahmen mehrfach schon im Titel zur Artikelillustration ausgewiesen. Dabei zeichnete sich bereits eine starke Ausrichtung auf Modefotografie ab: Haarpflege bei Kindern. Hierzu 4 Spezialaufnahmen für „die Woche“ von Becker & Maaß, Berlin.o. A. In: Die Woche. Heft 3 vom 18. Januar 1902, Seite 128–129. Moderne Hauskleider. Hierzu 6 photographische Aufnahmen von Becker & Maaß, Berlin.o. A. In: Die Woche. Heft 6 vom 7. Februar 1902, Seite 448–449. Neue Frühjahrshüte. Hierzu 6 Aufnahmen von O. Becker & Maaß, Berlin.o. A. In: Die Woche. Heft 15 vom 24. Mai 1902, Seite 676. Kindermoden. Hierzu 5 Spezialaufnahmen für die „Woche“ von Becker & Maaß, Berlin.o. A. In: Die Woche. Heft 21 vom 24. Mai 1902, Seite 964–966. Der Toilettenbedarf einer Dame. Hierzu 6 Aufnahmen von Becker & Maaß, Berlin.o. A. In: Die Woche. Heft 24 vom 14. Juni 1902, Seite 1108–1109. Jenny Springer: Wie Tiere leiden. Hierzu 5 Aufnahmen von Otto Becker & Maaß, Berlin.In: Die Woche. Heft 6 vom 7. Februar 1903, Seite 264–268. Anschaulich wird mit dieser Liste zudem der unterschiedliche Gebrauch des Ateliernamens.
Eine von Boehms ersten größeren Arbeiten für die illustrierte Presse waren 1903 die ersten Aufnahmen von den Schauspielern in Maxim Gorkis Schauspiel Nachtasyl, das damals sehr erfolgreich im Kleinen Theater Unter den Linden lief. Danach war sie „in den Kreisen von Theater, Literatur und Kunst sehr geschätzt“.o. A.: Jubiläum Marie Böhm. In: Photographische Chronik und Allgemeine Photographen-Zeitung, Nr. 42, Verlag Wilhelm Knapp, Halle a. S. 1921, Seite 345. In den Folgejahren trat Boehm zunehmend als Porträtfotografin gesellschaftlicher Akteure, v. a. von Künstlern in Erscheinung. Für die Zeit bis 1904 waren das beispielsweise Rudolf Rittner, Eduard von Winterstein und Agnes Sorma.
Direkt gegenüber dem Haus Leipzigerstrasse 94 lag das Wohn- und Geschäftshaus Nr. 38 des Kaufmanns Louis Blumenthal, der unter anderem eine Geschäftsbücherfabrik, eine Buchdruckerei und Lithographische Anstalt betrieb und hier um die Jahrhundertwende neben Kunst-, Luxus-, Galanterie- und Lederwaren auch die für Fotografen wichtige Papierkonfektionierung anbot.Berliner Adressbücher 1884 bis 1909, Website der Digitalen Landesbibliothek Berlin, abgerufen am 28. März 2024. Spätestens ab 1902 bis 1909 verlegte Blumenthal Porträtpostkarten vor allem mit Künstleraufnahmen von unterschiedlichen Fotografen. Auch Boehm gehörte häufig dazu.
Atelierzeit Charlottenstraße mini|Charlottenstraße 50–51 im Jahr 1887