Anton Christoph Otto Nordwall (* 28. Februar 1894 in Nordenancestry.de: Anton Christoph Otto Nordwall in der Sammlung Baden und Hessen, Deutschland, evangelische Kirchenbücher, 1502-1985; abgerufen am 4. Januar 2024; † AprilJohann Haddinga: Norden im 20. Jahrhundert. In: Norden - Die Stadtchronik, Teil II. Soltau-Kurier-Norden: Norden, 2001. ISBN 3-928327-46-1. S. 54. 1949 ebendaDas Sterbejahr befindet sich auf dem Grabstein des Nordwall’schen Familiengrabes (online einsehbar); abgerufen am 4. Januar 2024) war ein homöopathischer Arzt, Anhänger der Freiwirtschaftsbewegung Silvio Gesells (1862–1930), Kommunalpolitiker der Nachkriegszeit und Esperantist. Bekanntheit erlangte er unter anderem dadurch, dass er Anfang der 1930er Jahre gemeinsam mit dem Künstler Hans Trimborn (1891–1979) ein regionales Wära-Freigeldprojekt durchführte und, nachdem der Gebrauch von Wära durch das Finanzministerium verboten worden war, ein eigenes, von ihm entwickeltes Eilgeld-Experiment startete und damit auch in den Vereinigten Staaten Beachtung fand.Irving Fisher, Hans Cohrssen, Herbert W. Fischer: Stamp Scrip. Adelphio Company: New York, 1933. Chapter V (The sudden spread of scrip in the United States; online)
Leben Anton Nordwall war das zweitälteste Kind des Norder StadtkämmerersDie Berufsbezeichnung des Vaters Otto Nordwall befindet sich auf dessen Grabstein; siehe grabsteine-ostfriesland.de: Grabstein Otto Nordwall; abgerufen am 20. April 2025. Auf dem Grabstein befinden sich auch die biographischen Eckdaten der anderen Familienmitglieder. Otto Nordwall (1861–1944) und dessen Ehefrau Siebenna, geborene Albers (1868–1956).ancestry.de: Otto Nordwall; abgerufen am 20. April 2025. Anna, seine 1892 geborene Schwester, verstarb im Alter von dreizehn Jahren.ancestry.de: Anna Nordwall; abgerufen am 20. April 2025. Die jüngere Schwester Ottilie (* 1901), die sich ebenfalls für den Arztberuf entschieden hatte, verstarb – wie ihr Bruder Anton – im Jahr 1949.ancestry.de: Ottilie Nordwall; abgerufen am 20. April 2025. – Dass sie auch Ärztin war, geht aus der Inschrift des Grabsteins hervor; siehe grabsteine-ostfriesland.de: Grabstein Ottilie Nordwall; abgerufen am 20. April 2025.
Nach dem Besuch der Volksschule trat Anton Nordwall zu Ostern 1903 in die Sexta des Norder Ulrichsgymnasiums ein, das er 1912 mit dem Abitur verließ.Ufke Cremer (Hrsg.): Beiträge zur Geschichte des staatlichen Ulrichs-Gymnasiums zu Norden. Zum 50jährigen Bestehen des Vollgymnasiums 1877–1927. Verlag Verein ehemaliger Schüler des Ulrichs-Gymnasiums zu Norden: Norden, 1927. S. 56; SP II (Schuleintritt) und S. 36 (Abitur) Er absolvierte anschließend ein Medizinstudium an der Universität Freiburg, das er im Juni 1920 mit seiner Promotion zum Dr. med. beschloss.archivportal-d.de: Anton Nordwall; abgerufen am 19. April 2025.
Homöopath mini|Werbung 1931: IDUN!-Brot nach einem Rezept von Anton Nordwall mini|Historisches Logo des Freiwirtschaftsbundes FFF mini|Reichswahlvorschlag des Freiwirtschaftsbundes (FFF) Dezember 1924
Nach seiner Approbation eröffnete Nordwall sowohl in seiner Heimatstadt Norden als auch auf der Insel Norderney, wo er zusätzlich die Funktion eines Badearztes übernommen hatte, homöopathische Praxen. Auf Norderney war diese Praxis in der Marienstraße 13 mit einem vegetarischen RestaurantGünter Bartsch: Die NWO-Bewegung Silvio Gesells. Geschichtlicher Grundriß 1891–1992/93 (=Band 1 Studien zur Natürlichen Wirtschaftsordnung). Gauke Fachverlag für Sozialökonomie: Lütjenburg, 1994. ISBN 3-87998-481-6. S. 75. und einem Kurheim verbunden. Zu seinen besonderen Angeboten zählten mehrwöchige von ihm begleitete Heilfastenkuren; sie fanden im Winter in Norden und im Sommer auf Norderney statt. Im Jahr 1922 ereignete sich während einer solchen Kur in Nordwalls Insel-Sanatorium ein Todesfall. Ein 52-jähriger Kaufmann, der sich als Vorbereitung für eine längere Reise nach China „stählen“ wollte, war nach einer 45-tägigen Fastenzeit verstorben.Otto Buchinger: Das Heilfasten und seine Hilfsmethoden als biologischer Weg. 24. unveränderte Auflage Hippokrates Verlag, Stuttgart 2005, ISBN 3-8304-5315-9, S. 10 f. Dieser Fall löste nicht nur heftige Diskussionen über das Für und Wider von längerfristigen Fastenzeiten, er führte auch zu einem Gerichtsverfahren wegen fahrlässiger Tötung vor dem Landgericht Aurich. Nordwall wurde am 6. Oktober zu einer Geldstrafe von 300 Mark verurteilt. Eine vom Angeklagten beim Reichsgericht angestrengte Revision wurde am 1. März des Folgejahres zurückgewiesen.Beilage zum Jeverschen Wochenblatt Nr. 69/16. März 1926. S. 2; SP III (Norden. Hungerleistungen; ). Damit aber war die öffentliche Diskussion noch nicht erledigt. Befürworter und Gegner der sogenannten „Hungerkuren“ meldeten sich zu Wort.Sabine Merta: Wege und Irrwege zum modernen Schlankheitskult. Diätkost und Körperkultur als Suche nach neuen Lebensstilformen 1880–1930 (= Studien zur Geschichte des Alltags. Band 22). Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2003, ISBN 978-3-515-08109-2, S. 166. Einen Teil der Auseinandersetzungen um Nordwall referierte Siegfried Möller (1871–1943), Sanatoriumsgründer und Spezialarzt für physikalisch-diätetische Therapie, in seiner 1926 erschienenen Schrift Die Fastenkur vor Gericht.Siegfried Möller: Die Fastenkur vor Gericht. Volkshygienischer Verlag, Dresden 1926.
Als homöopathischer Arzt befasste sich Anton Nordwall auch mit der Rezeptur sogenannter „gesunder“ Nahrungsmittel. Dazu gehörte auch das von ihm entwickelte Idun!-Brot, das in der Norder Bäckerei Hokema & Haake nach seiner Rezeptur hergestellt und über Partner-Bäckereien im nordwestdeutschen Raum vertrieben wurde. In den Zeitungsanzeigen, die dieses Brot bewarben, hieß es unter anderem, dass Idun besonders geeignet sei „für Gesunde und Kranke, insbesondere für Verdauungsträge, Schwache, Nervöse sowie für die heranwachsende Jugend“.digital.lb-oldenburg.de: Anzeige im Jeverschen Wochenblatt vom 9. September 1931 (online);abgerufen am 27. April 2025.
Freiwirt Die Region Oldenburg/Ostfriesland gehörte sowohl zur Zeit der Weimarer Republik als auch in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg zu den Gebieten, in denen die deutsche Freiwirtschaftsbewegung mit ihren verschiedenen Gruppierungen relativ stark vertreten war. Es gab dort unter anderem Freiwirtschaftliche Arbeitsgemeinschaften in Wilhelmshaven und Oldenburg, freiwirtschaftliche Parteien wie zum Beispiel den Freiwirtschaftsbund FFF,Marianne Claudi, Reinhard Claudi: Goldene Zeiten und andere Zeiten. Emden – Stadt in Ostfriesland. Anlageband Zeittafel, Texte, Dokumente, Karten, Gerhard-Verlag Emden o. J. , S. 33: Tabelle Bürgervorsteherwahlen in Emden 1919–1933. die Freiwirtschaftliche Partei Deutschlandsdigital.lb-oldenburg.de: Zweite freiwirtschaftliche Tagung. Versammlung der Freiwirtschaftlichen Partei Deutschlands (FPD) (Tageszeitung Nachrichten für Stadt und Land vom 21. September 1931); abgerufen am 25. April 2025. und den Freiwirtschaftlichen Kampfring Oldenburg/Ostfriesland.Günter Bartsch: Die NWO-Bewegung Silvio Gesells. Geschichtlicher Grundriß 1891–1992/93 (=Band 1 Studien zur Natürlichen Wirtschaftsordnung). Gauke Fachverlag für Sozialökonomie: Lütjenburg, 1994. S. 73. In Norden, der Heimatstadt Anton Nordwalls, errangen die Freiwirtschaftler in den Anfangsjahren der Weimarer Republik und auch nach dem Zweiten Weltkrieg zum Teil beachtliche Erfolge. So erhielt der Freiwirtschaftsbund (FFF) bei den Wahlen zum Bürgervorsteher-Kollegium am 4. Mai 1924 15 % der abgegebenen Stimmen und wurde damit – nach dem Völkisch-sozialen Block zur zweitstärksten Kraft.Herbert Reyer (Hrsg.): Ostfriesland zwischen Republik und Diktatur (=Band 76 Abhandlungen und Vorträge zur Geschichte Ostfrieslands). Ostfriesische Landschaft Aurich: Aurich, 1998. ISBN 3-932206-10-X. S. 195 (Tabelle 1: Bürgervorsteherwahlen in Norden). Die aus verschiedenen freiwirtschaftlichen Gruppierungen hervorgegangene Radikal-Soziale Freiheitspartei, für die Nordwall bei der Kommunalwahl 1948 in Norden antrat, kam auf 8,7 % der Stimmen und erhielt damit zwei Sitze im Norder Stadtrat.Inge Lüpke-Müller: Eine Region im politischen Umbruch. Der Demokratiesierungsprozeß in Ostfriesland nach dem Zweiten Weltkrieg (= Band 77 Abhandlungen und Vorträge zur Geschichte Ostfrieslands). Ostfriesische Landschaft: Aurich, 1998. S. 204.
Wann genau und durch welche Umstände Anton Nordwall mit den Ideen Silvio Gesells in Berührung kam, kann aufgrund der vorliegenden Quellen nicht sicher beantwortet werden. Belegt ist, dass er bereits bei der Reichstagswahl Dezember 1924 – unter anderem neben Bertha Heimberg (1894–1966), Paul Diehl (1886–1976) und Benedikt Uhlemayr (1871–1942) – als Kandidat des Freiwirtschaftsbundes FFF aufgestellt worden war.digi.bib.uni-mannheim.de / Reichsanzeiger: Reichswahlvorschlag N. 18; abgerufen am 22. April 2025; siehe auch digital.lb-oldenburg.de: Reichstagswahl, Wahlkreis Weser-Ems, Liste 16; abgerufen am 22. April 2025.
In den folgenden Jahren spaltete sich die Freiwirtschaftsbewegung mehrfach.Siehe dazu ausführlich Günter Bartsch: Die NWO-Bewegung Silvio Gesells. Geschichtlicher Grundriß 1891–1992/93 (=Band 1 Studien zur Natürlichen Wirtschaftsordnung). Gauke Fachverlag für Sozialökonomie: Lütjenburg, 1994. S. 74–77. Ein freiwirtschaftliches Reichskartell FFF sollte bei der Reichstagswahl November 1932 als geschlossene Partei auftreten. Nachdem aber Anton Nordwall zum Spitzenkandidaten des Reichskartells gewählt worden war, verließ der Freiwirtschaftsbund wieder den jungen Zusammenschluss. Da Nordwall Mitglied des linken Fisiokratischen Kampfbundes war, fühlte sich der Freiwirtschaftsbund von ihm nicht vertreten.Günter Bartsch: Die NWO-Bewegung Silvio Gesells. Geschichtlicher Grundriß 1891–1992/93 (=Band 1 Studien zur Natürlichen Wirtschaftsordnung). Gauke Fachverlag für Sozialökonomie: Lütjenburg, 1994. S. 75f.