mini|Johann Philipp Bandel, 1814. Gemälde von Johann Adam Schlesinger

Johann Philipp Bandel (* 19. August 1785 in Worms; † 28. Januar 1866 in Burgdorf, Kanton BernLAGIS.; in der älteren Literatur auch: „Bändel“) war Kaufmann, Gutsbesitzer, Kunstsammler und politisch aktiv.

Herkunft und Jugend Johann Philipp Bandel war der Sohn des Bäckers Johann Georg Sebastian Bandel (1749–1802) und seiner zweiten Frau, Anna Christina Juliane, geborene Ritterspacher, Tochter des Pfarrers von Nieder-Wiesen. Die Familie war evangelisch, die Vorfahren des Vaters aus Heidelberg nach Worms zugewandert.Reuter, S. 43. Insgesamt gingen aus dieser Ehe fünf Kinder hervor, von denen aber nur Johann Philipp das Erwachsenenalter erreichte.Mahlerwein, S. 11.

Über die Jugendzeit, die Schul- und Ausbildung von Johann Philipp Bandel ist wenig bekannt. Er besuchte die lutherische Elementarschule und anschließend das Gymnasium. Da er aber 1811 eine Bäckerei in Worms eröffnete, ist davon auszugehen, dass er beim Vater und / oder dem StiefvaterDie Mutter heiratete nach dem Tod von Johann Georg Sebastian Bandel den Bäcker Georg Ludwig Hannewald (Reuter, S. 43). – der ebenfalls Bäcker war – eine entsprechende Lehre absolvierte und anschließend als Geselle arbeitete.Mahlerwein, S. 13.

Leben Geschäft mini|Flaschenetikett der Fa. Bandel für Liebfrauenmilch, 1856

Seine 1811 eröffnete Bäckerei befand sich unmittelbar neben der Dreifaltigkeitskirche am Marktplatz. Johann Philipp Bandel betrieb zugleich einen WeinausschankMahlerwein, S. 13. und begann, sich als Kaufmann und in Geldgeschäften zu betätigen.Mahlerwein, S. 16. Sein Vermögen mehrte sich zügig: 1816 besaß er eine zweite Immobilie in WormsReuter, S. 43., 1825 und 1828 kauft er weitere Häuser, 1840 und 1844 Weingärten zwischen Mainzer Straße und Liebfrauenkirche. Letzteres rundete er mit dem Kauf der Eulenburg und zugehörigen Weingärten ab, so dass ein Weingut entstand. 1837 stand er in der Liste der Höchstbesteuerten in Worms an 17. Stelle.Reuter, S. 45. 1848 wurde sein Vermögen auf 100.000 Gulden geschätzt.Reuter, S. 46. Bereits 1834 hatte er die Bäckerei, 1837 auch das Haus am Markt, in dem sie sich befand, verkauft. Vornehmliche wirtschaftliche Grundlage war für ihn jetzt der Weinanbau und -handel, den er bis ins hohe Alter und seinem Wegzug aus Worms betrieb.Mahlerwein, S. 39, 68.

Politik Von 1813 bis 1818 ist Johann Philipp Bandel als Mitglied der Freimaurer in Worms nachgewiesen.Mahlerwein, S. 25. Nachweisbar seit 1828 war Johann Philipp Bandel politisch aktiv. 1831 betätigte er sich im örtlichen Polen-Unterstützungskomitee als Sekretär.Mahlerwein, S. 29; Reuter, S. 48. 1832 wurde er ein erstes Mal in den Gemeinderat der Stadt Worms gewählt, dem er zunächst bis 1838 angehörte.Mahlerwein, S. 46. Er vertrat die (wirtschafts-)liberale StrömungMahlerwein, S. 30. und befand sich damit in Opposition zur Regierung des Großherzogtums Hessen, die nach der Revolution von 1830, im „Vormärz“, versuchte, aufkommende Reformbestrebungen mindestens zu kontrollieren, wenn nicht gar zu unterdrücken. Am Hambacher Fest nahm er aktiv teil, mit einem der Organisatoren und Miteigentümer des Hambacher Schlosses, Georg Frey aus Neustadt, war er befreundet.Mahlerwein, S. 30. Auch in der Folge versuchte Bandel, die Opposition gegen Großherzog Ludwig II. und seinen Regierungschef, Karl du Thil, zu unterstützen.Mahlerwein, S. 32ff. Das ging sogar so weit, dass er sich aktiv als Fluchthelfer betätigte, als die hessische Regierung die Aktivisten im Umfeld des Hessischen Landboten zu verhaften suchte. Wahrscheinlich unterstützte Bandel auch Georg Büchner bei dessen Flucht nach Frankreich.Mahlerwein, S. 35f. Im Vorfeld der Revolution von 1848 gehörte Bandel zu den Unterstützern Heinrichs von Gagern, der in Worms auch zwei Mal als Abgeordneter in die Zweite Kammer der Landstände gewählt und dort der führende Kopf der Opposition war. Die Wahl war indirekt und erfolgte über Wahlmänner. Bandel kandidierte als Wahlmann und erhielt 1110 von 1350 abgegebenen Stimmen der Urwähler.Mahlerwein, S. 49f.

1846 wurde Johann Philipp Bandel erneut in den Gemeinderat von Worms gewähltMahlerwein, S. 46., dem er nun auch während der Revolution von 1848 angehörte. Zunächst engagierte er sich für den Erhalt der relativ fortschrittlichen rheinhessischen Institutionen, die aus der Zeit, in der das Gebiet von 1798 bis 1814 zu Frankreich gehört hatte, erhalten geblieben waren. Die Regierung in Darmstadt versuchte, um im gesamten Großherzogtum Hessen einheitliche Verhältnisse zu schaffen, diese den Verhältnissen im übrigen Großherzogtum anzugleichen.Mahlerwein, S. 47ff. In der Revolution von 1848 im Großherzogtum Hessen war Johann Philipp Bandel von Anfang an dabei. Er gehörte zu der Delegation, die die Wormser Forderungen an den örtlichen Abgeordneten, Eduard Lehne, zur Vorlage bei den Landständen überreichte und war dann in der Sitzung anwesend. Er wurde zum Präsidenten des Bürgerkomitees gewählt, das die Erfüllung der Märzforderungen seitens der Regierung überwachen sollte und kümmerte sich um die Bewaffnung der Bürgerwehr.Mahlerwein, S. 51. In der weiteren Entwicklung der Revolution nahm Bandel bei dem sich formierenden „Demokratischen Verein“, den „Linken“, eine Führungsrolle ein. Diese befehdeten sich heftig mit der liberal-konstitutionellen Partei, dem „Bürgerverein“. Das reichte bis zu Morddrohungen.Mahlerwein, S. 52f. Bei den Wahlen zum Bürgermeister 1848 erhielt Bandel die zweitmeisten Stimmen.Mahlerwein, S. 55.

Nach Zusammenbruch der Revolution – Worms wurde am 13. Juni 1849 von preußischem Militär besetzt – erging gegen Bandel wegen seiner Betätigung in der Revolution am 25. Juni 1849 ein Haftbefehl. Er floh zunächst nach Verviers in BelgienMahlerwein, S. 57. und betrieb dort einen florierenden Weinhandel.Mahlerwein, S. 59. Gegen eine Kaution von 2000 Gulden konnte er zurückkehren und auf freiem Fuß bleiben, bis der Prozess gegen ihn, Bürgermeister Ferdinand Eberstadt (1808–1888) und Salomon Lohnstein (1809–1854) vom 8. bis 10. Juli 1850 vor den Assisen (Schwurgericht) in Mainz durchgeführt wurde.Das war nicht der Rheinhessische Hochverratsprozess (so: Reuter, S. 50), sondern ein von diesem abgetrenntes Verfahren (Mahlerwein, S. 60). Vorgeworfen wurde ihnen erpresserischer Nötigung, weil sie bei der Finanzierung der Bürgerbewaffnung Zahlungsunwillige bedroht hätten.Julius Nathan und R. Rentwig: Anklage gegen Eberstadt, Bandel und Lohnstein aus Worms wegen Erpressung. Verhandelt vor den Assisen zu Mainz vom 8.–10. Juli 1850. Nach stenographischen Aufzeichnungen. Pricken, Mainz 1850. Sie wurden am 10. Oktober 1850 freigesprochen.Mahlerwein, S. 61. 1855 wurde Bandel bei seiner Rückkehr von einer Reise im Bahnhof Worms verhaftet. Vorgeworfen wurde ihm eine Falschaussage in einem Prozess, in dem er als Zeuge ausgesagt hatte. Er saß vier Monate in Untersuchungshaft. Die Angelegenheit endete mit einem Freispruch. Dieses exzessive Vorgehen der Staatsgewalt stellte einen weiteren Versuch der Obrigkeit dar, sich an Bandel zu rächen.Mahlerwein, S. 63f.

So erfolgreich Johann Philipp Bandel geschäftlich war, blieb er vorindustriellem Denken und Wirtschaften verbunden, die technisch modernen Entwicklungen blieben ihm fremd. In der Eisenbahnfrage – die Hessische Ludwigsbahn errichtete am Anfang der 1850er Jahre die Bahnstrecke Mainz–Worms–Landesgrenze zur Bayerischen Pfalz – vertrat er die Position, dass der Wormser Bahnhof direkt vor der damals bestehenden Bebauung der Stadt errichtet werden sollte.Das entspricht etwa dem heutigen Standort des Lutherdenkmals. Die Ludwigsbahn setzte allerdings den damals weit vor der Bebauung gelegenen, heutigen Standort durch, der sich auch für die Stadtentwicklung von Worms als vorteilhaft erwies.Reuter, S. 47f.

Sammler mini|Versteigerungs-Katalog der Sammlung

Um 1820 begann Johann Philipp Bandel „Alterthümer“ zu sammelnReuter, S. 52., aber auch Kunst. Die frühesten Belege für die Sammlung sind Reiseführer.Philipp August Pauli: Die römischen und deutschen Alterthümer am Rhein 1 = Rheinhessen. Reuling, Mainz 1820, S. 87f.; Hermann Püttmann: Kunstschätze und Baudenkmäler am Rhein (von Basel bis Holland). Ein Leitfaden für reisende Kunstfreunde. Kupferberg, Mainz 1843; Karl Klein: Die hessische Ludwigsbahn oder Worms, Oppenheim und die anderen an der Bahn liegenden Orte. Topographisch und historisch dargestellt nebst einer übersichtlichen Beschreibung von Mainz. Seifert, Mainz 1856. Die Sammlung war Interessierten also zugänglich. 1836 erwarb er die Sammlung des verstorbenen Wormser Sammlers Johann Adam Menger.Zu seiner Person Margit Rinker-Olbrisch: Der anakreontische Menger – Ein Wormser Kunstsammler zu Beginn des 19. Jahrhunderts. In: Der Wormsgau 18 (1999), S. 141–177 (Digitalisat). Mit dem Kauf der Eulenburg und von Weingärten in deren unmittelbarem Umfeld in den 1840er Jahren erwarb er Gelände, das in römischer Zeit zum Nordfriedhof von Borbetomagus gehörte. Dort grub er nach archäologischen Funden.Reuter, S. 52. Teile der Sammlung fanden schon bald Eingang in wissenschaftliche Veröffentlichungen.Edmond Le Blant: Provinces gallicanes 1 = Inscriptions chrétiennes de la Gaule antérieures au VIIIe siècle. Réunies et annotées. Impr. Impériale, Paris 1856, S. 461f.; Karl Klein: Aus Bändels Sammlung. In: Zeitschrift des Vereins zur Erforschung der rheinischen Geschichte und Alterthümer Bd. 2. Mainz 1859–64, S. 342. Auch die Gemäldesammlung soll bedeutende Werke enthalten haben: Guido Reni, Tiepolo, Peter Paul Rubens, Paolo Veronese, Anton van Dyck und Martin Schongauer.Mahlerwein, S. 69f.

Johann Philipp Bandel soll zugesagt haben, seine Sammlung der Stadt Worms zu überlassen, wenn die für eine adäquate Unterbringung sorge.Reuter, S. 53; Karl Klein: Aus Bändels Sammlung. In: Zeitschrift des Vereins zur Erforschung der rheinischen Geschichte und Alterthümer Bd. 2. Mainz 1859–64, S. 342. Im Vorfeld seines Fortzuges aus Worms 1863 bot Bandel die Sammlung der Stadt zu einem „unbedeutenden Preis“ zum Kauf an. Die Stadtverordnetenversammlung beauftragte am 7. August 1862 Bürgermeister Brück, mit Bandel über den Ankauf der Sammlung zu verhandeln. Ob die Stadt anschließend kein Interesse mehr zeigteAugust Weckerling: Die Römische Abteilung des Paulus-Museums der Stadt Worms = Wissenschaftliche Beigabe zu dem Programm des Großherzoglichen Gymnasiums und der Realschule zu Worms für das Schuljahr 1884–85. Eugen Kranzbühler, Worms 1885, S. 24f. oder die städtische Bürokratie die Angelegenheit schlicht verschliefMathilde Grünewald: Die Römer in Worms. Stuttgart 1986. ISBN 3-8062-0479-9, S. 9. ist im Nachhinein schwer zu beurteilen. In der Folge ließ Bandel die Sammlung versteigern.Verzeichnis der von dem Rentner Philipp Bändel in Worms wegen Wohnortveränderung am 21. Oktober 1862 und die folgenden Tage zu versteigernden Oelgemälde, Kupferstiche, Alterthümer, sowie sonstiger Kunstwerke, antiker Möbel, nebst einer reichhaltigen Bibliothek. Worms 1862 (Stadtarchiv Worms, Abt. 202, Nr. 99). Der Mainzer Altertumsverein – in Worms gab es damals eine entsprechende Einrichtung noch nicht – kaufte die römischen und fränkischen Funde. Die römischen Inschriften wurden von dem Verein sofort veröffentlicht.K. Klein: Römische Inschriften, welche in und bei Mainz gefunden worden. In: Zeitschrift des Vereins zur Erforschung der rheinischen Geschichte und Alterthümer in Mainz. Bd. 2, Heft 1+2. Mainz 1859–1864, S. 317–345; darin ein Abschnitt Aus Bandels Sammlung, S. 339–345. Ein Teil davon überstand die Luftangriffe auf Mainz im Zweiten Weltkrieg nicht, andere sind nicht mehr oder nur unter Vorbehalt noch zu identifizieren.Reuter, Anhang C und D, S. 57ff. Der Rest der Sammlung, Gemälde, Grafik, Porzellan, Glas, historische Möbel und die Bibliothek wurden ab dem 21. Oktober 1862 versteigertMahlerwein, S. 69., verstreut und ein Teil der Objekte ist heute nur noch aus den Erwähnungen in der frühen Reiseliteratur bekannt.

Familie mini|Johann Philipp Bandel, ca. 1860