mini|Das frühere Granita-Restaurant in der 127 Upper Street, Islington (März 2013)

Als Granita Deal (auch Granita-Abkommen, Granita-Pakt oder Blair-Brown-Deal genannt) wird eine politische Übereinkunft zwischen den beiden Labour-Politikern Tony Blair und Gordon Brown bezeichnet. Das Abkommen kam im Mai 1994 nach dem überraschenden Tod des Labour-Führers John Smith zustande. Blair und Brown einigten sich mit dem nach dem Londoner Restaurant Granita benannten Deal darauf, dass Tony Blair bei der anstehenden Wahl als Kandidat des progressiven Reformerflügels für die Parteiführung der Labour-Partei kandidierte. Gordon Brown stellte dafür seine eigenen Ambitionen auf den Parteivorsitz zunächst zurück, ließ Tony Blair den Vortritt und unterstützte offen dessen Kandidatur. Im Gegenzug verpflichtete sich Blair auf weitreichende Zugeständnisse gegenüber Brown, dem im Fall eines Wahlsiegs von Labour sowohl das Amt des Schatzkanzlers zugestanden als auch die innenpolitische Agenda weitgehend überlassen würde. Dazu kündigte Blair an, seine politische Karriere nicht immer einfach fortzusetzen, sondern Brown die Macht an einem bestimmten Punkt zu überlassen bzw. ihn dann bei dessen Kandidatur zu unterstützen.

Nach dem Wahlsieg Labours im Jahr 1997 bildeten Blair und Brown die Regierung gemäß den zuvor getroffenen Vereinbarungen. Die Ereignisse nach dem Tod von John Smith hatten allerdings für einen Bruch im vormals sehr engen Verhältnis zwischen beiden gesorgt. Zunehmend kam es zu Unstimmigkeiten zwischen ihnen über die interne Machtverteilung und innenpolitische Themen sowie auch den konkreten Zeitpunkt der Machtübergabe Blairs an Brown.

Die Existenz des Abkommens wurde von den beiden Protagonisten zunächst bestritten, später jedoch unabhängig voneinander bestätigt.

Vorgeschichte Blair und Brown: Frühe Jahre mini|hochkant|Tony Blair im Jahr 2007

Der 1953 geborene Tony Blair entstammte einer mittelständischen Familie. Sein Vater Leo war 1947 der Konservativen Partei beigetretenMick Temple: Blair (20 British Prime Ministers of the 20th Century). Haus Publishing, London 2006, S. 8. und hatte eine Kandidatur für das britische Unterhaus angestrebt, erlitt jedoch einen schweren Schlaganfall, als Tony elf Jahre alt war.Mick Temple: Blair (20 British Prime Ministers of the 20th Century). Haus Publishing, London 2006, S. 11. Der junge Tony Blair war weder am Fettes College noch in Oxford politisch engagiert und versuchte sich eher als Musiker und Rock-Promoter. In Oxford begann er sich jedoch der christlichen Religion zuzuwenden, die ihn zu einem sozialen Denken hinführte.Giles Radice: Trio: Inside the Blair, Brown, Mandelson Project. IB Tauris, London 2010, S. 8 ff. Nach seinem Studienabschluss in Rechtswissenschaften 1975 trat er Labour bei und kam dadurch in Kontakt mit dem renommierten schottischen Barrister Alexander Irvine, der selbst 1970 für Labour kandidiert hatte. In Irvines Londoner Kanzlei sammelte er als Barrister erste praktische Erfahrungen und lernte die ambitionierte Cherie Booth kennen, die er 1980 heiratete.Giles Radice: Trio: Inside the Blair, Brown, Mandelson Project. IB Tauris, London 2010, S. 11. In seinen politischen Anfangsjahren passte sich Blair der Mehrheitsmeinung seiner Partei an, stand aber der von Tony Benn geführten extremen Linken feindlich gegenüber, die er wegen ihrer trotzkistischen Ideale als antidemokratisch ansah.Giles Radice: Trio: Inside the Blair, Brown, Mandelson Project. IB Tauris, London 2010, S. 13 f. Kurz vor der Wahl 1983 eröffnete sich für Tony Blair im neu geschaffenen Wahlkreis Sedgefield eine erste politische Chance; der Wahlkreis galt mit seiner Bergbauindustrie als sichere Hochburg für Labour.John Campbell: Pistols at Dawn: Two Hundred Years of Political Rivalry from Pitt and Fox to Blair and Brown. Vintage Books, London 2009, S. 350 f.

Während Blair von seinen Biographen als „seltsam wurzellos“ mit schwer einzuordnendem Charakter angesehen wird, gilt Gordon Brown dagegen als tief im schottischen Klerus, dem schottischen Bildungssystem und nachfolgend auch der schottischen Politik verwurzelt.Giles Radice: Trio: Inside the Blair, Brown, Mandelson Project. IB Tauris, London 2010, S. 4.John Campbell: Pistols at Dawn: Two Hundred Years of Political Rivalry from Pitt and Fox to Blair and Brown. Vintage Books, London 2009, S. 353. 1951 in Glasgow geboren, zog seine Familie nach Kirkcaldy in Fife um, als der junge Gordon fünf Jahre alt war. Sein Vater, ein Pfarrer in der Church of Scotland, vermittelte seinen Kindern das Ideal eines christlichen Sozialismus.Giles Radice: Trio: Inside the Blair, Brown, Mandelson Project. IB Tauris, London 2010, S. 16. Nach dem Besuch einer Grammar School wurde er mit nur 16 Jahren an der Universität Edinburgh zugelassen;Giles Radice: Trio: Inside the Blair, Brown, Mandelson Project. IB Tauris, London 2010, S. 17. zum Ende seiner Schulzeit erlitt er bei einem Rugbyspiel eine Netzhautablösung. Trotz mehrerer Operationen erblindete er auf dem linken Auge. Um das zweite Auge zu retten, musste er außerdem mehrere Monate in einem abgedunkelten Raum verbringen.Giles Radice: Trio: Inside the Blair, Brown, Mandelson Project. IB Tauris, London 2010, S. 17 f. Dieser Vorfall stärkte nach Meinung verschiedener Historiker seine Entschlossenheit und Zielstrebigkeit.Giles Radice: Trio: Inside the Blair, Brown, Mandelson Project. IB Tauris, London 2010, S. 18. Bereits während des Studiums begann er, sich politisch zu betätigen, und wurde Herausgeber einer Universitätszeitung.John Campbell: Pistols at Dawn: Two Hundred Years of Political Rivalry from Pitt and Fox to Blair and Brown. Vintage Books, London 2009, S. 348. 1972 schloss er mit einem Master of Arts in Geschichte ab, blieb aber weiter an der Universität, um zu promovieren.Giles Radice: Trio: Inside the Blair, Brown, Mandelson Project. IB Tauris, London 2010, S. 8. Parallel dazu verwendete er viel Zeit und Energie darauf, in der schottischen Labour-Partei, die in dieser Zeit im Vergleich zu ihrer Schwesterorganisation in England viel weniger radikal war, seinen Weg zu finden. Brown war ein typischer Vertreter der schottischen Labour-Partei: Er sah sich als Verfechter des Egalitarismus, der zwar ein gleiches Einkommen für alle als unrealistisch und wenig zielführend ansah, jedoch für gleiche Bildungschancen und Mindestlöhne eintrat.Giles Radice: Trio: Inside the Blair, Brown, Mandelson Project. IB Tauris, London 2010, S. XV f. 1983 sicherte er sich durch die Unterstützung einer Gewerkschaft den Labour-Wahlkreis Dunfermline East.John Campbell: Pistols at Dawn: Two Hundred Years of Political Rivalry from Pitt and Fox to Blair and Brown. Vintage Books, London 2009, S. 349 f.

Labour vor Blair und Brown In der Labour-Partei waren seit den späten 1970er-Jahren interne Richtungskämpfe an der Tagesordnung. Nach der Niederlage von Premierminister Callaghan 1979 gegen die von Margaret Thatcher geführten Konservativen versuchte die extreme Linke (englisch: hard left), parteiintern die Oberhand zu gewinnen.Dies war ein wichtiger Grund für die Abspaltung der Vierergruppe um Roy Jenkins, David Owen, Bill Rodgers und Shirley Williams, die die SDP gründeten. Nach der Wahl von Michael Foot zum neuen Parteiführer im November 1980,Patrick Seyd: The Rise and Fall of the Labour Left. Macmillan, London 1987, S. 100. bewarb sich ihr führender Repräsentant und Vordenker, Tony Benn, im September 1981 um den Posten des Stellvertreters.Patrick Seyd: The Rise and Fall of the Labour Left. Macmillan, London 1987, S. 133 ff. Er forderte dabei den gemäßigten Denis Healey heraus, der Foot bei der Wahl knapp unterlegen war und nun den Vize-Posten innehatte. Die Wahl gilt rückblickend als richtungsweisender Moment in der Geschichte von Labour und wird gelegentlich auch zum Kampf um die „Seele“ der Labour-Partei stilisiert. Mit Benns Niederlage hielt die gemäßigte Linke (englisch: soft left), also der als moderat geltende Flügel, diesem Übernahmeversuch stand.Jon Davis, John Rentoul: Heroes or Villains: The Blair Government Reconsidered. Oxford University Press, Oxford 2019, S. 18.Steve Richards: The Prime Ministers We Never Had; Success and Failure from Butler to Corbyn. Atlantic Books, London 2021, S. 122 f. Dennoch war die Partei weiter von inneren Richtungskämpfen zerrissen, die auch vor dem Flügel der extremen Linken, der durch seine beiden Führungsfiguren Michael Foot und Tony Benn polarisiert worden war, nicht Halt machten.Patrick Seyd: The Rise and Fall of the Labour Left. Macmillan, London 1987, S. 160 f. In die Britische Unterhauswahl 1983 ging die Partei schließlich mit einem äußerst linken und stark sozialistischen Wahlkampfmanifest, das u. a. den Austritt aus der EWG, unilaterale Abrüstung und weitgehende Verstaatlichungen forderte.Das Manifest wurde in der Presse schnell als „längster Abschiedsbrief eines Selbstmörders“ gebrandmarkt. (vlg Campbell, S. 351.) Die Partei erlitt bei der Wahl eine klare Niederlage gegen die konservative Premierministerin Thatcher,John Campbell: Pistols at Dawn: Two Hundred Years of Political Rivalry from Pitt and Fox to Blair and Brown. Vintage Books, London 2009, S. 351. woraufhin Foot umgehend zurücktrat. Angesichts der neuen Situation kippte nun auch die Stimmung in der Partei. Im Oktober 1983 wurde Neil Kinnock zum neuen Parteiführer und Roy Hattersley als sein Stellvertreter gewählt.Patrick Seyd: The Rise and Fall of the Labour Left. Macmillan, London 1987, S. 166. Die Vertreter der gemäßigten Linken begannen daraufhin eine Modernisierungskampagne. Die Ursprünge dieser Bemühungen werden von Historikern bereits in der Kampagne gegen Tony Benns Führungsanspruch gesehen.Jon Davis, John Rentoul: Heroes or Villains: The Blair Government Reconsidered. Oxford University Press, Oxford 2019, S. 18.

Blairs und Browns Aufstieg in der Labour-Hierarchie mini|hochkant|Gordon Brown als Schatzkanzler 2004 Nach dem Debakel bei der Unterhauswahl 1983 stachen unter den wenigen neuen Unterhausmitgliedern für Labour Gordon Brown und Tony Blair bald hervor und galten schnell als künftige Führungskräfte. Beide teilten sich in Westminster ein kleines Büro und waren zunächst eng miteinander befreundet.John Campbell: Pistols at Dawn: Two Hundred Years of Political Rivalry from Pitt and Fox to Blair and Brown. Vintage Books, London 2009, S. 353. Blair äußerte später bei diversen Gelegenheiten, er und Brown hätten sich so nah gestanden, wie es in der Politik überhaupt nur möglich sei.Tony Blair: Mein Weg. C. Bertelsmann, München 2010, S. 68. Blair & Brown: The New Labour Revolution. BBC Two Documentaries, London 2021, Folge 1, Introduction. Von Außenstehenden wurden deshalb beide wahlweise als „Zwillinge“ oder „Blutsbrüder“ bezeichnet, obwohl sie alles andere als gleich waren. Brown war älter und in der politischen Erfahrung dem noch unerfahrenen Blair weit voraus. Dennoch teilte er sein Wissen insbesondere über die Geschichte der Labour-Partei mit Blair und wurde so zu dessen Mentor.Simon Jenkins: Thatcher and Sons: A Revolution in Three Acts. Penguin Books, London 2006, S. 221.Steve Richards: Whatever It Takes: The Real Story of Gordon Brown and New Labour. Fourth Estate, London 2010, S. 71. Innerhalb kurzer Zeit stiegen beide zu führenden Vertretern der Gruppe der Erneuerer auf.

mini|hochkant|John Smith (1989)