Die Kirchbach’schen Werke, später auch Jurid-Werke genannt, in Coswig in Sachsen waren das älteste und größte Unternehmen zur Herstellung von Kupplungs- und Bremsbelägen in Deutschland. Da der letzte Eigentümer nach 1945 Coswig verließ und die Rechte an der Marke Jurid mitnahm, änderten sich die Firma und der Markenname am alten Standort in den 1950er Jahren in Cosid und später in Cosid-Kautasid. Unter der Marke Cosid produziert TMD Friction in Coswig weiterhin Hochleistungs-Reibmaterialien für Schienenfahrzeuge und die Industrie, während die Marke Jurid der Federal-Mogul Bremsbelag GmbH in Glinde gehört (Stand 2023).
Hermann Kirchbach mini|Mitteilung über die Schließung des Tuchhandels in Senftenberg Der Kaufmann (Julius) Hermann Kirchbach (* 2. August 1855 in Roßwein; † 8. Juli 1913 in Coswig)Dresden: Einäscherungsregister 1913 Nummer 1247; Kirchbach, Julius Hermann; Fabrikbesitzer; * 2. August 1855 in Roßwein; letzter Wohnort: Coswig, Romerstraße 23; † 8. Juli 1913 in Coswig; Einäscherung 11. Juli 1913 stammte aus einer in Roßwein ansässigen Tuchmacherfamilie. Im Alter von 27 Jahren eröffnete er in Senftenberg ein Tuchhandelsgeschäft im damaligen Haus Kreuzstraße 4.Max Goldmann vorm. H. Kirchbach. gruss-aus-senftenberg.de; abgerufen am 31. Dezember 2023. Er heiratete (Bertha) Alma geborene Musäus (1853–1927), mit der er 1891 die Zwillinge (Max) Kurt und (Paul) Ernst bekam.Kirchenbuch der Deutschen Kirche Senftenberg 1891: Einträge 46 und 47. Hermann Kirchbach verkaufte im Jahr 1900 das Senftenberger Grundstück und das Geschäft an den Tuchhändler Max Goldmann (1872?–1950),Anzeige im Senftenberger Anzeiger Juli 1900 der noch bis in die 1920er Jahre unter Max Goldmann vorm. H. Kirchbach firmierte.
Die Zwillinge Kurt und Ernst besuchten in Dresden das König-Georg-Gymnasium und die Höhere Handelsschule. Ihr Vater gründete im Juli 1910 in Coswig bei Dresden das Unternehmen Chemisch-Technische Werke Hermann Kirchbach, das er schon einen Monat später in Kirchbachsche Werke Hermann Kirchbach umbenennen ließ (bis 1915 noch ohne Apostroph).Sächsisches Staatsarchiv, 11088 Amtsgericht Radebeul, Nr. 00027: Chemisch-Technische Werke Hermann Kirchbach, Coswig; Kirchbachsche Werke Hermann Kirchbach, Coswig (Handelsregister HR 203) Das Grundstück für die Fabrik an der damaligen Meißner Straße (heute Dresdner Straße / Industriestraße 9) kaufte Kirchbach vom Gärtnereibesitzer Franz Rudolph, der seinen Betrieb 1885 gegründet hatte und auf Rosenzucht spezialisiert war.
Die Kirchbachsche Fabrik stellte zunächst Packungen für Stopfbuchsen, Dichtungsmaterialien und chemisch-technische Präparate her. 1912 wurde im Handelsregister beim Amtsgericht Radebeul eine Zweigniederlassung der Kirchbachschen Werke in der böhmischen Gemeinde Altstadt bei Tetschen eingetragen.Zentralblatt für die Eintragungen in das Handelsregister in der Republik Österreich. Compass, Wien 1912. 11(51) S. 643. Der Vertreter Thöner Wenzel in Altstadt Nummer 17 bezeichnete seine gewerbliche Tätigkeit als Metallwarenerzeugung und Vertreter der Kirchbachschen Werke (Stopfbüchsenpackungen, Dichtungsmaterial etc.).Adreß-Buch für den politischen Bezirk Tetschen a. E. Band 1914 S. 147. Deutschböhmische Bezirks-Adreßbücher-Verlagsanstalt Franz Gebert, Rochlitz im Riesengebirge. Unter anderem wurden auch Wand- und Tapetenreinigungsmittel produziert und vertrieben.Compass finanzielles Jahrbuch, 47. Jahrgang, Compass, Wien 1914, S. 1177.
Nach dem Tod von Hermann Kirchbach im Alter von 57 Jahren übernahm dessen Witwe Alma Kirchbach den Betrieb. Die Zwillingsbrüder Ernst und Kurt erhielten Prokura.
Erste Reibbeläge ab 1914 Im Jahr 1914 übernahmen Ernst und Kurt Kirchbach das Unternehmen, das in eine offene Handelsgesellschaft umgewandelt wurde. Ernst war der kaufmännische Leiter, während Kurt die technische Leitung übernahm.Akte Prüfung von Belegschaftslisten. Kirchbach & Co., Fabrik für technische Fette, Coswig. Sächsisches Hauptstaatsarchiv Dresden 11349 Kriegsamtstelle Dresden, Archivaliensignatur 3389 1916–1918 Sie begannen mit der Produktion von Reibmaterialien. Das Militär bestellte 10.000 m Bremsband.TMD Friction: 100 Jahre Produktion in Coswig Wirtschaftsnachrichten Gupta-Verlag vom 3. September 2010 Grund war der Ausfall der Lieferungen des von Herbert Frood (1864–1931) gegründeten Unternehmens FerodoFerodo Brakes nach dem Kriegseintritt Großbritanniens. Das Militär zog den Auftrag für Bremsband zwar zurück, aber Kirchbachs boten die Ware erfolgreich der Automobilindustrie an. Anfänglich ließ man die Asbestbänder in sächsischen Bandwebereien weben und imprägnieren, formte und härtete sie jedoch in Coswig.
Parallel dazu wurden weiterhin Patente zu Schmiermitteln eingereicht:
Außerdem ließ Kirchbach 1914 zwei Warenzeichen eintragen: Harepa (Klasse 34; unter anderem für kosmetische Produkte)Deutscher Reichsanzeiger und Preußischer Staatsanzeiger, Warenzeichenbeilage Nr. 4 vom 15. Januar 1915, S. 19. (Harepa Klasse 34; 200989; K 27924; Anmeldung 11. Juni 1914; Eintragung 24. Dezember 1914) Kleberecht (Klasse 13; unter anderem für Klebstoffe)Deutscher Reichsanzeiger und Preußischer Staatsanzeiger, Warenzeichenbeilage Nr. 55B vom 19. Juni 1914, S. 35. (Kleberecht Klasse 13; 194793; K 26628; Anmeldung 16. Dezember 1913; Eintragung 3. Juni 1914)
1915 wurde die Firma in Kirchbach’sche Werke Kirchbach & Co.geändert, nun erstmals auch offiziell mit einem Apostroph geschrieben. Gleichzeitig trat der Kaufmann Ernst Ludwig Fischer (1865–1945)Heiratsurkunde Dresden II: Nummer B1 439. (* 6. Januar 1865 in Dresden; Hochzeit am 30. Juli 1924 mit Franziska Paula Dora Wolf) (erste Ehe am 25. Oktober 1890 mit Clara Antonie Zschunke) aus Dresden in die Gesellschaft als Teilhaber ein.Adreßbuch für Dresden und Vororte, Band 1917, I. Teil, S. 155. Im gleichen Jahr erfanden die Brüder Kirchbach die Wortmarke Jurid als reines Kunstwort, das zunächst noch nicht beim Patent- und Markenamt eingetragen wurde. Seit 1915 lieferte das Unternehmen Bremsbeläge unter diesem neuen Markennamen für die Automobilindustrie, insbesondere an die Büssing AG, die Neue Automobil-Gesellschaft AG (NAG) und an die Wanderer-Werke AG.
1916 zogen Ernst und Kurt Kirchbach mit ihrer Mutter Alma nach Niederlößnitz.Im Adressbuch 1920: Westraße 5 (jetzt Heinrich-Heine-Straße 5) Zu dieser Zeit wurde Ernst von der Kriegsamtstelle Dresden als „dauerhaft unbrauchbar“ ausgemustert, während sein Bruder als für den Kriegsdienst tauglich galt. Ernst Fischer hatte schon die entsprechende Altersgrenze überschritten. Um die Kriegswichtigkeit der Belegschaft gab es einen regen Schriftverkehr mit der Kriegsamtstelle, in dem hervorgehoben wurde, dass die Kirchbach’schen Werke an direkten Kriegslieferungen Wagen- und Lederfett sowie Lederöl bereitstellten und als indirekte Kriegslieferungen Stopfbuchsenpackungen, Schmiermittel und Geschossfüllmasse. 1916 gab es im Betrieb 24 Angestellte, davon waren 13 weiblich.
1919 wurde der böhmische Ort Altstadt Bestandteil der neuen Tschechoslowakischen Republik. Der dortige Zweigbetrieb wurde aus dem Radebeuler Handelsregister gelöscht. Ernst Ludwig Fischer schied als Mitinhaber des Unternehmens aus und wurde stattdessen alleiniger Inhaber der Kirchbach’schen Werke in Tetschen und Politz an der Elbe (heute Boletice nad Labem: Stadtteil Děčín XXXII).Zentralblatt für die Eintragungen in das Handelsregister in der Republik Österreich, Compass, Wien 1919, 18(43), S. 609.Adreßbuch für Dresden und Vororte, Band 1924/25, I. Teil, S. 182. Fischer wohnte jedoch privat bis zu seinem Tod bei dem Luftangriff auf Dresden am 14. Februar 1945 in Dresden im Haus Stephanienstraße 24.Stebeurkunde Blasewitz, Johannstadt, Striesen, Tolkewitz: Nummer C 738. (Tod am 14. Februar 1945 in Dresden, Silbermannstraße; gemeldet am 11. April 1945 durch die damals in Pillnitz wohnende Ehefrau Franziska Paula Dora geborene Wolf)
1919 heiratete Kurt Kirchbach seine erste Ehefrau, die 1892 im oberschlesischen Gleiwitz geborene Meta Marie Leonore Fischer, genannt Lore.Heiratsurkunde Dresden B Nummer 106/1919 Gegen Ende des Ersten Weltkriegs begannen die Zwillinge, neben gewebten Bremsbelägen auch gepresste zu fertigen. Außerdem wurde eine eigene Spinnerei und Weberei eingerichtet. Nach dem Tod seines Zwillingsbruders Ernst in der letzten Welle der Spanischen Grippe 1920 blieb Kurt Kirchbach der alleinige Inhaber des Unternehmens.
Entwicklung 1920 bis 1948 1921 zogen Kirchbachs in die Villa Kaiser-Friedrich-Allee 1b (heute Dr.-Schmincke-Allee 1b) in Radebeul.Adreßbuch für Dresden und Vororte, 1921, Teil VI Vororte (Radebeul), Seite 417. Anfang der 1920er Jahre wurden zahlreiche weitere Warenzeichen eingetragen, von denen Jurid bis heute noch existiert: 1920: Haematitan (Klasse 2)Deutscher Reichsanzeiger und Preußischer Staatsanzeiger, Warenzeichenbeilage Nr. 35B vom 4. Mai 1920, S. 43. (Haematitan Klasse 2; 245725; K 33779; Anmeldung 22. November 1919; Eintragung 19. April 1920) 1921: Kyren (Klasse 2)Deutscher Reichsanzeiger und Preußischer Staatsanzeiger, Warenzeichenbeilage Nr. 21A vom 15. März 1921, S. 43. (Kyren Klasse 2; 260778; K 34028; Anmeldung 2. Januar 1920; Eintragung 23. Februar 1921) 1921: Kyr (Klasse 2)Deutscher Reichsanzeiger und Preußischer Staatsanzeiger, Warenzeichenbeilage Nr. 21A vom 15. März 1921, S. 43. (Kyr Klasse 2; 260779; K 34029; Anmeldung 2. Januar 1920; Eintragung 23. Februar 1921) 1921: Ka-We-Co (Klasse 6)Deutscher Reichsanzeiger und Preußischer Staatsanzeiger, Warenzeichenbeilage Nr. 43B vom 13. Mai 1921, S. 43. (Ka-We-Co Klasse 6; 264474; K 34965; Anmeldung 21. Mai 1920; Eintragung 3. Mai 1921) 1921: Jurid (Klasse 6)Deutscher Reichsanzeiger und Preußischer Staatsanzeiger, Warenzeichenbeilage Nr. 59A vom 5. Juli 1921, S. 40. (Jurid Klasse 6; 267202; K 35344; Anmeldung 28. Juni 1920; Eintragung 15. Juni 1921) 1923: Ka-We (Klasse 6)Deutscher Reichsanzeiger und Preußischer Staatsanzeiger, Warenzeichenbeilage Nr. 45 vom 8. Juni 1923, S. 36. (Ka-We Klasse 6; 302348; K 34964; Anmeldung 21. Mai 1920; Eintragung 29. Mai 1923)
Der Eintritt des von dem Unternehmen Hansa kommenden Ingenieurs Hans Kattwinkel im Jahr 1923 sorgte für einen ganz erheblichen Aufschwung der Kirchbach’schen Werke. Das Unternehmen wurde 1936 von einer Kommanditgesellschaft in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, an der Kurt Kirchbach noch zu 45 % beteiligt war. Im Jahr 1937 verwendeten „90 Prozent der deutschen und österreichischen Automobil- und Motorradindustrie […] Jurid als Brems- und Kupplungsbelagmaterial serienmäßig“.