mini|Bildnis Heinz Sielmanns auf seinem Grabstein, gestaltet von Peter Mildner Heinz Sielmann (* 2. Juni 1917 in Rheydt; † 6. Oktober 2006 in München) war ein deutscher Tierfilmer, Kameramann, Fotograf, Buchautor, Produzent, Zoologe und Publizist.
Leben und Wirken 1923 zogen Sielmanns Eltern mit ihm nach Ostpreußen. Dort fand er Interesse an den Tierfilmen, die vor den Hauptfilmen im Kino liefen. Dies führte zu dem frühen Wunsch, Tierfilmer zu werden. Seine ersten Beobachtungen mit dem Feldstecher seines Vaters galten der Vogelwelt. Nachdem aufgrund seiner neuen Leidenschaft seine Schulnoten am Königsberger Königlichen Hufengymnasium absackten, wurden die Zeiten in der Natur mit dem Feldstecher von seinen Eltern stark eingeschränkt. In der Folgezeit verbesserten sich seine Schulnoten wieder, und er bekam als Anerkennung von seiner Mutter seinen ersten Fotoapparat geschenkt. Nach ersten Versuchen mit dem Fotoapparat drehte Sielmann bereits 1938 in Ostpreußen und dem damaligen vom Völkerbund abgetrennten und von Litauen besetzten Memelland seinen ersten Tierfilm Vögel über Haff und Wiesen (noch als Stummfilm), der ihm große Anerkennung in der Fachwelt und beim Publikum einbrachte. Assistiert wurde ihm hierbei von dem Kameramann und Freund Georg Schimanski, mit dem er zehn Jahre zusammenarbeitete.Heinz Sielmann: Mein Weg zu den Tieren. Wilhelm Heyne Verlag, München 1975, S. 45.
Ab 1939 war er in der Wehrmacht als Ausbilder an der Luftnachrichtenschule in Posen tätig. Der spätere Künstler und Bildhauer Joseph Beuys war sein Untergebener, zugleich entwickelte sich eine intensive Freundschaft. Sielmann studierte gleichzeitig Biologie und Zoologie an der Reichsuniversität Posen.Diese Episode wurde 2008 von Marcel Beyer in dessen Schlüsselroman „Kaltenburg“ (Suhrkamp Verlag) aufgegriffen und mit der bis heute ungeklärten Tätigkeit von Konrad Lorenz verwoben, der zur gleichen Zeit in Posen u. a. als psychiatrischer Gutachter tätig war. Nach Kreta verlegt, beendete er 1945 den Naturfilm seines verstorbenen Kollegen Horst Siewert. Die britische Armee nahm ihn gefangen und brachte ihn mit dem gedrehten Material nach England, wo er nach der Sichtung des Films für die BBC arbeiten durfte.Helmut Höge: Die Nilpferde und die Haselmaus, taz, 21. Juli 2012
Nach dem Krieg wurde er Kameramann für das Institut für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht in München und drehte international anerkannte Naturfilme. 1949 wurde sein erster Kinofilm Lied der Wildbahn uraufgeführt. Im Jahr 1952 entstand Sielmanns Kontakt mit Konrad Lorenz, dem eine enge Zusammenarbeit folgte. Für die Filme Quick, das Eichhörnchen (1952) und Zimmerleute des Waldes (1954) über Spechte erhielt er jeweils den Bundesfilmpreis. Für den letztgenannten Film bekam er in England den Spitznamen „Mr. Woodpecker“. Trotz seiner Reisen nahm er 1956 seine Universitätsstudien in München wieder auf mit dem Schwerpunkt Zoologie und Ornithologie.
Unter der Schirmherrschaft des ehemaligen belgischen Königs Leopold drehte Sielmann 1958 in Belgisch Kongo mit dem Zoologen Ernst SchäferErnst Klee: Deutsche Medizin im Dritten Reich. Karrieren vor und nach 1945. S. Fischer, Frankfurt am Main 2001, ISBN 3-10-039310-4, S. 141. einen der ersten Filme über Berggorillas: Les Seigneurs de la forêt (Herrscher des Urwaldes). 1962 folgte ein vielbeachteter Dokumentarfilm über die Galápagos-Inseln Galápagos – Landung in Eden. An dieser sehr langen Expedition nahm auch der Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeldt teil, der für einen Teil der damals sensationellen Unterwasseraufnahmen zuständig war. Sielmann erhielt für diesen Film auf der Berlinale 1962 einen Silbernen Bären.
1963 ging Sielmann auf Expedition in den Dschungel Papua-Neuguineas, um erste Filmaufnahmen der bis dahin noch nicht gezeigten Paradiesvögel und der scheuen Laubenvögel aufzunehmen. Der Film wurde 1965 unter dem Titel In die Bergdschungel Neuguineas veröffentlicht. Sielmanns Ehefrau Inge Sielmann (1930–2019, deutschlandfunkkultur.de, erschienen und abgerufen am 27. März 2019) begleitete ihn bei den Expeditionen in den Kongo und in die Savanne Afrikas. Auch für den amerikanischen Dokumentar-Film Die Hellstrom-Chronik (The Hellstrom Chronicle) (1971) machte Sielmann einige Aufnahmen. Der Film erhielt 1972 den Oscar als „Bester Dokumentarfilm“. Sielmanns Sohn Stephan kam 1978 im Alter von 24 Jahren bei einem Unfall während einer Expedition in Kenia ums Leben.Naturfreund und Visionär: Heinz Sielmanns Erbe lebt weiter In: Focus Online, 2. Juni 2017., npo-info.de, 19. November 2006
Von 1965 bis 1991 moderierte Sielmann im Fernsehen die überaus erfolgreiche Tiersendung Expeditionen ins Tierreich mit überwiegend eigenem Filmmaterial. Er war Herausgeber der Zeitschrift Sielmanns Tierwelt, die Anfang der 1980er Jahre mit Bernhard Grzimeks Magazin Das Tier fusionierte.
Seit 1988, als er den Film Tiere im Schatten der Grenze drehte, engagierte sich Sielmann dafür, den Todesstreifen der ehemaligen innerdeutschen Grenze zu Thüringen für den Naturschutz zu erhalten. Als Grünes Band Deutschland ist das Naturschutzprojekt inzwischen Teil des Grünen Bandes Europa.
1994, also erst mit 77 Jahren, erhielt Sielmann, der keinen Hochschulabschluss besaß und auch nicht akademisch publizierte, eine Honorarprofessur für Ökologie an der Fakultät für Biologie der Ludwig-Maximilians-Universität München.
mini|Zentrale der Heinz Sielmann Stiftung auf Gut Herbigshagen mit Logo und Leitspruch am Eingang
Aus dem Engagement am ehemaligen Grenzstreifen resultierte 1994 die Gründung der Heinz Sielmann Stiftung. Seit 1996 ist die Stiftung auf Gut Herbigshagen bei Duderstadt ansässig. Die Stiftung will durch Ankauf und Pflege von Biotopen Lebensräume für bedrohte Arten schaffen und erhalten.
Heinz Sielmann starb am 6. Oktober 2006 in München. Seine letzte Ruhestätte fand er auf dem Gelände der Heinz Sielmann Stiftung in der Franz-von-Assisi-Kapelle.
Inge Sielmann übernahm nach dem Tod Heinz Sielmanns den Vorsitz des Stiftungsrats der Heinz Sielmann Stiftung. Ab 2017 bis zu ihrem Tod am 25. März 2019 war sie Ehrenvorsitzende des Stiftungsrats.Inge Sielmann ist tot - doch die Stiftung soll weiterleben In: Göttinger Tageblatt, 26. März 2019; abgerufen am 16. Juni 2019.Trauer um die engagierte Naturschützerin Inge Sielmann In: hna.de, 26. März 2019. Neben dem unmittelbaren Naturschutz galt ihr Interesse der Natur- und Umweltbildung von Kindern und Jugendlichen. So gibt es unter anderem in Fuhrbach im Landkreis Göttingen einen „Inge Sielmann Kindergarten“, der Kindern das Aufwachsen mit der Natur vermitteln soll. Jugendorganisation der Heinz Sielmann Stiftung ist der Sielmanns Natur-Ranger Deutschland e. V.
Werke (Auszug) NDR-Reihe Expeditionen ins Tierreich Lied der Wildbahn, 1949 Wiesensommer, 1955 Herrscher des Urwalds (Les Seigneurs de la forêt), 1959 Galápagos – Landung in Eden, 1962 Grönland – Pforte zum ewigen Eis (Greenland and beyond), 1962 In der Savanne Ost-Afrikas, 1964 In die Bergdschungel Neuguineas, 1965 Lockende Wildnis – Durch die Wildbahnen von Nordamerika, 1974 Tiere im Schatten der Grenze, 1988 Lebenswerk von Heinz Sielmann nur bei Bertelsmann (Sammleredition), 2007 Was ist was (Band Nr. 72, Heimtiere, und Band Nr. 73, Spinnen) 30 weitere wissenschaftliche und praktische Bücher
Insgesamt entstanden vier Dokumentar-Kinofilme, mehr als 200 Fernsehfilme, 123 wissenschaftliche Lehrfilme, mehrere DVDs und zahlreiche Buchveröffentlichungen.
Auszeichnungen (Auswahl) 1953 – Deutscher Filmpreis: Filmband in Silber (Regie) für Quick – das Eichhörnchen 1954 – Filmband in Silber für Konzert am Tümpel (1952) 1955 – Filmband in Silber für Zimmerleute des Waldes 1956 – Filmband in Silber für Die Iltiskoppel 1957 – Erster Preis für den besten Farbfilm bei den Filmfestspielen in Cannes für Wiesensommer 1961 – Berlinale: Goldlorbeer-Trophäe für Herrscher des Urwalds 1962 – Berlinale: Silberner Bär für Galápagos – Trauminsel im Pazifik 1962 – Filmband in Gold für Galápagos – Trauminsel im Pazifik 1973 – Bambi 1976 – Goldener Bildschirm 1977 – Goldene Blume von Rheydt 1978 – Franz-von-Assisi-Medaille des Deutschen Tierschutzbundes 1983 – Bambi für den besten abendfüllenden Naturfilm 1986 – Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland 1988 – Kulturpreis der Landsmannschaft Ostpreußen für Wissenschaft 1990 – Bambi 1993 – Großes Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland 1997 – Großes Verdienstkreuz mit Stern des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland 2001 – Görlitzer Meridian Naturfilmpreis 2002 – München leuchtet, Kulturpreis der Stadt München 2004 – Verdienstkreuz 1. Klasse des Niedersächsischen Verdienstordens 2005 – Verdienstorden des Landes Brandenburg 2005 – Deutscher Umweltpreis für seine Lebensleistung 2006 – Steiger Award
Ausstellungen (Auswahl) Heinz Sielmann. Ein Leben für die Natur. Ostpreußisches Landesmuseum, Lüneburg, 9. Juni bis 21. Oktober 2001
Ehrungen Verschiedene Schulen tragen Sielmanns Namen, darunter die Sekundarschule der Stadt Oerlinghausen (seit 1997), die Realschule Duderstadt (seit 1998), die Staatliche Grundschule Haßleben (seit 2003), die Grundschule West in Neustadt an der Weinstraße (seit 2004) und die Crinitzer Grundschule (seit 2006).
Der 2001 an der Volkssternwarte Drebach (Erzgebirge) entdeckte Asteroid 2001 RO15 trägt seit dem 7. Februar 2012 die offizielle Bezeichnung (208351) Sielmann.
Zum 100. Geburtstag von Heinz Sielmann gab die Deutsche Post AG ein Postwertzeichen im Nennwert von 45 Eurocent heraus. Der Erstausgabetag war der 8. Juni 2017. Der Entwurf stammt vom Grafiker Thomas Mayfried aus München.
Am 2. Juni 2018 widmete ihm Google, zum Anlass seines 101. Geburtstages, ein Google Doodle.
Literatur
Weblinks
Heinz Sielmann Biographie vom NDR
Heinz Sielmann Stiftung
Einzelnachweise
Kategorie:Journalist (Deutschland) Kategorie:Dokumentarfilmer Kategorie:Tierfilm Kategorie:Fernsehmoderator (Deutschland) Kategorie:Naturschützer Kategorie:Umweltaktivist Kategorie:Hochschullehrer (Ludwig-Maximilians-Universität München) Kategorie:Autor Kategorie:Herausgeber Kategorie:Sachliteratur Kategorie:Literatur (20. Jahrhundert) Kategorie:Literatur (21. Jahrhundert) Kategorie:Literatur (Deutsch) Kategorie:Person (Heinz Sielmann Stiftung) Kategorie:Träger des Großen Bundesverdienstkreuzes mit Stern Kategorie:Träger des Verdienstordens des Landes Brandenburg Kategorie:Träger des Verdienstkreuzes des Niedersächsischen Verdienstordens (1. Klasse) Kategorie:Träger des Deutschen Filmpreises Kategorie:Träger des Deutschen Umweltpreises Kategorie:Person als Namensgeber für einen Asteroiden Kategorie:Träger des Kulturpreises der Landsmannschaft Ostpreußen Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1917 Kategorie:Gestorben 2006 Kategorie:Mann