Die Einrüstung des Mozartdenkmals in Salzburg war eine im September des „Mozartjahrs“ 1991 durchgeführte Kunstaktion in der Stadt Salzburg, bei der die Statue von Wolfgang Amadeus Mozart auf dem dortigen Mozartplatz mittels aufgetürmter Einkaufswägen verdeckt wurde. Das vom Bildhauer und Objektkünstler Anton Thuswaldner entworfene Projekt galt gemeinhin als Kritik an der Vermarktung der Person Mozarts in Salzburg und löste heftige Kontroversen aus. Aufgrund einer „Hetzkampagne“Salzburger Personenkomitee für das Recht auf freie, unbeeinflusste Meinungsbildung (s. Literatur). des Boulevard-Blatts Kronen Zeitung wurde die Aktion frühzeitig abgebrochen. Zudem gilt die Kampagne als Beispiel eines medial inszenierten Kulturkampfes.
Vorgeschichte mini|Das Mozartdenkmal in Salzburg im Jahr 1988 Im Jahr 1991 jährte sich der Todestag von Wolfgang A. Mozart zum 200sten Mal, was dazu Anlass gab, ein Mozartjahr zu feiern. Dazu gab es in Salzburg, dem Geburtsort des Komponisten, im Vorlauf auch öffentliche Ausschreibungen für Veranstaltungsprojekte.
Schon lang zuvor war in Salzburg verschiedentlich der „Mozartkult“ in der Stadt angeprangert worden und hatte es unter anderem in links-alternativen und künstlerischen Kreisen Kritik gegeben, dass die Person Mozarts zu einem wirtschaftlichen Werbeobjekt verkomme.So wurde in der ehemaligen alternativen Stadtzeitung Die ZEITUNG um 1979/1980 das Thema deutlich angesprochen. Beispiele für verkaufte Alltagsgegenstände mit an ihnen aufgebrachten Mozartbildern findet sich an mehreren Stellen im Aufsatz „In Salzburg ist ein schrecklicher ‚Krieg‘ gewesen – im Ernst – ich hab's in einer ‚Zeitung‘ gelesen!“ in: Bruck 1991 (s. Literatur).
Die SPOT Ges. m. b. H. In der ersten Hälfte der 1990er Jahre war in Salzburg die SPOT Ges. m. b. H. aktiv, eine im Eigentum der Stadt befindliche Veranstaltungsfirma, die unter Vizebürgermeister und Kulturstadtrat Herbert Fartacek (SPÖ) gegründet worden war. Diese entsprach nicht dem in Salzburg herrschenden konservativen „Kulturklima“, da sie unter anderem die kulturelle Szene in der Stadt mit etlichen Kulturveranstaltungen bereicherte, die nicht der in der Stadt dominierenden Hochkultur zuzurechnen waren. (Auch fungierte sie bis 1994 als Trägerin des Salzburger Literaturhauses, eine Einrichtung, die schon länger als ein Jahrzehnt lang gefordert worden war.) Kritik an SPOT gab es bald umso mehr, weil diese Veranstaltungen in Summe ein etlich höheres Budget in Anspruch nahmen, als für diesen Kultursektor bisher üblicherweise bereitgestellt worden war.
Der in Kaprun lebende Künstler Anton Thuswaldner wandte sich mit seinem Vorschlag zum Mozartjahr an Fartacek, der dessen Idee einer Einhausung des Mozartdenkmals aufgriff und ausführen ließ. Die Firma SPOT trat als die Veranstalterin der Aktion auf.
Die Kunstaktion Die Installation Die künstlerische Installation bestand weniger in einer „Verhüllung“, von der in der Presse auch wiederholt gesprochen wurde, sondern vielmehr in Form einer Einrüstung des Mozartdenkmals. Die auf einem Sockel stehende, überlebensgroße Bronzestatue wurde mit einem aus Stahlrohren gefertigten, pyramidenförmigen Gerüst umgeben, an dem entlang an die vierhundertDie exakte Anzahl ist unbekannt. In den Medien wurde mehrmals die gerade Zahl 400 genannt, auch wurde von „Hunderten“ gesprochen. herkömmliche fabriksneue Supermarkt-Einkaufswägen so aufgetürmt wurden, dass mehr oder weniger die gesamte Skulptur verdeckt wurde und nur noch der Kopf der Statue ungehindert zu erkennen war. Die Statue als ganze blieb aber in groben Zügen weiterhin sichtbar. Zudem blieb aus einer gewissen Entfernung die gesamte obere Hälfte der Statue ebenfalls frei einsichtig. „Seine (Thuswaldners) aus diesen Wagen erbaute Skulptur verlieh der von Taubenkot bekleckerten Statue einen weißgleißenden, pyramidalen Rahmen (…) und gab der schwarzgrünen Figur einen spannungsgeladenen Glanz.“Peter A. Bruck: Ordnungsfigur / Mozart / Krone. In: ders. (Hrsg.): Die Mozart Krone. Zur Empörung eines Boulevardblattes und der medialen Konstruktion eines Kulturkampfes. Österreichischer Kunst- und Kulturverlag, Wien, St. Johann im Pongau 1992, S. 10. Die Anordnung der chromblitzenden Wägen war in gewisser Weise unregelmäßig, sodass sich auch die nächtliche Straßenbeleuchtung in interessanten Lichtformen und -strukturen widerspiegelte.
Thuswaldner äußerte zudem, dass diese Installation für ihn in erster Linie eine „Hommage à Mozart“ darstelle, die zu Reflexionen über die „Übertreibung und Verzerrung der Person durch die Statue“ anregen soll.Zit. n. Lublasser: Denkmäler haben's mir angetan (s. Quellenangaben). Erst danach ginge es ihm darum, konkret die Vermarktung Mozarts zum Ausdruck zu bringen.
Künstlerischer Kontext Für Anton Thuswaldner waren Denkmäler seit seiner Kindheit ein Objekt des Interesses. Seine Ausbildung zum Bildhauer basierte ursprünglich auf dem Wunsch, selbst Denkmäler zu erschaffen.
Für den Künstler war die Aktion nicht die erste dieser Art. Er hatte schon im März 1989 die Beethoven-Statue in Bonn mit einem Gespinst aus 100.000 Meter Nylonschnüren umgeben, was gewissermaßen ein glitzerndes Zelt ergab. Außerdem waren dort zwei verchromte Baumstämme eingearbeitet gewesen. Thuswaldner zog auch weitere ähnliche Aktionen in anderen Städten Österreichs in Erwägung.
Rezeption und Kritik Die Kunstaktion wurde zwar vielfach gutgeheißen, im öffentlichen Diskurs überwog aber die negative Kritik, die unter verschiedenen Gesichtspunkten aufgekommen war.
Kritik an der Vermarktung der Person Mozarts: Störung eines Wirtschaftsfaktors Die in den Medien kundgetane erstrangige künstlerische Absicht Thuswaldners der Auseinandersetzung von Person und Skulptur auf einer abstrakteren Ebene wurde kaum wahrgenommen bzw. medial nur wenig aufgegriffen.Die betreffende Äußerung Thuswaldners ist im Redaktionsteil der Salzburger Nachrichten und in der Arbeiterzeitung zu finden. Die Assoziation der Einkaufswägen mit ‚Supermarkt‘ und ‚Konsum‘ bzw. ‚Verkauf‘ und ‚Ausverkauf‘ war so offensichtlich und dominant, dass allein dieser Zusammenhang diskutiert wurde.
Diesbezüglich zeigte sich umgehend die Salzburger Handelskammer als Vertreterin der örtlichen Kaufmannschaft empört und diskreditierte die Kunstaktion. (Ironisch begegnet wird dieser Kritik in der Ausgabe einer Wochensatire von Walter Müller im Salzburger Fernsehen.Der Autor verfasste zur Entstehung dieser Satireausgabe den ausführlichen Beitrag „In Salzburg ist ein schrecklicher ‚Krieg‘ gewesen – im Ernst – ich hab's in einer ‚Zeitung‘ gelesen!“ in A. Bruck (Hrsg.) 1991 (s. Literatur).)
Sowohl seitens der Handelskammer als auch insbesondere von der Kronen Zeitung wurde der Tourismus als Argument gegen die Aktion ins Treffen geführt. Touristen seien beim Anblick der Einhausung entsetzt, schockiert und dergleichen, die Aktion sei „fremdenverkehrs- und wirtschaftsschädigend“Hans Peter Hasenöhrl: Weg damit! (s. Quellenangaben)., was besonders in Salzburg, das mit Mozart erhebliche Einnahmen erwirtschaftet, als Provokation aufgefasst wurde.
Das symbolische Abhandenkommen Mozarts: Störung einer bürgerlichen Ordnung Die Einhausung mittels der Einkaufswägen wurde als äußerst störend empfunden, jedoch weniger als eine eigene Skulptur selbst, die man gemessen am architektonischen Ambiente des Platzes als unpassend hätte empfinden können. Vielmehr erregte sie Aufsehen in ihrer Funktion als „Verdeckerin“ der Person Mozarts. Ungeachtet der Tatsache, dass sowohl Teile der Mozartstatue weiterhin unbehindert zu sehen waren als auch die gesamte Statue in Umrissen weiterhin erkenntlich blieb, wurde durchwegs ein Vokabular verwendet, das ein komplettes Verschwinden der Statue respektive der Person Mozarts zum Ausdruck brachte: In der Presse wurde von „Verhüllung“, aber auch vom „Verschwindenlassen“ Mozarts gesprochen und formuliert, dass er „verschüttet“, „paniert“ oder „begraben“ wurde.
Das scheinbare Abhandenkommen der in Salzburg zum Kultobjekt erhobenen Person löste Verwirrung und Unsicherheit aus. Thuswaldner hatte mit dem Abdecken des Bildnisses von Mozart „den Nerv der Stadt getroffen“,Maier: Eine Entgleisung (s. Quellenangaben). der die Gemüter entzweite: Während die einen die Aktion befürworteten, Lob und Mut aussprachen, kam es auf der Gegenseite zu heftiger Kritik über den „Wagerl-Mozart“So der Ausdruck mehrmals in der Kronen Zeitung. bis hin zu wüsten und aggressiven Beschimpfungen von Künstler und dessen Arbeit.
Als besorgniserregend sah der Künstler selbst den Umstand, dass in den geäußerten Hassmeinungen von Passanten „eine nur seicht begrabene nationalsozialistische Prägung“ offenkundig wurde.Anton Thuswaldner: Die Mozart-Ordnung und der Hitler in uns. Notizen zur Errichtung einer Skulptur. In: Peter A. Bruck (Hrsg.): Die Mozart Krone. Zur Empörung eines Boulevardblattes und der medialen Konstruktion eines Kulturkampfes. Österreichischer Kunst- und Kulturverlag. Wien, St. Johann im Pongau 1991, S. 66. Mit der Aussage „Unterm Hitler hätt's das nicht gegeben!“Zit. n. Winkelbauer: Mozart entrümpelt (s. Quellenangaben). war Thuswaldner nicht nur in Salzburg, sondern in ähnlicher Weise schon zuvor in Bonn konfrontiert gewesen: „‚Hitler hätte mit diesem Österreicher abgerechnet‘ – das war (dort) der Grundtenor. Und es war eine schwache Minderheit, die sich davon distanzierte.“ Bereits rund zwanzig Jahre vor der Salzburger Aktion war eine im Freien installierte Ausstellung Thuswaldners in St. Johann im Pongau bereits in der ersten Nacht mutwillig und gewaltsam zerstört und die Objekte mit Hakenkreuzen beschmiert worden.
Erklärt wird diese Heftigkeit der Reaktionen damit, dass Thuswaldners Aktion eine festgefahrene bürgerliche Ordnung störe, die sich aus der „säkularisierten Heiligsprechung“Gert Kerschbaumer und Karl Müller: Mozart-Krieg einst und heute: Zum kulturkämpferischen Einsatz des Genius loci. In: Peter A. Bruck (Hrsg.): Die Mozart Krone. Zur Empörung eines Boulevardblattes und der medialen Konstruktion eines Kulturkampfes. Österreichischer Kunst- und Kulturverlag. Wien, St. Johann im Pongau 1991, S. 130. Mozarts im 19. Jahrhundert ergeben hatte. Bereits bei der Enthüllung des Mozartdenkmals 1842 war der Musiker „als Heiligen-Figur auf einen Ersatz-Altar“Gert Kerschbaumer und Karl Müller: Mozart-Krieg einst und heute: Zum kulturkämpferischen Einsatz des Genius loci. In: Peter A. Bruck (Hrsg.): Die Mozart Krone. Zur Empörung eines Boulevardblattes und der medialen Konstruktion eines Kulturkampfes. Österreichischer Kunst- und Kulturverlag. Wien, St. Johann im Pongau 1991, S. 142. gehoben worden:
Die Glorifizierung und „Heiligsprechung“ des Komponisten hatte sich in Salzburg schon früh zu einem Mozartkult verfestigt, der noch immer betrieben wurde.
Die Kampagne der Kronen Zeitung Frühzeitige Beendigung der Aktion Lautstark gegen die Aktion wetterte die Kronen Zeitung. Sie erhob unter anderem den Vorwurf, dass mit der Aktion Steuergelder verschwendet würden, wiewohl Thuswaldner und Fartacek beteuerten, dass weder der Künstler ein Honorar verlangt noch der Hersteller der Einkaufswägen dafür Geld erhalten habe. Fartacek habe Letzteren für die Sache ideell gewinnen können, zudem habe das Personal allein „für Gottes Lohn“ gearbeitet. („Dass A. Thuswaldner für seine Arbeit kein Honorar verlangte, ist wohl zwangsläufig, andernfalls hätte er ja auch ‚Mozartvermarktung‘ betrieben.“Karl Friedl: Leserbrief in den Salzburger Nachrichten, 18. September 1991, S. 18.)