mini|Niederschlagskarte Deutschlands 22. Dezember 2023 bis 4. Januar 2024 mit Auswahl betroffener Flüsse
Das Weihnachtshochwasser 2023/2024 war ein Hochwasser, das mit lokalen Schwerpunkten in Teilen Norddeutschlands, insbesondere Niedersachsens, sowie Sachsen-Anhalts, Thüringens und Nordrhein-Westfalens auftrat, jedoch auch einige andere Landesteile betraf. Etwa ab Weihnachten 2023 kam es infolge starker Regenfälle, die auf bereits gesättigte Böden trafen, teils zu großflächigen Überschwemmungen, die bis in den Januar 2024 anhielten. Mehrere Ortschaften mussten evakuiert werden, verschiedene Talsperren waren vollständig gefüllt und führten Wasser über ihre Hochwasserentlastungen ab.
Hintergrund mini|Entwicklung der Meeresoberflächentemperatur 1979–. Die Meeresoberflächentemperatur 2023 lag weit oberhalb der bisher gekannten Bandbreite.
Als Folge des menschengemachten Klimawandels werden Extremwetterereignisse weltweit häufiger und intensiver.Lee, H., Calvin, K., Dasgupta, D., Krinmer, G., Mukherji, A., Thorne, P., … & Zommers, Z. (2023). Synthesis report of the IPCC Sixth Assessment Report (AR6), Longer report. IPCC. Das Jahr 2023 war bereits in anderen Teilen der Welt von zahlreichen außergewöhnlichen Wetterereignissen geprägt, von denen sich viele mithilfe der Zuordnungsforschung auf den Klimawandel zurückführen ließen. Ungewöhnliche Überschwemmungen gab es in Europa etwa im Mai in Italien, im August in Österreich und Slowenien und im September in Griechenland. Im November und Dezember kam es in der Schweiz zu außergewöhnlichen Hochwassern. Modellrechnungen zeigen, dass die Wahrscheinlichkeit für Starkregen und Überschwemmungen durch den Klimawandel auch in Deutschland steigt und diese häufiger und intensiver vorkommen, Niederschläge die sich vom Sommer in den Winter verschieben und Niederschläge seltener in Form von Schnee, sondern von Regen auftreten. Eine wichtige Rolle spielen dabei die Meeresoberflächentemperaturen, die sich seit März 2023 beständig auf höherem Niveau als bisher gemessen bewegen. Aus diesen rekordwarmen Meeren verdunstet Wasser stärker, es bildet sich darüber daher wärmere Luft mit mehr absoluter Feuchte, also mehr Wasserdampfgehalt. Aus solcher Luft kann mehr flüssiges Wasser kondensieren und – auch über Land – abregnen. Dabei entsteht auch mehr Kondensationswärme, die über Thermik das Wettergeschehen antreibt.ZDF-Meteorologe zum Hochwasser: Terli: "Ab Montag geht's zur Sache". In: ZDF Heute, 29. Dezember 2023. Abgerufen am 31. Dezember 2023.
Bereits Anfang Dezember kam es zu extremen Niederschlägen; so wurde beim Wintereinbruch in Süddeutschland im Dezember 2023 in München die größte Schneemenge seit Beginn der Wetteraufzeichnung erreicht und in Niedersachsen fielen im Dezember etwa 45 Prozent mehr Regen. Der Klimaforscher Stefan Rahmstorf schrieb angesichts des Hochwassers am Heiligen Abend: „Extremniederschläge nehmen durch die Erderwärmung weltweit und auch bei uns zu. Davor warnen Klimaforscher seit über 30 Jahren; längst bestätigen das die Daten von Wetterstationen.“
Verlauf mini|Infografik zur Gesamtsituation in Westeuropa Stand 3. Januar 2024 mini|Situation Stand 5. Januar 2024 und Niederschlagsprognose
Angesichts anhaltender Regenfälle und dadurch bedingt gesättigter Böden war bereits vor Weihnachten 2023 die Hochwasserlage in zahlreichen Regionen Deutschlands angespannt. Kurz vor Weihnachten kam es in Teilen Deutschlands zu ergiebigem Dauerregen, der über mehrere Tage anhielt. Ursache war eine länger anhaltende Westwindlage infolge des starken Jetstreams, die zahlreiche Tiefdruckgebiete vom Nordatlantik nach Europa brachte. Vor und über Weihnachten kam es schließlich im Bereich einer Luftmassengrenze, an der feuchtwarme Subtropenluft auf kalte Luft über Deutschland traf, zu sehr starken Regenfällen.Warum es zurzeit viel regnet. In: Tagesschau.de, 29. Dezember 2023. Abgerufen am 29. Dezember 2023. Die Meteorologin und Klimatologin Daniela Jacob beurteilte das Ausmaß des Hochwassers Anfang Januar als „sehr ungewöhnlich“.Hochwasser wird mit dem Klimawandel immer häufiger. In: Stern, 4. Januar 2024. Abgerufen am 5. Januar 2024.
Am 22. Dezember wurde der Copernicus Emergency Management Service zur Satellitenbeobachtung eines prognostizierten Überschwemmungsgebiets in Niedersachsen aktiviert. Am 29. Dezember bat das Land Niedersachsen die Bundeswehr um Amtshilfe.Niedersachsen bittet wegen Hochwasser Bundeswehr um Hilfe. In: n-tv.de, 29. Dezember 2023. Abgerufen am 29. Dezember 2023. Am 30. Dezember aktivierte Deutschland den Europäischen Katastrophenschutzmechanismus und der Landkreis Mansfeld-Südharz rief den Katastrophenfall aus.Hochwasser: Oldenburg bereitet Evakuierungen vor – Landkreis in Sachsen-Anhalt ruft Katastrophenfall aus. In: RND Redaktionsnetzwerk Deutschland, 30. Dezember 2023. Abgerufen am 30. Dezember 2023. Am 1. Januar 2024 löste der Deutsche Wetterdienst für 49 Landkreise Unwetterwarnungen sowie Warnungen von markantem Wetter aus, da vom 2. bis 4. Januar mit ergiebigem Dauerregen mit Niederschlagsmengen von bis zu 90 l/m² zu rechnen war, wobei diesmal auch die Südhälfte Deutschlands betroffen war. Das Land Niedersachsen bekam nach Anforderung vom 2. Januar 2024 über die Europäische Kommission ein 1,2 Kilometer langes mobiles Deichsystem des Europäischen Katastrophenschutzmechanismus aus Frankreich geliefert, das in Winsen (Aller) zum Einsatz kam. Frankreich, das ebenfalls von Hochwasser betroffen war, forderte am 2. Januar über den Katastrophenschutzmechanismus sechs Hochleistungspumpen an. Am 3. Januar wurde für das Saarland eine Satellitenkartierung über Copernicus angefordert. Bis zum 4. Januar hatte Niedersachsen seine eigenen Sandsackbestände in Höhe von ca. 1,9 Mio. Stück fast komplett aufgebraucht und weitere Lieferungen von ca. 1,5 Mio. Sandsäcken aus anderen Bundesländern erhalten.Welche Regionen besonders betroffen sind. In: Tagesschau.de, 4. Januar 2024. Abgerufen am 4. Januar 2024.
Am 4. Januar kam es zu weiteren Hochwasserereignissen im Westen, Süden und der Mitte Deutschlands. Im Norden und Osten von Bayern stiegen Flüsse an, mehrere Pegel überstiegen die Meldestufe 3. Im Saarland kam es zu zahlreichen Feuerwehreinsätzen, auch in Hessen warnten Behörden vor steigenden Pegeln in Fulda (Fluss) und Lahn, ähnliches galt für große Flüsse wie Rhein, Main und Neckar.
Mit Stand 12. Januar lagen manche Pegel in Niedersachsen noch immer oberhalb der höchsten Meldestufe, aufgrund tendenziell fallender Pegel gaben Behörden aber erste vorsichtige Entwarnung. Erwartet wurde zu diesem Zeitpunkt, dass die Pegelstände weiter sinken und im Laufe der darauffolgenden Woche unter die Meldestufen fallen werden.Hochwasser: Pegelstände fallen in Niedersachsen bald unter Meldestufen. In: n-tv.de, 12. Januar 2024. Abgerufen am 12. Januar 2024. Der Landkreis Mansfeld-Südharz hob am gleichen Tag den Katastrophenfall nach 14 Tagen auf, da keine akute Gefahr mehr bestehe. Die eingesetzten Sandsäcke würden aber vorerst an Ort und Stelle bleiben.Katastrophenfall im Landkreis Mansfeld-Südharz aufgehoben. In: Volksstimme, 12. Januar 2024. Abgerufen am 12. Januar 2024.
Wegen des erneuten Ansteigens der Pegelstände in den Einzugsbereichen der Weser und der Aller infolge häufiger und intensiver Regenfälle wurde bis zum 13. Februar 2024 an einigen Pegeln der Weser Warnstufe 2 und an vielen Pegeln der Aller Warnstufe 3 ausgerufen.
Betroffene Gebiete Deutschland Betroffen vom Weihnachtshochwasser waren insbesondere Gebiete an der Elbe und ihren Nebenflüssen in Hamburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt sowie an der Weser und ihren Nebenflüssen in Bremen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen sowie in den Einzugsbereichen der Ems und der Hase in Niedersachsen und in Nordrhein-Westfalen.
Bayern mini|Hochwasser im Itzgrund im Landkreis Coburg, 28. Dezember 2023 In Bayern lag der Hochwasserschwerpunkt mit Stand vom 4. Januar 2024 an der Fränkischen Saale. In Wolfsmünster wurde die Meldestufe 4 überschritten, in Bad Kissingen lagen die Pegel knapp darunter. Weitere betroffene Regionen waren die Gegend um Coburg, Kronach, Lichtenfels, Kulmbach und Bayreuth, der Norden Unterfrankens sowie der Landkreis Cham im Bereich des Regens.Hochwassersituation bleibt kritisch. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4. Januar 2024. Abgerufen am 4. Januar 2024. In Unterfranken und Oberfranken wurden zahlreiche Straßen überflutet, Bäume fielen um. Nahe Rieneck waren Bahngleise nur noch einseitig befahrbar.
Bremen Bremen: In Teilen von Borgfeld, insbesondere Timmersloh, drohten Deichbrüche.
Niedersachsen mini|Mobiler Deich in Braunschweig nahe der Oker mini|Weser in Hameln: Hochwasserbedingte Sperrung an der Fischbecker Landstraße mini|Die über die Ufer getretene Ihme am Ihme-Zentrum in Hannover
In Niedersachsen waren die Pegelstände von Mittelweser und der Unterläufe von Aller, Leine und Oker besonders betroffen. Die Landkreise Celle, Hildesheim und Emsland riefen Ende 2023 die Meldestufe „außergewöhnliches Ereignis“ als Vorstufe des Katastrophenfalls aus. Später kamen die Landkreise Heidekreis, Oldenburg, Osterholz, Verden und die Stadt Oldenburg hinzu.Liveticker zum Hochwasser in Niedersachsen: Hubschrauber in Bereitschaft bei ndr.de vom 2. Januar 2024 Die Innerstetalsperre und die Okertalsperre sowie das Hochwasserrückhaltebecken Salzderhelden waren zeitweise vollständig gefüllt. Braunschweig: Ein etwa 500 Meter langer mobiler Deich wurde im Bereich der südlichen Innenstadt aufgebaut. Tiefgelegene Parks und Straßenzüge sowie einige Orte südlich Braunschweigs waren von der Oker teilweise überflutet.Hochwasser in Braunschweig. In: braunschweiger-zeitung.de. Am 12. Februar 2024 legte die Stadt Braunschweig der Öffentlichkeit als eine der ersten Gebietskörperschaften einen „Kurzbericht Weihnachtshochwasser 2023“ vor. Dieser enthielt Angaben über den Verlauf und die Einordnung des Hochwassers, den Ablauf des Einsatzes der Hochwasserschützer sowie Erkenntnisse aus dem Hochwasser. Celle: Die Aller und Fuhse übertraten an vielen Stellen in Celle die Ufer und überschwemmten diverse Straßen. Im Bereich des Osterdeichs wurde vom THW als Antwort auf ein internationales Hilfsgesuch des Landes Niedersachsen ein 1,5 km langer mobiler Deich eingesetzt. Region Hannover: Die Pegelstände der Flüsse Leine und Ihme erreichten im Stadtgebiet Hannovers Extremwerte, etwa an der Messstation Hannover-Herrenhausen, wo die dritte Meldestufe überschritten war. Durch das Hochwasser der Leine wurden mehrere Straßen gesperrt. Auch in anderen Teilen der Region Hannover kam es zu Straßensperrungen, etwa in Neustadt am Rübenberge und Seelze, sowie zu Stromausfällen in Teilen von Isernhagen. Durch die überflutete Leinemasch in Garbsen standen mehrere Straßen unter Wasser, das unmittelbar an Wohnhäuser heranreichte. Hatten: Das Hochwasser überschwemmte im Barneführer Holz 300 ha Wald. Für die Hochwasserbekämpfung mussten Hubschrauber der Bundespolizei eingesetzt werden. Teile des Waldes waren noch Ende Januar 2024 überschwemmt. Hodenhagen: Im Serengeti-Park waren weite Teile des Parkgeländes von der Meiße, einem Nebenarm der Aller, überflutet, sodass Tiere umgesiedelt werden mussten. Lilienthal: Nach einem Deichriss des Flusses Wörpe wurden Teile der Gemeinde Lilienthal bei Bremen evakuiert. Ab dem 1. Januar wurden große Teile des evakuierten Bereichs wieder freigegeben. Löningen-Evenkamp/Ehren: Ein Deich an der Hase brach und Wald- und Wiesenflächen wurden überschwemmt; mehrere Straßenbrücken über den Fluss wurden gesperrt.Georg Meyer: Deich gebrochen, Hase überflutet Felder und Wiesen. In: om-online.de, 26. Dezember 2023. Meppen: Einige Stadtteile wurden von der Ems überflutet und verschiedene Straßen überschwemmt. Einsatzkräfte errichteten einen mobilen Deich.Nadja Zinsmeister: Hochwasser im Emsland: Videos zeigen Ausmaß der Überschwemmungen. In: kreiszeitung.de, 31. Dezember 2023.