Sheila Maureen Bisilliat (* 16. Februar 1931 in Englefield Green, Surrey)Maureen Bisilliat. In: Encyclopédia Itaú Cultural de Arte e Cultura Brasileira. Itaú Cultural, São Paulo 2024, ISBN 978-85-7979-060-7 (portugiesisch, enciclopedia.itaucultural.org) ist eine in England geborene brasilianische Fotografin.
Leben und Werk Bisilliat ist eine Tochter der Malerin Sheila Brannigan (1914–1994)Sheila Brannigan. In: Encyclopédia Itaú Cultural de Arte e Cultura Brasileira. (portugiesisch, enciclopedia.itaucultural.org). und eines argentinischen Diplomaten. Durch den Beruf des Vaters bedingt lebten sie zeitweise in England, den USA, Dänemark, Kolumbien, Argentinien und der Schweiz. Mit ihrem ersten Ehemann, dem spanischen Fotografen José Antonio Carbonell, zog sie erstmals 1952 nach São Paulo, ohne jedoch zu bleiben, da ihr die Stadt "zu lethargisch" war.Bissiliat im Gespräch mit Alasdair Foster 2020 auf Talking Pictures (englisch) Sie hatte im Jahr zuvor begonnen zu malen und studierte schließlich 1953 bis 1954 Malerei bei André Lhote in Paris und 1954 bis 1956 an der Art Students League in New York mit Morris Kantor (* 1896).Erika Billeter: Bisilliat, Maureen. in: Jane Turner (Hrsg.): Encyclopedia of Latin American & Caribbean Art (= Grove Library of World Art.). MacMillan, London, ISBN 0-333-76466-8, S. 78 (englisch, ).Chronologie zu Bisilliat auf der Webseite des Instituto Moreira Salles (portugiesisch) Durch ihren Ehemann interessierte sie sich auch für Fotografie und hatte sich an einer Dokumentation japanischer Immigranten auf einer Baumwollplantage außerhalb São Paulos versucht. Ein Bild dieser Serie von etwa 1957 bezeichnet Bissiliat als ihr „'erstes Foto', welches die Art des Lichts, die Intimität und stillen Gesten vieler ihrer [späteren] Bilder wiedergibt“. Nach einem weiteren Aufenthalt 1959 in Venezuela (wo sie als Telefonistin arbeitete), ließ sie sich, bereits von Carbonell getrennt, schließlich 1961 endgültig in São Paulo nieder.Biografie Bisilliats auf der Webseite des Instituto Moreira Salles anlässlich ihrer Retrospektive 2017, hrsg. von Rachel Razende, 1. Juni 2017 (portugiesisch)
Fotojournalismus und Film Zwischen 1964 und 1972 arbeitete sie vertraglich als Fotojournalistin für den Verlag Editora Abril, für den "berühmt gewordene" Reportagen entstanden, wie die über den traditionellen Samba in Rio de Janeiro ("A Batucada dos Bambas") oder die Krabbensammlerinnen im Mangrovensumpf bei Livremonte in Pernambuco ("Caranguejeiras", 1968), die in Quatro Rodas, einem Automagazin des Verlags, und vor allem in Realidade erschienen, letzteres ein neues Bildmagazin im Stile des US-amerikanischen Life Magazine, das Abril von 1966 bis 1976 herausbrachte. Ihre erste Ausstellung hatte sie 1965 im Museu de Arte de São Paulo Assis Chateaubriand.
Künstlerisch konzentrierte sie sich seit den 1970ern auch auf Videoarbeiten, namentlich das dokumentarisch angelegte Xingu/Terra über ein Dorf der Mehinako im Oberen Xingu. Bissiliat reiste über Jahre immer wieder zu ihnen, deren indigene Kultur bis dahin kaum bekannt war. Für die Filmaufnahmen arbeitete sie mit dem Kameramann Lúcio Kodato zusammen. Das Projekt wurde erstmals 1975 auf der 13. Kunstbiennale São Paulo in einer Einzelschau präsentiert und auch in Buchform gleichzeitig in mehreren Sprachen (u. a. auch auf Deutsch) veröffentlicht. 1985 folgte O Turista Aprendiz, in dem sie eine literarisch verarbeitete Reise Mário de Andrades durch den Nordosten nachstellte und auf der 18. Biennale São Paulo zeigen konnte. Doch nahm sie auch weiterhin fotojournalistische Arbeiten an, die sie etwa nach China,China – O Império do Centro do Mundo. revista Quatro Rodas, 1982. Zitiert nach dem ausführlichen Bericht Bisilliats über die Reise im Blog des IMS: Perambular é um prodígio vom 5. November 2013 (portugiesisch) Afrika, den Libanon und nach Japan führten.
Die „fotografischen Äquivalenzen“ Mit Grande Sertão: Veredas von João Guimarães Rosa kam sie erstmals mit der brasilianischen Literatur des ruralen Nordostens in Berührung und war von der ganz eigenen Sprache beeindruckt, die als "hermetisch und schwierig" galt, sie aber gleich eine Vertrautheit mit dem Sertão spüren ließ. Jorge Amado, den sie 1960 kennengelernt hatte, schlug ihr vor, nach "fotografischen Äquivalenzen" (equivalências fotográficas) für Werke der brasilianischen Literatur zu suchen. Und Guimarães Rosa selbst war es, der ihr riet, seinem Werk an Ort und Stelle fotografisch nachzuspüren.Federico Mengozzi: Brasilidade. Conversa com Maureen Bisilliat. In: Nossa América, Revista Memorial da América Latina. Nr. 21, 2004. Zitiert nach Enciclopédia Itaú Cultural (portugiesisch). So wendete sie sich um 1962 allmählich von der Malerei ab und begann sich ganz der Fotografie zu widmen.
Mit A João Guimarães Rosa (1969;Die deutsche Ausgabe nennt 1965 als Erstveröffentlichungsdatum (S. 71 und 72), während in der Enciclopédia Itaú Cultural von 1966 die Rede ist. deutsch: Hinterland. 1987), das Rosas Hauptwerk Grande Sertão von 1956 zum Gegenstand hat, entstand die erste „fotografische Folge“So die Untertitel zu den deutschen Übersetzungen, siehe Veröffentlichungen. in Auseinandersetzung mit dem Werk jeweils eines bestimmten Autors, das anstelle herkömmlicher Bildlegenden, in pointierten Zitaten die Bilder begleitet. Text und Bild treten in Dialog zueinander und informieren sich gegenseitig, bereichern sich dennoch vor allem auf einer poetischen Ebene, die die Grenze zwischen Realität und Fiktion verwischt und die Bilder ebenso literarisch werden lässt.
Bis in die 1990er Jahre folgten „Äquivalenzen“ zu Werken von Carlos Drummond de Andrade, Euclides da Cunha, João Cabral de Melo Neto, Adélia Prado, Mário de Andrade und Jorge Amado (s. unten). War der Erstling noch in schwarzweiß fotografiert, verwendete sie später auch Farbdiapositive, wie etwa ihre Bilder zu da Cunhas Os Sertões. Die Fotos waren zwischen 1967 und 1972 auf mehreren Exkursionen durch Ceará, Alagoas und Bahia entstanden und ursprünglich für ein Buch zu dem Roman A Pedra do Reino von Ariano Suassuna gedacht. Ein geplantes Vorwort von ihm uferte allerdings in einen eigenständigen 200-seitigen Text aus, in dem Bisilliat die Protagonistin war, so dass sie ihre Hommage an Suassuna aufschob und sich zunächst auf da Cunha besann, dem ersten Text zur Neuausgabe von Sertões, Luz e Trevas auf der Seite des IMS
Im ersten Teil dieser "fotografischen Folge" nutzte sie erweiterte fotografische Mittel, in dem sie von Arbeitskopien ihrer Fotografien, teilweise schräg unter farbiges Licht gehalten, erneut Makroaufnahmen machte. Der intim-sinnliche Eindruck der Fotoabzüge als Objekte aus Papier stellt eine direkte, quasi haptische, Äquivalenz zur, auf Papier geschriebenen bzw. gedruckten, Literatur her. Die Fotografien der Fotografien mit ihren Kratzern, Schrammen und Fingerabdrücke wirken wie forensische Untersuchungen historischer Artefakte, während die Unschärfen, optischen Verzerrungen und irritierenden Reflexionen einen poetisch-visuellen Raum entstehen lassen, der so mysteriös wie konkret sinnlich wirkt. Der mittlere Teil zeigt Porträts in formal unterschiedlichster Weise, vom inszenierten ganzfigurigen Bild der Gauchos in kontrollierter Pose,Das Unbehagen und die Angst vor Kontrollverlust über das eigene Bild von Männern in konservativ-patriarchalen Milieus beschreibt Pierre Bourdieu: "So scheint in der strengen Beachtung des Frontalitätsprinzips und einer ganz und gar konventionellen Haltung die Kontrolle über die Objektivierung des eigenen Bildes gewährleistet zu sein." Bourdieu: Die gesellschaftliche Definition der Photographie. In: Pierre Bourdieu, Luc Boltanski, Robert Castel et al.: Eine illegitime Kunst. Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 1981, ISBN 3-434-00465-3, S. 94.Yara Schreiber Dines zitiert diesbezüglich ebenso Bourdieu: As mulheres caranguejeiras e o sertão de Guimarães Rosa pelas lentes de Maureen Bisilliat. in: Revista Zum vom 23. April 2018 die charakteristisch ganz in Leder gekleidet sind, zu Close-ups und szenischen Schnappschüssen der Frauen mit wie zufälligen, die Unmittelbarkeit der Fotos verstärkenden, Anschnitten. Die Bilder werden von warmen Haut- und Lehmtönen dominiert. Zuletzt folgen Nachtaufnahmen, die während einer religiösen Prozession entstanden. Diese Arbeit Bissiliats war die Erste, die auch auf Deutsch erschien (Sertões – Licht & Finsternis. 1984). Neben der Edition diá des brasilianischen Ethnologen und Fotografen Edgar Ricardo von Buettner in St. Gallen, der im Folgenden auch Bissiliats ersten Fotoband herausbrachte, kamen aus der Schweiz auch mit zwei großen Ausstellungen zur brasilianischen Fotografie 1981 und 1992 im Kunsthaus Zürich, in denen auch Bisilliat vertreten war, wesentliche Beiträge zur Rezeption brasilianischer Fotografie im deutschsprachigen Raum.
Sammlerin und Kuratorin von Volkskunst Zusammen mit ihrem zweiten Ehemann, dem Franzosen Jacques Bisilliat, und dem Architekten Antônio Marcos Silva gründete sie 1972 die Galerie O Bode, deren Programm die Volkskunst des Landes sein sollte und 20 Jahre lang repräsentierte. Bis Anfang der 1990er Jahre reiste sie in dieser Zeit dafür durch Brasilien, um Künstler und Kunsthandwerker zu finden, deren Arbeiten sie in die Sammlung der Galerie aufnahm und in Ausstellungen zeigte.
Schon 1988 wurden das Ehepaar und Antônio Marcos von dem Ethnologen Darcy Ribeiro eingeladen am Aufbau der Sammlung lateinamerikanischer Volkskunst der Stiftung des Memorial da América Latina in São Paulo mitzuwirken. Der Baukomplex von Oscar Niemeyer war gerade fertig geworden und sollte im darauf folgenden Jahr eröffnet werden. Sie reisten dafür durch Mexiko, Guatemala, Ecuador, Peru und Paraguay und akquirierten Werke für die ständige Sammlung des Museums und den "Pavillon der Kreativität", für den Bisilliat von 1989 bis 2010 auch als Kuratorin zuständig wurde.
Werkarchiv Im Dezember 2003 wurde Bisilliats gesamtes fotografisches Werk in die Fotosammlung des Instituto Moreira Salles aufgenommen. Es umfasst mehr als 16.000 Bilder, Abzüge, 35 mm und 6 cm × 6 cm-Schwarzweißnegative und Farbdiapositive.
Auszeichnungen und Stipendien 1970: Guggenheim-Stipendium 1981–1987: Stipendium des Nationalrats für wissenschaftliche und technologische Entwicklung 1984–1987: Forschungsstiftung São Paulo 1987: Japan Foundation 1987: Auszeichnung als beste Fotografin durch den Kunstkritikerverband von São Paulo 17. Juli 2009, Coleção Pirelli/MASP de Fotografia. 2010: Orden von Ipiranga der Landesregierung von São Paulo
Ausstellungen (Auswahl) 1965: Museu de Arte de São Paulo Assis Chateaubriand 1975: Xingu/Terra, 13. Biennale São Paulo 1979: Yaô-Iniciação de Filho de Santo, Xingu/Terra, Eröffnungsfilm beim Margaret Mead Filmfestival, American Museum of Natural History, New York 1985: O Turista Aprendiz, 18. Biennale São Paulo (Ausstellungskatalog, ) 1987: O Turista Aprendiz, Salon de la Photographie, Paris 1989: Teatro do Presídio, 20. Biennale São Paulo, Seção de Teatro 2010: Galeria Fiesp, São Paulo 2011: Museu Oscar Niemeyer, Curitiba, Brazil 2012: A João Guimarães Rosa, Brasilea Stiftung, BaselText zur Ausstellung auf der Webseite der Stiftung 2018/19: Fotografia e Literatura Nos Livros, Instituto Moreira Salles (IMS) Paulista, São Paulo 2019/20: Maureen Bisilliat: Escrever com a Imagem e Ver com a Palavra, IMS Rio, Rio de Janeiro 2020: Equivalências: Aprender Vivendo, große Retrospektive, IMS Paulista, São Paulo (Ausstellungskatalog und Film, s. unten) 2020/21: Agora ou Nunca – Devolução: Paisagens Audiovisuais, IMS Poços, Poços de Caldas, und IMS Paulista, São Paulo
Gruppenausstellungen 1971: Fotógrafos de São Paulo, Museu de Arte Contemporânea da Universidade de São Paulo 1981: Fotografie Lateinamerika von 1860 bis heute, Kunsthaus Zürich. (Ausstellungskatalog, s. unten) 1985: 1ª Quadrienal de Fotografia, Museu de Arte Moderna de São Paulo