Die Northwest-Highlands-Kontroverse war eine wissenschaftliche Auseinandersetzung um den geologischen Aufbau der Northwest Highlands in Schottland. Sie wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ausgetragen. Als ihr Ergebnis kann die Etablierung der Deckennatur der Moine Supergroup entlang der Moine Thrust angesehen werden.
Einführung mini|hochkant=1.6|Der Suilven von Glen Oykel
Die Auseinandersetzung begann unter Britischen Geologen in der Mitte des 19. Jahrhunderts und hatte als Gegenstand den geologischen Aufbau des Schichtpakets in den Northwest Highlands. Die Debatten wurden aufgrund der beteiligten Persönlichkeiten teils recht verbittert geführt – aber auch deswegen, weil sich Berufsgeologen des British Geological Surveys mit Akademikern und Amateurgeologen konfrontiert sahen. Um 1886 wurde erstmals eine Beilegung des Konflikts erzielt. Die Feldarbeiten gingen danach aber noch 20 Jahre weiter, bedingt durch die Entdeckung des Moine Thrust Belts – einem hochkomplexen und wissenschaftlich wichtigen Überschiebungsgürtel. Diese Forschungsarbeiten des Geological Surveys kulminierten im Jahr 1907 in einer Veröffentlichung von fundamentaler Bedeutung: Der geologische Aufbau der Northwest Highlands in Schottland (Englisch The Geological Structure of the North-West Highlands of Scotland).
Die verbitterte Debatte war ein entscheidender Faktor gewesen, dass als politische Reaktion im Jahr 1899 das Wharton Committee ins Leben gerufen wurde, um den vom Staat subventionierten British Geological Survey zu überprüfen. Der Bericht der Kommission beschleunigte wahrscheinlich den Rücktritt des Dienstleiters Archibald Geikie, der das neue geologische Paradigma nur sehr langsam aufnahm. Dennoch sollte ihm sein Rücktritt vom Survey nicht weiter schaden, denn er wurde später zum Präsidenten der Geological Society of London und auch der Royal Society und wurde außerdem mit dem Order of Merit ausgezeichnet.
Mittlerweile gilt es als erwiesen, dass die Northwest Highlands einst Teil des Iapetus waren, welcher durch die Kontinentalkollision von Laurentia und Baltica vor rund 400 Millionen Jahren am Ende des Silurs geschlossen wurde. Die Kaledonische Orogenese hatte zu einer intensiven Verfaltung und sehr starker Kompression der Gesteine geführt. An Überschiebungsbahnen waren ältere kilometerweit über jüngere Gesteine geglitten. Es entstanden Decken, in deren überkippten Antiklinalen die Gesteinsfolgen jetzt kopfüber lagen und teilweise sich durchaus auch verdoppeln konnten.
Hintergrund Die Geologie zur Mitte des 19. Jahrhunderts In den 1830ern begannen Geologen Gesteine mit Hilfe ihres Fossilinhalts zu datieren. Das Stratigraphische Prinzip, wonach jüngere Schichten Älteren aufliegen, war zu diesem Zeitpunkt bereits allgemein anerkannt. Dass nicht immer alle Lagen vorhanden sein müssen, konnte erosiver Einwirkung zugeschrieben werden. Im Jahr 1841 bemerkte jedoch Arnold Escher von der Linth, dass gelegentlich auch ältere Gesteine über Jüngeren lagen. Er erklärte sich dies mit großen horizontalen Gesteinsbewegungen und riesigen Verfaltungen. Dennoch wagte er es nicht, seine Überlegungen zu publizieren, da er sich nicht der Lächerlichkeit preisgeben wollte. Erst im Jahr 1878 wurden seine Einsichten dann posthum von seinem Schüler Albert Heim veröffentlicht. Deckenüberschiebungen von Liegendem über Hangendes mit beträchtlichen horizontalen Schubweiten waren jedoch bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht identifiziert worden.
Im Jahr 1831 unternahm Roderick Murchison eine Expedition nach Wales, wo er das Silur identifizieren konnte. Diese Entdeckung veranlasste ihn, die Stufe des Silurs sozusagen als ihm eigenes Spielfeld zu betrachten. Er kam folglich zu der Anschauung, dass silurische Gesteine auch in Teilen Englands und Südschottlands zugegen waren. Dies führte zu bitteren Auseinandersetzungen mit seinem Freund Adam Sedgwick, der die Gesteine zuvor als Kambrium eingestuft hatte – das dazwischenliegende Ordovizium war damals noch nicht etabliert. Murchison hatte das Silur anhand seines Fossilinhalts identifiziert, wohingegen frühere Geologen rein lithologische Charakteristika berücksichtigt hatten. Bedingt durch seine Erhebung in den Adelsstand im Jahr 1846 bekamen Murchison's Überzeugungen noch zusätzliches Gewicht. Als er im Jahr 1855 zum Leiter des British Geological Survey ernannt wurde, entschied sich Murchison seine Forschungen auf die wenig bekannten und umso weniger verstandenen Northwest Highlands in Schottland auszuweiten.
Die Northwest Highlands in Schottland mini|hochkant=1.6|Gneis des Lewisians in Assynt
Die Northwest Highlands waren – und sind auch heute noch – abgelegen und schwierig zu erreichen. In einem 200 Kilometer langen und 15 bis 25 Kilometer breiten Streifen entlang der Nordwestküste befindet sich ein abweisendes Gelände mit vereinzelten Bergen, die sich über vegetationsloses Tiefland erheben – mit entblößten Felskuppen inmitten von kleinen Seen und Moorland. Dieses geologische Gebiet beginnt an der Halbinsel Sleat im Südosten von Skye und erstreckt sich dann nordnordostwärts über Kyle of Lochalsh, Ullapool und Assynt bis hoch zum Cape Wrath und zum Loch Eriboll.
mini|hochkant=1.6|Quarzit im Gipfelbereich über Sandstein am Beinn Eighe
Für den Geologen bietet Assynt mit die besten Gesteinsformationen und gleichzeitig schönsten Landschaften. Die höckrige Tiefebene im Westen besteht aus harten metamorphen Gesteinen – dem Gneis des Lewisians, der ältesten Gesteinsformation in Großbritannien. Über diesem Grundgebirge erscheinen nur relativ wenig beanspruchte Sandsteine, Quarzite und auch noch die Kalkformation des Durness Limestones. Der Sandstein ist fossilleer und der für ebenfalls fossilleer gehaltene Quarzit enthält Skolithos – den so genannten Pipe Rock. Die im Kalk enthaltenen Fossilien konnten damals noch nicht eindeutig bestimmt werden. Vom Küstenstreifen weiter nach Osten folgen dann die sehr stark metamorphosierten Gesteine der Moine Supergroup, die stellenweise auf nicht-metamorphen Schichten zu liegen kommen.
Für die Geologen des 19. Jahrhunderts stellte dieser Sachverhalt ein großes Rätsel dar, denn jüngere Gesteine überlagern normalerweise immer ältere Formationen. Daher wurde erwartet, dass nicht-metamorphe Gesteinsverbände metamorphen Gesteinen aufliegen. Außerdem stellte sich die Frage nach dem Alter der betroffenen Gesteine und nach dem Grund ihrer Verkehrtlagerung. Warum fanden sich untere und obere Quarzitlagen sowohl über als auch unter den Grundgebirgsgneisen ?
Murchison und Nicol in den Northwest Highlands mini|hochkant=1.6|Roderick Murchison im Jahr 1857
Bereits 1827 hatte Murchison eine erste oberflächliche Bestandsaufnahme des Gebiets vom Meer aus unternommen. Als er im Jahr 1855 Nachricht von Fossilfunden im Durness Limestone erhielt, besuchte er zusammen mit James Nicol, Geologieprofessor an der University of Aberdeen, erneut die Region. Die Fossilfunde wurden dem Devon zugeschrieben und waren deutlich jünger als der unterlagernde Sandstein. Hieraus erwuchs ein Problem, denn der Sandstein, der später dem Torridonian zugeordnet werden konnte, wurde als Äquivalent des Old Red Sandstones angesehen, welcher ohne Frage devonische Fossilien enthielt. Wegen der schlechten Witterungsbedingungen konnten sie aber keine gründlichen geologischen Untersuchungen durchführen. Murchison kam aber dennoch zu der Überzeugung, dass die aufgeschlossene Schichtenabfolge von West nach Ost jünger wurde. Ferner resümierte er, dass sie ein Musterbeispiel für das generelle Säulenprofil in Großbritannien darstelle. Er dachte, dass die Schichten nach Osten einfallen mussten und dass daher die Schichten im Osten jünger waren als die im Westen. Außerdem mutmaßte er, dass die Schiefer und Gneise im Nordwesten Schottlands ehemalige silurische Sedimente darstellten, welche auf einem Grundgebirge lagen.
mini|hochkant=1.6|James Nicol
James Nicol war anderer Ansicht. Nach einem unabhängigen Besuch im Jahr 1856 behauptete er, dass eine bedeutende Verwerfung in etwa parallel zur Nordwestküste verlief und dass die scheinbar jüngeren Gesteine in Wirklichkeit wesentlich älter waren und im Vergleich zu den Gesteinen im Westen nach oben herausgedrückt worden waren. Verkompliziert wurde die ganze Angelegenheit durch die Quarzite. Murchison meinte, dass zwei Quarzitlagen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher stratigraphischer Position vorhanden waren, wohingegen Nicol nur eine einzige Quarzitlage vermutete, welche an der Störung vertikal versetzt war (und sich daher verdoppelte). Gemeinsam war beiden Geologen, dass sie über die Schwierigkeit der starken Verfaltung des Quarzits einfach hinweggingen, welcher sich an einigen Stellen sogar überfaltete.
Murchison machte im Jahr 1859 einen weiteren Besuch in den Northwest Highlands. Diesmal wurde er von Andrew Ramsay, dem stellvertretenden Direktor des British Geological Surveys, begleitet. Danach sprach Murchison auf einer Tagung in Aberdeen und erklärte die in seiner Sichtweise relativ einfache Struktur der nordschottischen Geologie. Sein damaliger Vortrag wurde von der Zuhörerschaft, von der Times und von der schottischen Presse als Triumph gefeiert. Der Geologe John Phillips kommentierte die Wertschätzung, die Murchison als Meister des Silurs entgegengebracht wurde. Nicol war auf der Tagung in puncto Geologie mit organisatorischen Aufgaben beschäftigt gewesen. Verglichen mit Murchison erhielt dann seine eigene Arbeit auf der Tagung nur wenig an Rückhalt und wurde auch in der Presse praktisch nicht erwähnt.
Murchison bringt Geikie ins Spiel Nicol kehrte im Jahr 1860 in die Northwest Highlands zurück, um weitere Untersuchungen anzustellen. Nachdem Murchison davon gehört hatte, unternahm auch er eine weitere Reise und nahm hierzu Archibald Geikie mit – einen sehr ambitionierten, jüngeren Mitarbeiter des British Geological Surveys (BGS). Hierbei bestätigte Murchison noch einmal seine bereits gewonnenen Überzeugungen. Bei dieser Gelegenheit wurde Geikie, der sich bei Murchison gut stellen wollte, ein wichtiger Verfechter der Ansichten Murchisons. In seiner posthum erschienenen Biographie über Murchison bemerkte Geikie jedoch, dass Murchison an seiner Leitidee festhielt, von der ihm auch nicht der geringste widersprüchliche Einwand abbringen konnte.
Nicol stellte noch im Dezember desselben Jahres seine neuesten Untersuchungsergebnisse der Geological Society of London vor. Hierin widerlegte er die Ergebnisse Murchisons und wies die Anwesenheit silurischer Sedimente zurück. Vielmehr waren seiner Ansicht nach magmatische Gesteine entlang einer Störungszone aufgeschlossen, welche von Durness bis Skye reichte. Die Ursache der verwirrend erscheinenden Schichtenabfolge sah er in Verwerfungen. Vehement wies er die Ansicht Murchisons zurück, dass metamorphe Gesteine ohne Diskordanz (d. h. ohne eine zwischengeschaltete Erosionsperiode) über praktisch unveränderten Sedimenten zu liegen kamen. Es gab keinerlei Beweis für ein silurisches Alter der Northwest Highlands. Murchison war außer sich und schrieb an seinen Schützling Archibald Geikie: Wir haben hier einen Kampf, in dem unser Ruf und unsere Glaubwürdigkeit auf dem Spiel stehen. Im Februar 1861 sandten er und Geikie ihre Arbeit an die Geological Society, die zusammen mit der Arbeit Nicols im selben Band des Quarterly Journal of the Geological Society veröffentlicht wurde.
mini|hochkant|Murchisons geologische Karte Schottlands von 1861, neu erschienen im Jahr 1865