Abū ʿĪsā Muhammad ibn Hārūn al-Warrāq ( gest. wahrscheinlich 861/862) war ein Kalām-Gelehrter, der um die Mitte des neunten Jahrhunderts in Bagdad tätig war. Er war mit seinen Schriften zu den verschiedenen in seiner Zeit bekannten Religionen und Glaubensrichtungen eine wichtige Quelle für die Islamische Doxographie. Der arabische Philosoph Abū Haiyān at-Tauhīdī (gest. 1023) lobte ihn als „einen der gescheitesten Kalām-Gelehrten“ (min ḥuḏḏāq al-mutakallimīn).Abū Ḥaiyān at-Tauḥīdī: al-Imtāʿ wa-l-muʾānasa. Ed. Aḥmad Amīn, Aḥmad az-Zain. 3 Bände. Dār Maktabat al-ḥayāh, Beirut ohne Datum. Bd. III, S. 192. Die Informationen in den Quellen zu al-Warrāqs eigener religiöser Orientierung sind widersprüchlich. In der modernen Forschung sind die Ansichten dazu geteilt. Während Carsten Colpe annahm, dass al-Warrāq dem Manichäismus zuneigte, war Josef van Ess davon überzeugt, dass er ein Schiit war.
Leben Es gibt nur wenig gesicherte Informationen über Abū ʿĪsā al-Warrāqs Leben. Nach al-Masʿūdī war er in Bagdad tätig.Al-Masʿūdī: Murūǧ aḏ-ḏahab wa-maʿādin al-ǧauhar. 1873, Bd. VII, S. 236. Seinem Laqab al-Warrāq ist zu entnehmen, dass er Buchhändler oder Kopist oder beides war.Ess: Der Eine und das Andere: Beobachtungen an islamischen häresiographischen Texten. 2010, S. 168. Fest steht jedoch, dass er der Lehrer von Ibn ar-Rāwandī war.Ibn an-Nadīm: al-Fihrist. 1988, S. 216. Abū l-Husain al-Chaiyāt nennt ihn in seinem Kitāb al-Intiṣār nicht nur den Lehrer, sondern auch den Bruder und Vorgänger Ibn ar-RāwandīsThomas: Anti-Christian polemic in early Islam. 1992, S. 9. und erwähnt, dass es Abū ʿĪsā al-Warrāq gewesen sei, der diesen „von der Ehre des Iʿtizāl in die Schmach des Ilhād und des Unglaubens“ hinausgeführt habe.al-Ḫaiyāṭ: Kitāb al-Intiṣār. 1957, S. 111, Zeile 24 (arabischer Text).
Hinsichtlich Abū ʿĪsās Ende führt Ibn al-Dschauzī einen Abū ʿAlī al-Dschubbā'ī zugeschriebenen Bericht an, wonach die Behörden Ibn ar-Rāwandī und Abū ʿĪsā zu verhaften versuchten. Während ersterer entkam, steckten sie Abū ʿĪsā ins Gefängnis, wo er starb.Ibn al-Ǧauzī: Al-Muntaẓam fī taʾrīḫ al-mulūk wa-l-umam. Ed. Muḥammad und Muṣṭafā ʿAbd al-Qādir ʿAṭā. Dār al-kutub al-ʿilmīya, Beirut 1992. Bd. XIII, S. 112. Digitalisat Al-Masʿūdī datiert den Tod von Abū ʿĪsā auf das Jahr 247 der Hidschra (= 861/862 n. Chr.) und gibt an, dass er in ar-Ramla, einem Ort im westlichen Teil von Bagdad, starb. Hier befand sich im 9. Jahrhundert das Hauptgefängnis der Stadt.Thomas: Anti-Christian polemic in early Islam. 1992, S. 15. Ein Bericht bei al-Aschʿarī, wonach Abū ʿĪsā al-Warrāq mit einem Gefährten von Hischām ibn al-Hakam (gest. 795 oder später) gesprochen hat,al-Ašʿarī: Kitāb Maqālāt al-islāmīyīn wa-ḫtilāf al-muṣallīn. 1929–1933, S. 33, Zeile 11f. deutet ebenfalls auf ein Floruit zu Beginn des 9. Jahrhunderts hin.David Thomas: Abū ʿĪsā l-Warrāq. In: Encyclopaedia of Islam THREE, Edited by: Kate Fleet, Gudrun Krämer, Denis Matringe, John Nawas, Devin J. Stewart. Veröffentlicht 2008, .
Werke Fast alle der zwanzig Werke Abū ʿĪsās, von denen Titel überliefert sind, sind heute verschollen. Sie scheinen aber im 10. Jahrhundert sehr populär gewesen zu sein. ʿAbd al-Dschabbār ibn Ahmad (gest. 1025) schreibt über sie: „Wie du siehst, sind sie heute so weit verbreitet, dass sie den Osten und Westen der Erde erreicht haben. Der Feind veröffentlicht sie, um mit ihnen (sc. gegen den Islam) zu argumentieren, und die Muslime veröffentlichen sie, um sie zu widerlegen und auf sie zu antworten.“ʿAbd al-Ǧabbār ibn Aḥmad: Taṯbīt dalāʾil an-nubūwa. 1966, S. 374, Zeile 11–13. Es folgt ein Überblick über die wichtigsten Werke:
Doxographische Werke Das Kitāb Maqālāt an-nās wa-ḫtilāfihimSo der Titel, den Abū ʿĪsā al-Warrāq selbst in Radd an-Naṣārā selbst für dieses Werk verwendet, siehe Thomas: Anti-Christian polemic in early Islam. 1992, S. 23. („Das Buch über die Lehren der Menschen und ihre Unterschiede“) ist ein auf Objektivität angelegtes doxographisches Werk über die wichtigsten religiösen Lehren der Menschen und ihre Unterschiede.Ess: Der Eine und das Andere: Beobachtungen an islamischen häresiographischen Texten. 2010, S. 170. Es war eine wichtige Quelle für die späteren doxographischen und häresiographischen Werke von al-Hasan ibn Mūsā an-Naubachtī (gest. 922), Abū l-Hasan al-Aschʿarī (gest. 935), ʿAbd al-Qāhir al-Baghdādī (gest. 1037) und asch-Schahrastānī (gest. 1153). Auch al-Masʿūdī (gest. 956), Bīrūnī (gest. 1028) und asch-Scharīf al-Murtadā (gest. 1044) schöpften daraus. Die Themen, zu denen es zitiert wird, sind die dualistischen Weltanschauungen (Manichäismus und Markioniten), die religiösen Anschauungen der vorislamischen Araber, die jüdischen Sekten, die Sumanīya, also der Buddhismus, die schiitischen LehrenEss: Theologie und Gesellschaft im 2. und 3. Jahrhundert Hidschra. 1995, Bd. VI, S. 430f. und die Lehren der frühen Muʿtaziliten Wāsil ibn ʿAtā' und ʿAmr ibn ʿUbaid.Watt: “Abū ʿĪsā al-Warrāq”. 1983, S. 325. Er beschrieb darin aber auch die verschiedenen christlichen Gruppen mit ihren dogmatischen Unterschieden und den Begründungen ihrer Lehrauffassungen.Thomas: Early Muslim polemic against Christianity. Abū ʿĪsā al-Warrāq’s “Against the Incarnation”. 2002, S. 68. Eine ausführliche Passage, die sich mit den Lehren der Dahriten befasst, wird im Kitāb al-Muʿtamad fī uṣūl al-dīn von Ibn al-Malāhimī (gest. 1141) zitiert.Vgl. dazu Martin J. McDermott: “Abū ʿĪsā al-Warrāq on the Dahriyya” in Mélanges de l’Université Saint-Joseph 50 (1984) 385–402. Al-Warrāqs Sympathien gelten in dem Werk jedoch vor allem den Lehren des Manichäismus, die er seinem muslimischen Publikum nahebringen wollte. Carsten Colpe ist aufgrund des Studiums der erhaltenen Zitate zu der Auffassung gelangt, dass sich hier ein Muslim „das manichäische System adaptiert“ habe, „indem er es entmythologisierte und seine rationale, der Welterklärung dienende Komponente soweit wie möglich herausarbeitete.“Colpe: „Anpassung des Manichäismus an den Islam (Abū ʿĪsā al-Warrāq)“. 1959, S. 91. Kitāb al-Maǧālis, ein Auszug dieses Werks, der den Bericht über eine Debatte zwischen Hischām ibn al-Hakam und ʿAmr ibn ʿUbaid enthält, wird von al-Masʿūdī zitiert.Al-Masʿūdī: Murūǧ aḏ-ḏahab wa-maʿādin al-ǧauhar. 1873, Bd. VII, S. 234–236. Das Werk hat möglicherweise eine Reihe von Dialogen enthalten, bei denen Repräsentanten unterschiedlicher Religionen ihre Sichtweisen vortrugen.Thomas: Anti-Christian polemic in early Islam. 1992, S. 23.
Widerlegungen nicht-islamischer Religionen Radd an-Naṣārā („Widerlegung der Christen“). Von diesem Buch gab es drei Versionen, eine lange, eine mittellange und eine kurze. Eine davon, wahrscheinlich die Langversion, wird in dem als Widerlegung angelegten Werk Tabyīn ġalaṭ Muḥammad ibn Hārūn al-maʿrūf bi-Abī ʿĪsā al-Warrāq des christlichen Philosophen Yahyā ibn ʿAdī (gest. 974) abschnittsweise wörtlich zitiert.Ess: Theologie und Gesellschaft im 2. und 3. Jahrhundert Hidschra. 1995, Bd. VI, S. 431. Damit ist es Abū ʿĪsās einziges Werk, das in mehr als fragmentarischer Form überliefert ist. Da al-Warrāq darin sein Kitāb al-Maqālāt erwähnt,Thomas: Anti-Christian polemic in early Islam. 1992, S. 70. hat er es wahrscheinlich danach verfasst. Die beiden Hauptteile über die Trinität und die Inkarnation wurden von David Thomas in seinen Büchern Anti-Christian polemic in early Islam. Abū ʿĪsā al-Warrāq’s “Against the Trinity” (Cambridge 1992) und Early Muslim polemic against Christianity: Abū ʿĪsā al-Warrāq's „Against the Incarnation“ (Cambridge 2002) ediert und übersetzt. Abū ʿĪsā setzte sich in diesem Werk in getrennten Kapiteln mit den Lehren der Monophysiten, Nestorianer und Melkiten auseinander.Ess: Der Eine und das Andere. 2011, S. 171. Das Buch beeinflusste die späteren muslimischen Gelehrten al-Bāqillānī (gest. 1013) und ʿAbd al-Dschabbār ibn Ahmad (gest. 1025), die teilweise ihr Wissen über das Christentum aus ihm bezogen und einige seiner Gegenargumente übernahmen.Siehe Thomas: Early Muslim polemic against Christianity. 2002, S. 77. Radd ʿalā l-Maǧūs („Widerlegung der Zoroastrier“) Iqtiṣāṣ maḏāhib aṣḥāb al-ithnain wa-r-radd ʿalaihim („Genaue Darstellung der Lehrrichtungen der Dualisten und ihre Widerlegung“). Radd ʿalā l-Yahūd („Widerlegung der Juden“).
Islamkritische Werke al-Ġarīb al-mašriqī („Der östliche Fremde“). Zitate daraus sind in Abū Haiyān at-Tauhīdīs al-Imtāʿ wa-l-muʾānasa erhalten.Watt: “Abū ʿĪsā al-Warrāq”. 1983, S. 325f. Hier versuchte al-Warrāq die islamische Lehre mit logischen Schlussfolgerungen ad absurdum zu führen. So stellte er zum Beispiel die Überlegung an, dass derjenige, der etwas befehle, von dem er wisse, dass derjenige, dem es befohlen wird, es nicht ausführen werde, töricht sei. Da Gott von den Ungläubigen gewusst habe, dass sie den Glauben nicht annehmen würden, gebe es in der göttlichen Weisheit keinen Grund, ihnen die Annahme des Glaubens zu befehlen. In ähnlicher Weise argumentierte er hinsichtlich der göttlichen Bestrafung der Menschen im Jenseits: Jemand, der strafe, ohne damit den Bestraften oder jemanden anders zu verbessern oder seinen Zorn zu lindern, sei ungerecht, weil er seine Strafe am falschen Platz ausgeübt habe. Da Gott mit seiner Strafe weder die Höllenbewohner noch jemanden anders verbessere noch seinen Zorn lindere, gebe es in der göttlichen Weisheit keinen Grund für diese Strafe. Nach Ibn an-Nadīm verfasste al-Hasan ibn Mūsā an-Naubachtī eine Widerlegung (naqḍ) gegen dieses Werk.Ibn an-Nadīm: al-Fihrist. 1988, S. 226, Zeile 1. an-Nauḥ ʿalā l-bahāʾim („Die Beweinung der Tiere“). Es handelt sich um eine Schmähschrift gegen die islamischen Opferpraktiken und bezog sich wahrscheinlich auf die betreffenden Praktiken beim Islamischen Opferfest.Thomas: Early Muslim polemic against Christianity. Abū ʿĪsā al-Warrāq’s “Against the Incarnation”. 2002, S. 35, 286. Asch-Scharīf al-Murtadā (gest. 1044) meint, dass die beiden Bücher nichts mit al-Warrāq zu tun hätten, sondern von einem dualistischen Autor stammten, der sie in seinem Namen verfasst habe.aš-Šarīf al-Murtaḍā: aš-Šāfī fī l-imāma. 1986–1987. Bd. I, S. 89f. Die Abfassung islamkritischer Werke durch Abū ʿĪsā al-Warrāq wird aber auch durch ʿAbd al-Dschabbār ibn Ahmad (gest. 1024) bezeugt, der konstatierte, dass er „Bücher zur Verleumdung des Gottesgesandten“ verfasste.ʿAbd al-Ǧabbār ibn Aḥmad: Taṯbīt dalāʾil an-nubūwa. 1966, S. 371, Zeile 9f. ʿAbd al-Dschabbār warf ihm auch vor, zusammen mit Ibn ar-Rāwandī gezielt Zweifel an Mohammeds Prophetentum gesät zu haben.ʿAbd al-Ǧabbār ibn Aḥmad: Taṯbīt dalāʾil an-nubūwa. 1966, S. 407. Das passt dazu, dass al-Māturīdī (gest. 941) in seinem Kitāb at-Tauḥīd zahlreiche islamkritische Aussagen al-Warrāqs zitiert. In einer von ihnen bemängelt al-Warrāq, dass der Koran inkonsistent sei, wenn er an einer Stelle diejenigen, die an der Religion zweifeln, ermahne, die „Leute der Mahnung“ zu fragen, während er ihnen an anderen Stellen vorwerfe, die Wahrheit zu verheimlichen. In einer anderen fragt er spöttisch, warum, wenn der Gottesgesandte erklärt habe, dass die Engel bei Sieg von Badr dabei gewesen seien, diese bei der Niederlage von Uhud nicht anwesend waren.Abū Manṣūr al-Māturīdī: Kitāb at-Tauḥīd. Ed. Fatḥallāh Ḫulaif. Dār al-Mašriq, Beirut 1970. S. 199. Digitalisat
Werke zu Aspekten der schiitischen Lehre Iḫtilāf aš-šīʿa („Die Meinungsverschiedenheit der Schia“). Darin benutzte er das Kitāb al-Iḫtilāf fī l-imāma von Hischām ibn al-Hakam.Ess: Der Eine und das Andere. S. 169. Kitāb al-Imāma, Buch über das Imamat, von dem es eine Lang- und eine Kurzversion gab. Kitāb as-Saqīfa. Das Buch, das 200 Seiten lang war, enthielt rationale Argumente dafür, dass ʿAlī ibn Abī Tālib durch explizite Designation (naṣṣ ǧalī) zum Nachfolger des Propheten bestimmt worden war, und wendet sich gegen den Vorrang Abū Bakrs.Ess: Theologie und Gesellschaft im 2. und 3. Jahrhundert Hidschra. 1995, Bd. VI, S. 431.