mini|hochkant=0.5|Gedenktafel in Berlin-Rummelsburg Horst Jänichen (* 5. März 1931 in Berlin; † 24. Dezember 2020 ebenda) war ein deutscher Politiker der SPD Berlin und als Betroffener ein Akteur der geschichtlichen Aufarbeitung der politischen Haft in der SBZ und der DDR.
Leben In der Kriegszeit Horst Jänichen wuchs als Sohn eines Berliner Kommunalbeamten in Berlin-Lichtenberg auf. Im Zweiten Weltkrieg besuchte er ein Realgymnasium. Als Jungzugführer im Deutschen Jungvolk (DJ) war er zugleich Meldejunge während der Luftangriffe der Alliierten auf Berlin, bis ihn in dieser Funktion mit 14 Jahren im April 1945 bei Beginn der Kämpfe im Berliner Stadtgebiet der Luftschutz dem Berliner Volkssturm zuteilte.
Ohne direkt im Kampfeinsatz gewesen zu sein, kehrte Jänichen nach einer „Irrfahrt“ am 8. Mai 1945 nach Hause zurück. Unterwegs war er bei Oranienburg mit anderen unbewaffneten Berliner Hitlerjungen von polnischen Soldaten aufgegriffen und von der Roten Armee registriert worden.„Irrfahrt“ und folgende Zitate aus einem Interview Annette Leos mit Jänichen bei Reinhard Fuhrmann: „Wir sind politische Gefangene, eingesperrt wegen unserer Gesinnung“. Horst Jänichen. In: Volker Wild, Bernt Roder (Hrsg.): Haus 3. Haftort des sowjetischen Geheimdienstes und der Staatssicherheit in Berlin-Prenzlauer Berg. Metropol, Berlin 2011, ISBN 978-3-86331-014-1, S. 102.
In sowjetischen Speziallagern Aufgrund dieser Registrierung verhaftete ihn, der wieder seine Schule im nun sowjetischen Sektor von Berlin besuchte, am 23. April 1946 die sowjetische Geheimpolizei NKWD. Seinen Eltern gegenüber verweigerte die Besatzungsmacht jede Auskunft. Im Untersuchungsgefängnis in der Lichtenberger WilhelmstraßeSiehe dazu Peter Erler: „GPU-Keller“. Arrestlokale und Untersuchungsgefängnisse sowjetischer Geheimdienste in Berlin (1945–1949). Bund der Stalinistisch Verfolgten, Berlin 2005, S. 48 f. sollte er gestehen, ein Mitglied des Werwolfs zu sein. Jänichens Verhöre, „in der Regel mit Schlägen verbunden“, dauerten sechs Wochen. Ohne Ergebnis folgte die Überstellung in das Speziallager Hohenschönhausen wegen „Werwolfverdacht“. Bei der Auflösung des Lagers wurde Jänichen am 18. Oktober 1946 in das Speziallager Sachsenhausen überführt. Als Lagerläufer konnte er sein Funktionieren beobachten und registrieren. Er erlebte den Hungerwinter 1946/47, der das Leben tausender Internierter forderte, darunter von vielen in seinem Alter. Im Rahmen einer größeren Freilassungsaktion für Gefangene, die zur Zeit ihrer Verhaftung das 16. Lebensjahr nicht vollendet hatten, kehrte Jänichen am 31. Juli 1948 nach Berlin zurück. Dort hatte sich mit der Blockade der Westsektoren durch die Sowjetunion die politische Lage zugespitzt, und die Spaltung der Stadt zeichnete sich ab.
Im geteilten Berlin Jänichen ließ sich im Bezirk Prenzlauer Berg des sowjetischen Sektors nieder. Ohne Schul- oder Berufsabschluss fand er Arbeit im „Casino des Nordens“, dem Parteilokal des SPD-Bezirks Prenzlauer Berg. Beeindruckt vom „Freiheitswillen dieser Leute“ schloss er sich der SPD an.Auszug aus einen Interview mit Markus Rosenberger bei Reinhard Fuhrmann: „Wir sind politische Gefangene, eingesperrt wegen unserer Gesinnung“. Horst Jänichen. In: Volker Wild, Bernt Roder (Hrsg.): Haus 3. Haftort des sowjetischen Geheimdienstes und der Staatssicherheit in Berlin-Prenzlauer Berg. Metropol, Berlin 2011, ISBN 978-3-86331-014-1, S. 102 f. Am 17. Oktober 1948 besuchte er zusammen mit anderen entlassenen Jugendlichen eine Kundgebung im West-Berliner Titania-Palast, zu der Rainer Hildebrandt aufgerufen hatte, um die Öffentlichkeit auf die Existenz der in den sowjetischen Lagern „verschwundenen“ Menschen aufmerksam zu machen. Unmittelbare Folge war die Gründung der Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit (KgU), für die Jänichen sofort aktiv wurde. Er beteiligte sich an der Propagandaarbeit und am Aufbau der Suchkartei.
Während der Kundgebung zum 1. Mai 1950 auf dem Alexanderplatz zündete Jänichen mit Unterstützung seiner Ost-Berliner Freunde von einem Ruinengrundstück aus eine Papprakete, aus der tausende Flugblätter der KgU auf die Teilnehmer abregneten. Sie forderten dazu auf, das Schweigen über die vielen politischen Gefangenen in der DDR zu durchbrechen.
Politischer Gefangener in der DDR In den Folgemonaten konnte die Verwaltung der Staatssicherheit Berlin Jänichen und seine Freunde als Täter identifizieren, überwachen und im Dezember 1950 festnehmen. Jänichen kam zunächst in die „Stadtvogtei“ am Alexanderplatz und kurz darauf in den „Hundekeller,“ das fensterlose Kellergefängnis der Berliner Staatssicherheit an der Prenzlauer Allee.Zur Bezeichnung siehe: Berlin-Brandenburgische Geschichtswerkstatt (Hrsg.): Prenzlauer, Ecke Fröbelstraße. Hospital der Reichshauptstadt, Haftort der Geheimdienste, Bezirksamt Prenzlauer Berg 1889-1989. Lukas, Berlin 2006, ISBN 978-3-936872-98-9, S. 114. Dort vernahm ihn kein Angehöriger der Untersuchungsabteilung, sondern der Leiter der Abteilung V („Untergrund“) namens Böhm. In seinem Abschlussbericht beschrieb er Jänichen und seine Freunde als „offen und ehrlich“, bescheinigte ihnen, in den zurückliegenden sieben Monaten keine Verbindung zur KgU aufgenommen zu haben und stellte allen positive Sozialprognosen. Dennoch entwickelte sich der Fall für die Tatverdächtigen zur Katastrophe: Um die KgU als Terrororganisation zu stigmatisieren, wurden sie zu Angeklagten eines Schauprozesses bestimmt, über den Pressevertreter aus Ost- und West berichteten. Die IV. Große Strafkammer des Berliner Landgerichts unter dem Vorsitz von Götz Berger verurteilte sie am 7. Dezember 1951 wegen „Gefährdung des Friedens der Welt durch Verbreitung tendenziöser Gerüchte“ gemäß der Kontrollratsdirektive Nr. 38 zu langjährigen Freiheitsstrafen. Beachtung fand Jänichens Vereidigungsrede, die in dem Satz gipfelte: „Wir sind politische Gefangene, eingesperrt wegen unserer Gesinnung“. Er erhielt als Hauptangeklagter acht Jahre Zuchthaus. Wieder zurück in der Stadtvogtei, bereitete Jänichen einen gemeinschaftlichen Ausbruch vor, was ihm eine zweite Verurteilung, wiederum durch Berger, zu zweiundeinhalb Jahren Zuchthaus einbrachte.
Nach der Freilassung in West-Berlin Jänichen verbüßte die volle Strafe aus der ersten Verurteilung in verschiedenen Gefängnissen der DDR. Die Reststrafe setzte man zur Bewährung aus und entließ ihn am 9. Januar 1959 aus dem Zuchthaus Waldheim nach Ost-Berlin. Von dort flüchtete er am 4. Februar 1959 nach West-Berlin. Wenig später erhielt er eine Stelle als Verwaltungsangestellter im Bezirksamt von Tiergarten und trat 1960 der SPD bei. Die Berliner Jungsozialisten wählten ihn 1965 zum 2. Landesvorsitzenden. Jänichen war ein Unterstützer der Deutschland- und Berlin-Politik der SPD im Sinne der Politik der „kleinen Schritte“. Im Abgeordnetenhaus von Berlin gehörte er in der 5. Wahlperiode von 1967 bis 1971 der SPD-Fraktion und dem Ausschuss für Bundesangelegenheiten und Gesamtberliner Fragen an. Anschließend leitete Jänichen im Hauptberuf die Abteilung Organisation der Berliner SPD. Seit 1973 war er im Berliner Bundeshaus Mitarbeiter des Pressereferats von Egon Franke, dem Bundesminister für innerdeutsche Beziehungen (BMB). Im Ergebnis der Wahl zum Abgeordnetenhaus vom 29. Januar 1989 wählte die Bezirksverordnetenversammlung von Tiergarten Jänichen zu ihrem Vorsteher. Dieses Amt sollte er zehn Jahre behalten, bis es wegen des Aufgehens des Bezirks Tiergarten im erweiterten Bezirk Mitte bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus von Berlin 1999 nicht mehr vergeben werden konnte.
Im wiedervereinigten Berlin Noch im Jahr 1989 wechselte Jänichen ins Referat für Öffentlichkeitsarbeit des Bundesministeriums des Innern (BMI), wo er nach der Wiedervereinigung Deutschlands im Gebäude des ehemaligen Innenministeriums der DDR in der Mauerstraße amtierte. Bei seiner Pensionierung im Jahr 1996 war er Leiter des Referats für Öffentlichkeitsarbeit im BMI.
Im 1990 wiedervereinigten Berlin setzte sich Jänichen sofort für die Umwandlung der ehemaligen Gefängnisse des NKWD und des MfS in Hohenschönhausen in die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen ein.Horst Jänichen. In Memoriam. Nachruf der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen. Von 1999 an leitete er dort als Zeitzeuge zwanzig Jahre lang Führungen für Besucher.Schicksale. Horst Jänichen. Biogramm der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen. Auch in der Gedenkstätte Sachsenhausen, wo er von 1997 bis 2012 Mitglied und seit 2006 Vorsitzender der Beiratskommission zur Geschichte des sowjetischen Speziallagers Sachsenhausen in der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, führte er Führungen durch.Die Gedenkstätte Sachsenhausen trauert um Horst Jänichen (1931–2020). Pressemitteilung der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten vom 20. Januar 2021.
Als die Berliner SPD 2001 unter Klaus Wowereit beschlossen hatte, im Senat Wowereit II mit der Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS) zu koalieren, der Nachfolgepartei der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED), verließ Jänichen nach vierzigjähriger Mitgliedschaft verbittert seine Partei.Judka Strittmatter: Nachruf auf Horst Jänichen (* am 05. März 1931). In: Der Tagesspiegel, abgerufen am 13. Februar 2026.
Horst Jänichen war verheiratet und hatte eine Tochter und einen Sohn. Am Heiligabend 2020 erlag er in seinem 90. Lebensjahr in einem Berliner Krankenhaus der Corona-Pandemie.Sie fehlen. 5736 Berlinerinnen und Berliner sind bereits am Coronavirus gestorben. Hier erinnern wir an sie. Der Tagesspiegel erinnert an „Horst Jänichen (89)“, 31. März 2023. Beigesetzt wurde Horst Jänichen am 3. Februar 2021 auf dem Luisenfriedhof III in Berlin-Westend.
Ehrungen Im Jahr 2014 erhielt Jänichen den Verdienstorden des Landes Brandenburg.Nachruf Horst Jänichen (1931–2020). In: Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten. Jahresbericht 2020, S. 201.(PDF)
Literatur Nachruf. In: Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten. Jahresbericht 2020, S. 200 f. (PDF) Jänichen, Horst. In: Werner Breunig, Andreas Herbst (Hrsg.): Biografisches Handbuch der Berliner Abgeordneten 1963-1995 und Stadtverordneten 1990/1991. Abgeordnetenhaus Berlin/Landesarchiv Berlin, Berlin 2016, ISBN 978-3-9803303-5-0, S. 192. Reinhard Fuhrmann: „Wir sind politische Gefangene, eingesperrt wegen unserer Gesinnung“. Horst Jänichen. In: Volker Wild, Bernt Roder (Hrsg.): Haus 3. Haftort des sowjetischen Geheimdienstes und der Staatssicherheit in Berlin-Prenzlauer Berg. Metropol, Berlin 2011, ISBN 978-3-86331-014-1, S. 102–109.
Weblinks Die Gedenkstätte Sachsenhausen trauert um Horst Jänichen (1931–2020). Meldung der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten vom 20. Januar 2021. Horst Jänichen. In Memoriam. Pressemitteilung der Stiftung Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen vom 7. Januar 2021. Gedenkort Rummelsburg Tafel für Jänichen am Gedenk- und Informationsort Rummelsburg.
Franziska Vu: Horst Jänichen. Interview. In: Dies.: Inhaftiert/Detained. Kulturring in Berlin, Berlin 2006, ISBN 978-3-9810679-4-1, S. 49–55.
Einzelnachweise
Kategorie:Opfer der Diktatur in der DDR Kategorie:Speziallagerhäftling Kategorie:Mitglied des Abgeordnetenhauses von Berlin Kategorie:SPD-Mitglied Kategorie:Politiker (20. Jahrhundert) Kategorie:Träger des Verdienstordens des Landes Brandenburg Kategorie:Geboren 1931 Kategorie:Gestorben 2020 Kategorie:Deutscher Kategorie:DDR-Bürger Kategorie:Mann Kategorie:DDR-Flüchtling Kategorie:Zeitzeuge der SED-Diktatur