alternativtext=Logo der LifE 3G Studie mit dem Claim „Lebensverkäufe von drei Familiengenerationen“|zentriert|rahmenlos Aktuelle Leitung: Fred Berger, Wolfgang Lauterbach Gründer: Helmut Fend Laufzeit: seit 1979 (fortlaufend) Beteiligte Universitäten: Universität Potsdam, Universität Innsbruck, Universität Zürich, Universität Konstanz Website https://life3g.de

Die LifE-Studie (Lebensverläufe ins frühe Erwachsenenalter bzw. Lebensverläufe ins fortgeschrittene Erwachsenenalter) ist eine seit 1979 laufende prospektive deutsche Panelstudie. In der Studie wird die individuelle Entwicklung von ca. 1500 Menschen ab dem 12. Lebensjahr im Kontext familiärer Beziehungen und in unterschiedlichen Lebensbereichen über mehrere Lebensabschnitte untersucht. Sie ist weltweit eine der wenigen und im deutschsprachigen Raum die einzige Studie, die Lebensläufe über vier Jahrzehnte verfolgt.

Weitere Alleinstellungsmerkmale der LifE-Studie im Bereich der Grundlagenforschung sind die breite Befragung von verschiedenen Lebensbereichen und die sukzessive Erweiterung der Studie zu einer familieninternen Drei-Generationen-Studie in der Informationen von Großeltern, Eltern und deren Kindern (Multi-Akteurin/Multi-Akteur-Ansatz) vorliegen.

Ziele und Bedeutung der LifE-Studie Mit ihren Ergebnissen trägt die LifE-Studie in den Bereichen Bildung und Beruf, Persönlichkeit, körperliche und psychische Gesundheit sowie intergenerationale Beziehungen und Übertragung von kulturellen, religiösen und politischen Orientierungen maßgeblich zum wissenschaftlichen Diskurs über Lebensverläufe in sich verändernden historischen und gesellschaftlichen Kontexten bei. Neben zahlreichen anderen wichtigen Erkenntnissen erbrachte die Studie durch den Vergleich von Elterngeneration mit ihren Kindern bei identischen Fragen zu Schule und Erziehung beispielsweise den Nachweis bemerkenswerter gesellschaftlicher Veränderungen in Erziehungskulturen, insbesondere in Bezug auf Zuwächse an Respekt und Empathie für Jugendliche in Schule und Familie. Im deutschsprachigen Raum gibt es keine vergleichbare Datenbasis, die diese deutliche Humanisierung der Erziehungskulturen in den letzten Jahrzehnten dokumentieren kann.

Die nächste Befragung der mittlerweile rund 57-jährigen Probandinnen und Probanden sowie ihrer Kinder findet 2024 unter dem Namen „LifE3G“ statt. Durchgeführt wird die Untersuchung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universitäten Potsdam, Innsbruck und Zürich, darunter auch Helmut Fend, der die Studie als „Konstanzer Jugendstudie“ an der Universität Konstanz begründete.

Die LifE-Studie wird und wurde durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), den Österreichischen Wissenschaftsfonds (FWF) und den Schweizerischen Nationalfonds (SNF) gefördert.

Geschichte der LifE-Studie Die Konstanzer Jugendstudie begründet den Beginn der LifE-Studie. Bei der Konstanzer Jugendstudie, einer Längsschnittstudie, wurden von 1979 bis 1983 etwa 2000 Kinder und Jugendliche der Geburtsjahre 1962 bis 1969 aus Frankfurt am Main und aus zwei ländlichen Regionen in Hessen jährlich befragt; auch die Eltern der Zielgruppe waren in die Erhebung einbezogen. Im Mittelpunkt stand die Frage nach den psychischen und sozialen Entwicklungsverläufen in der Adoleszenz und nach den Voraussetzungen einer produktiven bzw. beeinträchtigten Bewältigung von altersspezifischen Entwicklungsaufgaben.

LifE – Lebensverläufe ins frühe Erwachsenenalter 2002/04 wurden die mittlerweile im Schnitt 35-jährigen ehemaligen Jugendlichen erneut befragt. 1657 Personen nahmen nach der langen Unterbrechung an der Fortsetzungsstudie im Erwachsenenalter teil. Als Indikatoren für die Lebensbewältigung wurden verschiedene Merkmale im sozialen, beruflichen und kulturellen Bereich sowie im Bereich der psychischen und physischen Gesundheit erfasst. Annahmen zu den langfristigen Auswirkungen von bestimmten Schutz- und Risikofaktoren im Jugendalter sollten einer Prüfung unterzogen werden. Weitere Fokusse lagen auf der Frage von Kontinuität und Diskontinuität von Entwicklungsverläufen sowie auf der Vorhersage der Lebensbewältigung im frühen Erwachsenenalter.

LifE – Lebensverläufe von der späten Kindheit ins fortgeschrittene Erwachsenenalter Mit der siebten Befragung im Jahr 2012 mit den 45 Jahre alten Teilnehmenden ging eine Ausweitung auf eine Drei-Generationen-Studie einher, indem auch die Kinder (G3) der Ankergeneration (G2) in die Untersuchung einbezogen wurden.

LifE3G Aufgrund der COVID-19-Pandemie verschob sich die achte Befragung der Mitte-50-Jährigen von 2022 auf 2024. Unter dem Titel LifE3G-Studie wird der Multi-Akteurin-/Multi-Akteur-Generationenansatz durch die Befragung der gesamten Generation der Kinder der Ankergeneration erweitert werden.

Theoretischer Bezugsrahmen der LifE-Studie Theorien zur menschlichen Entwicklung im Lebensverlauf standen seit dem Beginn der LifE-Studie im Mittelpunkt. Die theoretischen Ursprünge der Adoleszenzstudie (1979–1983) wurzelten in einem Sozialisationsparadigma des Aufwachsens in Kontexten. Mit der Ausweitung der Studie auf das frühe Erwachsenenalter (Welle 2002, Alter 35) wurde der Bezugsrahmen zu einem ressourcenbasierten Modell der Lebensbewältigung weiterentwickelt. In seiner dritten Phase (Welle 2012, Alter 45) integrierte das Projekt die Perspektive von Handlungsfähigkeit (agency) und Gelegenheitsstrukturen (structure) und spiegelt damit neue interdisziplinäre theoretische Entwicklungen wider. Diese basieren sowohl auf der soziologischen „Lebensverlaufstheorie“ als auch auf der psychologischen „Lebensspanntheorie“.

In der LifE3G-Studie 2024 wird der Bezugsrahmen noch einmal erweitert. Der „Life-cube“ dient dabei als Heuristik zum Verständnis der Entwicklungsprädiktoren im Lebensgeschichte. Von einem Würfel wird deshalb gesprochen, weil es jeweils drei Dimensionen zu beachten gilt, um Lebenslaufprozesse zu verstehen: einmal die (offensichtlichste) Dimension der Zeit, zum anderen die Lebensdomänen, in denen sich Anforderungen stellen und schließlich das Zusammenspiel von Handlungspotentialen und sozialen Gelegenheitsstrukturen. Aus ihm resultieren dann die individuell unterschiedlichen Investitionsstrategien von Menschen im Prozess der Lebensbewältigung.

Wissenschaftliche Relevanz und Ergebnisse der LifE-Studie Die LifE-Studie leistet Beiträge zur Lebenslaufforschung in den wissenschaftlichen Teilbereichen der Psychologie, Soziologie sowie der Erziehungs- und Bildungswissenschaft. Im Folgenden werden einige signifikante Ergebnisse genannt:

Bildungs- und Berufsbereich Betrachtet man die Bildungs- und Berufsverläufe, so ist ein klares Ergebnis der Studie die frühe und hohe Vorhersehbarkeit von Bildungsabschlüssen und Berufskarrieren ab dem zwölften Lebensjahr.

Besonders bedeutsam ist, dass die meritokratische Funktion des Bildungssystems belegt wurde. Für hochbegabte Kinder aus unteren sozialen Schichten zeigt sich, dass die schulischen Leistungen der wichtigste Faktor für die Höhe der erreichten Bildungsabschlüsse sind. Die reproduktive Funktion im Berufsbereich zeigt sich vor allem bei Kindern aus höheren sozialen Schichten. Ihre Bildungskarrieren sind weniger von kognitiven Kompetenzen als von der sozialen Herkunft abhängig.

Das Design der LifE-Studie ermöglicht auch die Prüfung der langfristigen Wirkungen des Besuchs unterschiedlicher Schul- und Ausbildungsformen auf den Erwerbsverlauf. Insbesondere die Wirkung des „tracking“, also die Zuordnung von Kindern nach ihrer Leistung in der Primarstufe in unterschiedliche Schulformen. Die Hoffnung vieler Fachleute und politisch arbeitender Personen, dass integrierte Schulen (Gesamtschulen) im Unterschied zu gegliederten Schulen eine Verringerung der Bildungsungleichheit bewirken, konnte nicht bestätigt werden. Der Wirkung einer späteren oder minimierten Trennung der Schülerinnen und Schüler innerhalb integrierter Schulen hatte keinen Effekt auf die Erlangung des höchsten Ausbildungsabschlusses.

Viele Analysen zu Bildungs- und Berufsverläufen weisen auf die unterschiedlichen Berufsverläufe von Männern und Frauen hin. So nehmen die Einkommens- und Statusunterschiede zwischen Männern und Frauen mit zunehmendem Alter stark zuLauterbach W. Educational capital and unequal income development over the life course, Society for longitudinal and life course studies (SLLS), Bamberg, 5.-8.10.2016. und differenzieren sich vor allem nach der Kinderphase aus. Im internationalen Vergleich, bspw. mit Kanada, zeigt sich insbesondere, dass der große Teil der Frauen, die eine Berufstätigkeit aufnehmen, über mehr als 20 Jahre in diesem gelernten Beruf tätig sind. In Kanada hingegen, einem eher offenen Ausbildungssystem, zeigt sich, dass Frauen im mittleren Erwachsenenalter sich weitergebildet haben und einen weiteren bspw. Bachelor-Abschluss erwarben. Die Einkommenslücke zwischen Männern und Frauen wird geringer in einem Bildungssystem, das durchlässig ist. Das berufliche System in Deutschland ist in der Jugend und dem jungen Erwachsenenalter sehr gut für die Qualifikation, aber es hemmt den Erwerb weiterer Abschlüsse.

Soziale Beziehungen Trotz gewisser Veränderungen in den sozialen Beziehungen von der späten Kindheit bis zum mittleren Erwachsenenalter gibt es auch in diesem Bereich eine bemerkenswerte Kontinuität und Vorhersagekraft. So erweist sich die Qualität früher familiärer Beziehungserfahrungen und Freundschaften im Jugendalter als langfristig bedeutsam für die Gestaltung von Partnerbeziehungen und Eltern-Kind-Beziehungen im Erwachsenenalter. Enge und sichere Beziehungen im frühen Familienleben, so ein weiteres Ergebnis, sind wichtige Voraussetzungen für psychisches Wohlbefinden, emotionale Stabilität und Lebenszufriedenheit im Erwachsenenalter.Schudel K., Long term trait and state effects of self-esteem and social integration on satisfaction. SLLS Annual International Conference, Bamberg, 6.-8.10.2016. Sie sind deutlich bedeutsamer als Bildungs- und Berufsverläufe. In diesem Bereich schlagen sich besonders längerfristige Arbeitslosigkeit und Armutserfahrungen in der psychischen Gesundheit nieder.

In der Studie werden auch soziale Lebensverläufe und Statusverläufe wie Auszug aus dem Elternhaus, Heirat, Elternschaft und Scheidung als Ereignisgeschichten beschrieben und mit Sequenzanalysen zu Mustern sozialer Lebensverläufe gruppiert. Hier zeigen sich deutliche geschlechtsspezifische Unterschiede. Beispielsweise erweisen sich Mutter-Tochter-Beziehungen langfristig als die engsten und stabilsten und die Vorhersagekraft familiärer Beziehungserfahrungen war langfristig für Frauen stärker als für Männer.

Intergenerationale Weitergabe von kulturellen, religiösen und politischen Orientierungen Als zentrale Bestimmungsgrößen kultureller, religiöser und politischer Orientierung im Erwachsenenalter werden das Elternhaus und die Schule identifiziert.Grob, U., Der Beitrag der Schule zur Entwicklung von politischem Interesse und Toleranz im Spiegel der LifE-Studie, Fachvortrag gehalten im Rahmen des Kongresses „Bildung in der Demokratie“ der DGFE, Mainz, 2010. Besonders die große Bedeutung des Elternhauses ist überraschend. Die Ankergeneration (G2) hat sich in hohem Maße an die politischen, kulturellen und religiösen Orientierungen der Eltern angeschlossen und sich in viel geringerem Maße, als Studien zu Generationskonflikten nahelegen, von ihnen distanziert.