Die Gesellschaft des Spektakels (La société du Spectacle) ist das 1967 erschienene Hauptwerk des französischen Künstlers und Philosophen Guy Debord. Es handelt sich um eine philosophisch an Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Karl Marx und Georg Lukács geschulte radikale Anklage der modernen Arbeitsgesellschaft, des Kapitalismus, der realsozialistischen Bürokratie, der Warenwelt und Entfremdung der Arbeit und damit einhergehender, moderner Staatsmacht. Das Buch hatte großen Einfluss auf die französische Studentenbewegung des Pariser Mai 1968, erlangte später einen Kultstatus in Kunst und Subkultur und wird bis heute als medientheoretisches wie politisches Werk an Universitäten gelesen.

Inhalt Das Spektakel Im Zentrum von Debords Buch steht das Spektakel, die Organisation, die Gesamtheit und der Zusammenhang aller wirtschaftlichen und der meisten kulturellen oder politischen Prozesse im modernen Industriestaat des späten 20. Jahrhunderts, und das gesellschaftliche Verhältnis zwischen Personen, das hierbei entsteht. Im Spektakel spielt jeder, ob Chef oder Arbeiter, Mann oder Frau, Karrierist oder Rebell, nur seine zugewiesene Rolle. Die Gesellschaft wirkt wie eine seelenlose, perfekt organisierte Maschine, die selbst Opposition nur simuliert, Geschichte und Zeit wirken wie gefroren (Debord). Häufig werden hierfür von Debord auch Metaphern des Schlafes benutzt.

Die Realität werde unsichtbar hinter einer Scheinwelt aus Werbung, Klischees, Propaganda, die aber wiederum ganz reale Auswirkungen auf das Leben der Menschen hat. Real Erlebtes oder Ersehntes wird zunehmend durch seine Repräsentation, durch sein Surrogat ersetzt – Debord nimmt hier auch Ideen der Postmoderne vorweg (das Zeichen bezeichnet nichts mehr, verweist nicht mehr auf etwas Wirkliches, sondern steht für sich selbst, wird so selbst zum Ersatz: Hyperrealität).

Man kann Debords Spektakel als die Bürokratie, die Technokratie, die Welt von PR und Werbung, die Welt der Propaganda und Kontrolle im Ostblock, als den Markt und seine Gesetze oder als Entfremdung nach Marx begreifen, all dies sind dabei aber nur Teilaspekte und Annäherungen an Debords Verständnis des Begriffes. Allen Aspekten ist für Debord gemeinsam: Die Wirtschaft hat sich verselbständigt, das menschliche, kulturelle Leben – und damit auch der Lauf der Geschichte – erstarrt. Bedroht durch das Spektakel ist das Individuum und seine Freiheit.

Gesellschaft des Spektakels Die derzeitige „Gesellschaft des Spektakels“ im Westen sei eine Gesellschaft, die das Oberflächliche feiert, im Konsum Erfüllung finden möchte, sich in den Medien selbst betrachtet und bewundert und alles für messbar und käuflich hält, „in der die Ware sich selbst in einer von ihr geschaffenen Welt anschaut“ (S. 41).

Die Gesellschaft scheine hypnotisiert vom Anblick eines „wahren, echten“ Lebens als Bild, als Klischee, während gleichzeitig in ihrem Alltag lebendige, menschliche Regungen abnähmen. Die Bilder könnten ihre Versprechen jedoch nie real einlösen:

Vorbild und Held der Gesellschaft des Spektakels sei dabei der Film-, Fernseh-, Pop- oder Polit-Star. Er diene als Modell für all das, was man sich selbst versagen müsse. Der Star sei die „spektakuläre Darstellung eines lebendigen Menschen“, der das „Bild einer möglichen Rolle“ in sich „konzentriert“, das „Objekt der Identifizierung mit dem seichten, scheinbaren Leben, welches die Zerstückelung der wirklich erlebten Produktionsspezialisierungen“, also den real erlebten subjektiven Alltag, „aufwiegen soll.“ (S. 48)

Auch Politik werde zur Show und Showbusiness zu Politik:

Die Gesellschaft habe sich von den wirklichen Bedürfnissen der Menschen entfernt. Durch die Spezialisierung in der Arbeitswelt werde das Nachdenken über die Bedürfnisse und Belange des Menschen fragmentiert, rationalisiert und dadurch gegen sie gewendet, Sozialtechniken dienten dabei der Verwaltung der Menschen.

Spektakel und Ideologie Das Spektakel kann verschiedene Ideologien transportieren:

Das Spektakel ist die ununterbrochene Rede, die die gegenwärtige Ordnung über sich selbst hält, ihr lobpreisender Monolog. (S. 24) Es ist die Sonne, die in dem Reich der modernen Passivität nie untergeht. Es bedeckt die ganze Oberfläche der Welt und badet endlos in seinem eigenen Ruhm. (S. 17) Es ist das Gegenteil des Dialogs. (S. 19), denn es stelle alles zur Debatte – nur nicht sich selbst:

Debords Kritik am Spektakel kann dabei durchaus auch als Kritik an der Idee von immerwährendem Wirtschaftswachstum gelesen werden:

Nicht das philosophische Nachdenken über ein „gutes Leben“ der Menschen hat für Debord zum Spektakel geführt, sondern das Spektakel scheint andersherum spezielle Arten von Denken, Ideologien auszudrücken, denen sich die menschlichen Belange dann unterzuordnen haben: Es verwirklicht nicht die Philosophie, es philosophiert die Wirklichkeit. (S. 20)

Seine Funktion besteht für Debord darin, „in der Kultur die Geschichte vergessen zu machen“ (S. 165). Die Idee, es gebe neben technischem Fortschritt auch gesellschaftlichen Fortschritt, scheint im Spektakel der Vergangenheit anzugehören. Das Spektakel nach Debord stellt aber keine einheitliche oder bewusste Verschwörung dar und verfolgt auch keine langzeitige Strategie außer seiner eigenen Erhaltung. Die einzige nihilistische Gesetzmäßigkeit des Spektakels ist eine Tautologie: Was erscheint, ist gut, was gut ist, erscheint. (S. 17)

Ost und West Debord siedelte den Beginn der Entwicklung des Spektakels zeitlich etwa in den 1920er-Jahren an. Die revolutionäre Arbeiterbewegung sei zwischen Erstem und Zweitem Weltkrieg vernichtet worden: durch den Faschismus einerseits und die stalinistische Bürokratie andererseits, dies habe den Beginn des Spektakels dargestellt.

Er unterschied zwar zwischen einem konzentrierten Spektakel in totalitären Staaten etwa des Ostblocks oder im Faschismus (Führerkult, autoritäre Herrschaft, Staats-Kapitalismus) und einem – moderneren, subtileren – diffusen Spektakel im Westen, wobei das konzentrierte Spektakel eindeutig als falsch, plump und gewalttätig zu erkennen ist, egal was die ihm zugrundeliegenden Ideen sind:

Er wendet sich gegen alle Arten einer kommunistischen Partei (auch jenseits von Stalinismus), aber sogar auch gegen die berühmten Theoretiker des Anarchismus (für Debord nur die Spezialisten der Freiheit), die von Freiheit unabänderbare Vorstellungen haben, und Anhänger, die ihnen dann darin folgen, wie in anderen Ideologien. Die Sowjetunion, China oder die Ostblockstaaten sieht Debord als bloße totalitäre Diktaturen an:

Die sozialistische Bürokratie des 20. Jahrhunderts sei Stiefkind des Kapitalismus. Das Proletariat habe erst seine Perspektive und dann seine Illusionen verloren, nicht aber sein Wesen. Es könne nur das jeweilige Individuum selbst sein, das für sich selbst zunächst subjektive Forderungen stelle, kein Führer, keine Partei, keine Organisation könne es dabei vertreten. Trotzdem verwirft Debord ebenso das westliche liberale Gegenmodell, denn auch hier ist für ihn echte Freiheit nicht verwirklicht worden:

Die Welt der Ware Debord kritisiert das Leben im Kapitalismus, der alle Aspekte des Lebens in Waren verwandele (Totalität der Ware, Kommodifizierung) und menschliche Erfahrungen oder Beziehungen nur noch durch Bilder vermittle, simuliere (wie z. B. in der Verkaufspsychologie).

Das Subjekt wird für Debord mit seinen individuellen Begabungen, Wünschen und Mängeln Zahnrad eines Systems, es wird als Zuschauer in einer Massengesellschaft, als bloßer Konsument seines eigenen Lebens hinterlassen. Es fügt sich so ein in die Konsumgesellschaft, die bestimmt ist vom Menschenbild des Homo oeconomicus. Für Debord haben längst die Waren die Herrschaft über das menschliche Leben übernommen, sind zu einer eigenen Autonomie gelangt:

mini|Einkaufszentrum in Zwickau

Das Spektakel ist der Moment, worin die Ware zur völligen Besetzung des gesellschaftlichen Lebens gelangt ist. Das Verhältnis zur Ware ist nicht nur sichtbar geworden, man sieht sogar nichts anderes mehr: Die Welt, die man sieht, ist seine Welt. (S. 35)

Die Wirtschaft verwandelt die Welt, aber nur in eine Welt der Wirtschaft. (S. 34)

Nicht nur die Arbeit, auch der Konsum sei zur „Pflicht“ für die „Massen“ geworden, das ganze Leben werde beherrscht von der „Diktatur“ der „Wirtschaftsproduktion“ (S. 35).

Dinge sind es, die herrschen und jung sind, die einander verjagen und ersetzen. (S. 51)

Der verdinglichte Mensch trägt den Beweis seiner Intimität mit der Ware zur Schau. (S. 54), Hier bezieht sich Debord auf Marx’ Begriff des Warenfetischismus. Debords Kritik am Konsumismus: Der Mensch akzeptiert inzwischen, selbst zur Ware zu werden.

Unvereinbare Behauptungen drängen sich auf der Bühne des vereinigten Spektakels der Überflußwirtschaft, ebenso wie verschiedene Star-Waren ihre widersprüchlichen Einrichtungspläne der Gesellschaft vortragen, in der das Spektakel der Automobile einen reibungslosen Verkehr verlangt, der die alten Stadtkerne zerstört, während das Spektakel der Stadt selbst Museen-Viertel braucht. (S. 53)

Der Konsument der Ware erlebt für Debord nur eine bruchstückhafte Aufeinanderfolge von den einzelnen „Glücksversprechen“ der gekauften Produkte, ohne dabei aber selbst jemals wirklich zufrieden zu sein – obwohl dies doch die vorrangige Qualität sei, die der Wohlstandsgesellschaft als Ganzem zugesprochen werde.

Debord:

Der Gegenstand, der im Spektakel ein Prestige hatte, wird vulgär, sobald er bei diesem Konsumenten und gleichzeitig bei allen anderen ins Haus tritt. Zu spät offenbart er seine wesentliche Armut, die natürlich vom Elend seiner Produktion herrührt. Aber schon trägt ein anderer Gegenstand die Rechtfertigung des Systems und die Forderung, anerkannt zu werden. (S. 56)

Auch den Versprechungen der Werbung steht er entsprechend ablehnend gegenüber:

Jede neue Lüge der Werbung ist auch das Eingeständnis ihrer vorigen Lüge. (S. 56)

Die Werbung für die Zeit hat die Wirklichkeit der Zeit ersetzt. (S. 137)

Der Zuschauer Der Alltag in den modernen Gesellschaften ist für Debord gekennzeichnet durch Konformismus und Passivität der darin lebenden Menschen: Ihr Leben ist auch jenseits von Arbeit und Konsum nur noch vom Quantitativen, nicht (mehr) vom Qualitativen bestimmt. Im Zuge dieser Entwicklung wird auch der Niedergang von Kunst, Kultur, Kreativität und des Interesses der Menschen aneinander beklagt. Eine einstmalige gewaltsame Unterdrückung von Freiheitsbestrebungen durch Polizei und Staatsapparat sieht Debord zunehmend durch harmloser erscheinende Maßnahmen der Kybernetik, Psychologie und Soziologie ersetzt (siehe dazu u. a. auch den späteren Begriff der Biopolitik).

Für Debord befindet sich der Durchschnittsbürger (Otto Normalverbraucher) in der metaphorischen Lage eines passiven Zuschauers. Er erledigt in seinem Beruf gleichmütig das ihm Aufgetragene und hinterfragt es nicht. Er betrachtet in seiner Freizeit staunend die auf- und abtretenden Stars und bewundert sie, verhält sich ansonsten unauffällig, tut, was man von ihm erwartet, geht mit der Zeit, konsumiert und sagt, was man gerade eben so konsumiert und sagt, aber verliert sich dabei selbst.

Statt seine eigenen Bedürfnisse zu erkennen, orientiere sich der Mensch im Spektakel an vorgefertigten, massenmedial verbreiteten Bildern (klischeehafte Lebensstile, Rollenangebote, erwünschte Verhaltensweisen) und versuche diese zu imitieren.

mini|Familie beim Fernsehen, USA, ca. 1958

Was die Zuschauer miteinander verbindet, ist nur ein irreversibles Verhältnis zum Zentrum selbst, das ihre Vereinzelung aufrechterhält. Das Spektakel vereinigt das Getrennte, aber nur als Getrenntes. (S. 26)