Nita Tandon (* 28. August 1959 in Ajmer) ist eine österreichische Künstlerin indischer Herkunft. Neben Werken aus tradierten Kunstgattungen wie Zeichnung, Malerei oder Skulptur, umfasst ihr Œuvre künstlerische Aktionen und Rauminstallationen, sowie vielfach Mischformen. Darüber hinaus hat sich Nita Tandon mit fotografischen Arbeiten, filmischen Ausdrucksformen und digitaler Kunst positioniert. Begleitend zu ihrer künstlerischen Tätigkeit lehrt sie an der Universität für angewandte Kunst Wien und arbeitet als Lektorin und Übersetzerin im Themenbereich zeitgenössischer Kunst für Institutionen und Verlage im In- und Ausland.
Leben Nita Tandon wurde 1959 in Ajmer (Rajastan) in die Familie des Staatsbeamten und Diplomaten Nivaran Nath TandonEDIRECTORY OF MEMBERS (miiccia.com) und seiner Frau Rajkumari Tandon geboren. Nur wenige Jahre zuvor war die indische Unabhängigkeitserklärung (1947) verabschiedet und ein Parlament (1950) gegründet worden. Ein liberaleres politisches Klima stellte sich ein. Bildungsleistung gewann an Prestige und galt als wichtige Karrierechance. Hinsichtlich der Rolle von Frauen blieb das Land trotz Reformbemühungen jedoch konservativ und patriarchalisch. Dass sich Nita Tandon bereits 16-jährig an der Universität New Delhi einschreiben konnte, ist umso bemerkenswerter. Nach einem Bachelor-Abschluss in Englischer Literatur (1978), übersiedelte sie nach Wien. Von 1979 bis 1980 setzte sie an der Universität Wien ihr Sprachenstudium fort. Zusätzlich belegte sie das Fach Kunstgeschichte. 1980 wurde sie an der Universität für angewandte Kunst Wien aufgenommen. Die Atmosphäre, in die Nita Tandon hier eintauchte, beschreibt Patrick Werkner als zuvor in dieser Form nicht gekannte Phase des Aktivismus, des Herstellens von Öffentlichkeit und der politischen Selbst-Positionierung. Neue Studienangebote und ihre Lehrenden machten die Angewandte zur innovativsten Kunstuniversität Österreichs. Peter Weibel etablierte 1986/87 seine Meisterklasse für „Visuelle Mediengestaltung“. Nita Tandon schrieb sich bei Maria Lassnig ein, die 1980 die Klasse Gestaltungslehre/experimentelles Gestalten übernommen hatte. Nachhaltig angeregt, schloss sie ihr Studium 1986 ab. Einige Jahre freischaffend tätig, holte sie Bernhard Leitner 1997 als Dozentin (Vertragsassistentin) an die Universität für angewandte Kunst Wien zurück. Seit 2010 gehört sie gemeinsam mit Stephan Hilge und Roman Pfeffer dem Leitungsteam der neu gegründeten Klasse TransArts an.
Werk Von Maria Lassnig in figürlicher Malerei und Zeichnung ausgebildet, suchte Nita Tandon seit Mitte der 80er Jahre mit einer Werkgruppe aus Reliefs und Wandarbeiten einen eigenen Weg. In einem Gespräch mit der Kunsthistorikerin Patricia Grzonka erinnerte sie sich, dass sie damals „alles, was die Malerei betrifft, zunächst einmal hinter [sich] lassen [wollte]“. Konzeptionell, als auch über konkrete Materialforschung setzt sie sich seither kritisch mit subjekt- wie objektgebundenen Bedingungen von Bild, Bildträger und Bilderrahmen auseinander. Paradigmen gegenständlicher Malerei, wie das Gebot der Mimesis und die menschliche Figur als bevorzugtes Motiv wurden aufgegeben, ebenso jegliche Form einer malerischen Geste, sei es über Pinselführung oder die Wahl der Farbe. Gleichzeitig experimentierte die Künstlerin mit Materialien. So griff sie auf Beton zurück, einen vielfältig nutz- und formbaren Baustoff, (ab-)gussfähig wie aushärtend. Häufig mit dem Rohen, Ungeschönten und Dauerhaften verbunden, fand er insbesondere nach 1945 im öffentlichen Raum breite Verwendung, etwa um fortschrittliche, soziale Utopien zu visualisieren. Eines der bekanntesten Beispiele sind die von Le Corbusier ab 1952 geschaffenen Regierungs- und Verwaltungsgebäude der indischen Hauptstadt Chandigar. Auf innovative Weise verwendet Nita Tandon dieses Gemisch aus Zement und Gesteinskörnung als bildnerisches Mittel, das in Form von Rechteckelementen auf der Leinwand haftet, diese aber auch rahmen kann oder aber als Körper über die Bildebene hinausgreifend, sich als architektonisches Element im Raum behauptet, wie etwa in dem Werk „Disclosure II“ (1994).Nita Tandon, Beton. Ausstellung in der Galerie Grita Insam, Wien 1988 Das „Bild“ gewinnt Objektcharakter und wird schließlich Teil einer Raum aufspannenden Installation.
Größere Bekanntheit erlangte Nita Tandon 2010 mit einer Installation im Q21, einem öffentlichen Schauraum im Museumsquartier Wien. Sie trug den Titel: „Fingerprint – die Rückseite der Vorderseite“ und stellte den Beginn eines zusammenhängenden, größeren Werkkomplexes dar. Tandon verhandelt darin Fragen nach Identität und Humanität, nach Originalität und Serialität, aber auch Norm und Individualität im digitalen Medienzeitalter: Modelliermasse spielt auch hier eine entscheidende Rolle. Anstelle des aushärtenden Betons tritt jedoch das vergänglichere Plastilin. Mit dem Wissen, dass ein Fingerabdruck als Spur und Signatur identifizierbarer Individualität gelesen werden kann, scannte die Künstlerin zunächst den Abdruck ihres in dunkle Tinte getauchten Zeigefingers. Das natürliche Körpermaß einer Fingerkuppe negierend, vergrößerte sie diesen 3.200 mal. Eine weitere Verfremdung bewirkten Reduktionen der Farbwerte auf Pixeln in vier Farbtönen. Der analoge nicht austauschbare Finger-Abdruck war auf diese Weise zu einem wiederholbaren, digital errechneten gerasterten Print geworden. Als Vorlage wurde dieser auf einer Glaswand angebracht, die den Schauraum nach außen abgrenzte. Im Weiteren wurde jedes einzelne der Pixel als farblich entsprechendes Plastilin-Quadrat in der Größe von 8 × 8 mm mit dem Finger auf der Glasscheibe so aufgedrückt, dass die Rückseite im Gegensatz zur angepressten, durch den Glasträger sichtbaren Vorderseite Plastizität gewann. Der Fingerabdruck, den das gesamte digitale Bild symbolhaft darstellt, wird so auf jedem einzelnen Teil des Bildes als analoge, nicht wiederholbare Spur hinterlassen. Der Werkkomplex wurde 2012 mit einem Video „Fingerprint Erased“ abgeschlossen, das den performativen Akt der Demontage durch die Künstlerin selbst dokumentiert. Gezeigt wird, wie die plastinierten Finger-Abdrücke von der Glasscheibe entfernt und in Behältern verwahrt werden, während Fragen nach Auslöschbarkeit digitaler Spuren und nach dem tatsächlichen Ende dieses Werks offen bleiben. Für die Kuratorin Işın Önol verbinden sich mit dieser Performance Assoziationen an den Akt des Sammelns von Asche nach einer Einäscherung.
Das stete Changieren zwischen zweidimensionalen und dreidimensionalen, analogen und digitalen, ephemeren und dauerhaften Formaten, lässt sich in vielen weiteren Werken Nita Tandons beobachten. Eines festen Standpunktes enthoben, wird der Betrachter zu unablässigem Perspektivenwechsel und damit zu ständiger Selbstvergewisserung aufgefordert. Konfrontationen mit einer schwer einzuordnenden, hermetischen Realität, die nicht über sich hinausweist, verweigern Projektionen eingeübter Erfahrungswelten, noch bieten sich Einfühlungschancen in den künstlerischen Gestaltungsakt. „Die Umkehrung von Ebenen, der Aspekt-Wechsel, das Erschaffen von Dingen, die zwei Sichtweisen erlauben, sind der Bereich, in dem sich Nita Tandons Arbeiten bewegen“, so beschreibt Daniel Wisser diese künstlerische Strategie. In ihrer Haltung ist Nita Tandon jenen Künstlerinnen und Künstlern, verwandt, die nach 1945, so die Kunsthistorikerin Angeli Jahnsen, mit ihrer Kunst, „Wirklichkeit nicht überwinden, sondern ermöglichen wollen“.
Herausgeberschaften
Auszeichnungen 1992 erhielt Nita Tandon ein Stipendium des österreichischen Staates 1993: First Römerquelle Graphic Competition
Ausstellungen in Auswahl Einzelausstellungen: 1989: Nita Tandon, Galerie Grita Insam 1991: Wall Works. La Fabbrica di Seta, Pieve a Presciano 1992: Nita Tandon, Ringgalerie Salzburger Kunstverein / Künstlerhaus Salzburg Nita Tandon, Galleria Sergio Tossi, Prato 1993: Spiel ohne Grenzen, Gallery Nr. 5 Budapest 1994: Nita Tandon, Wiener Secession, Wien Nita Tandon, Galerie Steinek, Wien 1995: Nita Tandon, Villa Allerart, Bludenz 2011: Fingerprint – Die Rückseite der Vorderseite, Schauraum | University of Applied Arts Vienna | MQ, Quartier 21, ViennaNita Tandon: Die Rückseite der Vorderseite - Fingerprint - MuseumsQuartier Wien (mqw.at).
Beteiligungen: 1987: Hoffmann – Nita Tandon – Durstmüller: Theseus-Tempel Wien, 11. – 27. September 1987 1988: Beton. Galerie Grita Insam, Wien Leipzig-Warschau-Wien-Berlin. Künstlerwerkstatt im Bahnhof Westend, Berlin 1989: Junge Szene Wien, Secession Wien 60 Tage österreichisches Museum des 21. Jahrhunderts, Gruppenausstellung, Institut für Museologie, Hochschule für angewandte Kunst, Wien, 2. Mai 1989 - 30. Juni 1989 1990: Raum Annehmen III. Galerie Grita Insam, Wien 1991: Bildlicht: Malerei zwischen Materialität und Immaterialität. Museum des 20. Jahrhunderts, Wien Reich: Weite. Kärntner Landesgalerie, Klagenfurt 1994: Lokalzeit: Wiener Material im Spiegel des Unbehagens. Kunstraum Strohal, Wien und Moderna Galerija, Ljubljana 1997: Sponsoring Guruplant. MAK Wien 1998: Die Spitze des Eisbergs, Messepalast Wien 2000: Works in Space. Objekte und Skulpturen im Dialog mit der * Ausstellung the first view, Museum Essl, Klosterneuburg 2002: Mega: Manifeste der Anmaßung, Künstlerhaus Wien 2003: Fiat Lux, Galerie Thoman, Innsbruck 2007: North-West by South-East, National Gallery, Skopje 2008: Pictorial Space, curated by Pia Jardi, Tatranská Galéria, Poprad Austrijski kulturni forum, Beograd Napóleon-Ház, Győr Mit eigenen Augen, Heiligenkreuzerhof, Wien 2009: Third Woman, collaborative project, Kunsthalle Project Space, Wien Thessaloniki Biennale 2 Gemalter Raum, Collegium Hungaricum, Wien 2010: (No) Relation mit Erwin Wurm, Roman Pfeffer, Markus Hofer, Stephan Hilge, Roland Reiter. Galerie Raum mit Licht, Wien Skulptur (mit G. Tagwerker, M. Kienzer, R. Split), Galerie Lisi Hämmerle, Bregenz Ein Moment mit Plinque und Gästen, MQ, Quartier 2, Wien 2012: Reverse Engineering, das weisse haus, Wien 2013: Artists in Multifunctions, Lalit Kala Akademi or National Academy of Art (LKA), New Delhi 2015: Dissonance: Transgressed Boundaries between Desire and Fear, Percept Art Gallery, Mumbai 2020: ABSTRAKT. geometrie + konzept, Museum Moderner Kunst Kärnten, Klagenfurt
Sammlungen Belvedere, Wien mumok, Wien Artothek des Bundes, Österreich
Literatur
Weblinks
Einzelnachweise
Kategorie:Bildender Künstler (Österreich) Kategorie:Österreicher Kategorie:Inder Kategorie:Geboren 1959 Kategorie:Frau