Die Amalekiter (hebräisch ) gelten in der Hebräischen Bibel als räuberisches Nomadenvolk, das im Süden der Region Palästina lebte und ein Erbfeind der Israeliten war. In werden sie durch die Nennung Amaleks als Enkel Esaus in die Nachkommenschaft Isaaks und den Konflikt mit Jakob als Stammvater der Juden gestellt. Historisch lässt sich über das Volk der Amalekiter wenig sagen.

In der Moderne werden die Amalekiter vielfach mit Feinden Israels bzw. der Juden gleichgesetzt, darunter auch Palästinenser. Während des Israel-Gaza-Krieges ab 2023 wurden die Palästinenser und die militant-islamistische Hamas seitens israelischer Politiker und Medien vielfach mit den Amalekitern gleichgesetzt. Einige der Aussagen wurden vor dem Internationalen Gerichtshof seitens des Anklägers Südafrika in einer Klage gegen Israel als „Völkermordabsichten gegen das palästinensische Volk“ gewertet.

Lokalisierung Aufgrund der fehlenden archäologischen Zeugnisse und der uneindeutigen biblischen Angaben lässt sich der Lebensraum der Amalekiter nicht eindeutig lokalisieren. In Num 14 werden Amalek und Kanaan als benachbarte Völker genannt, jedoch widersprechen sich die Angaben, da die Völker zunächst in der Ebene () dann im Gebirge () lokalisiert werden.

(nach plausibler Konjektur) und sehen die Amalekiter und Keniter (hebr.: קינים) als Nachbarn, was zur Lokalisierung Amaleks im Negev passt (). Auch die Abfolge des vermutlich alten Völkerspruchs in , die Keniter den Amalekitern unmittelbar folgen lässt, deutet möglicherweise auf die Nachbarschaft der Völker hin. Dass die Amalekiter im edomitischen Gebiet lebten, legen auch die Geschlechterliste Esaus ( und ) und die Liste der edomitischen Häuptlinge () nahe.

In werden die Amalekiter unter den transjordanischen Völkern verortet. und bezeugen Erinnerungen Amaleks an den Stamm Ephraim.

Lebensweise Über die Lebensweise der Amalekiter lassen sich kaum gesicherte Aussagen treffen. Für gewöhnlich wird in Amalek ein im Negev umherziehender Nomadenstamm vermutet. Dem Nomadentum widerspricht jedoch die Angabe in , dass Amalek eine Stadt bewohne und König Agag an seiner Spitze stehe.

Gemäß , und besaßen die Amalekiter Kamele. sowie die Erwähnungen in , und zeichnen ein Bild von Amalek als räuberischem Volk.

Biblischer Bericht mini|Mose werden die Arme hochgehalten, Miniatur aus einer Weltchronik (14. Jh.)Die vertrauenswürdigsten Überlieferungen des AT zur Auseinandersetzung zwischen Israel und den Amalekitern sind die aus der Zeit Davids. Deshalb ist davon auszugehen, dass die Feindschaft in seine Zeit zu datieren ist. In späteren Traditionen wird die Feindschaft immer weiter in die Frühgeschichte zurückverlagert und dabei Amalek mit ostjordanischen Feinden verknüpft. Der Name des amalekitischen Königs Agag wird schließlich zum neuen Synonym für einen Erzfeind.

Wüstenwanderung mini|hochkant|Aaron und Hur stützen Mose beim Gebet, Bildfeld an der großen Knesset-MenoraMit Ausnahme einer kurzen Notiz über die Verwüstung des Gebiets der Amalekiter durch einen Zusammenschluss von Königen (), sind die Amalekiter in zum ersten Mal von Bedeutung. Nach seinem Auszug aus Ägypten griff Amalek Israel in Refidim an. Mose übertrug Josua, dem Sohn Nuns, die militärische Führung im Kampf, während er selbst die Hände zum Gebet erhoben hielt.

Israel konnte den Sieg erringen, da Aaron und Hur die Hände Moses stützten ().

Die Erzählung gipfelt in einer göttlichen Zusage der Vernichtung der Amalekiter: „Denn ich will die Erinnerung an Amalek unter dem Himmel austilgen.“ (). So begründet sie die Erzfeindschaft zwischen den beiden Völkern und „zeigt als theologische Lehrerzählung die Kraft des Gebets“.

Die Erzählung in stellt ein negatives Gegenstück zu dar: Israel unterliegt Amalek in einem eigenmächtig und gegen den ausdrücklichen Willen JHWHs unternommenen Kriegszug.

Amalekitergesetz Das Amalekitergesetz in nimmt die Vernichtungszusage aus auf und überführt sie in einen Auftrag, das Volk der Amalekiter auszurotten, wenn Israel nach der Landgabe Frieden gefunden hat. Begründet wird das Banngebot mit dem Angriff der Amalekiter während der Wüstenwanderung. Die Verwerfung Sauls in hat ihre Ursache in der Missachtung dieses Gebots insofern, als er zwar an den Menschen den Bann vollziehen ließ, d. h. „Mann und Frau, Kinder und Säuglinge“ getötet wurden, aber deren König Agag verschonte und duldete, dass sich sein Volk „die besten Schafe und Rinder, das Mastvieh und die Lämmer und alles, was von Wert war“ aneignete. „Was aber nichts taugte und gering war, daran vollstreckten sie den Bann.“ (1. Samuel 15,9).

Richter- und Königszeit In der Richter- und Königszeit kommt es häufiger laut biblischem Bericht zu wiederholten kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den Amalekitern und Israeliten.

erzählt von einem Eroberungszug der Amalekiter und Ammoniter unter moabitischer Führung gegen Israel. Gemäß , und führten die Amalekiter gemeinsam mit den Midianitern und den „Leuten des Ostens“ Beutezüge durch. Auch zählt Amalek als eines der Völker auf, die Israel in vorstaatlicher Zeit bedrängten.

Der Übergang zu wird durch eine Notiz geschaffen, die von einem Schlag Sauls gegen Amalek berichtet (). 1 Sam 15 nennt insgesamt zwölfmal die Amalekiter (zehnmal , zweimal ). Gemäß dem o. g. Amalekitergesetz muss Saul den vollständigen Bann vollziehen, jedoch führt er den Befehl nicht korrekt aus. Dies führt zu seiner Verwerfung. Auch begründet den Verlust von Sauls Königtum mit dem nicht vollstreckten Bann.

Die Notiz in , die von Überfällen Davids auf Amalek berichtet, bereitet die große Erzählung vor: Nach einem Überfall der Amalekiter auf seine Residenzstadt Ziklag führt David einen Rachefeldzug durch. beschreibt, wie der Amalekiter, der David die Königsinsignien Sauls überbringt, vorgibt, Saul getötet zu haben und dafür niedergestochen wird. und zählen die Amalekiter als eines der Fremdvölker auf, die David besiegte und plünderte.

nennt Amalek in einer Aufzählung transjordanischer Völker, die die feindliche Völkerwelt bzw. die Chaosmächte repräsentieren. Sie planen Israel derart zu vernichten, dass sich niemand mehr an Israel erinnern wird.

Historizität Ein historischer Kern kann nicht mit genügend Sicherheit aus , und isoliert werden, was die historische Rekonstruktion verhindert. Die Erzählungen dienen dem Zweck, Amalek als den Feind schlechthin darzustellen – keine Bannforderung erreicht dieselbe Schärfe wie die gegen Amalek.

Auch die übrigen Berichte lassen kein eindeutiges Bild erkennen. Vermutlich handelte es sich bei Amalek in vorstaatlicher Zeit um einen hartnäckigen Feind, der an Judäas Südgrenze zu lokalisieren ist und mit dem Israel immer wieder wegen Weide- und Quellenrechten in Konflikt geriet. Später blieb nur die rudimentäre Erinnerung an einen nicht mehr existierenden Feind, die Amalek zum Synonym jeglicher Feindschaft gegen Israel werden ließ.

Amalek in der Halacha am Beispiel Maimonides

Am Ende des 14. und letzten Buchs seiner Mischne Tora (Sefer Schoftim - "Buch der Richter") greift Maimonides in einem eigenen Kapitel, den Hilchot Melachim u-Milchamotehem ("Gesetze(n) zu den Königen und ihren Kriegen"; abgekürzt: MEL), das Königsrecht mit Anteilen kriegsrechtlicher Art auf. Das letzte Kapitel der Mischne Tora schließt so mit Überlegungen und Bestimmungen zum Messias-König. Es beginnt mit der Aufzählung von drei Geboten, die den Israeliten vor ihrem Einzug ins gelobte Land Kanaan als Bestandteile der (schriftlichen) Tora von Mose selbst übergeben worden sein sollen (MEL I, 1):Vgl. Johann Maier, Kriegsrecht und Friedensordnung in jüdischer Tradition, Stuttgart 2000, S. 215, und Thomas R. Elßner, Josua und seine Kriege in jüdischer und christlicher Rezeptionsgeschichte, Stuttgart 2008, S. 172.

„Drei Gebote sind Israel zur Zeit des Eintritts ins Land befohlen worden: (1) Sich einen König zu ernennen, denn es heißt (Dtn 17,15a): Du sollst über dich setzen einen König; (2) die Nachkommenschaft Amaleks auszurotten, denn es heißt (Dtn 25,19c): Du sollst austilgen das Andenken Amaleks; (3) einen Tempel ('Haus der Erwählung') zu bauen, denn es heißt (Dtn 12,5d.e): um dort (Seinen Namen) wohnen zu lassen. Dorthin sollst du kommen.Elßner (Josua, S. 172 Fn. 685) stellt zwar richtig fest, dass auch die von Johann Maier, der fälschlicher Weise Ex 24,8 als Referenz angibt, wohl intendierte Stelle Ex 25,8 schon aufgrund ihres abweichenden Wortlauts nicht in Frage kommt, sondern ausschließlich Dtn 12,5. Dennoch übernimmt Elßner Maiers "Übersetzung": „Und sie sollen mir ein Heiligtum machen...“ (vgl. Ex 25,8 EÜ)!“

Maimonides greift hier die bereits in seinem Sefer ha-Mitzwot ("Buch der Gebote"; abgekürzt: ShM) erwähnten und kommentierten Toragebote 20 (an 3. Stelle), 173 (an 1. Stelle) und 188 (an 2. Stelle) auf und bringt sie, unter Berufung auf den Bavli-Traktat SanhedrinSanhedrin 20b; vgl. L. Goldschmidt, Babylon. Talmud, Band 8, Frankfurt am Main 1996, S. 535: „Es wird gelehrt: R. Jose sagte: Drei Gebote wurden den Jisraéliten bei ihrem Einzuge in das Land auferlegt: einen König einzusetzen, die Nachkommen Amaleqs auszurotten und den Tempel zu bauen.“, in eine bestimmte Reihenfolge, deren Schriftgemäßheit er im unmittelbar folgenden Abschnitt (MEL I, 2) nachzuweisen versucht:Vgl. Maier, Kriegsrecht, S. 216. Dies scheint insbesondere deshalb nötig gewesen zu ein, da Maimonides in ShM bei allen drei Geboten den Kommentar des Midrasch Sifre Deuteronomium (§ 67) zu Dtn 12,10 („Wenn ihr aber über den Jordan gezogen seid und euch in dem Lande niedergelassen habt, welches euch Jahwe, euer Gott, zum Erbbesitz geben will...“) angeführt hatte, in dem die Ausrottung der Amalekiter und die Erbauung des Tempels in umgekehrter Reihenfolge stehen. „Die Ernennung eines Königs geht den Kriegen gegen Amalek voran; denn es heißt (1 Sam 15,1.3): Mich hat der H(err) gesandt, um dich zum König zu salben, nun geh hin und schlage Amalek. Und die Ausrottung Amaleks geht dem Tempelbau voran, denn es heißt (2 Sam 7,1-2): Und es geschah, als der König in seinem Palast saß, und der H(err) ihm Ruhe verschafft hatte vor all seinen Feinden ringsum, da sagte der König zum Propheten Natan: Ich sitze in einem Zedernhaus...“

Die drei - in ShM bereits erwähnten und kommentierten - Amalek betreffenden Gesetze fasst Maimonides in der Mischne Tora (MEL V, 5) folgendermaßen zusammen:Vgl. Maier, Kriegsrecht, S. 224-225; Rechtschreibung angepasst. „Desgleichen ist es ein Gebot, das Andenken Amaleks auszutilgen, denn es heißt (Dt 25,19): Du sollst bestimmt austilgen das Andenken Amaleks [ShM, Gebot 188]. Und es ist ein Gebot [ShM, Gebot 189], ständig an seine bösen Taten zu denken und an seine Hinterhältigkeit, um seine Feindschaft [die Feindschaft gegen ihn] wach zu halten, denn es heißt (Dt 25,17): Denke daran, was dir Amalek angetan hat. Aus der Überlieferung lernte man: denke - mündlich, vergiss nicht - im Herzen. Denn es ist verboten [ShM, Verbot 59], seine Feindschaft und seinen Hass [= die Feindschaft gegen ihn und den Hass gegen ihn] zu vergessen.“