mini|Philipp Scheidemann (ca. 1918) Philipp Heinrich Scheidemann (* 26. Juli 1865 in Kassel; † 29. November 1939 in Kopenhagen) war ein deutscher sozialdemokratischer Politiker und Publizist, der heute vor allem wegen der Ausrufung der Republik in Deutschland am 9. November 1918 in Erinnerung ist.
Im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts, zur Zeit des Kaiserreichs und der Weimarer Republik, war Scheidemann einer der herausragenden Protagonisten der SPD. Während der Novemberrevolution verkündete er von einem Balkon des Reichstagsgebäudes aus den Zusammenbruch der Monarchie und proklamierte die „Deutsche Republik“. Anfang 1919 wählte ihn die in Weimar tagende Nationalversammlung zum Reichsministerpräsidenten. Wegen seiner Weigerung, den Versailler Vertrag zu unterzeichnen, trat er aber noch im selben Jahr zurück. Anschließend war er bis 1925 Oberbürgermeister seiner Geburtsstadt Kassel.
Leben Frühe Jahre Philipp Scheidemann entstammte einer Handwerkerfamilie. Seine Eltern waren der Kasseler Tapezier- und Polsterermeister Friedrich Scheidemann und dessen Ehefrau Wilhelmine, geborene Pape. Die Familie lebte in der Michelsgasse nahe beim Altmarkt. Die Gasse mit dem Geburtshaus wurde im Oktober 1943 durch einen Bombenangriff zerstört. In Kassel besuchte er Volks-, Bürger- und Realschule. Nach seiner Schulausbildung absolvierte er von 1879 bis 1883 eine Lehre zum Schriftsetzer und Buchdrucker. Bis zu seinem dreißigsten Lebensjahr arbeitete er im Buchdruckergewerbe als Schriftsetzergehilfe und „Faktor“ (Schriftsetzmeister) in der Druckerei der Gebr. Gotthelft in Kassel, die u. a. das Casseler Tageblatt herausgab.
Bereits 1883 war Scheidemann als überzeugter Sozialist in die wegen Bismarcks Sozialistengesetzen verbotene SPD eingetreten. Dazu hatte er sich dem freigewerkschaftlichen Buchdruckerverband angeschlossen. Zwischen 1888 und 1895 war er ehrenamtlicher Gauvorstand des Buchdruckerverbands in Marburg. Dort bildete er sich teilweise auch an der Universität fort. Der dort lehrende Philosoph Hermann Cohen soll ihn dabei nachhaltig beeindruckt haben.Flemming: Männer der Revolution. S. 55
1889 heiratete Scheidemann in Kassel Johanna Dibbern (1864–1926). Aus dieser Ehe gingen die Töchter Lina (1889–1933), Liese (1891–1955) und Hedwig (1893–1935) hervor.
Ab 1895 gab er seinen erlernten Beruf auf und wurde für verschiedene sozialdemokratische Zeitungen tätig. Zunächst arbeitete er als Redakteur für die Mitteldeutsche Sonntagszeitung in Gießen, ab 1900 für die Fränkische Tagespost in Nürnberg, von 1902 an für das Offenbacher Abendblatt (Offenbach am Main) und schließlich seit 1905 für das Casseler Volksblatt in seiner Heimatstadt.
Neben politischen Artikeln veröffentlichte Scheidemann dort unter dem Pseudonym Henner Piffendeckel sonntäglich ab 1909 auch Glossen, die „Mundartliche Geschichderchen“ betitelt waren. Harald Jähner nennt ihn eine notorische Frohnatur.Harald Jähner: Höhenrausch. Das kurze Leben zwischen den Kriegen. Rowohlt Verlag, Reinbek 2024, ISBN 978-3-499-00880-1, S. 22. Zudem publizierte er mehrere Bücher in Kasselänerisch (Kasseler Mundart).
Aufstieg in Partei und Reichstagsfraktion mini|Berliner Gedenktafel am Haus Lenbachstraße 6a in Berlin-Steglitz Bei der Reichstagswahl 1903 zog Scheidemann erstmals in den Reichstag des Kaiserreiches ein (Wahlkreis Düsseldorf 3 (Stadt Solingen und Landkreis Solingen)). Bei den Reichstagswahlen im Januar 1907 und im Januar 1912 wurde er wiedergewählt. Von 1906 bis 1911 nahm er zudem ein Mandat als Stadtverordneter seiner Heimatstadt Kassel wahr. Als er 1911 in den Parteivorstand gewählt wurde, dem er bis 1918 angehörte, legte er sein kommunales Mandat nieder, weil die Wahl mit dem Umzug nach Berlin verbunden war. Nach dem Tod von August Bebel (1913) übernahm Scheidemann gemeinsam mit Hugo Haase den Vorsitz der SPD-Fraktion. Diese Position bekleidete er bis 1918. Als erster Sozialdemokrat wurde Scheidemann 1912 zu einem der Vizepräsidenten des Reichstages gewählt. Da er aber den Antrittsbesuch beim Kaiser, das seit jeher in der Partei verpönte „zu Hofe gehen“, verweigerte, konnte er das Amt nicht antreten.Thomas Nipperdey: Deutsche Geschichte 1866–1918. Machtstaat vor der Demokratie. C. H. Beck, München 1992, ISBN 3-406-34801-7, S. 748. Erst von Juni bis Oktober 1918 übte er das Amt tatsächlich aus.
Im Gegensatz zu Friedrich Ebert verfügte Scheidemann über rhetorisches Talent; er konnte vor großen Massenversammlungen wie auch vor einem kleinen Publikum überzeugend reden. Wilhelm Keil, Freund und Parteigenosse der beiden, beschreibt den Unterschied zwischen den beiden Führungspersonen der SPD so, dass Scheidemann im Gegensatz zum „immer ernst, würdig und energisch“ auftretenden Ebert ein „glänzender Rhetoriker mit ein wenig burschikosen Manieren“ gewesen sei, „die zuweilen Zweifel zuließen, wieviel Prozent des scheinbar heiligen Feuers auf das Konto der Theatralik zu überschreiben seien“.Wilhelm Keil: Erlebnisse eines Sozialdemokraten. Band 2, DVA, Stuttgart 1948, S. 171.
Scheidemanns bürgerliche Umgangsformen, sein Sinn für Humor, seine durch nichts zu erschütternde Frohnaturso sein langjähriger Weggefährte und Parteivorsitzender Hermann Müller: Müller-Franken: November-Revolution. S. 78. verschafften ihm auch Anerkennung über die Grenzen der Partei hinaus. Sein Politikstil wird als eher pragmatisch dargestellt. Aussichtslosen Konflikten sei er nach Möglichkeit aus dem Weg gegangen. Er habe sich erst dann für eine Sache eingesetzt, wenn absehbar war, dass er damit Erfolg haben würde.Winkler: Weimar. S. 72.
Vor dem Ersten Weltkrieg galt Scheidemann, der als regelmäßiger Redner zu Haushalts- und Heeresfragen eine gewisse Distanz zur offen revisionistischen Minderheit der Reichstagsfraktion wahrte, eher als Vertreter des sogenannten Parteizentrums. Als er 1912 im Reichstag scharfe Angriffe gegen die Hohenzollern richtete, verließen Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg und die anwesenden Mitglieder des Bundesrates aus Protest den Saal.Flemming: Männer der Revolution. S. 56.
Mehrfach vertrat Scheidemann die deutsche Sozialdemokratie bei Kongressen im Ausland. Werbereisen führten ihn nach Frankreich, in die Schweiz und die USA.Philipp Scheidemann: Memoiren eines Sozialdemokraten, Erster Band, Sechster Abschnitt, S. 113ff. (Google Books).
Großes öffentliches Aufsehen erregte eine 1912 von Scheidemann in Paris gehaltene Rede, die in Deutschland in entstellender Form veröffentlicht wurde, um ihn und Sozialdemokraten allgemein als „Vaterlandsverräter“ zu diffamieren. In einer Reichstagsdebatte am 3. Dezember 1912 sah sich Scheidemanns Parteifreund Eduard David veranlasst, den tatsächlichen Wortlaut der inkriminierten Aussagen Scheidemanns wiederzugeben:
Erster Weltkrieg Während des Ersten Weltkriegs vertrat Scheidemann eine mittlere Linie zwischen dem rechten und linken Parteiflügel. Grundsätzlich unterstützte er die Bewilligung der Kriegskredite. Aber Scheidemann wandte sich gegen die Propaganda für einen Siegfrieden und trat für einen Verständigungsfrieden ohne Annexionen ein. Seine Äußerung „Was französisch ist, soll französisch bleiben, was belgisch ist, soll belgisch bleiben, was deutsch ist, soll deutsch bleiben“Zit. nach Flemming: Männer der Revolution. S. 57. wurde von militaristisch-nationalistischen Kreisen als Hochverrat bezeichnet. Insbesondere Vertreter der Vaterlandspartei kündigten an, dass sie Scheidemann „aufhängen“ wollten.Keil: Erinnerungen. Band 1, S. 440.
Bereits im Januar 1915 hatte Scheidemann sich über Elemente in der SPD empört, die das Wort Vaterland nicht hören könnten. Vorangegangen war der demonstrative Bruch der Fraktionsdisziplin durch Karl Liebknecht, dessen Verteidigung durch Haase und zahlreiche Sympathiebekundungen dafür aus der eigenen Partei.Keil: Erinnerungen. Band 1, S. 323. Das Konzept eines Verständigungsfriedens („Scheidemannplan“) konnte den Bruch und die Entstehung der USPD nicht mehr verhindern. Auch die Solinger SPD-Wahlkreisorganisation trat zur USPD über und forderte Scheidemann – ohne Erfolg – auf, das Reichstagsmandat niederzulegen. Seit Oktober 1917 (Würzburger Parteitag, 14.–20. Oktober) war Scheidemann neben Friedrich Ebert Parteivorsitzender der SPD.
Angesichts der kriegsbedingten Verschärfung der sozialen Not der Arbeiterschaft drängte die SPD seit Anfang 1917 vehement auf die Einlösung der politischen Neuordnungsversprechen. Zwischen Scheidemann, Conrad Haußmann und Gustav Stresemann begannen Verhandlungen zur Bildung einer „linken“ Parlamentsmehrheit mit dem Ziel der Parlamentarisierung des Reiches. Dabei kam Scheidemann den bürgerlichen Parteien insoweit entgegen, als er meinte, sich ein parlamentarisches System notfalls auch mit einem Monarchen an der Spitze vorstellen zu können.Wilfried Loth: Das Kaiserreich. Obrigkeitsstaat und politische Mobilisierung. München 1996, ISBN 3-423-04505-1, S. 153. Ein Ergebnis dieser Verhandlungen war die Friedensresolution des Reichstags vom 19. Juli 1917. Zuvor leitete er im Juni 1917 die Delegation der MSPD bei der erfolglosen internationalen sozialistischen Konferenz in Stockholm.
Um eine Radikalisierung im Inneren zu verhindern, traten Scheidemann, Ebert und Otto Braun bei den Januarstreiks von 1918 in die Streikleitung ein. Dies brachte ihnen den Hass der politischen Rechten ein.Nipperdey S. 847.
Am Sturz der Regierung Hertling (unter Georg von Hertling) war Scheidemann als Fraktionsvorsitzender und führende Person seiner Partei im interfraktionellen Ausschuss nicht unwesentlich beteiligt. Über das weitere Vorgehen gab es zwischen ihm und Ebert indes unterschiedliche Meinungen. Als Politiker der Fortschrittlichen Reichspartei den Prinzen Max von Baden als Reichskanzler ins Gespräch brachten, meinte Scheidemann, den Sozialdemokraten könne nicht zugemutet werden, einen Prinzen an die Spitze der Regierung zu stellen. Auch der Regierungsbeteiligung der Sozialdemokraten „im Augenblick der schlimmsten Verhältnisse“ stand Scheidemann noch am 3. Oktober 1918 ablehnend gegenüber. Es war Friedrich Ebert, der die Mehrheit der Fraktion schließlich dazu brachte, dem Eintritt der SPD in das Kabinett zuzustimmen.Heinrich August Winkler: Weimar 1918–1933. Die Geschichte der ersten deutschen Demokratie. Verlag Beck, München 1998, ISBN 3-406-44037-1, S. 24.
Trotz seiner Vorbehalte wurden Scheidemann und andere führende Politiker der Parlamentsmehrheit Staatssekretäre ohne Portefeuille im Kabinett Baden. Diese waren die eigentlichen politischen Entscheidungsträger; Max von Baden repräsentierte vor allem nach außen.Loth: Das Kaiserreich. S. 164. Scheidemann veranlasste als Regierungsmitglied eine Amnestie politischer Gefangener. Insbesondere setzte er persönlich gegen den Widerstand von Kriegsministerium und Militärgerichtsbarkeit, wie auch gegen Bedenken des Reichskanzlers, die Freilassung von Karl Liebknecht durch.Flemming: Männer der Revolution. S. 57. Hermann Müller-Franken: Die November-Revolution. S. 276.
Ausrufung der Republik
mini|hochkant|links|Ausrufung der Republik am 9. November 1918: Philipp Scheidemann spricht vom Westbalkon des Reichstagsgebäudes aus. Angesichts des bevorstehenden militärischen Zusammenbruchs und der drohenden revolutionären Entwicklung erklärte Scheidemann am 5. November 1918, er hoffe, dass die Front gehalten werden könne. Der Bolschewismus erscheine ihm als größere Gefahr als der äußere Feind. Damit stimmte er mit der Obersten Heeresleitung überein. Den an jenem Tag von der Reichsregierung vollzogenen Abbruch der Beziehungen zur Sowjetunion führten kommunistische Propaganda und Geschichtsschreibung später auf Scheidemann zurück und erklärten ihn zum „Urheber der antisowjetischen und gegen den Spartakusbund gerichteten Provokation“.Pätzold: Scheidemann. S. 602.