Cécile Régine Decugis (* 15. Mai 1930 in Marseille; † 11. Juni 2017 in Boulogne-Billancourt) war eine französische Filmeditorin, sowie Regisseurin einiger Kurzfilme. Sie zählt mit ihrer Montage von Werken wie Außer Atem (Regie: Jean-Luc Godard) und Schießen Sie auf den Pianisten (Regie: François Truffaut) zu den bedeutenden Editorinnen der Nouvelle Vague. Ihr engster Kreativ-Partner war der Regisseur Éric Rohmer, für den sie neun abendfüllende Spielfilme montierte, darunter Meine Nacht bei Maud.
Leben und Werk
Politisches Engagement und eigene Regiearbeiten Cécile Decugis setzte sich seit den 1950er Jahren mit den Anliegen und Auswirkungen des algerischen Unabhängigkeitskampfes auseinander. 1956 lud der Regisseur René Vautier sie ein, in dem gerade unabhängig gewordenen Tunesien seinen Kurzspielfilm Goldene Ketten (Anneaux d'or) zu schneiden. Während dieser Zeit drehte Decugis zusammen mit dem tunesischen Produzenten Hédi Ben Khalifa ihre erste Regiearbeit, den 1957 erschienenen Dokumentar-Kurzfilm Les Réfugiés, der die Lebensbedingungen von algerischen Kriegsflüchtlingen entlang der algerisch-tunesischen Grenze zeigt. Der Film war eine Auftragsarbeit der tunesischen Regierung. Er wurde der UNO gezeigt, als Tunesien im November 1957 aufgenommen wurde und um Unterstützung zur Lösung seiner Probleme bat.
Am 9. März 1960 wurde Cécile Decugis in Paris verhaftet; zu dem Zeitpunkt arbeitete sie gerade mit Truffaut an Schießen Sie auf den Pianisten. Sie wurde zu fünf Jahren Haft verurteilt, weil sie unter ihrem Namen eine Wohnung für einen Aktivisten der algerischen Unabhängigkeitsbewegung FLN angemietet hatte. Während ihrer Zeit im Gefängnis von La Roquette unterstützte Truffaut sie finanziell. Nach zwei Jahren wurde sie vorzeitig entlassen.
Im Jahr 2007 fand Decugis das Negativ von Les Réfugiés wieder, allerdings ohne Ton. Sie beschloss, den Film noch mal neu zu konzipieren. Sie nahm eine Sprachebene auf, in der sie die inzwischen über 50 Jahre alten dokumentarischen Bilder als teilweise manipulativ kritisierte. Die Überarbeitung des Films bekam den Titel La Distribution de Pain und wurde 2011 veröffentlicht.
Sofern man Les Réfugiés und La Distribution de Pain als getrennte Werke zählt, führte Decugis bei insgesamt zehn kurzen und mittellangen Filmen Regie, darunter vier fiktionalen Werken. Ihr letzter Film, René ou le roman de mon père (2016), besteht hauptsächlich aus Familienfotos und der Kommentarstimme von Cécile Decugis. Darin wirft sie einen Blick zurück auf ihre Herkunft, ihre Mutter Paule, und ihren im Alter von 37 an Tuberkulose verstorbenen Vater René.
Cécile Decugis selbst wurde 87 Jahre alt. Im September 2017, wenige Monate nach ihrem Tod, zeigte die Cinémathèque française eine Werkschau ihrer Regiearbeiten, die sie noch zu Lebzeiten zusammen mit Nicole Brenez konzipiert hatte. 2018 widmete das italienische Festival Il Cinema Ritrovato ihren Regiearbeiten ebenfalls eine Werkschau, die von Garance Decugis und Bernard Eisenschitz kuratiert wurde.
Filmografie (Auswahl) Montage Wo nicht anders ausgewiesen, handelt es sich um einen Kinospielfilm. 1957: Die Unverschämten (Les Mistons) – Kurzspielfilm, Regie: François Truffaut 1958: Goldene Ketten (Les Anneaux d'or) – Kurzspielfilm, Regie: René Vautier 1958: Charlotte und ihr Kerl / Monolog für zwei (Charlotte et son Jules) – Kurzspielfilm, Regie: Jean-Luc Godard 1959: Alle Jungen heißen Patrick (Charlotte et Véronique ou Tous les garçons s’appellent Patrick) – Kurzspielfilm, Regie: Jean-Luc Godard 1960: Außer Atem (À bout de souffle) – Regie: Jean-Luc Godard 1960: Schießen Sie auf den Pianisten (Tirez sur le pianiste) – Regie: François Truffaut 1963: Cuixart, permanencia del barroco – kurzer Dokumentarfilm, Regie: Jean-André Fieschi 1966: Brigitte und Brigitte (Brigitte et Brigitte) – Regie: Luc Moullet 1968: Les Contrebandières – Regie: Luc Moullet 1969: Meine Nacht bei Maud (Ma nuit chez Maud) – Regie: Éric Rohmer 1970: Claires Knie (Le genou de Claire) – Regie: Éric Rohmer 1971: Sklavin der Wollust (La Débauche) – Regie: Jean-François Davy 1972: Le Seuil du vide – Regie: Jean-François Davy 1972: L'Italien des Roses – Regie: Charles Matton 1972: Die Liebe am Nachmittag (L'Amour l'après-midi) – Regie: Éric Rohmer 1975: Dreyfus ou L'intolérable vérité – Dokumentarfilm, Regie: Jean Chérasse 1975: Lily, hab mich lieb (Lily aime-moi) – Regie: Maurice Dugowson 1975: Il pleut sur Santiago – Regie: Helvio Soto 1976: Die Marquise von O. (La Marquise d’O…) – Regie: Éric Rohmer 1976: Goldflocken – Experimentalfilm, Regie: Werner Schroeter 1978: Perceval le Gallois – Regie: Éric Rohmer 1978: La Prise du pouvoir par Philippe Pétain – Dokumentarfilm, Regie: Jean Chérasse 1981: Die Frau des Fliegers (La Femme de l'aviateur) – Regie: Éric Rohmer 1982: Die schöne Hochzeit (Le Beau Mariage) – Regie: Éric Rohmer 1983: Pauline am Strand (Pauline à la plage) – Regie: Éric Rohmer 1984: Vollmondnächte (Les Nuits de la pleine lune) – Regie: Éric Rohmer 1989: Natalia – Regie: Bernard Cohn 1993: Parpaillon – Regie: Luc Moullet
Regie 1957: Les Réfugiés – kurzer Dokumentarfilm, Regie zusammen mit Hédi Ben Khalifa 1965: Le Passage – mittellanger Spielfilm 1984: Italie aller retour – mittellanger Spielfilm 1985: Une soirée perdue – Kurzspielfilm 1986: Edwige et l'amour – Kurzspielfilm 1999: Paris Hiver 1986–1987 – kurzer Dokumentarfilm 1999: La grève de la batellerie, Paris, été 1985 – kurzer Dokumentarfilm 2009: Renault-Seguin, la fin – mittellanger Dokumentarfilm 2011: La Distribution de pain – kurzer Dokumentarfilm, Neu-Konzeption von Les Réfugiés 2016: René ou le roman de mon père – Dokfilm-Essay
Schnittassistenz 1959: Sie küßten und sie schlugen ihn (Les Quatre Cents Coups) – Regie: François Truffaut
Weblinks
Einzelnachweise
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