Der Bahnhof Jad Mordechai () war ein Bahnhof der Rakkevet Israel (RI) für Passagiere und Güter an der Sinai-Bahn, der seit 1950 nach dem nördlich anliegenden Ort Jad Mordechai benannt ist. Die Station eröffnete im April 1917 als militärischer Halt der osmanischen Militärbahn at-Tina–Bayt Hanun, den die Palestine Military Railways (PMR) im November des Jahres übernahmen.
Deren Nachfolger, die zivilen Palestine Railways (PR), eröffneten 1920 den fahrplanmäßigen Bahnbetrieb, wozu sie den Halt nach dem benachbarten Dorf Dayr Sunayd, heute eine Wüstung, benannten. Der Reisezugverkehr in Jad Mordechai endete im Oktober 1973, den Güterverkehr stellte die RI hier im August 2005 ein. Seither liegen Gebäude und Gleise still.
Lage Die Station liegt im Mischor Pleschet () und gehört politisch zu Jad Mordechai im Küstenstreifen Chof Aschqelon entlang des Mittelmeers. Von der Haupt-Landesstraße 4 (Kvīsch Arzī Roschī ) besteht eine 500 Meter lange Zufahrt vorbei an der Wüstung Dayr Sunayd.
Der Bahnhof befindet sich neben der Wüstung Dayr Sunayd auf einer unregelmäßig geformten Landzunge zwischen den Flüssen Nachal Schiqmah (; 100 m südlich des Bahnhofs) und Nachal ʿOved (; 500 m nördlich davon),NN ,“”, auf: ; abgerufen am 9. Dezember 2023. kurz bevor dieser in ersteren mündet, was den Dampflokomotiven die Wasserzufuhr sicherte. Jad Mordechai liegt in der Luftlinie anderthalb Kilometer nördlich, jedoch zweieinhalb Kilometer Wegs. Gleich sind die Entfernungen zum 1973 gegründeten, westlich gelegenen Moschav Netiv haʿAssarah ().
mini|Luftbild 1917 von Dayr Sunayd und Militärbasis zwischen Landstraße (li.) und Sinai-Bahn (re.) mit Abzweig Richtung Hudsch
Geschichte Die Station eröffnete im April 1917 als militärischer Halt der osmanischen Militärbahn at-Tina–Bayt Hanun an deren Verzweigung nach (al-)Hudsch ().Ammiram Oren (), “” (31. März 2017), auf: ; abgerufen am 10. Dezember 2023. Friedrich Kreß von Kressenstein ließ die Bahn errichten, um Nachschub an die Palästinafront für die Streitkräfte der Mittelmächte dort (Levante-Korps, Osmanische Armee und Österreich-Ungarns Truppen in Palästina) zu bringen. Im November des Jahres, nach der für die Triple Entente siegreichen Dritten Schlacht um Gaza übernahmen die Palestine Military Railways (PMR) etwa zehn Kilometer der osmanischen Strecke zwischen Bayt Hanun, ihrem südlichen Ende, und Beit Schiqmah, und ließen zwangsrekrutierte Männer des Egyptian Labour Corps (ELC) sie von Schmal- auf Normalspur umspuren, um diesen Trassenabschnitt so in die Sinai-Bahn einzubeziehen. Die Umspurung erreichte Dayr Sunayd am 28. November des Jahres.
Die schmalspurige Stichstrecke nach Hudsch hatte ihre Bedeutung verloren, nachdem die Egyptian Expeditionary Force am 8. November 1917 die dort liegende Heeresgruppe Yıldırım nach Norden verdrängt hatte, und wurde aufgegeben. Die Sinai-Bahn verläuft weithin parallel zur historischen Landstraße entlang der Küste (Via Maris; heute , ). Die Sinai-Bahn verband al-Qantara via Gaza und Rechovot mit Lod.
mini|Ehrenmal mit Schahāda für zu Tode gekommene Ägypter des ELC, im Hintergrund Jad Mordechai, 2018 Die Briten erweiterten den osmanischen Stützpunkt zu einer großen Militärbasis. Nördlich des Bahnhofs etwa 120 m jenseits des Nachal ʿOved befindet sich ein Gemeinschaftsgrab, an dem ein Ehrenmal von 1925 an 192 zwangsrekrutierte, namenlose Ägypter im Dienst des ELC erinnert, die beim Bahnbau verunglückt, den unsäglichen Arbeits- und Lebensbedingungen erlegen oder bei Beschuss durch die Mittelmächte zu Tode gekommen sind.Josef Elgasi (), “” (15. Januar 2003), auf: ; abgerufen am 10. Dezember 2023.
Mit der Übernahme des im Mandatsgebiet Palästina gelegenen Streckennetzes aus den Händen von PMR, osmanischer Militärbahn und Hedschasbahn in jene der zivilen PR im Oktober 1920 nahmen diese am 1. November des Jahres den fahrplanmäßigen Reise- und Güterverkehr auf, wozu sie dem Halt in den drei Amtssprachen des Mandatsgebiets Palästina die Namen und beilegten.
In den frühen 1920er Jahren nahm der Verkehr stark ab, weshalb im zweigleisigen Abschnitt der Sinai-Bahn zwischen al-Qantara und Rafah in den Jahren 1923/1924 eins der beiden Gleise abgebaut wurde. Laut Fahrplan ab 15. Oktober 1934 bedienten vier Reisezüge am Tag, zwei je Richtung den Bahnhof Deir Suneid, davon je Richtung einer zwischen al-Qantara und Lod und je Richtung einer darüber hinaus bis bzw. schon ab Haifa. Während des Arabischen Aufstands in Palästina 1936–1939 lagerte das 2. Bataillon des King’s Own Royal Regiment (Lancaster) ab 1938 bei Dayr Sunayd, um die Bahnstrecke vor arabischen Akten der Sabotage und der Terrors zu schützen.NN, “Album: Palestine, 2nd Battalion, King's Own Royal Regiment, 1938-39, Page One”, auf: King’s Own Royal Regiment Museum Lancaster; abgerufen am 11. Dezember 2023. In 15 Minuten erreichte die Bahn den Bahnhof Gaza im Süden, die nächste Station im Norden, , ,Der arabische Name lautete vollständig , nunmehr die Stadt Aschqelon. lag 19 Minuten Zugfahrt entfernt.So im Fahrplan, der ab 1. Mai 1944 galt.
Im Zweiten Weltkrieg erhöhten sich Frachtaufkommen und Passagierzahlen erheblich vor allem die Bewegungen von Militärpersonen und Kriegsmaterial. Palästinas moderne Industrie belieferte über die Sinai-Bahn britische Streitkräfte an der Nordafrikafront in Italienisch-Libyen oder ab dem Sueskanal weiter per Schiff zu Schauplätzen des Pazifikkrieges, per Jesreʿeltalbahn zur Niederschlagung des Militärputsches von Nazi-Sympathisanten im Irak 1941 oder per HBT-Linie in die französischen Mandatsgebiete Syrien und Libanon, um sie nach dem Syrisch-Libanesischen Feldzug dem Einfluss des Nazi-abhängigen Vichy-Regimes vorzuenthalten. Militärpersonen fuhren von Einsätzen per Sinai-Bahn zu Ausbildung, Erholung oder Genesung nach Palästina mit seinen Militärbasen, medizinischen und touristischen Einrichtungen modernsten Standards.
In der Nähe des Bahnhofs unterhielt die British Army während des Zweiten Weltkriegs ein großes Trainingslager mit Munitionsdepot. Aber auch das 2 Korpus Polski hatte einige Militärbasen entlang der Sinai-Bahn, wie diejenige der polnischen 3. Karpaten-Schützendivision im Camp Kilo 89 (ab 1943 mit deren Hauptquartier; 10,1 km südlich des Bahnhofs) bei Dschabaliya, 1942 ein Camp für polnische Pioniere in Bayt Dschirdscha (, vier Kilometer nördlich des Bahnhofs) oder ein weiteres für polnische Artillerie in Barbara (, heute Mavqiʿim, sechs Kilometer nördlich). Auf der eingleisigen Sinai-Bahn stockte der rege Betrieb, weshalb 1941 die PR 22 Abschnitte zweigleisig ausbauten, darunter auch in Dayr Sunayd, wo Züge sich ausweichen konnten.Walter Rothschild, Arthur Kirby and the last years of Palestine Railways: 1945–1948, Berlin: Selbstverlag, 2009, zugl. King’s College Diss., 2007, Seite wie gesondert angegeben. .
Von den zahllosen gegen Reisende, Personal, Züge und Anlagen der Palestine Railways gerichteten Terror- und Sabotageakten von Seiten jüdischer Palästinenser (vor allem zwischen 1946 und 1948) und arabisch-nichtjüdischer Palästinenser (zuerst 1936 bis 1939 und wieder zwischen 1946 und 1948) war Dayr Sunayd nur insofern betroffen, dass mutwillig herbeigeführte Gleisschäden andernorts (wie das Eisenbahn-Attentat von Rechovot, 29. Februar 1948) Betriebsunterbrechungen auf Abschnitten der Sinai-Bahn nach sich zogen. Vom 15. bis 25. April legte ein Eisenbahnerstreik um höhere Saläre den Betrieb lahm, ausgenommen Güterzüge mit Lebensmitteln und Brennstoff.
Der Beschluss der UN-Mitglieder vom 29. November 1947, im Mai 1948 das Mandatsgebiet zu teilen, sah die Gründung eines arabischen und eines jüdischen Staates vor. Nach dem UN-Teilungsplan sollten Dayr Sunayd und Jad Mordechai Teil des zu gründenden arabischen Staates sein. Der Teilungsplan sah vor, dass jeder wohnen bleiben könne, wo er bereits lebte, wer nach der Teilung im Staat der jeweils anderen ethnischen Prägung seine Heimat hatte, sollte in den Genuss des Minderheitenschutzes kommen.
Für den Fall der Gründung eines Staates für Juden – neben einem für nichtjüdische Araber – kündigten fünf arabische Nachbarstaaten die Invasionen ihrer Streitkräfte an,Diese fünf Staaten waren das Königreich Ägypten, das Königreich Irak, der Libanon, Syrien und Transjordanien. um die Gründung Israels militärisch zu unterbinden bzw. rückgängig zu machen. Im Vorlauf zur angekündigten arabischen Invasion mühten sich die Parteien im Lande – einerseits antizionistische überwiegend nichtjüdische und zionistische überwiegend jüdische Palästinenser andererseits – darum, auch mit Gewalt Positionen und Posten einzunehmen bzw. zu halten, die im bevorstehenden Krieg strategisch wichtig erschienen, was sich zum Bürgerkrieg zwischen arabischen und jüdischen Palästinensern auswuchs.
Die PR evakuierten derweil britisches Militär- und Zivilpersonal per Bahn aus Palästina oder in den Hafen von Haifa, von wo es dann über See außer Landes ging. Die letzte, teils vorschüssige Lohnzahlung vor Mandatsende besorgten die PR aus ihrem Zahlmeisterzug heraus, der am 20. April 1948 in Dayr Sunayd hielt. Mit dem Abzug der Briten aus Mandats-Palästina passierte am 13. Mai 1948 letztmals ein Zug der PR den Bahnhof gen Ägypten. Am 14. Mai verlas David Ben Gurion öffentlich die Erklärung der Unabhängigkeit Israels.
Tags darauf, am 15. Mai, überschritt die ägyptische Armee die palästinensische Grenze, um den Staat Israel zu beseitigen und begann so den Krieg um Israels Unabhängigkeit. Dem gegen Jad Mordechai geführten ägyptischen Angriff hielten die Verteidiger des Kibbuzes im Häuserkampf vom 24. bis 29. Mai 1948 stand, dann flohen sie und die übrigen Kubbuzniks über Gvarʿam und reihten sich in die Scharen der Flüchtlinge dieses Krieges ein,Avraham Lewensohn (; 1923–1986), Reiseführer Israel mit Straßenkarten und Stadtplänen [‹Israel Tourguide›, 21979; dt.], Miriam Magall (Übs.), Tel Aviv-Jaffa: und Tourguide, 1982, S. 405. Keine ISBN. wie vorher schon die Einwohner Nirims. Inzwischen hoben die Israelis aus der jüdischen Bevölkerung des Staates von 650.000 Personen mit knapp 30.000 Mann ebenso viele Soldaten aus, wie ihnen im Krieg in Form arabischer Armeen mit dahinter stehenden 30 Millionen Einwohnern entgegenstanden.
mini|Bahnbrücke über den Schiqmah, Ende Oktober 1948 zerstört durch die Jiftach-Brigade Im Zuge von Zahals Operation Joʾav drängte die Jiftach-Brigade ab 15. Oktober 1948 ägyptische Streitkräfte in Richtung ihres Landes zurück. An den ersten zwei Tagen wurde Dayr Sunayd aus der Luft bombardiert. Dabei zerstörten Einschläge drei der vier Bögen der Bahnbrücke über den Schiqmah (Wadi al-Ḥassi) südlich der Bahnhofs. Die Jiftach-Brigade befreite Jad Mordechai und besetzte Dayr Sunayd, vermutlich Ende des Monats. Die Grüne Linie, wie sie Ägypten und Israel im Waffenstillstand vom 24. Februar 1949 festgelegt hatten, trennt die Sinai-Bahn knapp zwei Kilometer südlich vom Bahnhof Jad Mordechai.