400px|mini|Standorte der diplomatischen Vertretungen Indiens 400px|mini|Staaten mit diplomatischen Vertretungen in Indien Die Außenpolitik Indiens beruht auf einer Reihe von Grundprinzipien, welche auch von Indiens historischen Erfahrungen als ehemaliger Kolonie geprägt sind. Zu den Grundlagen indischer Außenpolitik gehören die gegenseitige Achtung der Souveränität und der Nichtinterventionismus. Indien vertritt außerdem bereits seit seiner Unabhängigkeit das Prinzip der Blockfreiheit und möchte sich keinen einseitig ausgerichteten geopolitischen Bündnissen anschließen. Stattdessen hat Indien versucht, gute Beziehungen zu einer Reihe von unterschiedlichen Mächten aufzubauen. So hat Indien strategische Partnerschaften sowohl mit Russland als auch mit den USA etabliert und auch enge Beziehungen zu den Staaten im persischen Golf sowie Israel aufgebaut. Stark antagonistisch geprägt sind die Beziehungen Indiens mit dem Nachbarland Pakistan, was am ungelösten Kaschmir-Konflikt liegt. Ebenfalls belastet sind die Beziehungen mit der Volksrepublik China. Gründe dafür sind der anhaltende Grenzkonflikt mit China und dessen enge Partnerschaft mit Pakistan.
Aufgrund seiner großen Bevölkerung und wachsenden Wirtschaftsleistung wird Indien als aufsteigende Macht und potenzielle Supermacht bezeichnet. Das Land spielt eine wachsende Rolle in der internationalen Diplomatie und wird als eine Großmacht eingestuft. Indien fungiert aufgrund seiner guten Beziehungen zu verschiedenen Staaten auch zunehmend als eine Brücke zwischen Ost und West. Indien ist Mitglied von zahlreichen Staatengruppen, darunter u. a. des Commonwealth of Nations, der BRICS, der SAARC, der SCO, der BIMSTEC, der G20 und der Bewegung der Blockfreien Staaten. Als Teil der UNO fordert Indien einen ständigen Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen und tritt für eine Reform des UN-Sicherheitsrats ein. Außerdem bringt Indien in internationalen Organisationen häufig die Belange und Interessen des globalen Südens zur Sprache und spricht sich für eine Reform internationaler Organisationen aus, um dessen Interessen mehr zu berücksichtigen.
Grundlagen indischer Außenpolitik Die fünf Prinzipien der indischen Außenpolitik wurden 1954 bei einem Abkommen zwischen Indien und der Volksrepublik China erstmals förmlich verkündet und später zur Basis des außenpolitischen Handelns. Diese fünf Prinzipien sind:
Gegenseitiger Respekt für die territoriale Integrität und Souveränität des anderen Gegenseitige Nicht-Aggression Nichteinmischung in innere Angelegenheiten Gleichheit und gegenseitiger Nutzen Friedliche Koexistenz.
Sieht Indien jedoch seine grundlegenden nationalen Interessen bedroht, intervenierte es auch im Ausland, so in Bangladesch in den 1970er Jahren oder in Sri Lanka und den Malediven in den 1980er Jahren. Indien spricht sich im Allgemeinen gegen ausländische Interventionen und die Erhebung von Sanktionen aus, wenn diese nicht vom UN-Sicherheitsrat bewilligt worden sind. Als Teil von UN-Friedenstruppen haben indische Truppen an zahlreichen UN-Missionen teilgenommen, wo Inder traditionell das größte Kontingent bilden. Indien schließt sich keinen militärischen Allianzen an und vertritt eine Politik der strategischen Autonomie. Dabei spricht es sich für eine multipolare Weltordnung aus und versucht gute Beziehungen zu allen Großmächten zu verwirklichen. Trotz der demokratischen Ausrichtung seines politischen Systems unterhält Indien auch gute Beziehungen zu Autokratien, wobei es seinen eigenen Interessen die größte Priorität beimisst und sich ausdrücklich gegen den gewaltsamen Export bestimmter Werte und politischer Systeme ausspricht. Das Land sieht sich selbst als Großmacht und regionale Ordnungsmacht, obwohl seine Versuche, eine Einflusssphäre in Südasien aufzubauen, bisher wenig erfolgreich waren. In internationalen Foren möchte das Land aktiv als gestaltende Macht partizipieren und seine eigenen Interessen und die anderer Schwellen- und Entwicklungsländer verteidigen.
Für die Verwirklichung der indischen Außenpolitik ist das Ministerium für auswärtige Angelegenheiten der Republik Indien (Ministry of External Affairs) und dessen diplomatischer Korps (Indian Foreign Service) zuständig. In dem politischen System Indiens ist die Außenpolitik traditionell eine Domäne der Exekutive, was auf die Amtszeit von Jawaharlal Nehru (1947–1964) zurückgeht, der Ministerpräsident und Außenminister in einem war. Das Parlament hat in der Außenpolitik dagegen nur relativ wenige Kompetenzen und internationale Verträge müssen von diesem nicht ratifiziert werden. Eine bedeutende Rolle in der Außenpolitik kommt dagegen der indischen Diaspora zu. Die 20 Millionen Auslandsinder (Non-resident Indian und Person of Indian Origin) sollen dabei auch bei der Verwirklichung der außenpolitischen Ziele des Landes dienen. Gleichzeitig zählt ihr Schutz zu den Hauptzielen der indischen Außenpolitik. Weitere Ziele sind der Schutz des Landes vor äußeren Bedrohungen, der Schaffung einer der Entwicklung Indiens und der Armutsbekämpfung dienlichen internationalen Umwelt und der Sicherung des indischen Einflusses in internationalen Kooperationsforen bei Themen wie Terrorismus, Klimawandel, Abrüstung und der Reform von Institutionen der Global Governance.
Geschichte Die Staaten auf dem indischen Subkontinent unterhielten Handelsbeziehungen und diplomatische Kontakte, welche sich um Jahrtausende zurückverfolgen lassen. So spielten indische Königreiche eine große Rolle bei der Verbreitung des Buddhismus in Asien und die tamilischen Chola verbreiteten den indischen kulturellen Einfluss zwischen dem 9. und 13. Jahrhundert in Südostasien. Von einer einheitlichen indischen Außenpolitik kann allerdings erst seit der Unabhängigkeit Indiens 1947 gesprochen werden.
Außenpolitik der Nehru-Ära 1947–1964 mini|Nehru vor der UN-Generalversammlung (1948) Die erste Regierung des unabhängigen Indiens unter Jawaharlal Nehru unterstützte die Dekolonialisierung Asiens und Afrikas und legte die Grundlagen für die bis heute auf Eigenständigkeit und Souveränität bedachten Außenpolitik des Landes. In der Innenpolitik setzte Indien unter Nehru und seinen Nachfolgern auf einen Dritten Weg zwischen Kommunismus und Kapitalismus mit einer stark regulierten und vom Ausland abgeschotteten Wirtschaft. Indien war Teil der Bandung-Konferenz (1955) und Gründungsmitglied der Bewegung der Blockfreien Staaten, in der Nehrus Indien eine führende Rolle einnahm. Indien blieb ein Mitglied des Commonwealth of Nations und etablierte gute Beziehungen zu den USA, welche Entwicklungshilfe leisteten. Bevorzugter Partner wurde nach dem Tod von Josef Stalin allerdings die Sowjetunion, die Waffen lieferte und ein sehr wichtiger Wirtschaftspartner wurde. Rückschläge für Indien bildete der verlorene Grenzkrieg mit China (1962) und mehrere Kriege mit Pakistan um die Region Kaschmir, die beide Länder zu erbitterten Rivalen machten.
Indira-Doktrin 1965–1989
In der Amtszeit von Indira Gandhi (1966 bis 1977 und 1980 bis 1984) verfolgte Indien eine Strategie der regionalen Vorherrschaft, welche als „Indira-Doktrin“ bekannt wurde. 1971 intervenierte Indien militärisch in den Bangladesch-Krieg, der Bangladesch die Unabhängigkeit von Westpakistan ermöglichte und den größten geopolitischen Rivalen Indiens entscheidend schwächte. Da Pakistan zu diesem Zeitpunkt ein Verbündeter der USA war, verschlechterten sich die Beziehungen zum Westen, während mit der Sowjetunion im August 1971 ein Freundschaftsabkommen unterzeichnet wurde. Auch das Atomprogramm Indiens belastete die Beziehungen mit den USA. Die regionale Rivalität mit Pakistan führte schließlich dazu, dass Indien 1974 offiziell eine Atommacht wurde. Unter Indira und ihrem Sohn Rajiv Gandhi (1984–1989) kam es neben Bangladesch auch zu Interventionen in Sri Lanka (1971, 1987–1990) und den Malediven (1988), welche allerdings das Ziel verfehlten, eine regionale Hegemonie Indiens zu etablieren. Auch die 1985 gegründete Regionalorganisation Südasiatische Vereinigung für regionale Kooperation wurde durch den anhaltenden Konflikt mit Pakistan blockiert, weshalb keine vertiefte regionale Integration in Südasien erreicht werden konnte.
Multi-alignement nach 1990 mini|Treffen der BRICS-Staatschefs (2014)Das Jahr 1990 stellte ein Wendejahr für Indien dar. Durch das Ende des Kalten Krieges und den Zerfall der Sowjetunion verlor Indien seinen bis dahin wichtigsten außenpolitischen Partner. Infolge der auftretenden Krisenerscheinungen wurde die Wirtschaft Indiens liberalisiert und das Land trat der Welthandelsorganisation bei. Gegenüber den Nachbarstaaten wurde das aggressive Vorherrschaftsstreben aufgegeben und eine „Politik der guten Nachbarschaft“ eingeführt. Nachdem die wirtschaftlichen Reformen Wirkung zeigten und das wirtschaftliche Wachstum Indiens sich deutlich beschleunigt hatte, wurde das Land ein zunehmend gefragter internationaler Partner. Belastet blieben dagegen die Beziehungen zu Pakistan mit dem Kargil-Krieg (1999) und einer schweren diplomatischen Krise zwischen beiden Atommächten 2001/02, nachdem Pakistan einen Anschlag auf das Indische Parlament unterstützt hatte. Nach dem Ende der Blockkonfrontation des kalten Krieges ersetzte Indien seine Blockfreiheit durch eine gleichzeitige Vertiefung der Beziehungen zu verschiedenen Mächten (multi-alignment statt non-alignment). Ab 2009 bildete Indien ein Gegengewicht der bisherigen vom Westen dominierten Weltordnung als Teil der BRICS-Staaten, welche in diesem Jahr ihren ersten Gipfel abhielten und ankündigten bei der Errichtung einer multipolaren Weltordnung zusammenzuarbeiten. Unter dem 2014 ins Amt gekommenen Narendra Modi wurde die Act East policy verabschiedet, die eine Intensivierung der in den 1990ern begonnenen Vertiefung der Beziehungen zu Südostasien vorsahen. Unter Modi wurde die strategische Partnerschaft mit den USA intensiviert, welche sich Indien unter Barack Obama und später Donald Trump annäherten. Auch zu vielen Staaten Europas wurden engere Beziehungen etabliert, darunter auch zu Russland unter Wladimir Putin. Zur Volksrepublik China blieben die Beziehungen dagegen belastet und die Grenzkonflikte zwischen beiden Ländern flammten in der Regierungszeit von Xi Jinping als Präsident Chinas neu auf. Unter dem 2017 wiederbelebten Quadrilateral Security Dialogue kooperierte Indien zunehmend mit den pazifischen Demokratien Japan, Australien und USA für einen „freien und offenen Indo-Pazifik“, was auch in Peking registriert wurde. Hoffnungen der westlichen Demokratien Indien in eine engere sicherheitspolitische Allianz einbinden zu können, erhielten allerdings mit der russischen Invasion der Ukraine 2022 einen Rückschlag, als sich Indien weigerte, seine Beziehungen zu Russland einzuschränken und sich den Sanktionen gegen Russland anzuschließen.
Beziehungen zu asiatischen Staaten
Bangladesch Indien war nach Bhutan das zweite Land, das Bangladesch am 6. Dezember 1971 als eigenständigen und unabhängigen Staat anerkannte. Indien kämpfte 1971 an der Seite der Bangladescher für die Befreiung Bangladeschs von Westpakistan im Bangladesch-Krieg und nahm 10 Millionen Flüchtlinge aus dem Land auf. Nach dem Krieg half Indien beim Wiederaufbau von Bangladesch. Mit der Ermordung von Mujibur Rahman 1975 begannen sich die bangladeschisch-indischen Beziehungen allerdings einzutrüben. Streitpunkte bildeten Konflikte über die Nutzung von Wasserressourcen, der Festlegung der Grenze zwischen beiden Staaten und die illegale Migration aus Bangladesch nach Indien. 2002 begann Indien einen Zaun zwischen Indien und Bangladesch entlang eines Großteils der knapp 4000 Kilometer langen Grenze zu errichten. Beide Länder haben ihren Grenzstreit am 6. Juni 2015 beigelegt.
Pakistan