Abū ʿAbdallāh Muḥammad b. ʿAbdallāh b. Ḥamdaweih al-Ḍabbī al-Ḥākim an-Naisābūrī b. Baiyiʿ (; geb. 933; gest. 1014) war ein sunnitisch-schāfi'ītischer Hāfiz (Überlieferungsgelehrter) aus Nischapur (im heutigen Iran). Er gilt als einer der bedeutendsten Gelehrten der Hadith (Prophetenüberlieferungen) des 10. und 11. Jahrhunderts und wirkte zugleich als Fiqh (Rechtsgelehrter) und Qādī (islamischer Richter).J. Robson: al-Ḥākim al-Naysābūrī. In: Encyclopaedia of Islam, 2. Auflage, P. Bearman, Th. Bianquis, C. E. Bosworth, E. van Donzel, W. P. Heinrichs. (Hrsg.) , Erste Online-Publikation: 2012, Erste Druckedition: ISBN 978-90-04-16121-4, 1960–2007
Ein Hadith (arabisch für „Bericht“ oder „Überlieferung“) ist eine überlieferte Aussage, Handlung oder stillschweigende Billigung des Propheten Mohammed. Die Hadithe gelten im Islam neben dem Koran als wichtigste Rechts- und Glaubensquelle. Die Hadithwissenschaft beschäftigt sich mit der Echtheitsprüfung dieser Überlieferungen: Dabei wird zum einen untersucht, ob die Isnād (Überlieferungskette, d. h. die lückenlose Abfolge der Gewährsmänner vom Propheten bis zum Verfasser) zuverlässig ist, und zum anderen, ob der überlieferte Text inhaltlich glaubwürdig erscheint. Ein Hāfiz (arabisch حافظ, „Bewahrer“) bezeichnet im Kontext der Hadithwissenschaft einen Gelehrten, der eine sehr große Zahl von Hadithen und deren Überlieferer auswendig kennt und beurteilen kann – über die bloße Koranmemorierung hinaus.Sezgin, 1967
Leben Al-Hākim wurde 933 in Nischapur, einer bedeutenden Gelehrtenstadt in der Provinz Chorasan (Nordostiran), geboren. Im Alter von zehn Jahren begann er – gemeinsam mit seinem Vater, der den bekannten Hadithgelehrten Muslim ibn al-Haddschādsch persönlich gekannt hatte, und mit seinem Onkel – an Lehrveranstaltungen zur Hadithüberlieferung teilzunehmen. Einige Jahre später studierte er auch bei Ibn Hibban, einem weiteren angesehenen Hadithgelehrten. Im Laufe seines Lebens unternahm al-Hākim ausgedehnte Studienreisen und hörte Vorlesungen in zahlreichen Städten: in Chorasan, im Iraq, in Nasa, wo er zeitweise auch als Qādī (islamischer Richter nach dem islamischen Recht Scharia) tätig war, in Kufa, in Rey, in Hamadan, in Merw sowie im Hedschas (der Region um Mekka und Medina). Insgesamt soll er von fast zweitausend Lehrern unterrichtet worden sein, darunter bedeutende Gelehrte wie al-Dāraqutnī und al-Naddschād.
Eine bekannte Anekdote berichtet, dass al-Hākim den berühmten Dichter Badi' az-Zaman al-Hamadhani, der für sein überragendes Gedächtnis bekannt war, aufforderte, ein Hadithbuch auswendig zu lernen – nachdem al-Hamadhānī einen abfälligen Kommentar über das Memorieren von Hadithen und ihren Überlieferungsketten anstatt von Dichtung gemacht hatte. Al-Hamadhānī scheiterte daran, woraufhin al-Hākim ihn aufforderte, sein Können realistisch einzuschätzen. Al-Hākim war in Nischapur als Lehrer an einer Schule namens Dār-al-Sunna (arabisch für „Haus der Prophetentradition“) tätig. Sein wichtigstes Werk Maʿrifat ʿUlūm al-Hadīth (Kenntnis der Hadithwissenschaften) wurde noch zu seinen Lebzeiten in al-Andalus (dem islamisch regierten Spanien) und in Ägypten als Unterrichtsmaterial verwendet – ein Zeichen seines weit über seine Heimatstadt hinausreichenden Ansehens.
Im hohen Alter verfasste er sein Hauptwerk al-Mustadrak ʿalā al-Sahīhain. Da er es nicht mehr vollständig überarbeiten konnte, enthält es auch schwache oder fehlerhafte Hadithe, was es später zum Gegenstand wissenschaftlicher Kritik machte. Al-Hākim starb 1014 im Alter von 85 Jahren nach einem Bad an einem plötzlichen Tod. Er wurde noch am selben Tag begraben. Sein Totengebet sprach sein Schüler, der Qādī Abū Bakr al-Hīrī. Zu seinen bedeutendsten Schülern gehörten Abū Nuʿaim und al-Baihaqī.Sezgin, 1967Ibn al-Dschauzī, 1996Al-Khatīb, 2002Ayub, 2005Brown, 2007
Theologie Al-Hākim wurde von manchen Zeitgenossen beschuldigt, heimlich schiitische Überzeugungen zu hegen – also der Glaubensrichtung anzuhängen, die Ali ibn Abi Talib und seine Nachkommen als rechtmäßige Nachfolger des Propheten betrachtet. Der bedeutende Gelehrte Tādsch ad-Dīn as-Subkī wies diesen Vorwurf scharf zurück und erklärte, al-Hākim sei ein Aschʿarī gewesen – d. h. er habe der einflussreichen sunnitischen Schule der Aschʿariten angehört –, da Ibn ʿAsākir ihn in seiner Liste dieser Gelehrten aufführe.Schacht, 1986 Auch der Gelehrte Ibn al-Mubrad al-Hanbalī bezeichnete die Vorwürfe ausdrücklich als Lüge und Verleumdung.Ibn al-Mubrad, 2004
Adh-Dhahabī, ein späterer einflussreicher Hadithgelehrter, vermutete hingegen, al-Hākim habe Sympathien für die Karrāmīya gehegt – eine asketisch geprägte religiöse Bewegung des sunnitischen Islam, die vom 9. bis ins frühe 13. Jahrhundert vor allem in Chorasan und den östlichen Teilen Irans verbreitet war.Adh-Dhahabī, 2001 Abū Muʿāwiyya al-Bairūtī präzisierte dies dahingehend, al-Hākim habe sich der Karrāmīya lediglich in deren Askese (frommer Enthaltsamkeit und spiritueller Selbstdisziplin) angenähert – und auch das nur auf der Grundlage einer schwachen, also wenig zuverlässigen Überlieferung.al-Bairūtī, 2006
Vermächtnis Al-Hākim genoss bereits zu Lebzeiten höchstes Ansehen in der islamischen Gelehrtenwelt. Adh-Dhahabī bezeichnete ihn als den „Hāfiz, den Imām, den Scheich der Hadithgelehrten, ein Ozean des Wissens“ – womit er ihn als die überragende Autorität seiner Zeit in der Hadithwissenschaft würdigte.Adh-Dhahabī, 2001 Ibn al-Salāh, ein späterer Hadithgelehrter, rühmte al-Hākim als einen der sieben Verfasser bedeutender Fawāʾid-Sammlungen (Sammlungen seltener und wertvoller Einzelüberlieferungen) und als einen der wenigen, die in sämtlichen Teilbereichen der Hadithwissenschaften Werke verfasst hätten. Al-Hākims Buch Maʿrifat ʿUlūm al-Hadīth gilt außerdem als direkter Vorläufer von Ibn al-Salahs eigenem Werk al-Muqaddima, dem einflussreichsten Handbuch der Hadithwissenschaften überhaupt.Scott C., 2007
Abū Saʿd al-Samʿānī rühmte ihn als einen Mann der Vortrefflichkeit, des Wissens, der Kenntnis und des Hifz (der Fähigkeit, eine riesige Überlieferungsmasse auswendig zu beherrschen) und verwies auf seine herausragenden Werke in den Hadithwissenschaften. al-Sam'ānī, 1962 Ibn Hadschar al-ʿAsqalānī, einer der bedeutendsten Hadithgelehrten des Mittelalters, betonte, al-Hākims Stellung sei zu ehrenwert, als dass er unter die schwachen oder unzuverlässigen Überlieferer (Traditionarier) eingereiht werden dürfte. Ibn Hadschr, 1971 Schāh Walī Allāh ad-Dihlawī, der große indische Gelehrte des 18. Jahrhunderts, nannte ihn den Mudschaddid (religiösen Erneuerer) des vierten islamischen Jahrhunderts. Nach islamischer Überlieferung erscheint an der Wende jedes Jahrhunderts eine herausragende Persönlichkeit, die die Gemeinschaft zum ursprünglichen Islam zurückführt.al-Dihlawī, 2012 Al-Dāraqutnī, ein führender Hadithkritiker seiner Zeit, wurde gefragt, wer im Hifz – also in der Beherrschung und Beurteilung des überlieferten Materials – hervorragender sei, Ibn Manda oder al-Hākim: er nannte al-Hākim.Adh-Dhahabī, 2001
Werke
Mā Tafarrada bi Ikhrājihi Kullu Wāhidin min al-Imāmayn (Worin jeder der beiden Imame einzig ist in dessen Überlieferung) – eine Studie zu den Hadithen, die entweder nur bei al-Buchārī oder nur bei Muslim ibn al-Haddschādsch überliefert sind, den zwei kanonischen Hadithsammlungen des sunnitischen Islam. Al-Madkhal ilā al-Sahīh (Einleitung in die authentische Sammlung) Gedruckt von Muʾassissat al-Risālah in Beirut, herausgegeben von Rabīʿ al-Madchalī Maʿrifat Anwāʿ ʿUlūm al-Hadīth (Kenntnis der Zweige der Hadithwissenschaften) – ein grundlegendes Handbuch der Hadithwissenschaften, das die verschiedenen Kategorien und Methoden zur Echtheitsprüfung von Hadithen systematisch darstellt. Gedruckt von Dār-al-Kutub-al-ʿIlmiyyah in Beirut, 1977, herausgegeben von Sayyid Muʿzam Husein. Al-Mustadrak ʿalā al-Sahīhain (Die Ergänzung zu den zwei authentischen Sammlungen) – Das Opus magnum von al-Hākim. Der Titel bedeutet sinngemäß: „Hadithe, die den Kriterien von al-Buchārī und Muslim entsprechen, aber von diesen nicht aufgenommen wurden.“ Al-Hākim schrieb es im hohen Alter und verstarb vor dessen abschließender Überarbeitung.Das nennt man tabyīḍ/tabyīḍa: „fair copy“: Adam Gacek: The Arabic Manuscript Tradition. A Glossary of Technical Terms & Bibliography. S. 16. Brill, Leiden, 2001. Daher enthält es eine beträchtliche Zahl schwacher und in der Überlieferung fragwürdiger Hadithe, was das Werk zum Gegenstand wissenschaftlicher Kritik gemacht hat. Gedruckt von Dār al-Kutub al-ʿIlmīyya in Beirut, 1990, herausgegeben von Mustafā Abd-al-Qādir ʿAtā. Muzakkā al-Akhbār (Die für glaubwürdig befundenen Überlieferungen) Al-Sahīhān (Die zwei Authentischen) – eine Studie zu den zwei kanonischen Hadithsammlungen von al-Buchārī und Muslim. Al-Talkhīs (Die Zusammenfassung) Tarājim al-Musnad ʿalā Shart al-Sahīhayn (Die Überlieferungen des Musnad Ahmad nach den Kriterien der beiden authentischen Sammlungen) Tarājim al-Schuyūkh (Biographien der Scheichs) – Gelehrtenbiographien seiner Lehrer. Tārīkh ʿUlamā' Ahl Nīsabūr (Die Geschichte der Gelehrten von Nischapur) – eine Lokalgeschichte der Gelehrten seiner Heimatstadt. Al-Abwāb (Die Kapitel) Al-Amālī (Die Diktate) – Mitschriften von Lehrveranstaltungen, bei denen der Lehrer Texte diktierte und kommentierte. Amālī al-ʿAshiyyāt (Abend-Diktate) Al-ʿIlal (Die verborgenen Mängel in Hadithen) – ein Werk über versteckte Überlieferungsfehler, die einen Hadith äußerlich korrekt, inhaltlich aber fehlerhaft erscheinen lassen. Fadāʾil al-Shāfiʿī (Die Vorzüglichkeiten des Schāfiʿī) – Lobredenwerk über den Gründer der schāfiʿītischen Rechtsschule. Fawāʾid al-Nusakh (Fawāʾid der Manuskripte) – eine Sammlung seltener und wertvoller Einzelüberlieferungen aus Handschriften. Fawāʾid al-Khurāsāniyyīn (Fawāʾid der Chorasaner) – eine Sammlung seltener Einzelüberlieferungen, die al-Hākim von Lehrern aus der Provinz Chorasan überliefert hatte. Al-Iklīl fī Dalāʾil al-Nubuwwa (Die Krone der Beweise des Prophetentums)
Literatur
Einzelnachweise
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