Das Zerstörergeschwader 76 war ein Verband der Luftwaffe der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg. Als Zerstörergeschwader verfügte es überwiegend über zweimotorige Jagdflugzeuge wie die Messerschmitt Bf 110 und deren Nachfolgemodell Messerschmitt Me 410, die auch als schwere Jäger bezeichnet und als Begleitschutz für Bomberverbände oder als Schlachtflieger eingesetzt wurden. Das Geschwader beteiligte sich am Überfall auf Polen, dem Überfall auf Dänemark und Norwegen, dem Westfeldzug, der Luftschlacht um England, der Luftlandeschlacht um Kreta und der Reichsluftverteidigung. Am 24. Juli 1944 wurde es aufgelöst.

Aufstellung Das Zerstörergeschwader 76 entstand mit Bildung der I. Gruppe am 1. Mai 1939 auf dem Fliegerhorst PardubitzHenry L. deZeng IV: Luftwaffe Airfields 1935–1945, Czechoslovakia S. 22, abgerufen am 17. Dezember 2023. () aus der umbenannten I. Gruppe des Zerstörergeschwaders 141. Die II. Gruppe war die am 1. Mai 1939 in GablingenHenry L. deZeng IV: Luftwaffe Airfields 1935–45 Germany (1937 Borders), S. 205, abgerufen am 9. Dezember 2023. () umbenannte I. Gruppe des Zerstörergeschwaders 144. Der Geschwaderstab des Zerstörergeschwaders 76 bildete sich am 15. April 1940 in Köln-WahnHenry L. deZeng IV: Luftwaffe Airfields 1935–45 Germany (1937 Borders), S. 354, abgerufen am 9. Dezember 2023. (). Am 26. Juni 1940 entstand die III. Gruppe aus der umbenannten II. Gruppe des Zerstörergeschwaders 1 in Trier-EurenHenry L. deZeng IV: Luftwaffe Airfields 1935–45 Germany (1937 Borders), S. 650–652, abgerufen am 9. Dezember 2023. (). Von März 1941 bis zum 15. September 1941 bestand in WesermündeHenry L. deZeng IV: Luftwaffe Airfields 1935–45 Germany (1937 Borders), S. 88–89, abgerufen am 13. Dezember 2023. () eine Ergänzungsgruppe, die in der Regel nicht an Kampfeinsätzen teilnahm. In ihr wurden frisch ausgebildete oder rekonvaleszente Flieger eine Zeitlang an die Frontbedingungen gewöhnt und geschult, bevor sie in eine der drei Einsatzgruppen wechselten. Der Geschwaderstab wurde am 1. August 1940 in die Dienststelle des Jagdfliegerführers Norwegen umgegliedert. Die I. Gruppe erhielt am 7. September 1940 die neue Bezeichnung II. Gruppe des Nachtjagdgeschwaders 1, während die II. Gruppe am 1. November 1941 zur III. Gruppe des Nachtjagdgeschwaders 3 mutierte. Die III. Gruppe erhielt am 24. April 1941 die neue Bezeichnung II. Gruppe des Schnellkampfgeschwaders 210 und die Ergänzungsgruppe wurde zur Nachtjagdschule umgewandelt, so das ab November 1941 das Geschwader vollständig zu bestehen aufgehört hatte.

Im August 1943 bildete sich in AnsbachHenry L. deZeng IV: Luftwaffe Airfields 1935–45 Germany (1937 Borders), S. 23, abgerufen am 9. Dezember 2023. () der Geschwaderstab und die I. Gruppe des Zerstörergeschwaders 76. Für die Aufstellung der I. Gruppe wurden die 1. Staffel der Nahaufklärungsgruppe 16, die 3. Staffel der Nahaufklärungsgruppe 12 und die Stabsstaffel des Sturzkampfgeschwaders 1 herangezogen, während der Geschwaderstab neu aufgestellt wurde. Zeitgleich entstand in WertheimHenry L. deZeng IV: Luftwaffe Airfields 1935–45 Germany (1937 Borders), S. 690, abgerufen am 9. Dezember 2023. () die II. Gruppe aus verschiedenen Aufklärungsstaffeln. Die neue III. Gruppe bildete sich im November 1943 auf dem Fliegerhorst OettingenHenry L. deZeng IV: Luftwaffe Airfields 1935–45 Germany (1937 Borders), S. 502, abgerufen am 9. Dezember 2023. ().

Vor Kriegsbeginn war das Geschwader noch mit der einmotorigen Messerschmitt Bf 109 ausgestattet, bevor es die zweimotorige Messerschmitt Bf 110 bekam. Deren Nachfolgemodell Messerschmitt Me 410 erreichte das Geschwader ab April 1944. Die II. Gruppe verfügte ab Dezember 1944 über die Focke-Wulf Fw 190. Die Geschwaderkennung war M8 und 2N.

Gliederung Der Geschwaderstab führte am 26. Juni 1940 die I. bis III. Gruppe die wiederum in Staffeln unterteilt waren. Die 1. bis 3. Staffel gehörte der I. Gruppe, die 4. bis 6. Staffel der II. Gruppe und die 7. bis 9. Staffel der III. Gruppe an. Jede Staffel, geführt durch einen Staffelkapitän, war in drei Schwärme mit je zwei Rotten zu je zwei Flugzeugen unterteilt. Daraus ergab sich eine Sollstärke der Zerstörergruppe von 36 Flugzeugen in den drei Staffeln + 4 Flugzeuge für den Gruppenkommandeur und seinen Stab. Dies ergab bei drei Zerstörergruppen eine Sollstärke von 120 Flugzeugen, + 4 Flugzeuge für den Geschwaderkommodore und seinen Stab. Daraus ergab sich eine Sollstärke von 124 Flugzeugen.

Geschichte Überfall auf Polen Am Überfall auf Polen, ab dem 1. September 1939 nahm nur die I. Gruppe des Geschwaders teil. Dazu lag sie auf dem Fliegerhorst Märzdorf () und war der 2. Flieger-Division der Luftflotte 4 unterstellt.Bernhard R. Kroener: Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Band 5/1, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1988, ISBN 3-421-06232-3, S. 719. Sie verfügte über 33 Flugzeuge vom Typ Messerschmitt Bf 110 in den Ausführungen B und C, davon 31 einsatzbereit.Bernhard R. Kroener: Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Band 5/1, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1988, ISBN 3-421-06232-3, S. 718.

Die zweimotorige Messerschmitt Bf 110 der B-Serie war die erste Version mit den neuen Jumo-210-Triebwerken die bis zu 730 PS leisteten und war mit vier 7,92-mm-MG 17 (oben), zwei 20-mm-MG FF (unten) in der Nase und einem MG 15 als Heckbewaffnung ausgestattet.

In den ersten Tagen bestand die Hauptaufgabe der Gruppe darin, den Bomberverbänden bei ihren Einflügen ins polnische Hinterland als Begleitschutz zu dienen. So war sie dabei, als die Kampfgeschwader 4 und 77 am 1. September mehr als 200 Tonnen Bomben auf Flugplätze rund um Krakau abwarfen.E. R. Hooton: Luftwaffe at War; Gathering Storm 1933–39: Volume 1, London: Chevron/Ian Allan, ISBN 978-1-903223-71-0, S. 86 Dabei griff sie auch polnische Flugzeuge direkt an und vermeldete auch einige Abschüsse in der Luft oder Zerstörungen am Boden. Am 2. September wiederholte sich diese Art von Einsatz im Raum um Dęblin, wo Ausbildungsflugzeuge der polnischen Luftwaffe zerstört wurden.E. R. Hooton: Phoenix Triumphant; The Rise and Rise of the Luftwaffe, London: Arms & Armour Press, ISBN 978-1-85409-181-9, S. 180 Auch griff sie in die Bodenkämpfe ein, als sie Einheiten der polnischen Łódź-Armee angriff.E. R. Hooton: Luftwaffe at War; Gathering Storm 1933–39: Volume 1, London: Chevron/Ian Allan, ISBN 978-1-903223-71-0, S. 86 Am 3. September begleitete sie Bomberverbände, welche die Jagdflugzeugfabrik nahe Warschau bombardierten, um die Produktion der PZL P.11 zu stören. Anschließend wechselte sie zur 1. Flieger-Division der Luftflotte 1 und nahm am 8./9. September an der Schlacht bei Radom teil, indem sie direkt polnische Stellungen angriff.E. R. Hooton: Phoenix Triumphant; The Rise and Rise of the Luftwaffe, London: Arms & Armour Press, ISBN 978-1-85409-181-9, S. 185

Überfall auf Dänemark und Norwegen Ab Oktober 1939 verlegte die I. Gruppe in den Bereich der Luftflotte 2 nach Bönninghardt und ab Dezember nach JeverHenry L. deZeng IV: Luftwaffe Airfields 1935–45 Germany (1937 Borders), S. 309–311, abgerufen am 11. Dezember 2023. (). Hier war sie der Dienststelle des Jagdfliegerführers Deutsche Bucht der Luftflotte 2 zugeteilt. Sie nahm am 18. Dezember an dem Luftgefecht über der Deutschen Bucht teil und vermeldete Abschüsse von fünf britischen Vickers Wellington-Bombern.Donald Caldwell, Richard Muller: The Luftwaffe over Germany: Defense of the Reich, London, UK: Greenhill Book, ISBN 978-1-85367-712-0, S. 39

Die II. Gruppe war währenddessen der 6. Flieger-Division der Luftflotte 3 unterstellt und verteidigte mit ihren einmotorigen Messerschmitt Bf 109D vom Fliegerhorst Gablingen aus die Westgrenze des Reiches. Am 3. Februar 1940 verlegte sie nach Garz auf UsedomHenry L. deZeng IV: Luftwaffe Airfields 1935–45 Germany (1937 Borders), S. 209–210, abgerufen am 11. Dezember 2023. (), wo die Umrüstung auf die zweimotorige Messerschmitt Bf 110C vollzogen wurde.

Anfang April 1940 verlegte die I. Gruppe auf den Fliegerhorst Westerland auf Sylt und wurde dem X. Fliegerkorps unterstellt.Leo Niehorster: Scandinavian Campaign, German Air Force, Order of Battle, X Air Corps, 9 April 1940, abgerufen am 11. Dezember 2023. Am Morgen des 9. April, nach Beginn des Überfalls auf Dänemark und Norwegen flog sie erste Luftangriffe auf Dänemark und verlegte noch am gleichen Tag auf den dänischen Fliegerhorst Aalborg-West. Von hier aus stellte sie die Luftraumüberwachung über dem Skagerrak sicher. Am folgenden Tag nahm sie auf dem norwegischen Flugplatz Stavanger-Sola Quartier, von wo aus sie am 20. April nach Trondheim-Vaernes wechselte. Während dieser Zeit fiel am 30. April der Gruppenkommandeur Hauptmann Günther Reinecke, als seine Bf 110C im Luftkampf mit britischen Wellingtons und Blenheim-Bombern abgeschossen wurde und 20 Kilometer südwestlich von Stavanger aufschlug. Die letzten Luftgefechte hatte die I. Gruppe über Narvik bei der Schlacht um Narvik. Nachdem die Kämpfe auf dem Boden ab dem 10. Juni endeten, blieb sie auf dem Fliegerhorst Stavanger-ForusHenry L. deZeng IV: Luftwaffe Airfields 1935–1945, Norway, S. 34, abgerufen am 11. Dezember 2023. () stationiert und betätigte sich in der Luftraumüberwachung und im Küstenschutz. Am 7. September erhielt sie die neue Bezeichnung II. Gruppe des Nachtjagdgeschwaders 1 und schied damit aus dem Zerstörergeschwader 76 aus.

Westfeldzug Die II. Gruppe kehrte, nach der erfolgten Umrüstung auf die Messerschmitt Bf 110C, im März 1940 wieder in den Westraum zurück und lag in Köln-Wahn. Am 15. April wurde hier der Geschwaderstab des Zerstörergeschwaders 76 unter Geschwaderkommodore Major Walter Grabmann aufgestellt und dem I. Fliegerkorps der Luftflotte 3 unterstellt. Das Geschwader nahm Aufgaben in der Luftraumüberwachung gegen einfliegende britische Flugzeuge wahr. mini|Eine Bf 110C des Zerstörergeschwaders 76 im Mai 1940 mit Haifischmaul auf der Flugzeugnase Vor Beginn des Fall Gelb genannten Westfeldzuges am 10. Mai 1940 verlegte die II. Gruppe auf den Fliegerhorst NellingenHenry L. deZeng IV: Luftwaffe Airfields 1935–45 Germany (1937 Borders), S. 461–463, abgerufen am 12. Dezember 2023. (), während der Geschwaderstab in Köln-Wahn blieb. Weiterhin dem I. Fliegerkorps unterstellt, verfügte das Geschwader über 36 Messerschmitt Bf 110C. In der Version C-4 hatte diese zwei Daimler-Benz DB 601-Motoren die je 1020 PS leisteten und dem Flugzeug eine Höchstgeschwindigkeit von 560 km/h ermöglichte. Als Bewaffnung standen vier 7,92-mm-MG 17 und zwei 20-mm-MG FF/M in der Nase und ein bewegliches 7,92-mm-MG 15 im Kanzelheck zur Verfügung.