mini|Sänger und Schauspieler Gil Ofarim im Jahr 2018 Im Fall Gil Ofarim, auch bekannt als Davidstern-Skandal, geht es um eine Falschbeschuldigung durch den Sänger Gil Ofarim im Oktober 2021 gegenüber einem Leipziger Hotelmitarbeiter. Gil Ofarim, der jüdischen Glaubens ist, fühlte sich im Hotel The Westin Leipzig ungerecht behandelt und veröffentlichte ein Video, in dem er dem Mitarbeiter vorwarf, sich antisemitisch geäußert zu haben. Teile der Bevölkerung solidarisierten sich daraufhin mit Ofarim, während der Mitarbeiter die Vorwürfe abstritt.

Zweifel an Ofarims Darstellung kamen noch im selben Monat auf, als Aufnahmen von Überwachungskameras untersucht wurden. Ofarim hatte behauptet, wegen seiner Kette mit einem Davidstern kein Zimmer bekommen zu haben. Die Kette war auf den Aufnahmen allerdings nicht zu sehen.

Schließlich kam es zu einem Strafprozess vor dem Landgericht Leipzig, da der Hotelmitarbeiter Anzeige gegen Ofarim erstattet hatte. Ofarim wurden u. a. Verleumdung und falsche Verdächtigung vorgeworfen. Am sechsten Prozesstag (28. November 2023) räumte er ein, dass seine Behauptungen nicht der Wahrheit entsprachen, und erklärte, dass er sich entschuldigen möchte. Das Verfahren wurde gegen eine Auflage eingestellt.

Ofarims Beschuldigung sowie der Verlauf des Skandals lösten in der deutschen Öffentlichkeit weite Anteilnahme aus. Thematisiert wurde die Frage, ob und auf welche Weise die Zivilgesellschaft Solidarität gegen behauptete Diskriminierung zeigen solle und wie man Vorverurteilungen vermeidet, die in den sozialen Medien eine unkontrollierbare Dynamik entfalten können. Der Hotelmitarbeiter litt unter der falschen Anschuldigung und ihren Folgen erheblich.

Ereignisse im Oktober 2021 Sichtbarkeit des Davidsterns mini|hochkant|Ofarim im Jahr 2018 mit der Kette mit dem Davidstern Gil Ofarim betrat am 4. Oktober 2021 das Leipziger Hotel Westin. Er war nach der Aufzeichnung einer Sendung des MDR, deretwegen er in Leipzig weilte, von einer für den MDR arbeitenden Frau zum Hotel gefahren worden. Nach der Ankunft habe sie sich mit Ofarim freundlich unterhalten. Eine Kette mit einem Davidstern sei ihr nicht aufgefallen, nur eine lange, braune Perlenkette, so sagte sie später vor Gericht aus.

Im Hotel befand sich Ofarim von 19:21 Uhr bis 19:45 Uhr. Dabei hatte er keine Kette mit Davidstern um. Dies bestätigte der Gutachter Dirk Labudde, der als Digitalforensiker die (tonlosen) Aufnahmen aus Überwachungskameras ausgewertet hat. Eine Kette konnte man erst erkennen, als Ofarim vor dem Hoteleingang auf dem Bordstein saß. Ofarims Verteidiger, Alexander Stevens, wies darauf hin, dass in einem Video zwei Sekunden fehlen würden, und beklagte, dass das Hotel die Aufnahmen erst sechs Tage nach dem Vorfall herausgegeben habe. Der Sicherheitstechniker, der die Daten exportiert hatte, hingegen schloss die Möglichkeit aus, dass die Aufnahmen manipuliert sein könnten.

Schon im Dezember 2021 hatten die Behörden die von Ofarim behaupteten Vorgänge im Hotel nachgestellt. Die Staatsanwaltschaft kam zu der Auffassung, dass die Vorgänge nicht so stattgefunden haben konnten. Unklar sei geblieben, ob der Davidstern überhaupt sichtbar gewesen ist. Im Leipziger Prozess 2023 sagte schließlich nur ein einziger Zeuge aus, dass er die Kette mit dem Davidstern gesehen habe.

Streit mit dem Hotelmanager Über die Vorgänge im Hotel liegen einerseits die Aussagen Ofarims im Instagram-Video (s. u.) und in späteren Interviews mit Medien vor, andererseits die Aussagen von Hotelmitarbeitern und Gästen im Hotel. Unstrittig ist, dass Ofarim sich in einer Warteschlange anstellen musste. Ursache war ein Problem mit dem Gerät, das die Zimmerkarten codiert. Für zwei Stammgäste lagen die Zimmerkarten schon bereit, darum ließ der Hotelmanager diese Gäste aus der Warteschlange vor.

Der Hotelmanager, der später von Ofarim beschuldigt wurde, sagte vor Gericht aus, dass er Schmuck nur an der Hand von Ofarim wahrgenommen habe. Auch Rufe von anderen Gästen habe er nicht gehört. Dem Manager zufolge regte Ofarim sich wild gestikulierend darüber auf, dass andere Gäste ihm vorgezogen worden seien. Ofarim habe gedroht, auf seinem Zimmer ein Video aufzunehmen und darin der Welt zu verkünden, dass das Hotel ein „Scheißhotel“ sei. Der Manager habe sich bedroht gefühlt und Ofarim das Einchecken verweigert, um den Hotelfrieden zu schützen. Ofarim habe telefoniert und das Hotel verlassen. Zu keiner Zeit habe Antisemitismus eine Rolle gespielt. Laut Linda Pfleger, die für LTO schrieb, stimmte diese Darstellung im Wesentlichen mit jener der Staatsanwaltschaft überein.

Ein Zeuge und eine Zeugin bestätigten im Prozess, dass Ofarim eine schlechte Kritik angekündigt habe. Lautstark sei er aber nicht geworden, so die Zeugin. Der Zeuge sagte aus, dass Ofarim eine „patzige“ Antwort bekommen habe, nachdem er gefragt hatte, warum andere Gäste aus der Schlange vorgezogen wurden.

Nach dem Vorfall im Hotel telefonierte eine Produktionsassistentin des Fernsehens mit dem Hotelmanager. Sie habe nicht damit gerechnet, dass es sich um einen schweren Vorfall handeln könnte, denn der Hotelmanager habe ihr mit ruhiger Stimme das Gefühl gegeben, dass es sich um ein kleines, klärbares Problem handele. Sie könne sich nicht vorstellen, dass der Hotelmanager so reagiert hätte, wenn etwas Schlimmes vorgefallen wäre. Vom Vorwurf des Antisemitismus habe sie erst später gehört. Wie auch zwei andere Zeuginnen sagte sie aus, dass Ofarim bei der Produktion die Kette mit dem Davidstern getragen habe.

Ofarims Video bei Instagram Noch am Abend des 4. Oktober 2021 nahm Ofarim, auf dem Bordstein sitzend, ein Video auf. Erst einen Tag später veröffentlichte er es auf Instagram. Dazwischen hatte er Kontakt mit seiner Managerin. Diese sagte später aus, sie habe Ofarim geraten, die Sache intern zu klären und nicht an die Öffentlichkeit zu tragen. Sie habe Ofarim mehrmals gefragt, ob seine Beschuldigungen richtig seien. Weil Ofarim die Kette häufig trage und nicht etwa zeitweilig ablege, habe sie keine Zweifel, dass er sie (im Hotel) getragen habe.

Ofarim behauptete in dem Video, ein Manager des Hotels Westin habe ihn erst einchecken lassen wollen, wenn Ofarim seinen Davidstern verberge:

Das Video wurde millionenfach angeklickt und verbreitete sich viral.

In verschiedenen Interviews bis in den November 2023 bekräftigte Ofarim seine Anschuldigungen aus dem Video. Er stehe weiter dazu und würde es wieder so aufnehmen und verbreiten.

Reaktionen auf das Video mini|Die Flagge von Israel mit dem Davidstern Zunächst bekundeten zahlreiche Menschen in ganz Deutschland ihre Solidarität mit Ofarim. Am 5. Oktober versammelten sich dazu Hunderte Menschen vor dem Westin Hotel, nachdem das Bündnis „Leipzig nimmt Platz“ einen Aufruf veröffentlicht hatte. Auch Mitarbeiter des Hotels hätten daran teilgenommen, so die Deutsche Welle. Irene Rudolph-Kokot sagte für das Bündnis, dass der antisemitische Vorfall wütend mache, dass er nicht unwidersprochen bleiben dürfe.

Kritik löste ein Banner vor dem Westin aus, das Mitarbeiter des Hotels hochhielten. Zu sehen waren, neben dem Schriftzug des Hotels, israelische Flaggen und Halbmonde (als Symbol für den Islam). Während sächsische Vertreter der jüdischen Gemeinschaft die Wahl der Symbole nicht bewerten wollten, beschwerte sich Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, darüber: „Nach der antisemitischen Anfeindung gegen einen Juden in Deutschland fällt dem Hotel nichts Anderes ein, als die israelische Flagge und Symbole des Islam auf ein Banner zu drucken.“ (Ofarim ist deutscher Staatsbürger und in München geboren. Er bezeichnet sich als säkularer Jude.)

Schuster sagte ferner auf Twitter:

Auch Heiko Maas (SPD), Bundesaußenminister, zeigte seine Fassungslosigkeit. Er betonte:

Der Pianist Igor Levit schrieb, an das Hotel adressiert:

Die Publizistin Lea Rosh meinte:

Laut einem Sprecher der Leipziger Polizei wurde das Video gesichert, man habe es an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet. Die mutmaßliche Aussage des Hotelmitarbeiters sei „klar antisemitisch“. Am 7. Oktober wurde bekannt, dass das Hotel damals von einer Sicherheitsfirma gesichert wurde, deren Geschäftsführer Verbindungen zur rechtsextremen Szene hatten.

Mitte Oktober 2021 gab es eine Stellungnahme der Hotelgruppe Marriott, zu der das Westin gehört: „Wir haben Kontakt zu Herrn Ofarim aufgenommen, um ihm unser tiefes Bedauern über seine Erfahrungen auszudrücken. Wir waren schockiert und betrübt, als wir das von Gil Ofarim veröffentlichte Video über das Westin Leipzig gesehen haben.“

Zweifel an den Vorwürfen Schon am 17. Oktober 2021 kamen Zweifel an den Aussagen des Ofarim-Videos auf. Die Bild am Sonntag und die Leipziger Volkszeitung vermuteten aufgrund von Aufnahmen von Überwachungskameras, dass Ofarim im Hotel keine Kette mit Davidstern getragen habe.

Ofarim blieb bei seiner Darstellung. Am 18. Oktober 2021 behauptete er, er habe die Kette durchgehend angehabt: „Ich trage den Stern immer.“ Er verstehe nicht, dass darüber nun debattiert werde, dass er dies plötzlich nachweisen solle, denn das sei so, als rate man einem Juden, keine Kippa zu tragen, damit ihm nichts passiere. Möglicherweise sei es zu den Beleidigungen (durch den Hotelmitarbeiter) gekommen, weil er regelmäßig mit Kette in der Öffentlichkeit auftrete. Die Videobilder (der Überwachungskameras) würden nicht alles zeigen.

Vielmehr klagte Ofarim darüber, dass andere Gäste im Westin ihn nicht unterstützt hätten. Niemand habe etwas gegen die Forderung des Hotelmitarbeiters bezüglich der Kette gesagt. Eine Entschuldigung des Hotels habe er auch nicht bekommen.

Direkte Folgen für beide Betroffene mini|Das Hotel Westin in Leipzig Hotelmanager W. sagte im Prozess über das Video aus, er sei entsetzt gewesen. Bekannte hätten ihn kontaktiert, aber nicht anklagend, da sie ihn kennen würden. Im Hotel hätten die Kollegen des Drucks wegen geweint. Noch am selben Tag habe er in einer E-Mail eine Morddrohung erhalten. Er sei für einige Tage an einem geheimen Ort untergetaucht, sei dauerhaft in psychologischer Behandlung und leide unter Schlaflosigkeit und Nervosität.

Die Geschäftsleitung des Hotels habe W. einen anonymen Firmenwagen gegeben und sein Klingelschild von der Tür entfernt. Er habe Leipzig verlassen und sei 10 Tage untergetaucht, so sagte er laut Focus im Prozess aus. Selbst Freunde und Familienangehörige hätten seinen Aufenthaltsort nicht gekannt.

Laut Ofarims Verteidiger Stevens ist Gil Ofarim oftmals angefeindet worden. Am 3. Juli 2023 sei er im Automatenraum einer Bankfiliale in München von einem unbekannten Mann körperlich angegriffen worden. In München seien rund 130 Verfahren eingeleitet worden und 83 in anderen Orten. Dabei handele es sich um beleidigende oder bedrohende Äußerungen in sozialen Medien oder per Direktnachricht.

Ofarim äußerte im Oktober 2021, er habe sich genau überlegt, ob er sein Video hochladen solle. Er sei sich der Brisanz des Themas und der möglichen Folgen für seine Karriere bewusst gewesen. Doch habe er mit den vielen Beleidigungen, die er seitdem erhalten habe, nicht gerechnet. Er beteuerte, dass seine Beschuldigungen gegen den Hotelmitarbeiter kein PR-Stunt seien.

Zu den wirtschaftlichen Folgen sagte die Managerin von Ofarim, die seit 2012 oder 2013 für ihn arbeitete, der Kalender sei voll gewesen. Nach dem Vorfall habe Ofarim jedoch fast null Aufträge gehabt. Mitte 2022 kündigte sie das Management für Ofarim, die Gründe seien nicht relevant für den Prozess.

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