mini|Justitia Die Justitia des Künstlers Bodo Kampmann ist eine aus Kupfer getriebene, überlebensgroße Statue, die dieser im Auftrag von Fritz Bauer, seinerzeit Generalstaatsanwalt in Braunschweig, schuf. Die allegorische Darstellung der Göttin der Gerechtigkeit wurde am 8. März 1956Gerd Biegel: Die lange übersehene „Justitia“ – auch Erinnerung an Fritz Bauer. In: Braunschweiger Zeitung vom 18. Juni 2019. an einer Außenwand des Neubaus des Landgerichts Braunschweig angebracht.

Beschreibung Die – typisch für Kampmanns Arbeiten – in Form und Ausdruck stark reduzierte Statue ist 3 m hoch3 Meter wird in der Mehrheit der Quellen genannt, davon abweichend gibt Peter Lufft die Höhe mit 3,50 Meter an, s. Braunschweigs Plastiken im Stadtbild seit 1945. S. 64., maximal 1,70 m breitPeter Lufft: Braunschweigs Plastiken im Stadtbild seit 1945. S. 64. und wurde in mehreren Teilen aus 1,5 mm Kupferblech getrieben und anschließend zusammengefügt. Das der Witterung ausgesetzte Kupfer hat eine ungleichmäßige Patina.

Ungewöhnlich an seiner Interpretation der Justitia ist, dass er seine Justitia, anders als seit der Antike, vor allem aber seit dem Mittelalter üblich, ohne ihre klassischen Attribute Augenbinde, Waage und Richtschwert darstellt. Stattdessen blickt die Figur den Betrachter ausdruckslos an, wobei sie zwei kleine, aufrecht stehende Menschen – gleich einer Waage – in den Händen ihrer nach beiden Seiten abgewinkelten Arme hält. Auch die Menschenabbilder, von denen eines die Arme am Körper hängen lässt, während das andere, vom Betrachter aus links stehend, einen Arm hinter dem Körper verschränkt, sind stark stilisiert, augen- und ausdruckslos. Kampmann stellt seine Justitia als die das Geschick des Menschen Abwägende dar.

Im Gegensatz zur üblichen Bildsprache, die Augenbinde zur Verdeutlichung, Recht ohne Ansehen der Person, also unparteiisch zu sprechen, die Waage als Symbol sorgfältiger Abwägung der Sachlage und schließlich das (Richt-)Schwert für die nötige Härte und Durchsetzungskraft des Rechts, hatte Kampmann auf all dies verzichtet und seine Justitia als empathische, schlichtende Institution interpretiert.

In einem Artikel, den Generalstaatsanwalt Fritz Bauer 1957, also relativ bald nach der Fertigstellung des Kampmannschen Kunstwerks, in einer Zeitschrift veröffentlichte, beschrieb er die Skulptur folgendermaßen:

mini|Zwei Menschen in den Händen der Justitia

Geschichte mini|hochkant|2017: Justitia nach der Umsetzung. Darunter Manfred Flotho, von 1990 bis 2001 Präsident des Oberlandesgerichts Braunschweig (Foto von Georg Ruppelt) Fritz Bauer war seit 1949 in Braunschweig zunächst Landgerichtsdirektor des Landgerichts Braunschweig und seit 1950 Generalstaatsanwalt am Oberlandesgericht Braunschweig. Bauer wurde innerhalb weniger Jahre zunächst in Deutschland, dann weltweit als Strafankläger und brillanter Jurist bekannt. 1952 vertrat er die Anklage im Remer-Prozess, der in Braunschweig stattfand. Weltweit bekannt wurde er einige Jahre später als Anklagevertreter in den AuschwitzprozessenRudolf Wassermann: Bauer, Fritz, Dr. In: und als eine der wichtigsten Personen bei der weltweiten Suche nach SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann, Leiter des Eichmann- oder Judenreferats.Heinz Günter Halbeisen: Fritz Bauer. S. 17.

Anfang der 1950er Jahre entstand in der Braunschweiger Innenstadt, nur wenige Meter gegenüber dem Dom auf dessen Südseite, der Neubau für die Generalstaatsanwaltschaft.

Bodo Kampmann war 1954 einem Ruf der Werkkunstschule Braunschweig (die spätere Hochschule für Bildende Künste) gefolgt und hatte die Professur für Metallplastik und Design angenommen.Regina Blume: Bodo Kampmann. S. 121.

Kampmann arbeitete zusammen mit seinem Assistenten Burchard Warnecke an der Statue. Sowohl Justitia als auch die beiden Menschen sind hohl und deshalb innen mit Versteifungen versehen, um ihnen Stabilität zu geben. Während der Arbeiten kam Fritz Bauer gelegentlich ins Atelier, um mit Kampmann über die künstlerische Ausgestaltung zu diskutieren.

Rezeption Unmittelbar nach der Anbringung der Kampmann-Justitia gab es vehemente Empörung, die sich vor allem in Leserbriefen an die Braunschweiger Zeitung entlud. Darin äußerten Kritiker in erster Linie Unverständnis angesichts der „modernen“ und „unweiblichen“ Darstellung.Fritz Bauer: Bodo Kampmanns Justitia. In: braunschweig. Berichte aus dem kulturellen Leben. Nr. 1/1957, S. 28.Bärbel Mäkeler: Ein Meister des Reduzierens. In: Braunschweiger Zeitung vom 15. August 2019 (PDF).

Umsetzung Kampmanns Skulptur wurde am 8. März 1956 in 10–12 m Höhe ursprünglich an der Westseite des neuen Landesgerichts montiert. Aufgrund der hohen Anbringung war sie in der Regel außerhalb des Sichtfeldes der Passanten und fand dadurch geringe Beachtung, was bereits damals in der Braunschweiger Zeitung bemängelt wurde.

Über 50 Jahre später wurde in Braunschweig intensiv darüber diskutiert, Leben und Wirken Fritz Bauers in der Stadt für die Öffentlichkeit deutlicher darzustellen. So entstand u. a. die Idee, die Plastik an anderer Stelle und in geringerer Höhe zu platzieren, damit sie besser sichtbar werde. Anfang November 2013 wurde Justitia schließlich von der West- auf die Nordseite und in geringer Höhe umgesetzt.Henning Noske: Fritz Bauers Justitia hat einen neuen Platz. In: Braunschweiger Zeitung vom 2. November 2013.

Vorlage aus der italienischen Frührenaissance ? mini|hochkant|Giottos Justitia von ca. 1306 in Padua In einem Zeitungsbeitrag zu Kampmanns Justitia aus dem Jahr 2025, meint Autor, Gerd Biegel, gestalterische Anleihen Kampmanns bei der Justitia des italienischen Künstlers Giotto di Bondone zu erkennen.Gerd Biegel: Fritz Bauer und die Justitia von Bodo Kampmann. In: Braunschweiger Zeitung vom 18. Dezember 2025. Giottos Justitia entstand um 1306 als 120 × 60 cm großes, monochromes Fresko in der Cappella degli Scrovegni in Padua. Auch Giottos Justitia sitzt und hält wie Kampmanns zwei Personen (bei Giotto eindeutig erkennbar als Mann und Frau) auf Tellern in den Händen ihrer angewinkelten Arme. Auch sie trägt weder eine Augenbinde, noch hält sie eine Waage oder ein Schwert. Im Gegensatz zur Kampmann-Justitia, trägt Giottos jedoch eine Krone. Die beiden „Personen“ bei Giotto sind Engel. Der vom Betrachter aus linke, ein weiblicher, wendet sich vom Betrachter ab und einer anderen Person zu. Der rechte Engel ist männlich. Mit einem Schwert holt er gerade zum Hieb gegen eine Person aus.

Die Würde des Menschen ist unantastbar … mini|hochkant|Treppenaufgang zum Landgericht am Domplatz: Die Würde des Menschen ist unantastbar … Auf Initiative Fritz Bauers wurde während seiner Amtszeit in Braunschweig auch am Eingang zum Landgericht der 1. Satz des 1. Absatzes von Artikel 1 des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland in leicht abgewandelter Form angebracht. Die Inschrift lautet:

Das Original aus Art. 1 Abs. 1 GG lautet geringfügig anders:

Literatur Fritz Bauer: Bodo Kampmanns Justitia. In: braunschweig. Berichte aus dem kulturellen Leben. Nr. 1/1957, Westermann, Braunschweig 1957, S. 28. Gerd Biegel: Fritz Bauer und die „Justitia“ von Bodo Kampmann. In: Braunschweigische Heimat. 2014, Braunschweig, S. 23–25. Gerd Biegel: „Demokratie braucht Demokraten – daher bin ich zurückgekehrt“ vom 17. Juli 2023 auf der-loewe.info Regina Blume: Bodo Kampmann. In: Reinhard Bein, Arbeitskreis Andere Geschichte (Hrsg.): Braunschweiger Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Aus der Stadt Braunschweig und den ehemaligen braunschweigischen Landkreisen Blankenburg, Braunschweig, Gandersheim, Goslar, Helmstedt, Holzminden und Wolfenbüttel. Band 2, Döring, Braunschweig 2014, ISBN 978-3-925268-49-6, S. 120–125. Heinz Günter Halbeisen: Fritz Bauer. In: Reinhard Bein, Arbeitskreis Andere Geschichte (Hrsg.): Braunschweiger Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Aus der Stadt Braunschweig und den ehemaligen braunschweigischen Landkreisen Blankenburg, Braunschweig, Gandersheim, Goslar, Helmstedt, Holzminden und Wolfenbüttel. Band 2, Döring, Braunschweig 2014, ISBN 978-3-925268-49-6, S. 12–17. Peter Lufft: Braunschweigs Plastiken im Stadtbild seit 1945. In: Kulturberichte. Nr. 6, Kulturamt der Stadt Braunschweig, Braunschweig 1989, S. 64–65.

Weblinks

Anmerkungen

Einzelnachweise

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