mini|Nachal ʿOz (2007)

Das Massaker von Nachal ʿOz ereignete sich während des Terrorangriffs der Hamas auf Israel ab 7. Oktober 2023 im grenznahen Kibbuz Nachal ʿOz und einem dortigen militärischen Außenposten der israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF) in Israels Südbezirk. Terroristen der Hamas waren nach Durchbrechen der Sperranlagen um den Gazastreifen in die Siedlung sowie den IDF-Außenposten eingedrungen und töteten mindestens 15 Zivilisten und über 60 Soldaten. Weitere 16 Menschen wurden als Geiseln in den Gazastreifen entführt.

Lage und Beschreibung Der Kibbuz Nachal ʿOz liegt im Nordwesten des Negev, weniger als einen Kilometer von der Grünen Linie an der Ostgrenze zum Gazastreifen entfernt und war 1953 gegründet worden. Zum Zeitpunkt des Angriffs hatte der Kibbuz rund 400 Einwohner.

Nördlich des Kibbuz befand sich ein IDF-Außenposten mit einem Überwachungskontrollzentrum der überwiegend aus weiblichen Soldaten bestehenden Einheit 414 des Feldaufklärungskorps, zudem war der Posten das Hauptquartier des für den Sektor Nachal ʿOz zuständigen 13. Bataillons der Golani-Brigade.

Terrorangriff der Hamas auf den Kibbuz Am 7. Oktober ab 6:30 Uhr Ortszeit begann der Angriff der Hamas mit einem massiven Raketenbeschuss, der zahlreiche Bewohner von Nachal ʿOz zum Aufsuchen ihrer Schutzräume veranlasste. Um 6:43 Uhr informierten Truppen der Golani-Brigade den Sicherheitskoordinator von Nachal ʿOz darüber, dass Hamas-Terroristen in Israel eingedrungen und auf dem Weg zum Kibbuz seien. Die Truppen wurden angewiesen, dorthin zu gehen und ihn zu verteidigen. Die Golani-Soldaten, die zum Kibbuz gefahren waren, konnten diesen jedoch nicht betreten, da durch den Raketenbeschuss die Stromversorgung ausgefallen war und sich das elektrische Eingangstor nicht mehr öffnen ließ. Anschließend fuhren die Truppen zu einem Hügel am nordwestlichen Rand, wo sie auf eine große Zahl von Terroristen trafen und mit diesen in einen Kampf verwickelt wurden.

Um 7:05 Uhr gelang es den ersten Hamas-Terroristen, von einem Bereich südlich des Hintereingangs der Gemeinde aus in Nachal ʿOz einzudringen. Der Leiter des örtlichen Sicherheitsteams von Nachal ʿOz, Ilan Fiorentino, identifizierte die Terroristen am Hintereingang, die in Richtung des Viertels „New Fields“ unterwegs waren und übermittelte den Standort an die elf Angehörigen der paramilitärischen Polizeieinheit JAMAS, die sich als Teil der Vorbereitungen für die wöchentlichen gewalttätigen Proteste an der Grenze zu Gaza in den Kibbuz begeben hatten. Da sich aufgrund des Stromausfalls auch die Waffenkammer des örtlichen Sicherheitsteams nicht öffnen ließ, unterließ Fiorentino eine Verständigung seiner Truppe. Nur Fiorentino und der stellvertretende Leiter des Sicherheitsteams hatten ihre Sturmgewehre zu Hause. Um 7:15 Uhr gelang es den Terroristen, in das Viertel einzudringen, worauf es zum Kampf mit den JAMAS-Beamten kam. Im Laufe des Gefechts wurden Fiorentino und der Kommandant des JAMAS-Teams, Shlomo Krasniansky, getötet und mehrere andere Mitglieder der Polizei verwundet, sowie eine Bewohnerin in ihrem Schutzraum ermordet. In den folgenden drei Stunden kämpften die verbliebenen JAMAS-Mitglieder und der stellvertretende Leiter des örtlichen Sicherheitsteams weiter gegen die Terroristen in verschiedenen Gebieten der Siedlung. Dem IDF-Untersuchungsbericht zufolge war es dem örtlichen Sicherheitsteam und den Polizisten zu diesem Zeitpunkt bereits gelungen, den größten Teil der ersten Angriffswelle abzuwehren.

Gegen 10 Uhr drang eine zweite Welle von Hamas-Terroristen in Nachal ʿOz ein und verübte in den folgenden Stunden Morde und Entführungen. Um 10:15 Uhr ermordeten sie zwei ältere Bewohner in ihrem Haus, einen Ausländer im Wohngebiet der Arbeiter und einen weiteren Ausländer in der Nähe des Kuhstalls. Um 10:37 Uhr erreichten die Terroristen das Viertel „Keshet“, drangen in das Haus der Familie Zohar ein, verließen es zwar wieder, kehrten jedoch später in das Haus zurück und ermordeten mehrere Familienmitglieder, darunter den Vater Yaniv, ein ehemaliger AP-Journalist, die Mutter Yasmin und die Töchter Keshet und Tehelet, die in einem gesicherten Raum Zuflucht gesucht hatten. Ihr Sohn Ariel war in einem anderen Haus untergebracht und überlebte. Bis etwa 13:30 Uhr gingen Terroristen zwischen anderen Häusern in der Nachbarschaft umher, ermordeten sechs Bewohner und entführten sieben weitere in den Gazastreifen, wobei sie ihre Aktionen live in den sozialen Medien ihrer Opfer mit den von ihnen gestohlenen Mobiltelefonen übertrugen. Der 85-jährige Shlomo Ron, einer der Mitbegründer des Kibbuz, wurde in seinem Haus erschossen, nachdem er zuvor seine Frau, die beiden Töchter und seinen Enkel im Schutzraum des Hauses versteckt hatte. Diese blieben unentdeckt und wurden nach mehreren Stunden von den IDF befreit. In einem Haus nahmen Terroristen Noam Elyakim, seine Partnerin Dikla Arava und die drei minderjährigen Kinder als Geiseln, wobei sie die Vorgänge per Facebook-Livestream übertrugen. Während Elyakim ins Bein geschossen wurde, zwangen die Terroristen den 17-jährigen Sohn Tomer Eliaz, durch die Nachbarschaft zu gehen und andere aufzufordern, ihre Häuser zu verlassen. Laut ersten Mitteilungen wurden Elyakim, Arava und Eliaz später ermordet und die beiden Töchter als Geiseln in den Gazastreifen entführt. Erst der im März 2025 veröffentlichte Untersuchungsbericht ergab, dass Eliaz den Terroristen entkommen und sich verstecken konnte, ehe er im Zuge der Rückeroberung des Kibbuz von israelischen Soldaten aufgrund einer falschen Identifizierung getötet wurde. Dikla Arava starb laut Ermittlungen in einem Fahrzeug der Terroristen, mit welchem diese vier Geiseln in den Gazastreifen transportieren wollten, durch den Beschuss israelischer Streitkräfte. Laut IDF wurde auch Noam Elyakim noch am 7. Oktober 2023 getötet und seine Leiche erst am 17. Oktober gefunden. Die Untersuchung der IDF lieferte keine näheren Angaben zu den Umständen seines Todes.

Zwischenzeitlich versuchte ein Trupp der Kommandoeinheit Maglan auf der Straße nach Nachal ʿOz zu gelangen, geriet jedoch um 12:05 Uhr in einen Hinterhalt von etwa zehn Terroristen. Im Zuge des folgenden Gefechts wurden drei der Soldaten getötet, darunter der stellvertretende Kommandeur von Maglan, Major Chen Bochris. Um 13:15 Uhr trafen weitere Maglan-Truppen mit Mitgliedern der Aufklärungseinheit der Givʿati-Brigade außerhalb von Nachal ʿOz ein und teilten die Siedlung in Sektoren auf, um die Kämpfe besser koordinieren zu können. Ab 13:45 Uhr begannen die Truppen mit der Durchsuchung und Rückeroberung des Kibbuz, wobei es zu Kampfhandlungen kam. Um 17:30 Uhr war der Kibbuz unter Kontrolle und der damalige Kommandeur der 98. Division, Generalmajor Dan Goldfus, traf in Nachal ʿOz ein und wies die Truppen an, mit der Evakuierung der Zivilisten zu beginnen, welche am Morgen des 8. Oktober abgeschlossen war.

Laut dem IDF-Bericht waren über 180 Terroristen in den Kibbuz eingedrungen, von denen rund 80 getötet worden waren. In Nachal ʿOz wurden 13 Einwohner, darunter zwei Mitglieder des örtlichen Sicherheitsteams und zwei Ausländer, sowie vier Sicherheitskräfte getötet und acht Zivilisten als Geiseln genommen, von denen später zwei für tot erklärt wurden. Viele Häuser wurden bei den Kämpfen beschädigt oder zerstört, ebenso die landwirtschaftlichen Felder des Kibbuz.

Angriff auf den IDF-Posten Zum Zeitpunkt des Hamas-Angriffs befanden sich 162 israelische Soldaten auf dem Stützpunkt, von denen jedoch nur 90 bewaffnet waren; 81 davon gehörten zur kämpfenden Truppe. Aufgrund seiner Nähe zu Gaza von nur rund 850 Metern diente der Stützpunkt auch als Kommandozentrale für die 414. Combat Intelligence Collection Unit des Grenzschutzkorps der Gaza-Division, deren als Tatzpitaniyot bezeichnete Beobachterinnen Überwachungskameras mit Blick auf den Gazastreifen bedienten und daher auch als „die Augen des Militärs“ galten. Spätere Berichte und Aussagen von Überlebenden und Angehörigen, die Überwachungssoldatinnen der Einheit hätten in den Tagen vor dem 7. Oktober täglich ungewöhnliche Aktivitäten der Hamas wie Truppenaufmärsche, Aufklärungsaktivität und gehäufte Übungen aus Gaza gemeldet, welche von übergeordneten Stellen ignoriert worden seien, sorgten für Kritik an Israels Armeeführung.

Laut einer im März 2025 veröffentlichten IDF-Untersuchung galt der Stützpunkt Nachal ʿOz als die am stärksten betroffene israelische Einrichtung und der darum geführte Kampf gleichzeitig als die am besten dokumentierte Schlacht während des Angriffs der Hamas, da er auf einem videoüberwachten Militärgelände stattfand und zahlreiche Kameras die Ereignisse aus mehreren Winkeln aufnehmen konnten. Laut dem Bericht gab es für den Stützpunkt im Vorfeld des Angriffs kein Einsatzprotokoll für den Fall eines groß angelegten Bodenangriffs unter Raketenbeschuss und auch keinen Einsatzplan, wie sich die unbewaffneten Soldaten in einem solchen Fall zu verhalten hätten oder diese zu schützen wären. In den vergangenen Jahren waren auch keine Übungen durchgeführt worden, bei denen ein Bodenangriff oder eine Infiltration des Stützpunktes simuliert worden wären. Anders als die Grenzposten war die Basis auch nicht für die Verteidigung gegen Bodenangriffe gebaut; die Umfassungsmauer wies Lücken und Löcher auf, und die Unterstände sowie der Kontrollraum, von dem aus die Überwachungssoldaten operierten, waren so konstruiert, dass sie Raketenbeschuss standhalten konnten, nicht jedoch einem Bodenangriff.

Laut der Untersuchung hatte die Hamas im Laufe der Jahre mithilfe von Drohnen, Social-Media-Posts von Soldaten und Veröffentlichungen der IDF in den Nachrichten Informationen über die Basis gesammelt. Ein von den IDF Anfang 2023 in Gaza gefundenes Dokument mit Informationen der Hamas über die Basis Nachal ʿOz zeigte einen hohen Detaillierungsgrad. Die Hamas wusste, wie viele Soldaten normalerweise in der Basis stationiert waren und dass es an Wochenenden nur die Hälfte sein würden. Aus dem Dokument ging auch hervor, wann der beste Zeitpunkt für einen Angriff war, wie lange es dauern würde, bis die israelische Armee Verstärkung schickte und auch welche Routen dafür benutzt wurden. Das Dokument beschrieb detailliert den genauen Grundriss der Basis, einschließlich der Luftschutzanlagen, Unterkünfte, Generatorräume, Kommunikationsantennen, Überwachungskameras und des Kontrollraumes. Die Hamas wusste offenbar auch, wo die Kommandeure schliefen, wie wirksam die Bunkeranlagen gegen Raketenbeschuss waren, wie viele Soldaten bewaffnet waren und auch welche Waffen verwendet wurden.

Am 7. Oktober, gegen 5:30 Uhr wurde eine Routinepatrouille im Bereich des Grenzzaunes bei Nachal ʿOz angewiesen, sich der Grenze nicht zu nähern, nachdem die Kommandeure der Basis auf verdächtige Vorgänge über Nacht aufmerksam geworden waren, welche laut ihrer Interpretation auf einen Angriff mit Panzerabwehrraketen hindeuten könnten. Zudem hatte es gegen 4 Uhr Bewegungsalarm an der Grenzbarriere gegeben, wobei jedoch keine bedeutenden Wahrnehmungen gemacht werden konnten. Ebenfalls um 5:30 Uhr führten die Schichtbeamten auf dem Stützpunkt eine Routineprüfung der Funksysteme durch.