Ich zähmte die Wölfin: Die Erinnerungen des Kaisers Hadrian ist ein 1951 erschienener historischer Roman der belgisch-französischen Schriftstellerin Marguerite Yourcenar (Originaltitel: Mémoires d’Hadrien). Das Buch hat die Form eines in sechs Abschnitte gegliederten langen Briefes, in dem der seinen Tod erwartende römische Kaiser Hadrian seinem Adoptiv-Enkel und designierten Zweitnachfolger Mark Aurel seine Erfahrungen, Ansichten und Befindlichkeiten sowie eine Bilanz seines Lebens, Strebens und Wirkens aus privat-persönlicher Sicht vorlegt. Die nicht überlieferten Empfindungen aus Hadrians Innenleben und seine Eindrücke vom Zeitgeschehen schöpfte Yourcenar aus der Einfühlung in die Lebenslagen und imaginierten Reflexionen des Kaisers.
Das in Rezensionen gefeierte, in zahlreiche Sprachen übersetzte und von Literaten wie Thomas Mann oder William Styron hoch geschätzte Werk begründete Yourcenars internationale Bekanntheit und ihren Ruf als bedeutende französische Schriftstellerin und Stilistin. Mit ihren, späteren Ausgaben im Anhang beigegebenen, Notizen und Anmerkungen zur Entstehung des Buches beeinflusste Yourcenar auch die Rezeption und Werkinterpretation ihrer Hadrian-Memoiren. Auf Deutsch erschien das Werk erstmals 1953.
Entstehungszusammenhänge
Die Idee zu einer Auseinandersetzung mit der Lebenswelt des Kaisers Hadrian war der zwanzigjährigen Yourcenar bereits 1924 beim Erstbesuch in der Villa Adriana gekommen. Bis 1929 unternahm sie dazu mehrere schriftstellerische Anläufe, unter anderem eine Dialogfassung. Sie fand aber weder einen Verlag dafür, noch genügten diese Arbeiten ihren eigenen Ansprüchen.Savigneau 1993, S. 94 und 234. In Yourcenars Notizen hieß es später: „Die Manuskripte habe ich allesamt vernichtet, und sie waren es wert, vernichtet zu werden.“ (Yourcenar, Hadrian-Memoiren, 19. Aufl. 1999, S. 283) Im Rückblick notierte Yourcenar: „Auf jeden Fall war ich zu jung. Es gibt Bücher, an die man sich erst heranwagen darf, wenn man die Vierzig überschritten hat. Vorher läuft man Gefahr die großen natürlichen Grenzen zu übersehen, die von Mensch zu Mensch, von Jahrhundert zu Jahrhundert durch die unendliche Vielfalt der Wesen gehen […] Ich brauchte diese Jahre, um die Entfernung zwischen dem Kaiser und mir richtig einschätzen zu lernen.“Yourcenar, Hadrian-Memoiren, 19. Aufl. 1999, S. 285; zitiert nach Gronau 1992, S. 118.
Anlass der Wiederaufnahme des Hadrian-Projekts war ein knapp fünfseitiger Manuskriptfund beim Auspacken eines Koffers, den Yourcenar 1939 nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in einem Schweizer Hotel hinterlassen hatte und der ihr zur Jahreswende 1948/49 in die USA nachgesendet worden war. Nachdem sie die dem Manuskript vorangestellte Anrede „Mein lieber Marcus…“ schließlich mit Kaiser Mark Aurel verbunden hatte, war auch der Bezug zu ihren früheren Vorarbeiten zu Hadrian klar. Damit war der Anstoß zu einer völligen Neufassung gegeben. Aus dem vorgefundenen Manuskript blieb nur ein einziger Satz erhalten: „Ich gewahre allmählich die Konturen meines Todes.“Savigneau 1993, S. 237.
Was Yourcenar schon in jungen Jahren an dem Zeithorizont interessiert hatte, in dem sich Kaiser Hadrian bewegte, erläuterte sie in den Notizen zur Entstehung des Buches mit einem Rückgriff auf eine Bemerkung Flauberts:Gustave Flaubert, Correspondance, tome 3, Gallimard, Pléiade, p. 191. „Als es die Götter nicht mehr gab und Christus noch nicht, war zwischen Cicero und Marc Aurel ein einmaliger Augenblick entstanden, in dem der Mensch für sich existierte.“ An anderer Stelle ergänzte sie: „Dieses 2. Jahrhundert reizt mich, weil es für eine sehr lange Zeit jenes der letzten freien Menschen war.“Yourcenar, Hadrian-Memoiren, 19. Aufl. 1999, S. 283 und 301. (« Les dieux n’étant plus et le Christ n’étant pas encore, il y a eu, de Cicéron à Marc Aurèle, un moment unique où l’homme seul a été. » (zitiert nach Brochard/Pinon 2014, Kap. III, 10)) Hadrians persönliches Glück oder Missgeschick wiederum wären Yourcenar nach eigenem Bekunden weniger wichtig gewesen, wenn er „der Welt nicht den Frieden erhalten und die Wirtschaft des Landes belebt“ hätte.Yourcenar, Hadrian-Memoiren, 19. Aufl. 1999, S. 294.
Yourcenars Bild von Hadrian
In Gesprächen, die Yourcenar mit dem Literaturkritiker und Schriftsteller Matthieu Galey 1979 führte und die dieser anschließend unter dem Titel Les yeux ouverts publizierte, skizzierte sie unter anderem das Bild, das sie sich aufgrund ihres Quellenstudiums und eigener Reflexionen von Kaiser Hadrian gemacht hatte.Marguerite Yourcenar: Les yeux ouverts. Entretiens avec Matthieu Galey. Éditions du Centurion, Paris 1980, S. 138–158.
Yourcenar betrachtet Hadrian nicht als einen Menschen, der von Anbeginn begünstigt gewesen sei. Vielmehr sei er recht langsam auf seinen Weg gelangt. Im Alter von 15 bis 40 Jahren habe er allmählich alle Stationen der militärischen und zivilen Laufbahn passiert. Vorsichtig und gut beraten habe er Domitians autokratische Herrschaft unbeteiligt abgewartet und unter dessen Nachfolgern 15 Jahre in kriegerischen Feldzügen verbracht, bevor er, selbst zur Herrschaft gelangt, den Krieg gegen die Parther beendet und Frieden für das Römische Reich hergestellt habe. Er habe es samt Provinzen mit seltener Intelligenz und Geschicklichkeit erneuert und reformiert, habe die Wirtschaft vorangebracht und das Los der Sklaven erleichtert. Seine Gesetzgebung sei von den Ideen der griechischen Philosophen inspiriert gewesen, ohne dass er bei der Vermittlung griechischer Denkart und Kultur, die der griechischen Kunst neuerliche Entfaltungsmöglichkeiten verschafft habe, Zwang angewendet hätte.Yourcenar: Les yeux ouverts. S. 151.
Hadrian war in Yourcenars Augen auf besondere Weise hellsichtig („lucide“) und von großer Offenheit gegenüber fremden Welten, wie er sie bei den sogenannten Barbaren antraf, ohne dabei die Vorzüge der eigenen römischen außer Acht zu lassen. Für sie war Hadrian ein bedeutender Staatsmann und Kaiser von großer Bildung und Belesenheit.Yourcenar: Les yeux ouverts. S. 152 f.
Darstellungskonzept und Gestaltungsmerkmale
In den nachgereichten Notizen zur Werkentstehung erläuterte Yourcenar ihre Absicht, ein bekanntes, abgeschlossenes und historisch in den Grenzen des Möglichen gesichertes Menschenleben so zu betrachten, „daß mit einem Schlag sein ganzer Bogen erfaßt wird.“ Das Persönlichkeitsbild eines Menschen ergebe sich aus drei kurvenreichen, „sich ins Unendliche verlängernden Linien, die ständig aufeinander zu und voneinander wegstreben: Der Mensch was er zu sein vermeinte, was er sein wollte und was er war.“ Der eigenen Zeitgebundenheit der Rekonstruktion, die jeder auf seine Weise zu bewerkstelligen habe, trug sie Rechnung. Doch sei es schon viel, dafür nur authentische Bruchstücke verwendet zu haben.Yourcenar, Erinnerungen des Kaisers Hadrian, 19. Aufl. 1999, S. 284 und 301. Ihr ging es bei Hadrian darum, von innen her nachzuschaffen, was die Archäologen des 19. Jahrhunderts für die Außenwelt geleistet hatten.Yourcenar, Erinnerungen des Kaisers Hadrian, 19. Aufl. 1999, S. 288. Zentraler Reflexionsort der Hadrian-Memoiren war die Villa Adriana, die sich für Yourcenar als ein ihr bekanntes Areal besonders dazu eignen mochte, den eigenen zeitlichen Abstand zu Hadrian kürzer zu empfinden und von dort aus die verschiedenen Erinnerungsbilder zu entwickeln.Brochard/Pinon 2014, Kap. III, 30.
Das historisch gesicherte Material stellte sich Yourcenar nicht sehr reichhaltig dar: Stationen der Laufbahn, Angaben zu diversen Aufenthalts- und Einsatzorten sowie die Reihe der Titel und Würden. Bekannt seien einige seiner Freunde, sein Unterstützer-Umfeld in Rom, einige Lebensumstände. Sie habe das alles zusammenzusetzen versucht, verbunden mit einer Wiederbelebung der Quellen mittels eigener Vorstellungskraft, ohne die jedes Dokument aus ihrer Sicht tot wäre.Yourcenar: Les yeux ouverts. S. 146; Brochard/Pinon 2014, Kap. IV, 49. Für die durchgängige Ich-Form der Darstellung entschied sich Yourcenar nach eigenem Bekunden, „um möglichst jeglichen Vermittler auszuschalten, auch mich selbst. Hadrian war in der Lage, sicherer und scharfsinniger über sein Leben zu berichten als ich.“Yourcenar, Erinnerungen des Kaisers Hadrian, 19. Aufl. 1999, S. 290; Brochard/Pinon 2014, Kap. IV, 70. Mitunter, wenn auch selten, habe ihr die Einfühlung vermittelt, dass der Kaiser log. „Ich ließ ihn dann lügen wie jedermann.“Yourcenar, Erinnerungen des Kaisers Hadrian, 19. Aufl. 1999, S. 300.
Andererseits war sich Yourcenar der Vergeblichkeit jeglicher autobiographischen Rekonstruktion bewusst, so Brochard und Pinon, indem sie anmerkte, dass alles uns entgleitet, „alle und wir selbst“. Hätte sie ihr eigenes Dasein zu beschreiben, müsste dies gleichsam von außen her geschehen, wäre sie etwa auf Briefe und Erinnerungen anderer angewiesen. Vom flüchtigen eigenen Gedankenstrom bleibe „selten mehr als ein Mauerrest, ein Nebelfetzen.“ Darum suchte sie es so einzurichten, dass die Hadrian betreffenden Lücken in ihrem Text „übereinstimmen mit dessen eigenen möglichen Gedächtnislücken.“Brochard/Pinon 2014 Kap. IV, 40. („S’arranger pour que les lacunes de nos textes, en ce qui concerne la vie d’Hadrien, coïncident avec ce qu’eussent été ses propres oublis.“) Yourcenar, Erinnerungen des Kaisers Hadrian, 19. Aufl. 1999, S. 291.
Für die Entfaltung von Hadrians fingiertem Lebensrückblick in Briefform entschied sich Yourcenar nach eigenen Aussagen, weil sich andere Möglichkeiten wie Tagebuchaufzeichnungen oder Dialogisierung aus ihrer Sicht im historischen Kontext verboten: Intime Tagebücher neuzeitlicher Art seien bei den Römern nicht vorgekommen; und über die Art, wie sie miteinander sprachen, sei zu wenig bekannt. Deshalb habe sich die Briefform angeboten, wie sie beispielsweise auch in Abhandlungen Senecas zu finden sei. Ein entsprechend gestalteter Monolog sei ihr schließlich als geeignete Möglichkeit verblieben.Yourcenar: Les yeux ouverts. S. 140 f.; Brochard/Pinon 2014, Kap. III, 106.
Der Briefcharakter des Textes kommt gleich eingangs in der Anrede Mark Aurels zum Ausdruck wie auch bei weiteren insgesamt 18 Direktansprachen des Adressaten. Angesichts des Gesamtumfangs der Ausführungen sind die zu Mark Aurel hergestellten Bezüge jedoch eher spärlich, wie Cécile Brochard und Esther Pinon in ihrem Kommentar zu den Hadrian-Memoiren anmerken. Mitunter tendiere man als Leser dazu, den brieflichen Rahmen zu vergessen, zumal gelegentlich Hadrians eigene Seele oder der verstorbene Antinoos direkt angesprochen werden. Dergestalt wandle sich der Brief teils zum Monolog oder zum inneren Dialog mit der Seele und wende sich dann von den Zeitumständen ab und hin zu einer Form von Universalität.Brochard/Pinon 2014, Kap. II, 59 und 68.
Inhalte
Yourcenar hat ihr Werk zu den Erinnerungen Hadrians in sechs Teile gegliedert, die jeweils mit einer auf den Kaiser und seine Lebenswelt bezogenen lateinischen Überschrift versehen sind. Die vier großen, auf Leben und Wirken Hadrians gerichteten Memoiren-Kapitel sind von zwei kürzeren Abschnitten eingerahmt, in denen der Kaiser seine altersbedingt zunehmenden gesundheitlichen Beschwerden und Einschränkungen reflektiert und über das bevorstehende eigene Ende nachdenkt. Das erste Kapitel ist Animula vagula blandula überschrieben („Seele du, schweifende, zärtliche“) und bezieht sich auf ein überliefertes Gedicht Hadrians, dessen besagter Auftakt in drei Worten über der Grabkammer in dem für ihn erbauten Mausoleum stand.Eine Teilwiedergabe des Gedichts hat Yourcenar dem Memoiren-Werk vorangestellt. Die deutsche Übertragung lautet: „Seele du, schweifende, zärtliche, / Leibes Gefährtin und Gast, / Nun führt ins düstere Reich / Fröstelnder Schatten dein Weg, / Und nie scherzest du fürder wie einst…“ (Yourcenar, Erinnerungen des Kaisers Hadrian, 19. Aufl. 1999, S. 5.)