mini|Mandi Safar im Dorf Air Hitam Laut in der indonesischen Provinz Jambi. Männer bringen mit Koranversen beschriebene Mangoblätter zum Strand. Mandi Safar („Safar-Bad“) ist eine malaiische Badezeremonie, die am letzten Mittwoch des zweiten islamischen Monats Safar abgehalten wird, um Unheil abzuwenden. Am Morgen des betreffenden Tages baden die Menschen am Strand oder trinken Wasser, dem man eine segenbringende Wirkung zuschreibt. Dieses Wasser wird in der Weise hergestellt, dass man bestimmte Koranverse auf Papier oder eine kleine Tafel schreibt und die Schrift hinterher mit dem Wasser abwäscht. Dieses Wasser wird dann als Safar-Wasser (air safar) bezeichnet.Muhammad Mushfique Bin Ahmad Ayoup: Irsyad Al-Hadith Siri ke-210: Amalan Mandi Safar Büro des Mufti der Bundesterritoriumsabteilung des malaysischen Premierministers 16. August 2017. Der Brauch, der in manchen Gegenden den Charakter eines Volksfestes hat, ist auf der malaiischen Halbinsel, in Singapur sowie in der Provinz Jambi und auf den Riau-Inseln in Indonesien verbreitet. In Malaysia und Singapur wurde er allerdings 1963 zu einer unerlaubten Neuerung erklärt. Am letzten Mittwoch des Monats Safar wurden bzw. werden in anderen Regionen der islamischen Welt ähnliche Feste gefeiert.

Beschreibungen des Festes Von der malaiischen Halbinsel mini|Der Strand von Tanjung Kling heute Auf der malaiischen Halbinsel wurde Mandi Safar in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und darüber hinaus in vielen Gebieten begangen, darunter in Penang und Bagan Luar in Seberang Perai,Notiz von A.W.S. O’Sullivan in Christiaan Snouck Hurgronje: The Achehnese. Translated by A.W.S. O’Sullivan. Brill, Leiden 1906. S. 207. im Bundesstaat Selangor, und Port Dickson im Bundesstaat Negeri Sembilan, doch wurde es mit besonderem Eifer und Aufwand in Tanjung Kling nördlich von MalakkaSingaravelu: “The Malay-Tamil Cultural Contacts with Special Reference to the Festival of ‘Mandi Safar.’” 1986, S. 70. und auf der Insel Pulau Besar südlich dieser Stadt gefeiert. Tanjung Kling war auch im ganzen Land für dieses Fest bekannt. Menschen kamen zu Tausenden aus Hunderten von Kilometern Entfernung, um alte Freunde zu treffen und an den fröhlichen Bräuchen teilzunehmen.

mini|links|Rechts ein typischer malaiischer Ochsenkarren, wie er für die Fahrt zum Mandi-Safar-Fest in Tanjung Kling benutzt wurde. Nationalmuseum Kuala Lumpur Nach Beschreibungen des Festes in Tanjung Kling aus den 1940er bis 1960er Jahren reisten die Menschen für das Fest schon am Vortag in Gruppen mit traditionellen Malakka-Ochsenkarren, auf dem Fahrrad oder zu Fuß zu den Festplätzen an Flussufern und am Meer. Die Anreise mit den Ochsenkarren war dabei selbst schon ein Ereignis, weil diese sich durch eine besondere Farbenfrohheit und durch spezielle sattelgewölbte Dächer aus strohgedeckten Palmen auszeichneten.Paul : “Mandi Safar in Malaysia”. 1964, S. 27. Diejenigen, die auf Ochsenkarren anreisten, nahmen Proviant, Kleidung, Leinwände für Zelte und Musikinstrumente mit. Schon auf dem Weg zu den Gewässern wurde viel Musik gemacht. Die meisten erreichten ihr Ziel schon am Nachmittag des Vortags. Dort schlugen sie für die Nacht und den folgenden Tag ihre Lager am Meeres- oder Flussufer auf. An dem Strand von Tanjung Kling wurden zum Anlass des Festes auch zahlreiche Buden und Stände aufgebaut. Die Nacht verbrachten die jungen Leute mit Musik und Ronggeng- und Joget-Tänzen.Singaravelu: “The Malay-Tamil Cultural Contacts with Special Reference to the Festival of ‘Mandi Safar.’” 1986, S. 69. Bei den Joget-Tänzen begegneten sich die Paare im gemessenen Schritt mit ausgestreckten Handflächen und nach oben gerichteten Fingern in anmutigen Gesten, durften sich aber nicht berühren. Oft wurden diese Tänze von improvisierten gesungenen Pantun-Gedichten begleitet, bei denen die Männer und Frauen sich gegenseitig mit komischen Versen zu überbieten versuchten. Jede Strophe wurde dabei von einem Duett aus Trommeln und einer selbstgebauten Geige beantwortet. An manchen Orten gab es auch Kinovorführungen.Blasdell: “Safar ablutions in Malacca”. 1943, S. 140. Dort, wo vielen Menschen zusammenkamen, drehten Straßenhändler die Runde und boten Eiswasser, Obst, Kuchen, Saté und Currys an. Die Menschen legten sich, wenn überhaupt, erst am frühen Morgen schlafen.Paul : “Mandi Safar in Malaysia”. 1964, S. 28.

Der Tag des eigentlichen Festes begann nach der Beschreibung von Mrinal Paul damit, dass die älteren Frauen, während die jüngere Generation am Strand spielte und die Straßenhändler ihre Stände aufbauten, sich in aller Stille auf das Reinigungsbad vorbereiteten und sich in schlicht gemusterten Sarongs und Kebayas ihren Weg durch die Menge ins lauwarme Wasser bahnten.Paul: “Mandi Safar in Malaysia”. 1964, S. 28f. Nach anderen Beschreibungen nahmen auch die jungen Männer und Frauen selbst an dem zeremoniellen Bad im Wasser eines Flusses oder Meeres teil. Ältere Leute tauchten außerdem ein Blatt Papier ins Wasser, auf das ein spezielles Gebet geschrieben war, bevor sie sich selbst ins Wasser begaben und davon tranken, in dem Glauben, dass dies eine segenbringende Wirkung hat. Diejenigen, die sich nicht selbst an ein Gewässer begeben konnten, sollten bei dem Fest wenigstens etwas davon trinken. Dem Wasser wurde dabei eine läuternde und glückbringende Wirkung zugeschrieben.Singaravelu: “The Malay-Tamil Cultural Contacts with Special Reference to the Festival of ‘Mandi Safar.’” 1986, S. 69–70. Am Nachmittag des Festtages packten die Menschen ihre Habseligkeiten wieder in die Ochsenkarren und reisten ab. Manche brauchten für die Rückreise zu ihren Heimatorten zwei Nächte.

Nach Mrinal Paul waren die Ochsenkarren eine Besonderheit des Festes in Tanjung Kling. Zu den anderen Badeorten weiter nördlich, Port Dickson, Morib und Bagan Luar in Penang, reisten die Menschen in den 1960er Jahren mit Autos und Bussen an, und die traditionelle Volksmusik war bereits tragbaren Grammophonen und Transistorradios gewichen.

Nach Singaravelu war Mandi Safar vor allem ein Fest für junge Männer und Frauen, wobei die Frauen üblicherweise unter der wachsamen Aufsicht älterer Frauen standen.Singaravelu: “The Malay-Tamil Cultural Contacts with Special Reference to the Festival of ‘Mandi Safar.’” 1986, S. 69. Für malaiische Frauen und Mädchen gab es zu keiner Zeit im Jahr so viel Freiheit zum Feiern wie bei Mandi Safar. Während sie sonst in Abgeschiedenheit gehalten wurden, hatten sie bei Mandi Safar die Freiheit, ihre Reize zur Schau zu stellen, zu sehen und gesehen zu werden. Das Fest diente häufig auch der Eheanbahnung junger Männer und Frauen. Nach Pendeta Za'ba hatten die traditionellen Heiratsvermittler kurz nach dem Fest üblicherweise viel damit zu tun, mit den Eltern der Interessenten Heiratsanträge vorzubereiten.Bin Ahmad: Malay festivals and some aspects of Malay religious life: (3) Mandi Safar. 1949, S. 103f.

Aus Singapur mini|Khatijun Nissa Siraj Über die Art, wie das Fest bis in die 1960er Jahre in Singapur gefeiert wurde, gibt ein Interview Aufschluss, das das National-Archiv von Singapur im Rahmen seines Oral-History-Projekts 1996 mit der indischstämmigen muslimischen Frauenrechtlerin Khatijun Nissa Siraj führte. Sie erzählt darin, dass ihre Familie, die sehr wohlhabend war, ein Haus am Meer hatte, und sich zum Mandi-Safar-Fest zahlreiche Freundinnen und Verwandte dort einzufinden pflegten, um ein Bad zu nehmen und zu schwimmen. Es herrschte dabei eine sehr ausgelassene Atmosphäre. Einige Freundinnen und Verwandte blieben mehrere Tage. Die Frauen nähten sich für diesen Anlass Faschingskostüme. An dem Fest nahmen nur Frauen und Kinder teil, während die Männer arbeiteten.Transkript 26 des Interviews mit Khatijun Nissa Siraj vom 5. September 1996, Oral History Project, Women through the Years: Economic & Family Lives, Accession Number 001663, National Archives of Singapore. S. 408–410. Digitalisat

Die Kinder trugen Badeanzüge, die Frauen und älteren Mädchen Sarong und Kebaya. Damit gingen sie auch ins Wasser, weil es ein öffentlicher Strand war und sie als Muslime keine Schwimmanzüge tragen durften. Der Strand war zu dieser Zeit gut besucht. Andere Familien, die kein Haus am Meer hatten, kamen mit ihren Autos und parkten am Meer. Sie brachten ihr Essen mit, hielten Picknicks ab und machten Musik, mit Kendang, Mandoline oder Radio. Überall in Singapur begaben sich die Menschen ans Meer, um Unheil abzuwenden (buang sial). Aufgrund der Kritik der muslimischen Religionsgelehrten, die das Fest als Hindu-Brauch einordneten und für harām erklärten, bekamen die Menschen jedoch Angst und feierten es ab den 1970er Jahren nicht mehr.Transkript 27 des Interviews mit Khatijun Nissa Siraj vom 5. September 1996, Oral History Project, Women through the Years: Economic & Family Lives, Accession Number 001663, National Archives of Singapore. S. 412–414. Digitalisat

Aus der indonesischen Provinz Jambi Die Art, wie das Fest heute in der indonesischen Provinz Jambi gefeiert wird, wird in einer Broschüre des indonesischen Erziehungs- und Kultusministeriums von 2016 für Grundschüler anhand des Beispiels des Dorfes Air Hitam Laut beschrieben. Eine Besonderheit ist hier, dass das Fest nicht am letzten Mittwoch, sondern in der dritten Woche des Monats Safar stattfindet.Rassuh: Kemeriahan Mandi Safar. 2016, S. 13. Die Vorbereitung für das Fest findet im Hof eines Pesantren statt, wobei Santri-Schüler der Schule selbst mithelfen, indem sie Eierdekorationen und Papierblumen herstellen und Bilder malen.Rassuh: Kemeriahan Mandi Safar. 2016, S. 10. Die Eier werden bemalt und auf feine Bambusstäbe gesteckt.Rassuh: Kemeriahan Mandi Safar. 2016, S. 15–17. Unterdessen werden am Strand Sonnensegel und Banner aufgestellt.Rassuh: Kemeriahan Mandi Safar. 2016, S. 18.

mini|Mangoblätter, wie sie beim Mandi-Safar-Fest in Jambi verwendet werden. Zu den Vorbereitungen gehört auch, dass Kiais, also islamische Geistliche, sieben spezielle Koranverse auf Mangoblätter schreiben.Rassuh: Kemeriahan Mandi Safar. 2016, S. 11. Es handelt sich dabei um diejenigen sieben, in denen das Wort Salām vorkommt, nämlich Sure 36:58, Sure 37:79, 109, 120, 130, Sure 39:73 und Sure 97:5.Rassuh: Kemeriahan Mandi Safar. 2016, S. 37. Die mit Koranversen beschriebenen Mangoblätter sind dafür bestimmt, später in das Wasser getaucht zu werden, in dem man das rituelle Band nimmt. Menschen, die nicht schreiben können, erhalten die Blätter von einem Kiai. Den Blättern, die von einem Kiai beschrieben wurden, wird auch eine besonders große Wirkung zugeschrieben. Für das Aufschreiben der Koranverse verwendet man eine Tinte, die sich gut in Wasser löst. Die Manggoblätter werden später in weiße Tücher gewickelt, die Reinheit symbolisieren.Rassuh: Kemeriahan Mandi Safar. 2016, S. 15.